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Die Wahrheit · 1905-11-24 · Heft 45 (24.11.1905) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 45 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Die Wahrheit Lette 7. Nr. 45. -gestohlenen Ringen, Armketten und Brüstnadeln... . Schwere Stüäe Tuch, Seidenstoffe, - Teppiche, .werden,auf.dem Rücken oder' auf Führen - geladen und fortgeführt in Gegenwart, mit Bewilligung und unter Beteiligung) des. Militärs und der Schutzleute. Alles stiehlt! Manchmal ist es sogar rührend zuzuschauen, wie so ein altes Mütterchen unter der Last eines schweren, .gestohlenen' Wollenstoffstückes keuchend, trippelnd davoneilt, als verrichte sie im Schweiße.ihres Angesichtes ehrwürdige Taglöhnerarbeit; öder wie so mancher halbwüchsige Bursche ein schwerbeladenes Bünde! gestohlener Sachen tragend, von Zeit ,zü Zeit' anhält, das Bündel auf den Boden setzt, um frisch Atem zu holen und sich anszupuffen. Die Dieberei ist diesen Unglückseligen so ins Blut gedrungen, daß sie eben nichts Anstößiges finden an dem Raub namentlich jüdischen Gutes ... Damit in das Straßenbild einige Abwechslung gebracht werde, betreibt ein Teil der Chuligany, zu je zwei bis drei Mann zusammengerottet, den Sport einer Judenrazzia, indem sie den Unglücklichen auflauern, sie überfallen und mit den Fäusten dermaßen bearbeiten, daß diese blutend und bewußtlos Hinstürzen, oder, indem sie die Armen mit Pflastersteinen bewerfen, sobald sie rasch vorbeifahren oder von den Droschken herabzerren, um sie halbtot zu prügeln, durch Messerstiche zu verstümmeln, oder gar bei heranbrechender Dunkelheit niederzustechen. Uebrigens wurde auf der Hauptstraße am hellen, lichten Tage einem 50 jährigen Juden der Schädel zerschmettert, und selbst den zuckenden Leichnam verhöhnten diese Kannibalen. Solcher Fälle gab es viele. — Dabei geschah es, daß auch Christen, deren Gesichter semitischen Ursprung zu verraten schienen, mißhandelt, respektive gezwungen wurden, das „Vaterunser" herunterzuleiern, um ihre rechtgläubige Christlichkeit zu dokumentieren. Und nun kommt das Unerhörteste, das Haarfträubenste, eine Schurkerei, vor welcher der raffinierteste, spanische Inquisitor .zurückgewichen sein würde. Einem jeden Rudel Wehrwölfe, Chuligany genannt, folgen Kosaken zu Roß oder Jnfanteriesoldateu, in Reih und Glied postieren sie sich vor demjenigen Hause, welches ausgeplündert werden soll, sie kehren den Strolchen den Rücken zu, damit sie ja nichts hören und sehen, und andererseits lassen sie nicht zu, daß irgend jemand aus dem Publikum diese Räuber in ihrem Handwerk störe. Sind letztere mit dem einen Hause fertig, so schreiten sie unter Militärschutz zu dem nächsten, und das Spiel beginnt von vorne... Wehe aber, wenn Juden sich zur Wehre setzen und aus den Fenstern oder Dächern auf die Strolche schießen... alsdann — o, Gott! — alsdann wenden sich die Soldaten gegen das Haus, aus welchem geschossen wurde und entladen eine Salve von Flintenkugeln. Das Haus wird mit Mann und Maus zusammengeschossen. Spuren solcher Vandalenkunststücke werden noch lange unsere Stadt zieren. Die Rechtfertigung dieses Gebahrens seitens des Militärs ist noch viel niederträchtiger, als die Tat selbst, denn die Polizei und die Militärchefs behaupten, die wehrlosen, zu Tode gehetzten Juden schößen auf das Militär und nicht auf die Strolche, was eine der infamsten Lügen ist, die ein Menschenhirn ersinnen konnte. — Dabei geschah es, daß in denjenigen Stadtteilen, wo kein Militär zur Stelle war, die Juden wacker Stand hielten, einige Chuligany niederschossen und auf diese Weise die Plündereien abwenden konnten; erschienen aber Soldaten auf dem Kampfplatze, so wars mit dem Selbstschutz zu Ende und die Räuberei vollzog sich ungestört. Aus manchen Fenstern schossen eingedrungene Spitzel, agents provocateurs, oder die Chuligany selbst, um ein Blutbad anrichten zu können. Was die tapferen russischen Krieger auf den Schlachtfeldern der Mandschurei nicht erzielen konnten, das holten sie reichlich auf den Schlachtfeldern Judaeas ein: Sieg auf Sieg, Raub auf Raub, Mord auf Mord .. . Ich will Sie mit Detailschilderungen nicht länger aufhalten, Ihnen nicht von den Schreckensszenen berichten, die in dunklen Nächten sich abspielten.die Haare müßten bei den-Einzelerzählüngen zu Berge stehen . .... Flüchtig aber muß sich noch erwähnen, daß die Hotelbesitzer von den Juden, die sich in Hotels flüchteten. doppelte, dreifache, zehnfache Preise erpreßten, daß viele russische Hausbesitzer für ein Kellerloch, welches sie den Unglücklichen als Unterschlupf zur Verfügung stellten, hunderte von Rubeln erpreßten. Es drängt mich aber. Ihnen zugleich mit freudiger Wehmut mitzuteilen, daß viele Christen, namentlich Studenten, ihr Leben aufls Spiel setzten, um die Unglücklichen zu schützen oder zu retten, daß viele Professoren, so manche Offiziere bittere Tränen der. Schande und Verzweiflung vergossen über die Verruchtheiten ihrer Glaubensgenossen, daß es so manchem von ihnen gelungen war, ganze Straßen vor diesen Räubern zu schützen, und daß sie noch jetzt alles Mögliche aufbieten, um das Los der Geängstigten und Gequälten zu lindern. Auch verhält sich die gesamte Presse mit Ausnahme der reaktionären ganz musterhaft und drückt ihre Entrüstung nicht minder scharf aus, als ich es tue. Dank ihnen, diesen Edlen! Man mußte ja in dem Glauben an die Menschheit ganz wankend werden, wenn es unter ihnen nicht eine Auslese braver, treuherziger, ehrlicher Seelen gäbe. Ach Gott! Wie gering ist die Zahl der Ehrenmänner im Vergleiche zur bestialischen, schadenfrohen, stockdunklen Masse. Diesmal wurden die Judenkrawalle von langer Hand vorbereitet und haben entschieden eine politische Unterlage. Da nämlich die Juden ihr gut Teil zum Befreiungswerke Rußlands beigetragen haben und bis jetzt beitragen, so sind sie den Rückschrittlern, dem gesamten Beamtentum ein Dorn im Auge. Aber noch eines sei betont: Aus dem erbärmlichen Ghettosumpf, aus dem Lande des Elends und des Jammers ist ganz wider Erwarten eine „Passionsblüte" entsprossen, ein bis dahin nicht gekanntes Geschlecht junger Makkabäer in Jakobinermützen, Leute, die zur Erlangung ihrer Freiheit und Rechte ihr Leben gerne einsetzen, vor Gefängnis, Sibirien nnd Galgen nicht zurückschrecken, vielmehr ihren Peinigern mit Bomben und Revolvern kühn entgegentreten. Das verrottete russische Beamtentum, diese vielverzweigte Schurkenbande, welche bis nun die Juden als corpus vile, als res nullius, als Zigeunerbande von oben herab, verächtlich behandelte und wie eine Zitrone auspreßte, konnte solche Juden am wenigsten vertragen und in ihrem Kampfe auf Leben und Tod, den sie gegen diese Reformpartei ausgenommen, ergießt sie ihre ganze Wut und Rache vorläufig gegen die vogelfreten, durch kein Gesetz geschützten Juden. Der Kampf, der zwischen Reform und Rückschritt entbrannt ist, dürfte noch lang währen, wir sind mitten im Stadium der Anarchie und lasse ich noch die große Frage offen, wer fiirs erste Sieger bleiben wird. Denn die freisinnige russische Partei bildet vorläufig eine gar zu dünne Schichte an der Oberfläche des feuer- und schwefelspeienden Berges, „russisches Volk" genannt, und weiß Gott, ob im Falle einer Lava-Eruption nicht die russische Intelligenz mit Mann und Maus hinweggefegt werden wird?! Das Bauernvolk (gegen 90 Millionen Menschen) hat auch noch das letzte Wort nicht gesprochen, und mir bangts davor und es überfährt mich ein Schauer, wenn ich an diese fürchterliche, rohe, unberechenbare, mächtige Naturkraft denke. Auf alle Fälle befindet sich in dieser Jnterimsperiode unser unglücksseliges Volk zwischen zwei Mühlsteinen und ich fürchte, daß es zerrieben werden wird, bevor noch in Rußland Ruhe und Ordnung hergestellt, bevor noch ein Rechtsstaat aus dem chaotischen Zustande erstehen wird. Die Lage ist sehr ernst, ja — verzweifelt! Sollten die europäischen und amerikanischen Juden sich wiederum an einer Hilfeleistung beteiligen wollen, so täten sie allerdings ein gottgefälliges Werk; die momentane Not ist grenzenlos; hunderttausende von Existenzen sind vernichtet. Radikale Hilfe würde aber damit nicht geleistet werden, wenn auch die Unterstützungssummen Millioneu beträfen. Vor 1—2 Jahren — Kischenew, Homel, Schitomir, — jetzt 20—30 eingeäscherte oder geplünderte

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