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Die Wahrheit · 1905-11-17 · Heft 44 (17.11.1905) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 44 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6, Die Wahrheit. Nr. 44. send er unglücklicher Menschen sehen, die nichts verbrochen haben, als daß sie anderer Abstammung, anderen Glaubens, anderer politischer Anschauung sind als die herrschende Klasse. Rußlands Der entfesselte Fanatismus des Pöbels feiert blutige Orgien, eine beispiellos dastehende Ausrottung ganzer Völkerschaften wird grausam betrieben. Der Genius der Menschheit verhüllt trauernd sein Angesicht. Für die zivilisierten Völker ist es beschämend, daß sie der grausamen russischen Menschenschlächterei zusehen, ohne auf ihr mahnenl es Gewissen zu hören. Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, einen flammenden Protest zu erheben. Der Landtag wolle daher beschließen: Die Vertreter des Landes Bukowina ohne Unterschied des Stammes, Glaubens und der Partei v e r u r t e i l e n das grausame Hinmorden im Zarenreiche und sprechen über die barbarische Entwürdigung der Menschheit ihre Empörung aus. Tiefe Bewegung herrschte im Hause und im Zufchauerraum, als Abgeordneter Dr. Strauch er den Antrag begründete und die furchtbaren Greueltalen schilderte. Der Landtag votierte einstimmig die Dringlichkeit und wies den Antrag an den Verfasfungsausschuß zur Berichterstattung während der gegenwärtigen Tagung. Die Revolution und die Iudenmetzeleir« in Rußland. Nicht die Sonne, sondern das düsterrote Feuer, das sich von einem Ende des Reiches bis zum anderen, von Finnlaiid bis zum Kaukasus, über Rußland mit furchtbarer Zerstörungswut hinwälzt, hat es an den Tag gebracht, was alle, die sehen können und wollen, längst gewußt haben, was aber jetzt den Blödesten überzeugen muß, daß nämlich die Judenmetzeleien von oben, von russischen Gewalthabern, arrangiert werden. Es wäre natürlich nicht im geringsten zu verwundern, wenn in dem allgemeinen Tohuwabohu, das zur Zeit in Rußland herrscht, auch Juden schwer zu leiden hätten, wenn auch sie beraubt würden und in mehr oder minder großer Zahl ihr Leben einbüßten. Aber in dieser hocheriisten und für das ganze russische Volk hochwichtigen Zeit, in der es sich um Sein oder Nichtsein der Dynastie, um Freiheit oder Sklaverei der ganzen Bevölkerung des Riesenreiches handelt, hat man Zeit und Sinn für aparte Judenmetzeleien. Allenfalls wäre noch zu verstehen, daß in den durch frühere Ereignisse berüchtigten antisemitisch besonders stark infizierten Orten ein Teil des Pöbels sich besonders die Juden als Opfer ausersehen hätte. Aber zu ungefähr gleicher Zeit, fast an demselben Tage, begannen in mehr denn fünfzig weit auseinanderliegenden Städten, zwischen welchen infolge des Eisenbahnstreiks und der Störung des telegraphischen Betriebes entweder gar keine oder doch nur eine sehr schwache Verbindung bestand, wie auf Kommando die schrecklichsten Judenverfolgungen. Etwas so selbstverständliches sind selbst in Rußland, auch dort wo die Macht der Finsternis am größten ist, Judenverfolgungen zumal in solchem Maßstabe doch nicht. In Odessa, Kischinew, Kiew, Minsk, Wilna und zahlreichen anderen Städten waren mit einem Male Judenberaubung und Judenmassakre die Losung des Pöbels. Und aus allen Städten fast wurde berichtet, diese Greuel seien vor sich gegangen, ohne daß Polizei und Militär einschritten, ja daß diese sogar die Ausschreitungen begünstigten. Aber noch mehr; in sehr vielen Orten wurden unter den Toten und Verwundeten verkleidete Polizisten gefutiden. Wie allen Verbrechern ist es auch der löblichen Polizei und der chevaleresken Soldateska ergangen. Es ist bekannt, daß die Verbrecher auch bei den mit größtem Raffinement geplanten Verbrechen stets irgend eine Kleinigkeit übersehen, was häufig zu ihrer Entdeckung führt. Die Herrschaften in Rußland hatten nicht daran gedacht, daß auch verkleidete Polizisten getötet und verwundet werden könnten und dann natürlich erkannt werden würden. In Warschau hatte die Regierung eine Judenhetze zu arrangieren gesucht und bei Trödlern Tausende von Kleidungsstücken zum Verkleiden von Polizisten und Pöbel gekauft, aber angesichts der entschlossenen Haltung aller Parteien, angesichts der Abwehrvorbereitungen der durch die Zeitungen gewarnten Juden ist sie von dem Vorhaben zurückgeschreckt. Einige agents provocateurs haben dabei trotzdem ihr Lebeu eingebüßt. Die Hoffnung der „Kreuzztg.", daß die Mitwirkung der Beamtenschaft schwer zu beweisen sein werde, ist demnach hinfällig. Die .meisten dieser Meldungen über das Verhalten der Regierung, bezw. Polizei und Militärverwaltung sind von seltener Uebereinstimmung, obgleich sie aus den verschiedensten Orten an die verschiedensten Zeitungen in den verschiedensten Läitdern gerichtet sind. Sogar die offiziöse Telegraphenagenrur hat sie nicht immer übergehen können. Die Londoner Times" sagt: Die Schlächtereien in Odessa übertreffen die vor Jahren von den Türken an den Armeniern begangenen Greuel. Im „Daily Telegraph" heißt es: Die Bluttaten in den russischen Städten stellen die Bartholomäusnacht und die Pariser Schreckensherrschaft in den Schalten. Dazu möchten wir nur bemerken, daß die Bartholomäusnacht lange her ist, d. h. zu einer Zeit stattgefnnden hat, da man von Humanität noch wenig wußte, daß die Pariser Schreckensherrschaft sich doch in der Hauptsache auf Paris beschränkte und daß die Türken Mohammedaner und nicht Christen sind. In Rußland wurde diese Mordwirtschaft im XX. Jahrhundert von christlichen Hütern der Ordnung geduldet, gefördert, inszeniert und im allergrößten Maßstabe durchgeführt. Und mm kommt das Erstaunlichste, das Unheimlichste, das Unwürdigste, und das haben wir bei den d e u t s ch e n und österreichischen Antisemiten zu suchen. Die „S ta a ts b ü rg erz tg." und ihr nach die ganze Sippe der österreichischen Äntisemitenblütter spricht von Judenverfolgungen in Anführungszeichen. Die haarsträubenden Metzeleien, über die Kannibalen erröten würden, scheinen ihr nur Neckereien zu sein, die man sich einer „inferioren Rasse" gegenüber schon erlauben dürfe, auch wenn matt zum allerniedrigsten und vertiertesten Pöbel gehört. „Diese „Judenverfolgungen", schreibt sie, „sind dahin zu verstehen, daß das zur Besinnung gekommene, am Zaren hängende Volk sich gegen seine Verführer auflehnt." Am folgenden Tage ist sie noch deutlicher und findet, daß die Bewegung sich naturgemäß gegen die Kreise, die den Aufruhr zum größten Teil in Szene gesetzt haben, gegen die Juden, richtet. Sie macht Witte den Vorwurf, daß er nicht früher gegen die Juden vorgegangen sei, und sie bezeichnet die jetzige Bewegung gegen die Juden als eine Revolution des zur Vernunft gekommenen national-russischen Volkes gegen seine Verführer. Also natürlich und v e r n ü n f t i g ist nach dem arischantisemitischen Blatte das, was eine Welt verabscheut. Dabei! vergißt das Blatt, daß der national-russische, am Zaren hängende Pöbel auch ebenso die Intelligenz bekämpft und bei der Blutarbeit keinen Unterschied macht zwischen Juden und Studenten. Zur Ehre der „Staatsbürgerztg." muß bemerkt werden, daß sie zu ihrer Roheit sich erst ermutigt gefühlt hat, nachdem ihr die „Kreuzztg.", das Organ des preußischen Junkertums, mit ähnlicher Weisheit vorangegangen ist. „Wenn sich eine Gegenrevolution erhebt," schreibt die „Kreuzztg.", in ihrer letzten Sonntagsnummer, „hat sie etwa keinen Anlaß, in den Juden die Führer der Revolution, also der das Land ruinierenden Streiks, Straßenkämpfe und Bombenattentate zu erblicken und sie in erster Linie zur Verantwortung zu ziehen?" Den Beweis, daß die Juden alles das verschuldet haben, was in letzter Zeit von einem Ende bis zum andern in dem russischen Riesenreiche vorgegangen ist, bleibt sie ebenso schuldig, wie die ..Staatsbürgerztg." Hätten die Juden eine so gewaltige Macht, notabene die armen, die gedrückten, die eingepferchten Juden in Rußland, so Ungeheuerliches zu vollbringen, dann wäre es fast staatsmännische Weisheit, mit einer Macht, die ein so kolossales Reich in allen seinen Grundfesten erschüttern kann, sich aufs engste zu befreunden, wie die staatsmännische Weisheit Englands sich schleunigst mit der Macht befreundet hat. die das verhältnismäßig leichtere, die Niederwerfung der russischen Militär- und Seemacht, zu Wege gebracht hat Aber die Juden besitzen diese Macht nicht. Die Bewegung, die. von Finnland bis zum Kaukasus sich erstreckt, und die ganze russische „Intelligenz" ergriffen hat, ist erklärlich genug auch ohne die I EH

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