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Die Wahrheit · 1905-11-17 · Heft 44 (17.11.1905) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 44 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 44. ..In Erwägung dessen, .daß unsere Religion, ungleich anderen Nationen, nur im Studium der heiligen Lehre und in der Hebung ihrer Gebote besteht, benötigen wir keinerlei Katechismus in der Landessprache, sondern wir lassen auf uns die Lehre in ihrem heiligen Urgewande der hebräischen Sprache einwirken; somit ist die hebräische Sprache schon mit Rücksicht auf unsere Liturgie dereigentliche und wesentlichsteTeil des Religionsunterrichtes. Wir erachten das Ausmaß der dem Religionsunterrichte gewidmeten Zeit als höchst beschränkt und ganz ungenügend für unseren Gegenstand, welcher zu umfassen hat: Sprachwissenschaft, Gesetzeslehre und Geschichte; erachten ferner derartige Mindestkenner wie den Artikelschreiber im „Slowo polskie“ als ganz unbewährte Jrrlehrer und Ueberlieferer der heiligen Lehre. Wir drücken schließlich dem anonymen Denunzianten in seiner Eigenschaft als Religionslehrer unsere Mißbilligung aus." Der Verein ..Schomer Israel" wird trachten, diesen Gegenstand vor einer Volksversammlung zur Diskussion zu bringen und für die Dringlichkeit der Erweiterung des hebräischeil Unterrichtes .einzutreten, damit derartige homöopathische Religionslehrer vom jüdischen Boden verschwinden. Während wir hier in Lemberg in der Förderung des nationalen Wissens aus Schritt und Tritt Hindernissen begegnen, macht sich in der Provinz ein rusches Tempo diesbezüglich bemerkbar. In den kleineren Städten werden moderne hebräische Schulen mit hebräischem Vortrage errichtet, Ieschiwas sind im Entstehen begriffen, und aus Stanislau wird seitens großer Talmudisten ein Aufruf zur Gründung einer großen Jeschiwa erlassen. Nach der Sprache des Aufrufes zu urteilen, dürfte auch profanes Wissen von jenen Lehrstäten nicht ausgeschlossen sein. Also bewegt sich das geistige Judentum, das so zurückgedrängte, doch.- Dr. Rubin Vierer. oses Kapfali nnd seine Zeitgenosse«. Von Dr. M. H- Friedländer. Während die deutschen wie die spanischen Juden im XV. Jahrhunderte unausgesetzt den grausamsten Verfolgungen und härtesten Bedrückungen preisgegeben waren, genossen die Söhne Israels in der Türkei, besonders unter der Regierung des Sultans Mohammed II., die vollständigste Freiheit und Gleichberechtigung. Mohammed hatte einen jüdischen Leibarzt, Hekim Jakob, der zugleich sein Finanzminister gewesen und von chm hochgeschätzt und öfters durch Ehrenbezeugungen ausgezeichnet wurde. Den Juden war es daselbst gestattet. Synagogen zu bauen, Lehr- und Erziehungsanstalten zu errichten und ungestört Handel und Wandel zu treiben. Nicht uninteressant ist das Rundschreiben, das Jsak Zarfati an die Juden von Schwaben, der Rheingegend, Steiermark, Mähren und Ungarn erlassen hat, in welchem er sie aufforderte, die große Folterkammer Deutschland zu verlassen und nach der Türkei, dem damaligen Eldorado der Juden, auszuwandern. Dasselbe lautet: „Es ist mir von den Mühsalen, noch bitterer als der Tod, erzählt worden, welche unsere Brüder in Deutschland betroffen haben, von den tyrannischen Gesetzen, den Zwangslaufen, den Ausweisungen, die täglich Vorkommen. Und wenn sie von einem Orte fliehen, trifft ne an einem anderen Orte noch herberes Unglück. Ich höre ein freches Volk über die Treuen seine wütende Stimme erheben; ich sehe feine Hand über sie schwingen. Wehe von Innen, wehe von Außen. Täglich Erlässe und Zwingherren, um das Geld zu erpressen. Die Geistlichen und Mönche, die falschen Priester, erheben sich gegen das unglückliche Volk und sprechen: ,Wir wollen sie bis zur Vernichtung verfolgen, Israels Name soll nicht mehr genannt werden? Sie wähnen, ihr Glaube sei gefährdet, weil die Juden in Jerusalem vielleicht gar die Grabeskirche an sich kaufen würden. Darum haben sie einen Befehl erlassen, jeden Juden, der sich auf einem christlichen Schiffe befindet, das nach dem Morgenlande steuert, in die Fluten zu werfen. Wie wird der heiligen deuffchen Gemeinde mitgespielt, wie sehr ist ihre Kraft geschwächt! Sie vertreiben sie nicht nur von Ort zu Ort^. sondern stellen ihnen nach dem Leben, schwingen über sie das scharfe Schwert, werfen sie in loderndes Feuer, in reißende Fluten oder auch in stinkende Sümpfe. Meine Brüder und Lehrer, Freunde und Bekannte! Ich, Isaak Zarfati, der ich aus Frankreich stamme, in Deutschland geboren bin und dort zu dem Füßen von Lehrern gesessen, rufe euch zu: daß die Türkei ein Land ist, in dem nichts fehlt. Wenn ihr einwilligt, so kann es euch gut gehen. Ihr könnt sicher durch die Türkei nach dem heiligen Lande gelangen. Ist es nicht besser unter Mohammedanerm als unter Christen zu wohnen! Hier dürft ihr euch in die feinsten Stoffe kleiden. Hier -kann jeder unter seinem Feigenbäume und seinem Weinstocke ruhig leben. In der Christenheit, dagegen dürft ihr es nicht einmal wagen, euere Kinder in Rot oder Blau zu kleiden, ohne sie auszusetzen, zerbläut oder rol geschunden zu werden. Darum müßt ihr ärmlich und zerlumpt einhergehen. Alle eure Tage sind düster, auch die Sabbate und Festzeiten. Fremde genießen euer Vermögen. Was nützen dem reichen Juden eure Schätze? Er bewahrt sie nur zu seinem Unglücke auf, und an einem Tage ists verloren. Ihr nennts euer? Nein, ihr ists. Lügenhafte Beschuldigung erfinden sie gegen euch. Sie achten nicht Alter, nicht Wissen. Und wenn sie dir eine Zusicherung mit sechzig Siegeln geben, so brechen sie sie doch. Sie legen immer Doppelstrafen auf, schmerzhaften Tod und Güterberaubung. Sie untersagen den Unterricht in den Lehr-- Häusern, stören das Gebet, verbieten den Juden an christlichen Feiertagen zu arbeiten und Geschäfte zu treiben. Und nun, Israel, warum schläfst du? Auf und verlasse dieses verwünschte Land.^(G. Gesch., 8. B., S. 289.) In der Tat war die Türkei damals von den anderen, Reichen eine rühmliche Ausnahme. Als Mohammed H. in den Besitz von Konstantinopel gelangt war, konstatierte er feine Toleranz dadurch, daß er einen griechischen Patriarchen zum Oberhaupte sämtlicher im Lande wohnenden Griechen, und einen Oberrabbiner für die Juden des Landes ernannte. Letzterer wurde sogar im Divan mehr bevorzugt als der Patriarch. Dieser von Mohammed H. ernannte Oberrabbiner hieß Moses Kapsali, der 1420 das Licht der Welt erblickt hatte. Kapsalr vereinigte in sich die schönsten Tugenden und Eigenschaften, die einen Bvlkslehrer, der der Gesamtheit als Musterbild voran-- leuchten soll, zieren und schmücken müssen. Obwohl es Kapsalst der reich begütert war, an materiellen Mitteln nicht mangelte, um auf großem Fuße leben zu können, trug er doch das Joch, der Entsagung und Entbehrung, führte eine asketische Lebensweise, kasteite seinen Körper durch fleißiges Fasten und weihte, unausgesetzt seine ganze Zeit und Kraft der Förderung desgeistigen Wohles seiner Glaubensgenossen, wie dem Studium der jüdischen Literatur. Er verdient daher mit Fug und Rechts den hervorragendsten und würdigsten Rabbinen seiner Zeit an, die Seite gestellt zu werden. Nichtsdestoweniger gab es unwürdige Leute, die dem frommen und gelehrten Rabbi durch. Verleumdungen das Leben verbitterten; Leute, die es wagten zu behaupten, daß er, der wahrhaft fromme, für Israels Lehre und Ehre begeisterte Rabbi, destruktive, das Judentum in seinen Grundfesten erschütternde Neuerungen eingeführt habe. Diese Verleumder, vier an der Zahl, entblödeten sich nicht, ein Memorandum abzufassen, in welchem sie die lügenhaften, rein aus der Luft gegriffenen Beschuldigungen auseinandersetzten, und es einem aus Jerusalem auswandernden Bettler zu übergeben, damit er es dem in Italien allgemein gefeierten R. Josef Kolon unterbreite. Kolon, der einer französischen Familie entstammte und in Deutschland in den Schulender berühmten Lehrer Jakob Weil und Israel Jsserlein den Talmud mit heißem Bemühen studierte, zeichnete sich durch Scharfsinn und gründliche talmudische Kenntnisse vorteilhaft aus^ so daß es ihm gelang, als er nebst anderen Stammesgenossen uach Italien auszuwandern genötigt war, die Aufmerksamkeit der bedeutendsten Gemeinden dieses Landes auf sich zu lenken. Die Mantuaer Gemeinde ernannte ihn zu ihrem Rabbiner. Allein hier geriet er bald mit dem freisinnigen, vielseitig gebildeten Rhetoriker Messer Leon in einen heftigen Streit, weil er^ der streng konservative Rabbi, sich mit den liberalen Ansichten m

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