Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 45 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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5eixe 8. Die Mahrhei.t Rr. 45 . , JudenstLdte: Wie lange neue „Pogromi" auf sich werdest warten lassen, wer weiß es? Tagtäglich laufen Depeschen mit Hiobspusten über Raub, Mord und Brandstiftung aus unzähligen Städten ein. Das Geben hätte mithin kein Ende und Mn würde des Gebens zu guter Letzt müde werden, weil das Geld in ein Danaidenfaß fiele . . . . Es ist meiner Anschauung nach jetzt sehr ernst daran zu denken, daß alle Wohltätigkeitsvereine der gesamten Jüdenheit, die Jca. die Bnäi-Brith, alle, alle sich züfammeuschließen,um eine plan- und zweckmäßige Emitzr a 1 i o n einzuleiteil, wie sie voriges Jahr in Frankfurt a. M. in Aussicht geuhlümen worden ist, damit die jahrein jahraus itiich Rußland fließenden Gelder nicht unnütz vergeudet, sondern produktiv verwendet werden. Wir müssen das, ach so unglückliche, zu Tode gehetzte, elende und zugleich eminent kulturfähige Ghettovolk aus den Klauen eines Ungeheuers retten, welches nur zerstören und nichts schaffen kann, welches bereits taufend Iahte lebt und bis nun noch nicht den geringsten Befähigungsnachweis geliefert hat, daß es ein Kulturstaat werden könne, vielmehr in allen annektierten Grenzländern alle Kultur mit Stumpf und Stiel ausgerottet und die Knute, nur die Knute, zur Alleinherrschaft gebracht hat. Ich glaube und hoffe, daß Unsere westlichen Glaubens- und Stammesgenosfen Herz und Verstand genüg besitzen, um die Judenfrage, diese allein in der Welt als ungelöst dastehende Judenfrage, die jetzt so brennend geworden ist, ernst und herzhaft aupacken und wenigstens dem Beginn einer Lösung entgegenführen werden.... Tie bevorstehende Arbeit wäre zwar lang und schwer; aber meiner Ueberzeugung nach, viel weniger schwer und lang, als diejenige Arbeit, die getan werden müßte, damit die Juden sich häuslich als vollberechtigte Bürger in Rußland entrichten. Am Tage der Verkündigung der bevorstehenden Konstitution hat das Gros des russischen Volkes gezeigt, was es von einer ..Volksverbrüderung" hält. Sollen denn die russischen Juden, selbst bei einer anbrechenden neuen freien Aera, die aussichtslose Mission übernehmen, den unendlich großen russischen Augiasstall von dem durch Jahrhunderte angehäuften Mist zu säubern? Welcher Herkules wäre dafür geschaffen? Die Zukunft der russischen Juden liegt meiner tiefen Ueberzeugung nach und trotz Versicherung glaubensstrenger Assimilations- und bereits. halb verrußter Juden — außerhalb Rußlands. Schon jetzt erreicht die jährliche Zahl der Auswanderer den jährlichen Zuwachs; sollte daher erstere noch größere Dimensionen annehmen, so ließe sich fast mit mathematischer Genauigkeit Jahr und Tag angeben, an welchem der letzte Jude den russischen Staub von den Schuhsohlen abwischen könnte.... Vor 25 Jahren habe ich zum erstenmale am eigenen Leibe russische Judenkrawälle durchgeköstet. Die damaligen Judenhetzen waren aber blos ein Kinderspiel, gemütliche Trunkenbolds-Exzeßchen im Vergleiche zu denjenigen, die sich jetzt abspielen; nach dieser Richtung hin haben unsere lieben Russen eine kolossale Evolution, enorme Fortschritte entfaltet. Seit 1881 habe ich mich für Judenkrawalle sozusagen „spezialisiert", das heißt meine Zeit, meine Kraft einer Sysiphusarbeit gewidmet, die darin bestand, zerstörte Existenzen wieder aufzurichten, damit sie aufs neue zerstört werden. Die Jüdenkrawalle sind zu einer force majeur geworden. Gott! es ist Zeit, höchste Zeit, daß sich die gesamte Jüdenheit endlich einmal zu einer positive n Tat äufraffe, daß wir endlich einmal beginnen, positive Werte zu schaffen, anstatt geplünderte Kaufläden neu einzurichten; daß wir endlich einsehen. wie wenig wir von den europäischen Regierungen zü hoffen haben, die seit jeher mit solch' philosophischer Ruhe und Kaltblütigkeit den Metzeleien zuschauen, welche an Jüdeü in Rußland und Rumänien verübt werden und die andererseits eine solche Hyperempfindlichkeit an den Tag legen, sobald dieselben gegen Armenier und Mazedonier von der Türkei äüsgehen..... Ach Goff!^'Wmn'''die^Züöen nür einstimmig.aÜfrlMg. ' und öpferwiltiä wMest wurden, sie könnten, es erreichen,/näß. Ms gequälte Holk auf irgend, einem freiest Böden sich menschestwürdig einrichte ünd äüflebe.... . / Zum 100. G-bürtstttg Wblti ' \ Hirsch Cjjüfes' . . Am 20. d. M. Waren 100 Jahre seit der Geburt desgroßen und scharfsinnigen Tülmüdisten Rabbi Hirsch Chajes verflossen, und wenn auch sein Name unter den Fachmännern in stetem Angedenken bleibt, so verdient es doch der festeste Mann, daß auch in weiteren Kreisen die Erinnerung an ihn wachgerufen werde. Das Zentennarium gab seinem würdigen Enkel, Dr. H. P. Chajes, Professor am Collegio Räbbinicö in Florenz Und Dozent an der Florentiner Fakultät, der sich bereits in jungen Jahren einen guten Namen in der Wiffettschaft erworben hat, den Anlaß, in der „Rivista" einen schönen Aufsatz unter dem Titel : „L,. Zebhi Chajes per i] siiö öentennario“ zu veröffentlichen. Wir entnehmen daraus folgende Daten: Rabbi Hirsch Chajes wurde zu Brody in Galizien geboren und entstammte einer alten und in der rabbinischen Literatur berühmten Familie. Sein Geburtsort, damals eine sogenannte Freistadt, war der Mittelpunkt des Handels ich Osten Oesterreichs und hatte daher viele Verbindungen mit den in der Kultur fortgeschrittenen Ländern (Deutschland. England und andere) Und das begünstigte die intellektuelle Entwicklung, seiner Bewohner (fast durchwegs Juden) vor denen der anderen Teile Galiziens. Sein Vater, Meir Chajes, ein gebildeter Mann ünd von modernem Geiste erfüllt, pflegte nach Florenz wegen seines Korallenhändels zu kommen und indem er so seinen Gesichtskreis erweiterte, gab er seinem einzigen Sohne eine güte Und vernünftige Bildung, die sich nicht bloß auf das Studium des Talmuds beschränkte. Daher kam es auch, daß, als unter Ferdinand I. eine neue Verordnung alle Oberrabbiner zu einem philosophischen Examen verpflichtete, Rabbi Hirsch Chajes (vielleicht der einzige in Galizien) sich 1846 zur Magisterprüfung stellte und sie durchweg mit vorzüglichem Erfolg ablegte, so daß. er den Titel mit Auszeichnung erhielt. Bereits im Alter vyü 22 Jahren wurde er zum Bezirksrabbiner von Zolkiew berufen und hier blieb er bis an sein vorzeitiges Ende. Nur eine kurze- Episode war sein Rabbinat in Kalisch in Rußland, das er nach zwei Jahren wieder aufgab, aber für ihn die schlimme Folge hatte, daß die Zensur dort seine ungedruckten Schriften konfiszierte — trotz aller Bemühungen von Kindern und Enkeln ist es bis zur Stunde nicht gelungen, sie freizubekommen. Im Alter von 50 Jahren starb er am Rösch Chodesch March eschw an 6616 (12. Oktober 1855) in Lemberg, wo er als elner der ersten auf dem Neuen Friedhofe seine Ruhestätte fcind. In dein genannten Aufsatz legt Dr. H- P. Chajes die weitreichenden Beziehungen, die Hirsch Chajes mit den großen Gelehrten seiner Zeit verbanden, wie Nachmann Krochmal, S. L. Rappapört, mit dem berühmten Rabbiner Moses Sosel> der ihn sehr schätzte, ferner mit den Italienern Luzzätto, Reggio und anderen, dar und zeigt durch Besprechungen seiner Schriften, worin ihr bleibender Wert bestehe. Rabbi Hirsch Chajes' Schriften zeichnen sich ebenso sehr durch große, umfassende Gelehrsamkeit wie durch scharfe Kritik und streng logische Methode aus: wie in seinen Werken, war er auch in seinem Wirken frei von Beschränktheit und Einseitigkeit. In seiner Gemeinde und weit darüber hinaus bewahrt man ihm auch heute noch ein treues, bewunderndes Angedenken. Von seinen Schriften seien hier genannt: Misped lamrurim (auf den Tod des Kaisers Franz); (1835);,Torat nebiim oder Eleh hamizwöih (1836); Jgereth Bikoreth (1840); Atereth Zebi (1840 - 41); Mebo Hatalmud (1845); Minchäth Kenäoth (1849); endlich die ßeelöth ü. teZüohöth (1850). Erwähnt zu werden verdient