Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 45 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Lette 10. Die Wahrheit 'Jcr. 45. denkwürdige Rede. ' Den Schluß dieser erhebenden Feier bildete der vom Oberkantor Herrn M. S ch o r r rührend vorgetragene „Dl mole rachmim". Wenn auch unser Schmerzensschrei und unser Klageruf die Hiugemordeten nicht mehr erweckt, so dürfte doch das Solidaritätsgefühl, welches unseren Stamm, mag er auch in allen Weltteilen zerstreut sein, beseelt, einen Trost firr die Hinterbliebenen bilden, daß sie das plötzliche Verlassensein nicht so hart empfinden werden. Es sei noch bemerkt, daß die Trauerversammlung über Aufforderung des Herrn Rabbiners ihren schmerzlichen Gefühlen auch in materieller Hinsicht tatkräftigen Ausdruck verlieh, indem sie in den in der Synagoge aufgelegten Sammelbögeu behufs Unterstützung der Witwen und Waisen der Ermordeten die ansehnliche Summe von L2085 zeichnete, welche der „Israelitischen Allianz" zur Verteilung übermittelt wird. Wie«. Freitag, den 17. d. M., ll28 Uhr abends, veranstaltete die bekannte Pianistin, Fräulein Paula Schallt, im Bösendorfer Saale ein außerordentlich stark besuchtes Konzert, in dem sie mit einem gutgewählten Programm Proben ihrer brillanten Technik bot. Die Konzertgeberin, wie auch Fräulein Klara Singer, Tochter des Oberkantors I. S i n g e r, die zum ersten Male vor die Oeffentlichkeit trat und mit anerkennenswerter Sicherheit und vieler Empfindung einige Lieder sang, fanden zahlreichen, verdienten Beifall. Wie«. Am 18. d. M. feierte der durch seine literarische Tätigkeit in weiteren Kreisen bekannte Herr Adolf Steinschneider mit seiner Gattin das seltene Fest der goldene» Hochzeit. Aus diesem Anlasse wurde bas Jubelpaar, das sich vollster geistiger und körperlicher Rüstigkeit erfreut, mit mannigfachen Geschenken und Gratulationen bedacht. Unter den Gratulanten seien besonders erwähnt: Rabbiner Dr. S ck> m i e d l, der das Paar vor 50 Jahren in Proßnitz getraut hatte, Sektionschef Broch, Hofburgschauspieler Konrad Löwe, ein Neffe des Jubelpaares, und Herr Fritz L ö w, Obmann des Zionistenkomitees in Mähren. Auch Bürgermeister Dr. Lueger ließ durch einen Beamten seine Glückwünsche übermitteln. Der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde nahm, was allgemein bedauert wurde, von dem Ehrentage des Jubelpaares keinerlei Notiz. Wien. Im Saale des „Hotel Fuchs" fand Dienstag, den 21. d. M., eine reich besuchte Versammlung des zionistischen Einzelvereiues „Fünfhaus" statt, in welcher der Redakteur der „Zeit", Baron Ungern- S t e rn berg, als geborener Rusieund ausgezeichneter Kenner der russischen Verhältnisse einen mit vielem Beifalle aufgenommenen Vortrag über die Juden in Rußland hielt. Der Vorsitzende Dr. S: K r e n b e r g e r dankte dem Redner für seine interesianten Ausführungen und bezeichnete als einziges Mittel zur Verbesierung der traurigen Lage der Juden in Rußland die Durchführung des zionistischen Programmes resvektive die Schaffung einer eigenen Heimstätte für die Juden. Herr Siegfried Fleischer bekannte, daß die schrecklichen Judenmassakres in Rußland auch bei ihm das nationaljüdische Bewußtsein mächtig erregt haben, jedoch werde seiner Meinung nach die russische Judenfrage nicht in Zion, sondern in Rußland selbst, in dem die jetzige Freiheitsbewegung früher oder später zum Durchbruche kommen müsse, ihre Lösung finden. Dr. Kahn und mehrere folgende Redner vertraten den zionistischen Standpunkt und ersterer sprach die Hoffnung aus, daß das Erwachen des natioualjüdischen Bewußtseins in weiteren Kreisen diese bald dem Zionismus zuführen werde. Eine von Herrn Mohr beantragte Resolution, die der Sympathie für die russischen Juden Ausdruck lieh, wurde einstimmig angenommen und hierauf eine Sammlung für die unglücklichen Opfer eingelcitet. Baden. (Trauergottesdienst.) Montag, den 20. d. M., 4 Uhr nachmittags, fand im Tempel der Kultusgemeinde Baden für die jüdischen Märtyrer in Rußland ein Trauergottesdienst statt. Zu demselben erschienen der gesamte Kultusvorstand unter Führung des Präsidenten Herrn Moriz L e i t n e r, eine große Anzahl der Mitglieder Badens und seiner Umgebung, wie sämtliche sich hier aufhaltenden russischen Glaubensgenossen. Nach Verrichtung des Minchagebetes rezitierte Oberkantor Seifert den 49. Psalm in stimmungsvoller Weise, worauf Herr Rabbiner W. Reich die Kanzel bestieg und die Trauerrede hielt, die einen tiefwirkenden Mahn- und Weckruf an die gesamte jüdische Nation bildete. Nach erfolgtem Schlußgebete trug Oberkantor Seifert auf der Stufe zum Orou- Lastockssell sitzend, einen vom Sekretär Inseld verfaßten El-molerachamim vor, bei dem kein Auge der Anwesenden thränenleer blieb. In der Mittwoch, den 22. d. M., stattfindenden Sitzung des Kultusavsschuffes wird beschlosien werden, eine Sammlung für die jüdischen Opfer in Rußland zu veranstalten. Brüuu. Jüngst wurde einer der besten der hiesigen Gemeinde zu Grabe gettagen, ein Vater der Armen, ein Wohltäter der Jugend, Alois W i t r o f s k y. An dem Leichenbegängnisie des edlen Menschen beteiligte sich fast die ganze Gemeinde, und arme Kinder weinten an seinem Grabe, damit ist zur Genüge gesagt, was die Juden Brünns an ihm verloren. Ihn konnte nur derjenige voll würdigen, der sein wahrhaft menschliches Herz kannte, das sich den Tränen nie verschloß, das gab, ohne viele Erwägungen daran zu knüpfen. So hat Witrofsky auch sein größtes Lebenswerk mit anderen vortrefflichen Männern inlunserer Gemeinde ins Leben gerufen, den „Freitisch-Verein", der nun seit acht Jahren das segensreichste Wirken in der Gemeinde Brünn entfaltet, indem er alljährlich hunderte Jünglinge der verschiedensten Anstalten, aber auch Handelspraktikanten und Lehrlinge speist. Wie wurde doch dieser Verein von jenen Allzüklugen bekämpft, die da wünschen, daß man bei der Wohltätigkeit erst den beschränkten Verstand und dann das Herz sprechen laste. Diese können eine edle Seele, wie es Witrofsky war, freilich nicht verstehen. — An seiner Bahre sprach der Rabbiner Dr. P l a t s ch e k, an seinem offenen Grabe der Rabbiner L e w y, der Kultusvorsteher Doktor Fiala, für die Bne B'rith Prokurist L. Weiß und endlich für dem „Freitisch-Verein" Dr. M. G r ü u f e l d. Mii Recht wurde hervorgehoben, welch eine Bresche, welch eine Lücke durch den Tod dieses guten Menschenin den Wohltätigkeitsvereinen der Hiesigen Gemeinde entstanden ist. Immer'mehr sinken sie ins Grab, die durch ihr Wirken zum Kiddusch Haschem hier beitrugen, das neue Geschlecht aber ersetzt nicht, was an Güte und Liebe verloren ging. Und die Lehre von der „verständigen Wohltätigkeit" ist auch nicht imstande, für die Herzenswohltätigkeit Ersatz, zu bieten. Ein Mann wahrer HerHenswohltätigkeit ist mit Aloi4 Witrofsky hingegangen — „ein Mann war er, nehmt alles nur in allem, Ihr werdet selten einen B'esseru sehn." Biala. Unter aufrichtigem Bedauern der gesamten Bevölkerunghat Herr Bürgermeister Lukas mit Rücksicht auf seine angegriffene Gesundheit auf sein Amt und seine Würde Verzicht geleistet. Mit ihm verliert die Stadt ein Oberhaupt, das mit seinem edlen Charakter und bet der Ehrlichkeit seines Strebens unersetzlich ist. Anläßlich seines Rücktrittes errichtete er eine Stiftung von 15.000 Kronen für verschämte Arme ohne Unterschied der Konfession, welche gleichfalls einen schönen Beweis seinerhohen Gesinnung gab. Der Stiftsbrief enthält unter anderem folgende Bestimmungen: Die Zinsen dieses Kapitals haben zur Unterstützung von wirklichen,, sogenannten „verschämten Armen" verwendet zu werden. Diese Beden-, kung mit einer Unterstützung hat in schonendster Form und ohne: Unterschied der Konfession n o ch Nationalität zu geschehen und haben jene Bedürftigen in erster Linie berücksichtigt zu werden, welche angestammten Bialacr Familien angehören. Um die vom mir gewünschte, Unparteilicheit in Ansehung der Konfession mit erhöhtem Nachdruck zu betonen, möchte ich besonders hervorheben, daß die Angehörigkeit zur katholischen Konfession keinesfalls zum Anlaß an sich zu irgend welcher Bevorzugung werden dürfe, ebenso wie etwaige Konfessionslosigkeit durchaus kein Grund zur Ausschließung von dieser Wohltat zn werden hat. Die einzelnen Gaben sollen, um deren Hilfswert nicht illusorisch zu machen, nicht — oder im Falle wiederholtem Gaben im Jahre, in ihrer Summe nicht unter fünfzig Kronen jährlich erteilt werden. Wo nicht die Notwendigkeit eintreten wird, diese Unterstützungen zu anderer Zeit zu erteilen, haben in der Regel an christliche Bedürftige dieselben am Weihnachtstage (Christabend), an Juden am Tage vor dem Versöhnungstage, an Konfessionslosezu, geeignetster Zeit gespendet zu werden. Der Gemeinderat beschloß einstimmig, in den nächsten Tagen eine außerordentliche Festsitzung zur besonderen Ehrung des scheidenden Bürgermeisters einzuberufen. Neupest. Für die hiesige Kultusgemeinde wurde Herr Bernhard Klement (recte B. Klein) als Oberkantor gewählt. Derselbe hat, bereits mit den Funktionen an den abgelaufenen Feiertagen vielen Beifall und Anerkennung gefunden, so daß die Wahl gesichert war. B. Klement ist geborener Ungar. Berlin. Der Petersburger Korrespondent des „Tageblatt" kann aus erster Quelle Mitteilen, daß Graf Witte den wichtigen Beschluß gefaßt hat, die Grenzen des jüdischen Ansiedlungsrayons aufzuheben. Den Juden wird freies Wohnrecht in ganz Rußland mit Ausnahme der beiden Residenzen gewährt werden. Für das Wohnen in den Residenzen wird eine besondere Erlaubnis erforderlich sein. Die Veröffentlichung dieser wichtigen Entscheidung, durch die den Millionen von armen, im Westgebiete eingepferchten Juden andere Existenzmittel geboten werden, steht in der nächsten Woche bevor. Odessa. Die größte Ueberraschung hat hier die Tatsache der Berufung eines Juden, namens A b r a h a m s o h n, zum Hauptadministrator der Eisenbahnen, an Stelle des zum Minister für Verkehrswege ernannten. N e m e s ch a j e w, hervorgerufen. Die Kölner Orgelfrage. Die Orgelfrage in Köln, die lange Zeit die jüdische Oeffentlichkeit weit über die Grenzen der Kölner Gemeinde beschäftigte,, ist nun endgültig entschieden und bei dem allgemeinen Interesse, das der Orgelfrage in der jüdischen Synagoge entgegengebracht wird, wollen wir im Nachstehenden einen diesbezüglichen Bericht aus der „Allg. Ztg. d. I." veröffentlichen: Seit Jahren tobt hier der Orgelstreit in der Repräsentantenversammlung. Die Gemeinde kümmert sich wenig mehr darum. Aber es ist wirklich unglaublich, welche Wege die orthodoxe Minderheit und ihr auswärtiger Anhang einschlagen, um die Sache bis zu den nächsten Wahlen hinzuhalten, von denen sie, sicher vergeblich, einen Umschlag der Stimmung erwarten. Inzwischen hat am 8. d. M. das nach § 83 des Gemeindestatuts zusammenberufene Schiedsgericht, welchesüber die religiöse Zulässigkeit der Orgel im Gottesdienst zu entscheiden hat, hier getagt. Von den Schiedsrichtern waren erschienen: Professor Dr. Maybaum-Berlin und Dr. Samuel-Essen. Der von der konservativen Minorität gewählte Provinzialrabbiner Dr. Cohn-Fulda hatte seine Beteiligung aus nichtigen Gründen.