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Die Wahrheit · 1905-11-24 · Heft 45 (24.11.1905) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 45 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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akvtzsit 'Jiebnttiou n. Slbminiftiatioii: Wien, 11 /, dlvvarcigasse 27. T> lkphun Dir. der Druckerei 15302 H nitrate 20 Hell, per Nonpareille-,»ieue. Abonuemeiilsu. Juse, liousbetväae fiub in SlMen zahlbar liub klagbar. Unabhängige Aeitfchrifl für Mische Intereflen. Erscheint jeden Ireitag. Uotto: „s)u.8 8>6K6l Ocodtv-z l8d Wahrheit!" Verugst'^ei»: Gauzjährij, . . . K.;a.— halbjährig . . K. 6.— Für Cultusbeaittte: Ganzjährig . . . K. io — Für Ausland: Ganzjährig ... 8 Mark 6 Nudel aber >6 Fcs. Ur. 45 Wien. 24. Uovemder 1905. : Protestkundc;ebung der Wiener Judenschaft. — Brief eines russischen Gelehrten an einen Wiener Freund über die Vorgänge in Rußland. — ' Zum 100. Geburtstag Rabbi Hirsch Chajes'. — Rabbi Löb Groß. — Verschiedene Nachrichten. — Die Kölner Orgelsrage. — Feuilleton: Der Emigrant. Anfrnf;u Gunsten der- Opfer der russischen Iudenexxeste. Eine neue, furchtbare Katastrophe ist über unsere unglücklichen Glaubensgenossen in Rußland hereingebrochen. Zllit Entsetzen vernimmt die gesamte Kulturwelt die grauenhaften Nachrichten von den Massenmorden und den verübten bestialischen Greueltaten. Unzählige Existenzen sind vernichtet worden, unermeßlich ist der durch die Verwüstung von Hab und Gut verursachte Schaden. Tausenden von Familien droht infolge dieser Ereignisse der wirtschaftliche Untergang. Rasche und umfassende Hilfe ist unerläßlich. Wir wenden uns daher an alle Glaubensgenossen und andere Menschenfreunde mit der innigen Bitte, an der von uns eingeleiteten Hilfsaktion zu Gunsten der beklagenswerten Opfer der Katastrophe durch Widmung von Beiträgen mitzuwirken. Geldsendungen werden an die Adresse unseres Bureaus, Wien, I., Weihburggasse s0. erbeten. Der Vorstand der „Israelitischeu N Uran; zu Wien." protelllinndyebntty der Wiener Indenschaft. „Man macht uns unsere Solidarität zum Vorwurf. Schlimm genug, daß man sie uns nicht als Tugend anrechnet. Noch schlimmer, daß die Solidarität der Juden nicht schon längst durch die Solidarität aller Menschen ersetzt und überflüssig gemacht ist". Unter dem Zeichen dieser Solidarität, für welche Herr Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n die vorstehenden, überaus treffenden Worte Prägte, fand Sonntag den 19. d. M. 10 Uhr vormittags im Sophiensaale eine von den Wiener jüdischen Vereinsorganisationen veranstaltete Protestversammlung statt, die sich zu einer ebenso imposanten als würdigen Kundgebung gegen die Urheber der russischen Judenmassakres gestaltete und dem tiefempfundenen Mitgefühl für die unglücklichen Opfer derselben erhebenden Ausdruck lieh. Wer da die Tausende der Wiener Judenschaft, mögen sie auch sonst im Leben religiös, politisch oder sozial in verschiedenen Lagern stehen, von einem Gefühl beseelt, von einem Gedanken beherrscht, dichtgedrängt beisammen sah. der konnte sich, trotz des traurigen Anlasses, der Freude darüber nicht erwehren, daß die Wiener Juden in ernsten Zeiten sich dennoch solidarisch fühlen, gleichzeitig aber mußte er es bedauern, daß diese Solidarität sich nicht unter der Führung ihrer berufenen Vertretung äußerte. Daß der Wiener Kultusvorstand in dieser Versammlung, an welcher wohl mehrere Kultusvorsteher privat teilnahmen, nicht auch offiziell ^vertreten war, wurde, und vielleicht auch mit Recht, vielfach verurteilt. Den Vorsitz führte der Präsident der österr.- israel. „Union", kais. Rat Anninger, der nach Begrüßung der zahlreichen Anwesenden als erstem Redner dem Herrn Oberrabbiner Dr. Güdemann das Wort erteilte. Oberrabbiner Dr. Güdemann. Hochgeehrte Versammlung! Es sind gerade sechs Jahre her, da waren wir in einem großen Saale so wie heute versammelt, und er war wie dieser bis auf den letzten Platz gefüllt. Es war ein außergewöhnlicher Vorgang, und was gab dazu Veranlassung? Es galt, feierlichen Protest zu erheben gegen die Beschuldigung, daß die Juden zu rituellen Verrichtungen Menschenblut gebrauchten und zu diesem Zweck Christenkinder mordeten. Wir haben damals nachgewiesen und mit einem feierlichen Eid beteuert, daß an dieser Blutbeschuldigung kein Fünkchen Wahrheit, sondern daß sie eine Ausgeburt des Aberglaubens und der Lüge fft. Was uns heute hier znsammensührt, ist ebenfalls vergossenes Blut, aber leider kein erdichtetes und erlogenes, sondern das in erschütternder Wirklichkeit zum Himmel schreiende Blut unserer unglücklichen russischen Glaubens- und Stammesgenosfen. So seltsam sind die Wege des Schicksals! Vor Jahren mußten wir uns verteidigen gegen die Beschuldigung des Mordes. Heute aber sind viele tausende unserer russischen Glaubensbrüder selbst von ruchlosen Händen hingemordet. Die Rollen lind vertauscht: statt wie früher als Verteidiger könnten wir jetzt als Ankläger auftreten. (Beifall.) Aber das sei ferne. Wie die Blutbeschuldigung, so heftet sich die Beschuldigung an unsere Fersen, daß wir nach dem Gott der Rache rufen. Beides mit gleichem Unrecht. Unsere Religion lehrt uns, Unbill leiden und nicht erwidern und den göttlichen Richter nach seiner Weisheit walten zu lassen.

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