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Die Wahrheit · 1905-11-17 · Heft 44 (17.11.1905) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 44 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 44. Die Wahrheit Seite 7. .^.jüdische Anführerschafl". Daß die Juden, als unter den russischen Völkerschaften die geguültefte, an der Bewegung lebhaften Anteil genommen haben, ist nur natürlich. Sie verdienten kein besseres .-als ihr bisheriges Schicksal, wenn sie, wo alles haßte, nicht mitgehaßt hätten, wenn sie, wo Professoren, Dichter, Fürsten .und Völker sich gegen den unerträglichen Druck und das empörende Willkürregimeut auflehnten, sich nicht mit anfgelehnt und mit Wort und Tat für ihre Befreiung mitgewirkt hätten. Sie vor -allen mußten sogar mit Partei ergreifen in dem Streit, der : ^zwischen Volk und Willkürherrschaft sich entsponnen hat. . Die „Kreuzztg." behauptet, das Mißtrauen gegen Witte stamme zum großen Teil aus seiner eugeil Verbindung mit dem -Judentume. Aber gerade die Juden haben bisher Witte am meisten mißtraut. In Amerika haben die Juden, wie die Leser unserer amerikanischen Briefe wissen, es den jüdischen Notabeln nicht wenig übel genommen, daß sie Witte um Vermittlung angegangen waren. Sie hatten sogar öffentlich dagegen demonstriert. Von Witte kann höchstens gesagt werden, daß er als ein kluger Mann die Dinge richtig beurteilt und vielleicht gegen seine 'Neigung den Juden Gerechtigkeit jetzt widerfahren lassen will, weil er es für das Klügste und Beste hält. Die ..Kreuzztg." vergißt auch ganz und gar, daß sie Stellung nimmt gegen die offizielle Regierung, g egen den Kaiser Rußland s, denn, die jetzt die Judenhetze in Rußland veranstalten, sind ja die eigentlichen Revolutionäre. die nicht tun, was ihnen der vom Zaren ernannte Ministerpräsident Witte befiehlt. Witte verabscheut ja, wie er an den amerikanischen Banqnier Jakob Schiff telegraphiert hat, die Judenhetzen, und er klagt, daß er den Lokalbehörden gegenüber machtlos sei. Die „Kreuzztg." kann also als das Organ der jetzigen russischen Rebellen betrachtet werden; so weit hat sie ihr Antisemitismus heruntergebracht. Der Straßenpöbel, der in Moskau, Odessa, Kiew, Riga, Minsk, Kischinew sengt, raubt mib mordet, ist verständlich; tkat is the nature of fche animal. Zudem wird er behördlich -bezahlt, verkleidet, belohnt. Selbst die rebellierenden und die Schlächtereien veranstaltenden Behörden lassen sich begreifen. Sie wollen die Macht, die sie bis dahin gehübt, und die sie so vortrefflich für ihre Tasche zu benutzen verstanden haben, nicht ohne Kampf niederlegen. Sie mögen hoffen, auf diese Weise schließlich doch noch ihre Macht und ihre unlauteren Einnahmequellen zu behaupten, und im schlimmsten Falle hat die Judenschaft gezittert als das Willkürregiment bestand, dann soll sie -auch zittern, wenn es untergeht. Aehnliches läßt Körner im „Zrinyi" zwar einen türkischen Sultan sprechen, aber die -modernen russischen Paschas stehen den grausamsten Türken der Vergangenheit in nichts nach. Daß jedoch gänzlich unbeteiligte, an politischen Blättern in der deutschen Reichshauptstadt schreibende menschliche Wesen, daß die Redaktion des für die Aristokratie Preußens bestimmten Organs Sympathien mit den entsetzlichen Judenschlächtereien in Rußland zu äußern wagen barf, ohne befürchten zu müssen, daß jeder Leser mit einem .„Pfui Teufel ' das Blatt zurückschickt, das ist das Traurigste. Im Deichen der Renaissance des Judentums. y. Wer durchdrungen von dem nationaljüdischen Gedanken sich der Freude über die Anklänge der Renaissance des Judentums hingeben wollte, würde manche unliebsame Täuschung erleben. Geburt und Widergeburt gehen zu allermeist unter großen Schwierigkeiten einher. Wie erst sollte es bei unserem Volke anders sein, dessen Glieder, eingekeilt sind unter allen Völkern der Erde und dessen Volksseele fast erdrückt wird durch Einlagerung aller möglichen andersvölklichen Ideen und geistiger Materien oft der gegensätzlichsten Art. Zu diesen moralischen Schwierigkeiten gesellen sich noch solche ethische und ethnische Verdunkelungen des nationalen Bewußtseins, daß jeder Schritt nach vorwärts äußerst schwierig und behindert erscheint. Zum Velege dafür wollen wir aus der jüngsten Zeit einiges anführen. Da erschienen vor kurzem polemische Artikel aus der Feder eines j ü d i s ch e n Auchreligionslehrers mit sehr defektem jüdischem Wissen, der in dem antisemitischen „Slowo polskie“ den hebräischen Unterricht anfiel und seine Kollegen, die natürlich jüdisches Fachwissen besitzen, anklagte, daß sie sich seitens des (polnischen) Landesschulrates 300.000 Kronen Gehalt auszahlen lassen und dann den Schülern Haß gegen die Polen einflößen. Diese Denunziation wurde in mehreren Artikeln fortgesetzt. Aehnlich stellte sich der Skribler der Errichtung eines jüdischen Gymnasiums entgegen. Aber Jesuiten-Gymnasinm und Jesuiten-Lyceen dürfen ungestört fortbesteheu, ohne daß jemand daran Anstoß nimmt, daß sie die ärgsten Brutstätten des Antisemitismus sind! Der fürsorgliche Auchreligionslehrer im Vereine mit dem „Slowo polskie“ schlägt einen so weichherzigen Ton an, daß sich mancher kopflose Gimpel gefangen geben muß. Ganz betrübt weisen sie darauf hin, daß die Juden sich ein neues Ghetto aufführen und sich von der polnischen Jugend absondern. Wer aber die Schulverhältnisse in Galizien kennt, wer da weiß, wie dem polnischen Lehrer die bigottische Judenfeindlichkeit nicht aus dem Herzen zu reißen und daß er durch nichts human zu stimmen ist. wird die Errichtung jüdischer Gymnasien als eine wahre Wohltat begrüßen, und erst die Universität, welche von höherer Intelligenz umfiossen ist, für den e r st e n Turnplatz gemeinsamen geistigen Ringens geeignet finden. Den jüdischen Mittelschülern blieben da viele Chikanen seitens der klerikalantisemitischen Lehrer und Mitschüler erspart, und es wäre auch das nötige Ausmaß von Zeit gegeben, damit sie sich unsere nationale Sprache, Geschichte, Literatur und religiöse Satzungen aneignen. Es versteht sich von selbst, daß dieses unvorsichtige Lehrer- Individuum das bischen Achtung, das er sich als Religionslehrer (?) erworben hat, verlor, und daß seine Denunziation von den Religionsprosefforen der Mittelschulen, sowie der Volks¬ und Bürgerschulen, die alle mitten in der jüdischen Strömung stehen, ja sogar ihr Lauf und Richtung geben, desavouiert wurde; aber bedauerlich bleibt es immerhin, daß es derlei Individuen gibt, die die septischen Stoffe bilden, welche die Renaissanceperiode vergiften. Ich glaube, mit der Behauptung nicht fehl zu gehen, daß selbst m der Großgemeinde Wien die Eisperiode der christianisierenden Assimilation, und in der Schule die Szantosche deutsche Bibelleküre längst vorbei ist und einem mehr jüdischem Religionsunterrichte Platz gemacht hat. Bei uns in Lemberg können sich die jüdischen Eltern, deren Kinder Exreligionsunterricht um zwei Gulden per Semester genossen, dabei lobenswerte Noten der Unkenntnis in Religion zu erhallen pflegten und dieses glänzende Resultat ohne die geringste Anstrengung und Zeitopfer erreichten, noch immer nicht in der neuen Richtung, zurechtfinden welche wohl keine Geldopfer, dafür aber Opfer an Zeit erfordert. Die Müttersöhuchen flüchten sich in die schützende Oeffentlichkeit des „Slowo polskie“, wo sie über die Religionsquüler herfalleu, und mancher Knirps soll sich sogar in das rettende Naß des Taufbeckens verlaufen haben. Gewiß kein Schaden für unser Volk. Was abzufallen hat, wartet nicht erst auf den Herbst. Wie wir vernehmen, gedenkt Herr Dr. Byk eine Enquete, bestehend ans Religionsprofessoren und Rabbinern, behufs Ausarbeitung des Religionsunterrichtsplanes einzuberufen und wir können derselben ganz getrost entgegensehen. Der Hebraismus ist auf dem Wege! Das kündet die Strömung, welche sogar in weibliche Zirkel eindringt, die sich zur Pflege der hebräischen Sprache und jüdischen Geselligkeit zusammenfinden; das beweisen auch die zu gleichem Zwecke erstehenden studentischen Verbindungen der Mittelschüler. Es erübrigt uns noch, auf die Stellung des Vereines .. Schomer Israel" zu dieser Frage hinzuweisen. Obschon der Verein durch den Mund seines Präses seit einem halben Dezennium für den Hebraismus bei jeder Gelegenheit eintritt und in zahlreichen Diskussionen die Dringlichkeit desselben betont hat, glaubte derselbe dennoch die in so ungeziemender Weise aufgerollte Diskussion auch agitatorisch zu verwerten und beschloß in den diesbezüglich abgehaltenen Besprechungen folgende Resolution:

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