Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 45 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Kaiser!: Rät RttLivka. Hochgeehrte Trauerversammlung! Nach den Ausführüngen, die wir soeben gehört haben und die ' unser tiefstes Innere erschüttert haben, sagen wir uns das Eine-.. oäß wir den Manen der sö traurig Dahingeschiedenen den ' Tribut der Erinnerung und Menschlichkeit gezollt haben, aber auch einer änderen Empfindling noch Ausdruck geben müssen, nämlich der Urb e r l e b e n Len zu gedenken. Die Leidensch ästen zu wecken, sei in diesem großen Kreise nichr weiter unsere Aufgabe-: Die Leidenschaften sind wach genug, wenn wir die furchtbaren Berichte lesen, die unaufhörlich von da draußen als Hiobsposten aüf uns einstürmen, und wenn wir uns das gräßliche Bild vor Augen haltenwie gemordet, geplündert, getvütet wurde. Es geschah vor den Augen derjenigen, die den armen Opfern am allerteüerften waren. Sie haben sich alle zu ihrem Gotte geflüchtet, an den sie immer geglaubt haben, Und als iii der Synagoge die Flammen über ihrem Kopfe aufzüngelten und gemordet ward angesichts ihres Gottes, da mag — die Empfindung zwingt sich uns auf — mancher Glaube an das höchste Wesen erschüttert gewesen sein. Und ihnen, die doch nichts Böfls int Leben getan, die nur ehrlich und rechtschaffen für sich uitd ihre Lieben wirken wollten, stand eine offene Frage in den letzten Zügen geschrieben. Wir werden den Dahingegangenen diesen Glauben nicht wieder geben. Aber den Ueberlebenden können wir einen festen Glauben wiederaufrichten, den Glauben an die Menschheit, den Glauben daran, daß Tausende und Abertausende mit Ihnen fühlen den Schmerz und den Jammer, der sie getroffen und der in ihnen leider noch lange, lange nachwirken muß. Wir sehen die russischen Brüder überall an der Spitze der Freiheitsbewegung ihr Blut vergießen für das allgemeine Wohl, für die Befreiung aus der Knechtschaft. Uno nun wird ihnen die Rechnung gestellt — und dahin ists mit allem Freiheitssinn. Sie fallen als die ersten, bemitleidenswerten Märtyrer im Kampfe für die Befreiung der Menschheit. Hochgeehrte Versammlung! Wenn wir in unserem alltäglichen Leben erfahren, daß da eine Überschwemmung, dort eine Feuersbrunst Orte und Länder verheert hat, niemand von uns weigert sich, Opfer zu bringen, und niemand fragt, für wen die Linderung des Leids bestimmt ist, ob für Juden oder Christen! Wenn Spitäler gebaut. Spitäler erhalten werden sollen, niemand von uns fragt darnach, wem es gilt. Es gilt M e usche n. (Stürmische Zustimmung.) So stehe ich auf jenem Standpunkt, von dem ich ausgegangen, für die Menschlichkeit ist es, die heute den Ueberlebenden gegenüber zu betätigen unsere höchste Aufgabe ist. (Beifall.) Es war vorgestern am Abend, da kam eine Frau aus dem Volke in die Räume unserer „Israelitischen Allianz" und trug in der Hand ein Fünfkronenstück, das sie dem Beamten überreichte. Er nahm es, aber die Frau blieb stehen. „Für die Russen!" und sie stand noch immer vor ihm. Als der Beamte sie fragte, was sie noch wünsche, sagte sie: „Ja, eine Krone geben Sie mir zurück! Diese fünf Kronen sind mein Wochenlohn, und mit der einen Krone will ich die Woche über noch leben." (Stürmischer Beifall.) Wenn Eines, meine Hochgeehrten, uns mit Stolz und Bewunderung erfüllen kann, so ist es das Pflichtbewußtsein, das in dem Äermsten von. uns erwacht ist, daß jeder Nun fühlt, wie er zu helfen die Pflicht habe. Wenn so Tausende und Tausende sich zusammentun und jeder seine Aufgabe erfüllt, dann werden wir wenigstens erreicht haben, daß wir die schrecklichste Not lindern können und in dem zurückgebliebenen Vertrauen zu ihrer weiteren Existenz gefestigt haben. Uns aber gibt das die Genugtuung, daß wir sind ein einig Volk von Brüdern. (Stürmischer Beifall.) Vielleicht war ich nicht der Berufene, das zu verdolmetschen, was wir alle fühlen. Ein Wort noch will ich Ihnen allen entgegenrufen, an das Sie nie vergessen mögen, solange jene schrecklichen Zustände noch nicht vollends im friedlichem Fahrwasser sind, den Mahnruf: Erfülle jeder feine Pflicht! (Länganhaltender Beifall.) Architekt Oskar Marworek. Ich werde es als Glück meines Lebens preisen, daß einer der hervorragendsten russischen Juden mir seine wärmste Freundschaft entgegenbringt, Es ist ein Mann mit schneeweißem Haar, der ein langes, schweres Leben hinter sich hat. Er ist Arzt uud faßt diesen hehren Beruf nicht bloß als Verdienstberuf auf, sondern in der ganzen Größe, die in diesem Worte liegt. Seit jeher widmet er seine ganz besondere Tätigkeit seinen Stammesbrüdern, denen er Arzt, Freund und Bruder in allen Stunden ihres schweren Geschickes war. Von Geburt mit einem goldenen Herzen ausgestattet, hat ihn das viele Leid, das er geschaut, noch milder und gütiger gemacht. Als ich diesen Mann um das Befinden seiner Familie in diesen kritischen Tagen frug, antwortete er mir in einem Schreiben, das mit den Worten beginnt: „Verflucht der Tag, an dem der erste Jude Rußlands Boden betrat, Fluch dem Lande, das ein solches Volk hervorgebracht. Fluch der Regierung, die ein solches Volk gezüchtet hat." (Stürmische Entiüstuugsrufe gegen die russische Regierung.) Der Professor schildert dann, wie er, von christlichen Freunden beschützt, aus einem Fenster fürchterliche Szenen mitansah, und was er nun schildert, ein Tante hat es in der Beschreibung der Hölle nicht anschaulicher gezeichnet. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was er von dem Fenster der Wohnung aus gesehen, in der er von mildtätigen Christen versteckt wurde, der auch den Christen seiner Stadt liebevolle und teuere Arzt. Dieser kleine Ausschnitt zeigt Bilder, wie sie kaum glaublich sind. Was muß vorgegangen sein, daß dieser edle Menschenfreund solche Flüche ausstoßen konnte! Aber nein, wir können, wir müssen anders handeln, wir müssen Helsen und Rettung unfern Brüdern bringen. Auf die ersten Nachrichten hin eilten wir Juden in die Tempel, um zum Gotte Israels zu beten, daß er Trost und Hilfe bringe den Unglücklichsten unserer Brüder. Aber die Gefahr ist noch nicht vorüber. Denn noch hat sich das Bauernvolk nicht gerührt. Was bisher in Rußland vorgegangen ist, war das Werk der Bureaukratie, die sich in ihren Interessen bedroht fühlt, ja, war das Werk der höchsten Kreise. (Beifall.) Eine Horde von 90 Millionen Bauern steht noch im Hintergründe, die Bestie in ihnen wartet auf den Augenblick, um sich hervorzustürzen. Wenn die Bewegung aufs flache Land übergegriffen hat, was erwartet dann unsere Brüder? Kischinew, Homel, Schitomir, alle die Namen in der Märtyrergeschichte der Juden sind kleine Trunkenheitsexzesse gegenüber all dem, was jetzt vorgefallen ist, wo man die Opfer an Toten nach Tausenden, die Verwundeten nach Hunderttausenden zählt, wo die Zahl der zugrunde gerichteten Existenzen nnüberblickbar ist und dreißigtausend Waisenkinder ohne irgendwelche Hilfe zurückgeblieben sind. Aber das jüdische Herz, das nie versagt, die jüdische Hand, die immer gibt, sie greifen auch hier ein — wir müssen es anerkennen. Aber wo sind die Anderen, für die wir so oft und so viel gegeben haben? Wir erwarten das Gleiche jetzt von ihnen und wir müßten an der Menschheit verzweifeln, wenn jene Andern diesmal nicht zu Hilfe kämen. Wie groß auch die Summen sein werden, die wir zusammenbekommen, es wird doch nur ein Tropfen in dem Meere der Not fein und kaum den ganzen großen Schaden ersetzen können. Sollen wir die Läden wieder mir Waren füllen, damit die Räuber sie bei nächster Gelegenheit wieder finden und plündern? Ist es nicht an der Zeit, daran zu denken, daß etwas mehr geschehen muß, die Solidarität, die man uns fälschlich zuschreibt, diesmal bewußter zu bekunden und positive Arbeit zu leisten? Unfern Brüdern wollen wir nicht bloß augenblickliche, sondern dauernde Hilfe bringen. Darum, , Ihr Juden von Wien,, haben wir Euch hieher gebeten, nicht bloß zur Kundgebung Eueres Schmerzes, sondern auch zur Kundgebung Eueres Willens. Es gilt. Millionen von Existenzen, die direkt bedroht sind, vom Untergang zu retten, nach welcher Richtung es immer sei. Es ist nicht der Ort hier, über die Art dieser Hilfe zu sprechen. Aber ich denke an die