Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 45 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4. . . Die Wahrheit Nr. 45. Sollen wit-menschliche Hilfe, die Hilfe Her Staatslenker anrufen? Es Liegt allerdings die Frage nahe, ob sie sich selber helfen können? Zu keiner Zeit ist das Psalmwort so wahr gewesen^ wie heute: ..Vertraut nicht auf Fürsten, a^f den sterblichen Menschen. Lei dem keine Hilfe ist."/ Soviel ist zudem gewiß: das. Unglück, der Juden au sich wird die Diplomatie nicht in Bewegung setzen. Daß diese für das vergossene Blut der russischen Juden aus eigenem Antriebe Rechenschaft fordern sollte, wie es in anderen Fällen geschehen ist und geschieht, dazu müßte erst das messianische Zeitalter oder jene;' Zustand der Menschheit angebrochen sein, den unser verewigter Landsmann und Glaubensgenosse Mosenthal so schön mit den Worten schildert: „Und alle werden einen Gott verehren, der sie schuf, und Christ und Jude werden Menschen sein." Bis dahin wird man zwischen beiden immer einen großen Unterschied machen, nicht bloß bei ihren Lebzeiten, sondern auch wenn sie totgeschlagen werden. (Zustimmung.) Umso mehr ist es notwendig, daß wir das Defizit an Liebe und Gerechtigkeit, das die Welt unseren verfolgten Glaubensbrüdern schuldet, aus Eigenem bestreiten. Man macht uns unsere Solidarität zum Vorwurf. Schlimm genug, daß m a n s i e u n s n i ch t vielmehr als Tugend an rech net. Noch schlimmer, daß die Solidarität der Juden nicht schon längst durch die Solidarität aller Menschen ersetzt und überflüssig gemacht ist. Solange dies nicht geschieht, fühlt jeder Jude das dem Juden als solchem angetane Unrecht als ein ihm selbst zugefügtes, und es ist nur natürlich, daß soweit Juden aus dem Erdenrund wohnen, sie alle, aber auch alle, das über die russischen Juden hereingebrochene Unglück als eigenes Unglück empfinden. (Lebhafter Beifall.) Will man uns denn das Recht auf dieses Mitleid streitig machen? Man bestreitet uns manches Recht, und es gibt Biele, die uns alle Rechte, selbst das Recht der Existenz aberkennen möchten, was man in Rußland praktisch ausgeführt hat; aber das Recht auf das Mitleid mit jenen Unglücklichen, das Recht auf die Mittrauer über die so grausam hingeschlachteten Männer, Frauen, Greise, Kinder — das wird man uns hoffentlich zuerkennen. Dieses Mitleid und diese Mittrauer laut vor aller Welt zu bekunden, wie wir sie bereits in der stillen Zurückgezogenheit unserer Gotteshäuser bekundet haben, dazu haben wir uns hier versammelt. Ein gemeinsamer Aufschrei, in dem sich unser grenzenloser Jammer über das Unerhörte, an das alle Schrecknisse des Krieges nicht heranreichen, Lust macht — das ist der Zweck dieser Versammlung. (Zustimmung.) Wer wäre überlegt und berechnend genug, danach zu fragen, ob dieser Aufschrei etwas nützen kann und wird. Hat je ein Mensch, der sich auch nur eine Spur von Empfänglichkeit für fremdes Leid und Weh bewahrt hat und dem der Anblick einer Gewalttat einen Ausruf des Schreckens und des Abscheus erpreßt — hat je ein solcher Mensch in solchem Augenblick danach gefragt, ob dieser Ausruf nütze oder nicht? (Lebhafte Zustimmung.) Er ist der Ausdruck einer Reflexbewegung, die sich ganz von selbst aus der fühlenden Brust auslöst. Wir aber sollen diesen Aufschrei unterdrücken und nicht vielmehr vor der breitesten Oeffentlichkeit ausstoßen angesichts der Unmenschlichkeiten, die eine wilde Horde an unseren russischen Glaubensbrüdern verübt hat und die diejenigin, die sie hätten verhindern können und müssen, ruhig haben geschehen lassen, ja, mit teuflischer Berechnung als eine Ablenkung, zur Befriedigung der rohesten Instinkte selbst herbeigeführt haben? (Anhaltender Beifall.) Aber unser Aufschrei wird auch nicht wirkungslos verhallen. Auf welche Weise ist denn überhaupt altes, eingelebtes Unrecht jemals beseitigt worden? Auf welche Weise wurde der Sklaverei, der Leibeigenschast, der Unterdrückung des Bürger- und Arbeiterstandes und unserem eigenen bürgerlichen und politischen Tiesttande ein Ende bereitet? Man hat wieder und wieder Notschreie ausgestoßen. Sie wurden länge überhört und mißachtet, tpje. von hem' ägyptischen PhaWM der trotzig ausrief: „Wer ist der Ewige, daß ich aus seine Stimme hören sollte?" Aber die Notschreie wurden'immer läüter' und. lauter, sie kamen von/allen Seiten und schwollen , zu einem;.Donneran,,/der sich nicht, mehr überhören ließ, i und unter diesen: Dopner brachen Unrecht. und -Gewalt zusammen: S o: w i xi.:: d e r. A u f) ch r e i aller Iuden üb er dteletzten Ere i gnisse/in;Rußland, die Herzen der M e nschen.ergr-e.i-feu, , auch d erjenig en, die ih n j-etztnoch - üb exh ören/ycher üb er h ö reu wollen. D enn d a,s an einem Te ile her Menschheit,, und seien es auch uur die Juden, begangene Unrecht, macht si ch it b er kur z o d er lang in der ganzen Menschheit als eine krankhafte Erscheinung fühlbar, und sie muß'darnach trachten, sie abzustoßen. Das ist ein Gesetz der Natur und Geschichte, wie es schon in den Worten der Bibel ausgesprochen ist: „Du sollst das Böse entfernen aus deiner Mitte." (Lebhafter Beifall.) Der berühmte Königsberger Philosoph Rosenkranz hat von der den Juden eigentümlichen Asbestnatur gesprochen. Der Asbest heißt bekanntlich so, weil er unverbrennbar ist. Dieses schöne und treffende Bild findet in der Geschichte der Juden seine Bestätigung und in dem den Flammen trotzenden Dornbusch der Bibel sein uraltes Seitenstück. Ich möchte aber dieses Bild weiter ausführen. Der Asbest bildet wegen seiner Unverbrennbarkeit eine Schutzwehr gegen das Feuer. Auch in dieser Richtung läßt sich das Bild auf die Juden anwenden. Es ist ein verhängnisvoller Irrtum, zu glauben, daß man die Juden eines Landes ohne Schaden, ja zum Schutz der übrigen Bevölkerung vernichten kann. Das war die Politik Spaniens vor vierhundert Jahren, und ich brauche nicht auszuführen, wie schwer sich diese Politik gerächt hat. Auch in Rußland hat man das Feuer der Leidenschaften angezündet, um die Juden zu vernichten, aber sie sind nur die ersten Opfer, sie werden nicht die letzten, nicht die einzigen sein. Auch von der Flamme der Gewalttätigkeit gilt das Dichterwort: „Wehe, wenn sie losgelassen, wachsend ohne Widerstand durch die volkbelebten Gassen wälzt den ungeheuren Brand." Rußland macht gegenwärtig die Erfahrung von der Wahrheit dieses Dichterwortes. So hat sich noch immer das an den Juden begangene Unrecht durch sich selbst bestraft. Die Juden in Rußland zittern vor den entfesselten Elementen, aber sie zittern nicht allein, auch in den höheren Regionen beginnt man zu zittern. (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Das Judentum als geschichtliche Erscheinung wird seine Asbestnatur nicht verleugnen. Es ist unverbrennbar, unüberwindlich, ewig. Aber diese aus der Geschichte gewonnene Erkenntnis kann uns nicht abhalten von dem Aufschrei, von der Trauer über das unter unseren russischen Glaubensbrüdern angerichtete Blutbad, das keine Fabel, kein Märchen ist. Hochgeehrte Versammlung! Vier Jahrtausende klingen mit, wenn man das Wort Judentum ausspricht, und in diesem langen Zeiträume hat es der zivilisierten Menschheit ihre größten Gesetzgeber, Glaubens- und Sittenlehrer und noch mehr geschenkt. Wir Juden dürfen also wohl, ohne uns zu viel herauszunehmen, ein Wort mit der Menschheit reden. Einmütig richten wir die Frage an sie, auch die Höchsten in ihr nicht ausgenommen, ob dieses jüdische Blutbad und sein roter Schein die Liebe wieder spiegelt, die zu besitzen sie sich rühmt, ob diese Grausamkeiten dulden und ruhig ansehen nicht ein ebenso großes Verschulden ist, wie sie begehen? Aber auch einmütig und voll Ehrfurcht erheben wir uns vor den Manen jener Erschlagenen und Hingemordeten, die ihr Leben nicht um den Preis der Selbstverleugnung ihres Glaubens verkaufen wollten. Einmütig und voll Zuversicht stimmen wir in den alten Bekenntnisruf, mit dem sie ihren letzten Atemzug getan: „Höre Israel, der Ewige unser Gott, der Ewige ist einzig." (Stürmischer, minutenlang andauernder Beifall und laute' Zurufe der Begeisterung.)