Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 44 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 44, Die Wahrheit Seite 9. Messer Leons nicht befreunden konnte. Der Streit nahm solche Dimensionen an, daß die Gemeinde sich in zwei Parteien teilte, wodurch der Herzog von Mantua sich veranlaßt sah, sowohl Messer Leon als Josef Kolon auszuweisen. Letzterer ging nach Pavia, wo er von der dortigen Gemeinde znm Rabbiner ernannt wurde. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. (Hilfsaktion der Israelitischen Allianz zu Wien für die russischen Juden.) Das bisherige Ergebnis derber Israelitischen Allianz zu Wien zugegangenen Spenden beträgt zirka 220.000 Kronen. Am 4. d. M. fand im Bureau der Israelitischen Allianz eine gemeinschaftliche Konferenz des Präsidiums der Allianz mit Delegierten der beiden hiesigen Bne Brith-Logen und der zionistischen Organisation, sowie mit Vorstandsmitgliedern der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union statt. Es wurde einstimmig beschlossen, die von der Allianz eingeleitete Hilfsaktion in allen Kreisen der Bevölkerung wirksam zu fördern, damit den nach vielen Tausenden zählenden unglücklichen Familien der Ermordeten und wirtschaftlich Ruinierten in ausgiebiger Weise Hilfe gebracht werden könne. Wien. In sämtlichen Wiener Gotteshäusern fanden Mittwoch, den 15. d. M. nachmittags, Trauergottesdienste für die unglücklichen Opfer der russischen Judenmassakres statt. Im Tempel der türkisch-israelitischen Gemeinde wurde ein gleicher Gottesdienst Donnerstag, den 16. d. M., abgehalten. Wien. (Sine Sammlung i n der russischen Ki r ch e.) Nach dem am 12. d. M. abgehaltenen Gottesdienste in der russischen Botschaftskirche richtete Herr James K o p a n an die Anwesenden die Aufforderung. zugunsten der russischen Juden eine Kollekte zu veranstalten. Der Botschafter Fürst Urusso w spendete K 1000. Das Gesamtergebnis der Sammlung betrug K. 1480. Wien. Das Präsidium der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union, vertreten durch die Herren Sigmund Mayer und kais. Rat Wilhelm Anninger, ist vorige Woche bei dem Minister des Aeußern Grafen Goluchowski in Audienz erschienen und hat demselben in Hinblick auf die russischen Ereignisse, wie mit Rücksicht darauf, daß selbst bei der größten Vorsorge unserer Regierung ein Uebergreifen der Bewegung nach Galizien nicht ausgeschlossen ist, die Erwägung unterbreitet, ob es nicht möglich wäre, durch die Initiative unserer Regierung die zivilisierten Mächte zu einer gemeinsamen Vorstellung bei der k a i s e r l i ch r u s s i s ch e n Regierung zu veranlassen, damit dieselbe mit mehr Ernst, als sie bisher gezeigt hat, der von ihr selbst zugegebenen passiven A s s i st e n z der Lokalbehörden in Rußland bei diesen blutigen Exzessen entgegentrete. Graf Goluchowski empfing die Herren in liebenswürdigster Weise, wies aber in seiner eingehenden Erwiderung auf die S ch w i e r i g k e i t e n e i n e r E i n m i s ch u n g in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates hin und auf die voraussichtliche Erfolglosigkeit eines solchen Schrittes, weshalb die österreichische Regierung es ablehnen müßte, an die anderen Mächte ein solches Ansinnen zu stellen. Er glaube sogar, daß ein solcher Schritt gerade eine entgegengesetzte, für die rnssischcn Juden gefährliche Wirbmg haben würde. Für die zahlreichen in Rußland lebenden jüdischen Staatsangehörigen Oesterreichs bieten nach den telegraphischen Berichten, die er unausgesetzt erhalte, sowohl die Botschaft als auch die Konsulate das Aeußerste aus und sei es das unausgesetzte Bestreben der Regierung, unsere Staatsangehörigen in ausgiebigster Weise zu schützen. Ein Uebergreifen aus Galizien befürchte er nicht und würden auch die Behörden dort sofort jeden Versuch, eine ähnliche Bewegung hervorzurufeu, mit der ä u ß e r st e n S t r e n g e e n t g e g e n t r e t e n. In dieser Beziehung dürfe die jüdische Bevölkerung in Galizien vollkommen beruhigt sein. Wien. Nach einer aus Paris stammenden Korrespondenz haben wir in voriger Nummer unseres Blattes berichtet, daß Baron Alexander Günzburg bei Verteidigung seines Hauses in Kiew so schwer verwundet wurde, daß er seinen Verletzungen erlag. Wie uns nun mitgeteilt wird, hat sich diese Meldung als irrig erwiesen. Baron Günzburg befindet sich gegenwärtig bei seinen Verwandten in Wien und hoffentlich ist dem Totgesagten, der wohl bei der Plünderung bedeutende Verletzungen erlitt, noch ein langes Leben beschieden. Wien. Dienstag, den 14. d. M., fand unter großer Beteiligung das Leichenbegängnis des im Alter von 62 Jahren nach kurzer Krankheit verblichenen Herrn G. A. G e r s o n, Chef des türkischen Großhandlungshauses A. G. Gerson, statt. In weiteren Kreisen und namentlich in der rürkischen Gemeinde hat dieser unerwartete Todesfall allgemeine Trauer hervorgerufen. Der Verblichene war ein vornehmer, edler und tief religiöser Mann, der sich stets bei allen Wohltätigkeitsakten und Stiftungen in hervorragender Weise betätigte. Unter den zahlreichen Trauergästen im! Trauerhause bemerkte man vom Vorstand der Gemeinde Präsident Lico A d utt und Vorsteher Cäsar D a n o n, den Vorstand der Chewra-Kadischa Herrn Lico Russo, kais. Rat Dr. Lieben in Vertretung des Vorstandes der Wiener Kultusgemeinde u. v. A. Die Trauerfunktion versah Oberkantor Bauer unter Assistenz des Kantor Löwit und des Chores, und Rabbiner Papo schilderte in bewegten Worten die hohen Tugenden des Dahingeschiedenen, an dessen Bahre die tiefgebeugte Gattin, die einzige Tochter, sowie der Schwiegersohn. Herr Moses de M a j o, Vorstandsmitglied der türkischen Gemeinde, trauern. nVx'rn Wien Herr Josef G u t h, Sohn des bekannten Hoteliers M. Gut h hat sich mit Fräulein Henriette Klein verlobt. Wien. (Verein zu rHebung der Gewerbe.) Montag, den 20. November, 8 Uhr abends, findet in Kuhners Restaurant, I., Adlergaffe 6, eine Plenarversammlung mit folgender Tagesordnung statt: 1. Bericht des Präsidenten. 2. Neuerliche Stellungnahme zur Gewerbe-Novelle. 8. Ueber Antrag der letzten Generalversammlung, Herr Alfred Weinberger: „Ueber die Wiener Spar- und Kredit-Gesellschaft. G. m. b. H." (früher Kredit-Institut für jüdische Gewerbetreibende und Beamte.) Wien. (Verein zur Beförderung der Handwerke unter den i n l ä n d i s ch e n I s r a e l i t e n.) Der enorme Andrang von Knaben, welche sich aus allen Ländern der österr.-ungar. Monarchie um Aufnahme an den Verein wenden, und die bedeutenden Auslagen, welche die Bekleidung und Versorgung des dermaligen Standes von über 800 Zöglingen erfordern, haben den Vorstand des genannten Vereines zu dem Beschlüsse genötigt, die Aufnahme von Knaben während der Monare Dezember und Jänner zu sistieren. Wien. Ueber Einladung des Einzelvereines „Fünfhaus" des Verbandes „Zion" wird Herr Baron Ernst von Ungern - Sternberg, Schriftsteller und Redakteur des Tagblattes „Die Zeit", Dienstag, den 21. d. M., präzise 8 Uhr abends, im Hotel Fuchs, XV., Mariahilferstraße 138 «Eingang XV., Fuchs gaffe), einen Borrrag „Die Juden in Rußland", halten. Regieboitrag: 20 Heller. Wien. (Theologischer Verein der Hörer an der i s r. t h e o l. L e h r a n st a l t in Wien.) In der am 9. November l. I. stattgefundenen XXVI. ordentlichen Generalversammluug fanden die Neuwahlen statt, wobei folgende Herren gewählt wurden: Präses Johann S t ö ß l e r, Vizepräses Meier 'Tauber, Kassier Jsaac A l c a l a y. I. Schriftführer Michael Halberstamm, II. Schriftführer Israel P o l l a k. Znaim. In der letzten Generalversammlung der Chewra-Kadischa wurden der verdienstvolle Obmann, Herr Jakob Schidlof. sowie die anderen Vorstandsmitglieder, die Herren Moriz B e n e s ch, Jakob Weil, Friedrich H aas und David Schlesinger, einstimmig wiedergewählt. Znaim. Unsere Gemeinde besitzt einen Diener, der wohl einzig in seiner Art dasteht. Heinrich I e l l i n e k hat vor 47 Jahren seinen Dienst bei dem damaligen Minjan-Verein für ein Gehalt von 12 Gulden jährlich angetreten. Erst aus Drängen Anderer hat sich der bescheidene Diener dazu verstanden, um Aufbesserung einzukommen, bis sein Gehalt die normale Höhe erreicht hat. Natürlich ist auch dieser Gehalt nicht so beschaffen, daß man sich bei ihm Reichtümer sammeln kann. Und doch hat Jellinek der Gemeinde mehr gespendet, als irgend ein Gemeindenutglied. Eine Thora mit Zubehör, zwei große silberne Leuchter und vieles andere im Tempel erinnert an den seltenen Gemeindedicner. Eine Stiftung von X 600 und eine Schenkung von X 2800 zum Friedhofbau macht ihn zum größten Wohltäter unserer Gemeinde. Nun feierte dieser seltene Mann am 6. November d. I. seinen 70. Geburtstag, und man suchte von allen Seiten, ihm die gebührende Ehre zu erweisen. Unser Rabbiner, Herr Dr. K a h a n, gratulierte in einem ichmeichelhaften Schreiben und erteilte ihm den "i-N-Titel. Am folgenden Sabbath, den 11. d. M., holte ihn eine Deputation, bestehend aus dem ersten Beirat, Herrn Dr. R o s e n f e l d, dem Obmann der Chewra-Kadischa, Herrn Jakob S ch i d l o f und Herrn Weil, aus seiner Wohnung in den festlich beleuchteten Tempel, wo sich auch unser Vorstand, Herr Hermann Steiner, emfand. Herrn Jellinek wurde ein Ehrenplatz neben dem Vorsteher angewiesen. Feierlich zur Thora aufgerufen, rezitierte Herr Kantor Handgriff ein vom Herrn Rabbiner verfaßtes Mischeberach, und nach dem Kaisergebet verrichtete Herr Doktor K a h a n vor offener Lade ein feierliches Gebet für den Jubilar. Von einer Ansprache an ihn mußte wegen seiner Schwerhörigkeit abgesehen werden. Vom Kultusvorstand, der Chewra-Kadischa und dem Frauenwohltätigkeits-Berein, dessen Vorstand sich ebenfalls im Tempel eingesunden hatte, erhielt der Jubilar eine goldene Uhr und Kette mit entsprechender Widmung. Auch von den Gemeiudemitgliedern wurde der bescheidene Jubilar durch Geschenke geehrt. Möge ihm ein noch recht langer, angenehmer Lebensabend beschieden sein! Pirnitz. Den 9. d. M. verschied Frau Anna B r e t s ch n e i d e r, die fromme Gattin des Herrn Samuel Bretschneider, Großökonomiebesitzers, Gemeinderares, Kultusvorstandmitgliedes, nach langem, schwerem Leiden. Jedem Armen reichte sie ihre hilfreiche Hand und war deshalb durch ihre besondere Mildtätigkeit nicht nur bei der jüdischen, sondern auch bei der christlichen Bevölkerung allgemein beliebt und geachtet. Dies zeigte sich am besten bei dem imposanten Leichenbegängnisse, an welchem sich die Gemeindevertretung unter Führung des Bürgermeisters, die fürstlich Kollaltsche Beamtenschaft, das Lehrpersonal, die Gendarmerie und eine unabsehbare Menschenmenge beteiligte. Möge dies den Hinterbliebenen zum Tröste gereichen! Jglau. (E h r u n g0 Am 5. November d. I. überreichte eine Vorstands-Deputation des hiesigen israelitischen Frauenvereines der langjährigen Vereins kassierin, Frau Karoline Dr Brand eisz, in Anerkennung ihrer ersprießlichen Leistungen und ihrer unermüdlichen Förderung der Vereinsinteresien, das Diplom als Ehrenmitglied des F r a u e n v e r e i n e s. Troppau. Die geehrten Leser dseses geschätzten Blattes dürste folgende Mitteilung meines Schwagers in Kon in (Russisch-Polen) über die Aufnahme der Proklamation des Zaren unter den Juden in Russisch- Polen besonders interessieren. Mein Schwager schreibt: „Am Mittwoch langte hier telegraphisch die Proklamation des kaiserlichen Berfaffungsmanifestes an und sofort wurden festliche Umzüge in der ganzen Stadt veranstaltet. Alles war illuminiert, besonders der jüdffche Tempel war herrlich ausgeschmückt. Große Prozessionen,