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Die Wahrheit · 1905-11-24 · Heft 45 (24.11.1905) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 45 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6. Nr. 45. Die Wahrheit. vielen Juden, die unbedankt andern Völkern Vermögen und j Kräfte widmen. Sie mögen doch dem eigenen Volke helfen, sie! mögen ratenden Ausweg aus diesem schweren Kampfe mit uns! .suchen. Können und werden sich die Juden in Rußland ausj leben? Gewiß wäre es schön, wenn der ersehnte Völkerftühling .früher käme, als die Juden erwarten können. Glauben die Juden in Rußland an diesen Völkerfrieden? ' Zu Tausenden ergreifen sie die Flucht, aus ihrer Heimat. Wir haben es mitgemacht und in Ost und West verspürte mau die Katastrophen Aus vollen Händen mußten wir geben. Aber die Furcht ist begründet, daß die Geber des Gebens endlich müde werden und aufhören zu hoffen, daß das Danaidenfaß, genannt russische Auswanderung, zu erschöpfen sei. Da bleibt nichts anderes übrig, als sich zusammenzuschließen und an alle gutdenkenden Menschen, an Völker und Fürsten, an Parlamente und Regierungen zu appellieren, damit die- Auswanderungen in gesetzliche Bahnen geleitet werde und nicht tausende von Auswanderer auf dem Wege zugrunde gehen. In einer Zeit, da die Tore aller Länder, in welche die Juden bisher geflüchtet sind, sich zu sperren beginnen und sogar England und Amerika bald keine Asyle mehr sein werden, sollte sich jeder Jude die Frage nach dem „Wohin" stellen. Diese Frage muß gelöst werden, es muß ein Ausweg gefunden werden aus dem Hexenkessel, in dem die Juden leben, es muß gelingen, Menschen, die vor dem Untergange stehen und nichts mehr, nicht einmal das nackte Leben zu gewinnen haben, annehmbaren Lebensbedingungen zuzuführen. Positive Rettung für die Juden in Rußland muß die Losung lauten. Jede Spende und Gabe ist herzlich willkommen, aber die Zeit des bloßen Almosengebens ist vorüber, der Moment praktischer Arbeit ist gekommen. Ich will hoffen, daß die Juden von Wien, wie alle anderen Juden der Welt, mit ihrem Kultusvorstand an der Spitze, bereit sind, mitzuarbeiten für eine bessere, menschliche Zukunft des jüdischen Volkes. (Stürmischer Beifall.) Der Sekretär der „Oesterr. israel. Union", Herr Siegfried Fleischer, verliest hierauf folgende Resolution, die seitens der Versammlung einstimmige Annahme fand: Resolution. „Die Wiener Judenschaft gibt ihrer namenlosen Trauer um die grausam dahingemordeten russischen Glaubens-und Stammesgenossen öffentlich Ausdruck. Es erfüllt uns mit Abscheu und Entsetzen, daß in Rußland infolge der jahrzehntelang geduldeten Judenhetzen Tausende und Abertausende ftiedlicher Menschen, Männer, Frauen und Kinder, gleich Opfertieren hingefchlachtet werden, aus keinem anderen Grunde, als weil die Bureaukratie glaubt, die in diesem Reiche aufkeimende und. durch Verheißungen der höchsten staatlichen Autorität genährte Freiheitshoffnung im Blute der Juden ertränken und auf diese Weise sich noch weiterhin an der Macht erhalten zu können. Gegen diese Scheußlichkeiten appellieren wir an das Herz der ganzen zivilisierten Menschheit; wir appellieren an das öffentliche Gewissen aller Kulturnationen, damit in jedem Parlament der Ruf nach einem gemeinsamen Schritt aller Regierungen zur Verhütung der Wiederkehr solcher Greuel erhoben werde. Wir erklären, daß wir uns mit unseren leidenden Brüdern in Rußland Eins fühlen und daß wir alle Bestrebungen tatkräftig unterstü tz e n wollen, welche geeignet sind, ihnen eine menschenwürdige Zukunft zu sichern." Nachdem noch Dr. Schalit seine zahlreich anwesenden zionistischen Gesinnungsgenossen aufgefordert hatte, jedwede Demonstration auf der Straße zu unterlassen, schließt der Vorsitzende die Versammlung. Krief eines russischen Gelehrte» an einen Miener Freund über die Vorgänge in Änsstand .. . Die Ereignisse der letzten Tage haben auf Mich dermaßen eingewirkt,, daß miß mein Blut , in den Ädern, stockte und mein ‘altes krankes Herz schier bersten. wollte-,... so daß. es, mir, an physischer Kraft gebrach, die Feder zu führen. Was wir in den letzten Tagen hier erlebt haben, spottet einer: jeden Beschreibung, und was' man in' Odessa, Rostow, Elisabetgrad und unzähligen anderen Städten erlebt hat, kann nicht besser, muß vielmehr, laut Berichten noch schlimmer, viel schlimmer gewesen sein. Die jüdische Bevölkerung unserer Stadt war zwei langen, bangen Bartholomäusnächten und drei langen, bangen Bartholomäustagen ausgesetzt, und diese Zeit reichte vollkommen aus, um unsere Stammesgenossen total zugrunde zu richten, und selbst die Reichen mußten wie die anderen den Genuß des Beraubt- und Geplündert-Werdens auskosten. Das Elend ist namen- und grenzenlos. Gegen 100 Tote, gegen 300 bis 400 mehr oder weniger Schwerverwundete. Sämtliche Kaufläden, darunter Warenlager von 2—300.000 Rubel, ausgeraubt, unzählige Judenwohnungen zerstört, Hab und Gut des Handwerker- und mittleren Kaufmannsstandes total vernichtet — das ist das Fazit der dreitägigen Zerstörungswut einer Abart des „homo sapiens", welche der Hyäne so blutsverwandt zu sein scheint. .. . Verflucht das Land, das ein solches Volk gebärt! Verflucht die Regierung, die durch Jahrhunderte ein solches Volk gezüchtet hat! Verflucht der Tag, an welchem der erste Jude russischen Boden betreten. O, könnte ich Dynamit schreiben und Ekrasit sprechen, ich würde so lange sprechen und schreiben, bis es mir gelungen wäre, diese niederträchtige, nach Millionen zählende, zwar ein menschliches Antlitz tragende, doch nur den wilden Tieren gleichende „Tschwuruaja Sotnia" (Schwarze Hundert) von dem Erdboden wegzusegen! Aber ach — was kann ich, was können wir allesamt anderes, als Tränen der Wut und der Ohnmacht vergießen! Der Modus, nach welchem die Judenmassakres in Szene gesetzt worden sind, war typisch für alle Städte. Der Plan war teuflisch ersonnen, teuflisch methodisch am Verkündigungstage der russischen Konstitution, des russischen „Völkerfrühlings" durchgeführt. Am Tage des 31./18. Oktober tauchten in einigen Stadtvierteln zu gleicher Zeit etwa 15 bis 20 Strolche (Chuligany) auf, die mit Axt und Stemmeisen bewaffnet, sich irgend einem Hause näherten, von dem sie im Voraus ganz genau instruiert waren, daß darin Juden wohnen, oder einem Kaufladen, von dem sie wußten, daß er einem Juden gehöre. Die Treffsicherheit nach dieser Richtung hin ließ nichts zu wünschen übrig, schon aus dem einfachen Grunde, weil Polizisten, als „Chuligany" verkleidet, das Kommando übernahmen. — Die Zerstörungsarbeit beginnt; Fenster werden eingeschlagen, Türen krachen, das Möbel in den Zimmern wird zertrümmert, von den höchsten Stockwerken zu den Fenstern hinausgeschleudert; zertrümmerte Klaviere mit absichtlich zerbrochenen Tasten und zerrissenen Saiten fliegen durch die Luft fallen zerschmettert zu Boden, kostbare Tapeten werden von den Wänden gerissen; Vasen, Spiegel aufs Pflaster geworfen und zu Scherben geschlagen — ein Hexenkessel... Die in aller Eile geschlossenen Kaufläden werden mit Stemmeisen aufgebrochen und die darin enthaltenen Waren zur Straße hinausgeschleudert; das hochlöbliche, herbeieilende Publikum wird höflichst aufgefordert, nach Belieben zuzugreifen. Alt und Jung, Knaben und Mädchen, Soldaten, Offiziere, Beamte, elegant gekleidete Damen, Dienstmädchen, Polizisten, Alle, Alle, die nicht Juden sind, beteiligen sich am Warenraub und greifen wacker zu. Eine Orgie, wie sie sich Belzebub nicht besser. ausdenken konnte! Besonders eifrig wird auf Gold, und Silber gefahndet und so manche zierliche Hand und so mancher unschuldige Busen der sogenannten „besseren Gesellschaft" schmücken sich mit

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