Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 44 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44. Die Wahrheit. Seite 5. Hilfswerk gerne vier Heller monatlich spenden, und allen voran sollen unsere Führer, die Großen und Mächtigen diesen Armen Geld zu geben verpflichtet sein, statt ihren Peinigern! Oder will man wieder auf die Arbeit der Kosaken warten, die blut- und beutegierig auf das gehetzte Wild feuern? Die Kosaken scheinen sich von den Tagen Bogotan Chmelnickis (1648—1651) bis auf unsere Tage an Grausamkeit nicht geändert zu haben! Wie damals sich die Gebiete zwischen Kiew und Pultawa mit dem Blute der Gemordeten färbten, wie Kosaken, Tartaren und Russen sich damals verbanden, um die > polnischen und jüdischen Einwohner der Ukraine, Volhyniens und Podoliens mit ausgesuchten Martern abzuschlachten, so geschieht es auch heute 1905 den armen Juden! Damals waren in Starol unter 45.000 Ermordeten 12.000 Inden, in Podolien befand .sich unter 12.000 abgeschlachteten Juden der große Kabbalist Simson Ostropol. Noch heute ist der Unglückstag von Nemirow (20. Siwan) als ein vom gelehrten R. Sabbatei Cohn eingesetzter Fasttag bekannt. Doch genug dieser Klagen! Auf zur Tat! Ganz Israel muß sich vereinigen, um die Zukunft unserer armen Glaubensi brüder in Rußland freundlicher zu gestalten und ihnen ein! gastlicheres Heim zu verschaffen. Dr. L. Hirsch, Krumnu.! Protestkundgebungen gegen die j russischen Judenverfolgungen. j In einer am 15. d. M. stattgehabteu öffentlichen Plenarj sitzung hat der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde feierlich! Protest erhoben gegen die unmenschlichen Greuel, die an unseren! Glaubensbrüdern in Rußland verübt wurden. Der Vorsitzende j 1. Vizepräsident Dr. Gustav K o h n hielt folgende Ansprache Geehrte Kollegen! j ..Die heutige öffentliche Sitzung, welche leider in Abi Wesenheit unseres erkrankten Präsidenten Herrn Dr. Alfred I Stern abgehalten werden muß, ist der Trauer gewidmet. Wir j wollen in dieser Trauerversammlung zum Ausdrucke bringen die tiefe Entrüstung, den furchtbaren Abscheu, das schmerzliche Entsetzen, welche uns ob der grauenhaften Morde, Plünderungen, die an unseren russischen Glaubensbrüdern begangen wurden, erfüllen und die alle diejenigen erfüllen sollten, welche sich Menschen nennen, ohne Unterschied der Konfession.! Wir wollen Ausdruck geben dem Befremden, daß von j anderer Seite nur vereinzelt der Aufschrei des Schmerzes, der! sittlichen Entrüstung und Empörung sich vernehmen ließ, dem j Befremden Ausdruck geben, daß unsere Regierung und die! Mächte, welche bei Greueln von geringerem Umfange einzugreifen stets für gut befanden und befinden, in diesem Falle in stillschweigender Passivität sich verhalten haben und noch weiter verhalten. i Wir wollen es versuchen, in dieser öffentlichen Trauer- I Versammlung das schlafende öffentliche Gewissen ausznrütteln. j Sie wissen, sehr geehrte Herren, daß wir heute nachi mittags Tranergottesdienste in allen Bethäusern unserer Ge-! meinde angeordnet und veranstaltet haben. Wir wollen aber in! dieser öffentlichen Trauerversammlung auch eine Resolution fassen, welche alle diese Gefühle, alle die Wünsche, die uns Juden infolge dieser gräßlichen Vorfälle erfüllen, zum Ausj drucke bringen. j Ich bitte um bie Verlesung der Resolution, von welcher j ich hoffe, daß die gesamte Judenheit nicht zögern wird, sich! derselben und den darin zum Ausdrucke gebrachten Empfindungen j und Wünschen anzuschließen.! Die Resolution hat folgenden Wortlaut: j Wir Vertreter der Wiener Judenschast haben uns heute | versammelt, um im Namen derselben öffentlich Ausdruck zu j geben der aus tiefstem Herzen quellenden Empörung über die Duldung jener erschütternden Vorgänge in Rußland, welche gegenwärtig die ganze zivilisierte Welt mit Schrecken und Entsetzen erfüllen. Nicht mit jenen wollen wir rechten, die in tierischer Verkommenheit ihrem Blutdur st e und ihrer Raub sucht fröhnen; unsere Anklage gilt vielmehr jenen Faktoren, welche durch skrupellose Aufwühlung der Volksleidenschaften, durch unerhörte Nachgiebigkeit gegenüber dem Terrorismus fanatisierter Banden an entsetzlichen Greuelraten sich mitschuldig gemacht und sich als die intellektuellen Urheber surchtbarerSchandtatenmit unausrottbarer Schmach beladen haben. In unsagbarem Schmerze um die hingemordeten Märtyrer, in angstvoller Sorge um unsere unglücklichen Brüder in Rußland rufen wir die Mächte au, sich, wie sie es wiederholt bei anderen Anlässen getan haben, im Namen derZivilisation, desRechtes und d er G es i ttun g zu gemeinfam er Aktion zu vereinigen und die russische Regierung mit allem Nachdrucke an ihre Pflicht zu mahnen, dem wahnwitzigen Treiben, welches die schrecklichsten Vorgänge mittelalterlicher Barbarei in den Schatten stellt, Einhalt zu gebieten." Nach einstimmiger Annahme der Resolution wurde die öffentliche Sitzung, die besonders stark besucht war, geschlossen. Eine ähnliche Protestkundgebung hat der Lemberger Kultusvorstand unter dem Vorsitze des Reichsratsabgeordneten Dr. B y t veranstaltet und von weiteren werden noch folgende gemeldet: Paris, 14. November. Die Liga der Menschenrechte und die Gesellschaft der Freunde des russischen Volkes hielten gestern ein P r o t e st m e e t i n g gegen die M a s s a c r e s in Rußland ab. Es gelangte eine Tagesordnung zur Annahme, in welcher das Verhalten der russischen Regie r u n g, die nichts unternommen habe, um den Massacres der Intelligenz und der Juden Einhalt zu tun, g e b randmarkt und das russische Volk ermutigt wird, auf dem von ihm zur Erlangung freiheitlicher Einrichtungen eingeschlagenen Wege auszuharren. London, 14. November. In einer gestern in der Memorial Hall abgehaltenen Versammlung von Juden, in der gegen die Ausschreitungen gegen die Juden in Rußland Protest erhoben wurde, wurde folgendes Telegramm des Premierministers Balfour verlesen: „Die Regierung Sr. Majestät hat mit Bedauern und Schrecken von den Judenmasfacres gehört und bereits alle Maßregeln ergriffen, welche geeignet erscheinen, das Ungemach zu lindern." Aehnliche Telegramme waren von Lord Rosebery, C h a mb e r l a i n, A s q u i t h, Lord Rothschild, den Erzbischöfen von Canterbury und W e ft m i n st e r und anderen angesehenen Persönlichkeiten eingegangen. Krakau. Der hiesige Gemeinderat hat eine Protestkundgebung beschlossen, in welcher es heißt: ..Unsere Stammesgenossen in Russisch-Polen schenkten den Einflüsterungen des Religions- und Rassenhasses kein Gehör, ihre Hände blieben unbefleckt von den Ausschreitungen, deren barbarische Wildheit bei jedem Polen und Christen Entsetzen erregt." Czernotvitz, 14. November. Der Kultusrat der hiesigen jüdischen Gemeinde hat angesichts der Judenmasfacres in Rußland eine Protesterklärung erlassen, in welcher die barbarische Vernichtung von vielen Staatsbürgern in Rußland vor den Augen der Organe der staatlichen Gewalt in scharfen Worten gebrandmarkt und gesagt wird, daß es Pflicht der Regierungen ist, zu Gunsten der Unglücklichen in Rußland zu intervenieren, besonders aber sei es Pflicht der österreichisch-ungarischen Regierung, sich der Unglücklichen anzunehmen, weil auch viele ö st e r r e i ch i s ch e Staatsbürger dem Rauben und Morden prersgegeben sind. Diese Protesterklärung wird aus telegraphischem Wege dem Minister des Aeußern Grasen Goluchowski und dem Ministerpräsidenten Baron Gautsch und im schriftlichen Wege dem Bukowinaer Landespräsidenten v. Bleyleben mit der Bitte mitgeteilt, ihren Einfluß für die unglücklichen Juden in Rußland geltend zu machen. Czernowitz, 13. November. Im Landtag wurde ein von sämtlichen Parteien gezeichneter Dringlichkeitsantrag eingebracht, welcher ausführt: Entsetzen und Abscheu erfüllt uns, wenn wir das grausame Hin schlachten Tau-