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Die Wahrheit · 1905-12-01 · Heft 46 (1.12.1905) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 46 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion u. Administration: Wien, 11/, Novaragasse 27. Airabhängige Heiifchrift für Mische Werngspuei»: Ganzjährig . . . K. in.— Telephon Nr. der Druckerei Iniereßem 15302. Für CiNtuSbraiilte: Interate 20 Hell. per Nonpareille-Zeile. Erscheint jeden Kreitag. Ganzjährig . ft. 10 - j Abonneinenlsn. JnsertionS- Für Ausländ:! betrage sind in Wien zahlbar Ganzjährig ... 8 Mark i und klagbar. Molto : „Das Siegel (Lottes ist Wahrheit!“ 6 Rubel oder lü Fcs. j ' Ar. 46. Wien. 1. Dezember 1905. Inhalt: Aus der Woche. — Lemberger Brief. — Disciti moniti. — Odessa nach den Krawallen. — Verschiedene Nachrichten. — Neue Synagogengesangswerke. — Fortbildungskurs für Kantoren in Deutschland. Ans der Woche. Das „Deutsche Volksblatt" glossierte jüngst in einem Artikel über das allgemeine Wahlrecht, dessen baldige Einführung der Ministerpräsident Freiherr von Gautsch in der Eröffnungssitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses vom 28. Novemberfeierlich verkündete, den politischen Tiefstand des Wiener Bürgertums zur Zeit der liberalen Aera und rühmte es als verdienstliche Tat der Antisemiten, die Wiener Bevölkerung politisch reif gemacht zu haben. Wenn politische Reife die Sättigung mit klerikal-reaktionären Tendenzen und Verleitung zu rüder Glaubens¬ und Rassenhetze bedeutet, dann haben allerdings die Antisemiten in Oesterreich in den letzten Jahren ein schönes Stück Arbeit geleistet. Das zeigte auch die am letzten Sonntag in der Volkshalle des Wiener Rathauses abgehaltene Protest-Versammlung gegen die von der sozialdemokratischen Partei für den Tag der Parlamentseröffnung geplante Wahlrechtsdemonstration. Nachdem Prinz Alois Liechtenstein, Dr. Lueger und die übrigen Größen der antisemitischen Partei, aus deren Munde der Ruf nach „Freiheit und Gleichheit" wie eine Satyre klang, recht wacker gegen die „jüdische" Sozialdemokratie losgezogen waren und zum Kampfe für die Freiheit des christlichen Volkes aufgefordert hatten, brach die Versammlung in die Rufe: „Nieder mit den Juden!" aus. Als ob die Juden dem christlichen Volke das allgemeine Wahlrecht aufdrüngen und ihm durch dasselbe seine Rechte verkürzen wollten. Aber die Taktik des Herrn Dr. Lueger ist für diejenigen, die nicht mit antisemitischer Blindheit geschlagen sind, nur allzu durchsichtig. Da er den Boden, auf dem er sich bisher als allmächtiger Herr fühlte, unter den ehernen Tritten der Arbeiterbataillone wanken fühlt, läßt er das Gespenst der Judengefahr erscheinen, und das hat sich bisher immer noch als wirksames Mittel bewährt, um die durch gewissenlose Hetzer irregeleitete Wiener Bevölkerung um seine Fahne zu scharen. * In der ganzen zivilisierten Welt werden die furchtbaren Judenverfolgungen gebrandmarkt und unter den hervorragenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, welche ihrem Abscheu über diese menschenschändenden Maffakres beredten Ausdruck liehen, befinden sich auch hohe Kirchenfürsten, wie die Erzbischöfe von Köln, Lemberg und Mainz. Der Erzbischof von Köln richtete ein Schreiben an das dortige Hilfskomitee, in welchem er unter anderem sagt: „Es ist tief zu beklagen, daß in einem Lande, das sich christlich nennt, solche Greuel Vorkommen können." Der Erzbischof von Bamberg erklärt in einem Briefe an das! Nürnberger Hilfskomitee: „Zu dieser öffentlichen Stellungnahme für die Familien der ermordeten und beraubten russischen Juden veranlaßt mich nicht bloß das Gefühl allgemein menschlicher und christlicher Nächstenliebe, sondern außerdem noch die Pflicht der Dankbarkeit für die tatkräftige Unterstützung, welche russische Juden den um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts um ihres Glaubens willen verfolgten katholischen Christen bei ihrem Transport nach Sibirien angedeihen ließen." Der Mainzer Erzbischof richtete an die Redaktion des „Mainzer Israelit" folgendes Schreiben: „Nachdem mehrere hoheKir che n fürsten Deutschlands bereits ihrem tiefen Bedauern über die jüngsten, gegen Ihre Glaubensgenossen in Rußland vorgekommenen Greuel und die Not der Familien der ermordeten und beraubten Juden Ausdruck gegeben, erübrigt mir nur, mich diesem Bedauern an zu sch ließen, zu dessen Ausdruck Sie in diesen Tagen einen Beitrag zu den Sammlungen des Hilfskomitees entgegennehmen wollen." Die Wiener Antisemitenorgane hüten sich, ihren christlichen Lesern derartige Aeußerungen mitzuteilen. Im Gegenteil! Sie stellten die Judenmassakres als natürliche Folge der von den Juden angezettelten Revolution hin und hatten auch die Frechheit, die von den Wiener Juden veranstaltete Trauerkundgebung als „Eine jüdische H e tz v e r s a m m l u n g" zu registrieren. * * In traurigem Kontrast zu den wahre Nächstenliebe atmenden Worten der deutsch-katholischen Kirchenfürsten steht der verhetzende Ton, der auf dem jüngst abgehaltenen österreichischen Katholikentag seitens der weltlichen und geistlichen Anhänger des Antisemitismus angestimmt wurde. Freilich stand dieser Katholikentag unter der Patronanz Dr. Luegers, der auf demselben die ..rücksichtslose Agitation" proklamierte. Ueber die diesbezügliche, von den Tagesblättern gar nicht beachtete Aeußerung Dr. Luegers wird uns von einem Mitarbeiter unseres Blattes, Herrn Dr. M. L. Stern-Triesch. geschrieben: „Die ganze Kultnrwelt, das ganze an Bildung und Aufklärung so reif gewordene Zeitgeschlecht, Alle die sich schon über jeden Glauben an Gott hoch emporgewachsen fühlen, haben es lesen können, was der Wiener Bürgermeister am österreichischen Katholikentage gesprochen hat. Ihm, dem Dr. Karl Lueger fei der ganze neuzeitliche Aufschwung der Kirche zu verdanken, welcher schon dadurch gekennzeichnet sei, daß ein Wiener Bürgermeister am Katholikentage teilnehme. Seine rückhaltslose Agitation, die er auch fortan betreiben wolle, habe dieses Wunder zustande gebracht. rrr ir m r r~ r n

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