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Die Wahrheit · 1905-11-17 · Heft 44 (17.11.1905) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 44 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 44. der die edle Fürstin das niederdrückende Gefühl der „Demütigung" noch nicht empfunden hatte. Der Brief, den Eduard Rahn in seinem Buche ..Die preußischen Fürsten und ihre Frauen" veröffentlicht, hat folgenden Wortlaut: „Des Königs Minister sind hart, sobald es sich um die Juden handelt. Mein Gott, nichts als Witzeleien! O, es ist unnötig, die armen Leute noch weiter zu kränken. Es liegt sehr, sehr viel Demütigendes für den menschlichen Stolz in dem Leben eines Juden. Es schneidet ins Herz, wenn man an den Ton denkt, den sich die Christen oftmals gegen die Juden erlauben. Wir sehen in den Juden auch die Menschheit in ihrem ungeschminkterl Zustande. Sie sind eben ihren Völkersitten treu geblieben — und es ist ein trauriger Gedanke um das Bewußtsein, daß wir Christen diesen Zustand verachten und sie zu uns hinüberziehen wollen. Bon der grauen Morgendämmerung des Mittelalteas bis jetzt war das Judentum eine Kette mit Gesetzen umsäumt. Die ganze heitere Welt, worin wir uns bewegen und vergnügen, machen wir für ihn zu einem Orte voller Fallstricke und Gefahren. Herr Minister, verhärten Sie das Herz meines künftigen Gemahls nicht!" Dieser Brief ist ein Zeugnis für den hohen, edlen Sinn der erhabenen Fürstin und es wäre sehr zu wünschen, daß er auch bei den gegenwärtigen Regiernngsmännern in Deutschland Beherzigung fände. * * In der „Humanits", dem Blatte Jaurss, führt der Deputierte R o u a n e t eine Campagne gegen die Verwaltung der französischen Kolonien in Afrika. Tag für Tag enthüllt er die gräßlichen Mißhandlungen der schwarzen Eingeborenen und seine Anklagen sind auf das vertrauenswürdigste Aktenmaterial gegründet, nämlich auf die Feststellungen der vom verstorbenen Forschungsreisenden Brazza geführten Untersuchung. Als ein interessantes Fakrum hebt Rouanet hervor, daß einer der grausamsten Beamten ein gewisser Bidaine war, der ehemals der Führer der Antisemiten von Oran war. Bidaine, der ganze Hekatomben von Pahum-Negern hinschlachtete und, wenn die Steuern nicht nach Wunsch einliefen, die Dörfer niederbrannte, wofür er mit einem raschen Avancement belohnt wurde, hat ehemals in den Straßen von Oran den maltesischen und spanischen Pöbel bei der Erstürmung und Plünderung der jüdischen Geschäfte angeführt. Dieser merkwürdige Beamte hat überhaupt eine bewegte Vergangenheit. Er ist ein gebürtiger Belgier, der nach seiner Desertion in der französischen Fremdenlegion Dienste nahm. Als er diese verließ, fand er eine bescheidene Schreiberstelle beim israelitischen Konsistorium. Da kam der Antisemitismus auf und Bidaine warf sich inseine schmutzigen Wellen, die ihn rasch emportrugen. Er gründete eine Zeitung, die durch ihre Nichtswürdigkeit eine gewisse Berühmtheit erlangte. So eröffnere er eines Tages eine Sammlung, um einem Pferd ein ruhiges Alter zu sichern, das einen jüdischen Offizier namens Dreyfus abgeworfen und zu Tode geschleift hatte. Bidaine nannte dieses Roß in seinem Aufruf ein ..edles Tier". Während eines Wahlkampfes zwischen den Republikanern und den Antisemiten schrieb er: „Wenn die Liste des Konsistoriums gewählt wird, so wird es am Sonntag abends in Oran nicht einen einzigen Juden geben, oder vielmehr wird es doppelt so viel als heute geben, da man sie entzweischneiden wird." Aber nach einiger Zeit verschwand der Edle vom Schauplatz seiner rühmlichen Tätigkeit, nachdem er mit Hilfe der ihm günstigen Gerichte vergebens versucht hatte, von seinen Gläubigern einen Ausgleich auf 1 75 Prozent zu erwirkend Er sah sich sogar strafrechtlich verfolgt, doch verschaffte ihm die Protektion eines hohen Richters die Einstellung des Verfahrens wegen angeblicher Verjährung. Ja, er bekam sogar eine Beamtenstelle in , der Kolonialverwaltung, die er in der bezeichneten würdigen Weise ausfüllte. Rouanet meint mit Recht, daß der Geist, der die Negermassakres hervorbringt, derjenige ist, der den Antisemitismus geschaffen hat. Für Misere Drnder m ttustland. „Gedenke, o, Herr, wie weh uns geschehen!" Selten ist die gesamte Kulturwelt so tief erschüttert worden, wie durch die jüngsten Greuel einer bestialischen Rotte, die jedes Gefühls bar ist und jede Religion schändet. Man nennt die blutigen Verfolgungen des Mittelalters einen Schandfleck der Geschichte, um wie viel mehr sind aber diese Frevel, die jetzt in Rußland an der Menschheit begangen wurden, zu verurteilen! Man sucht in den Blättern der Geschichte vergebens nach Analogien. Solche Greuel sind weder unter Hadrian noch während der Kreuzzüge vorgekommen, wenn man nicht etwa die a.8oro haruge malclmt, jene zehn Märtyrer, die unter den entsetzlichsten Qualen für den Ewigen Zeugnis abgelegt haben, hier anführen wollte. Trauernd muß der Genius der Menschheit sein Haupt verhüllen und in erschütternde Klage ausbrechen über all der Kinder, Frauen, Greise und Männer, die ihres Glaubens wegen zerhackt, zerrissen, zu Tode gemartert, des Augenlichtes beraubt und für immer unglücklich gemacht worden sind. Wie töricht sind die Menschen, wie verblendet jene, die solche Schandtaten nicht nur nicht hindern, sondern sie fördern und mitbegehen! Wissen sie denn nicht, daß sie sich damit auch gegen den Stifter ihrer Religion und gegen die Apostel aufs schwerste versündigen? Möchten doch alle Priester der Kirche das Reich Gottes fördern, indem sie vor allem immer wieder die Gläubigen auf das Evangelium verweisen, das sie lehrt: „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst!" Diese Grundgesetze der Bibel, die wiederholt von den Evangelisten eingeschärft werden, sie könnten das Volk vor Ausschreitungen auch gegen jenes Volk bewahren, das ihnen Jesum und die Apostel gegeben! „Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz aufzuheben, sondern es zu erfüllen," so sagte Jesus und so sollten seine Priester ihre Gläubigen lehren! Wie anders aber gestaltet Haß, Neid, Lüge und Verleumdung die herrlichsten Lehren, wie verdunkelt Rassenhetze und Eigendünkel das herrlichste Licht! Wir können leider nicht aufatmen, denn unseren armen Brüdern in Rußland ist nicht durch momentane Unterstützung geholfen, sondern durch die Darbietung einer Gelegenheit, dies grausame Land zu verlassen. Wo seid Ihr, die Ihr für der Menschheit Wohl arbeitet, Ihr Mächtigen, Großen, die das Geschick zu bedeutendem Werke erkoren? Befreit diese Aermsten aus dem Lande der Leiden, gebt ihnen die Möglichkeit. Menschen unter Menschen zu sein, schafft ihnen ein Stück Land, wo sie ihr müdes Haupt ruhig niederlegen können, ohne Furcht, von zügelloser Blutgier eines verhetzten, vertierten Pöbels zerrissen zu werden! Jetzt ist es Zeit, ein gottgefälliges Werk der Befreiung zu stiften und Allen, Allen, die aus der Tiefe des Elends rufen, zu einer neuen Heimat zu verhelfen, rvo immer guter Rat und bewährte Einsicht die Unglücklichen hinberuft! Rufen, rufen diese Armen und Gehetzten, das ist Pflicht aller Menschen ohne Rücksicht des Glaubens. Und wenn wir jeder unser Scherflein beitragen, sollen wir auch darauf bestehe n, daß man ehestens diese Unglücklichen sortbringe. um sie in einem anderen Lande zu neuem Leben zu erwecken! Oder will man wieder nur dort für kurze Zeit das Elend lindern, wo es immer wiederkehren wird? Verhängnisvoller Irrtum! . Das ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären!" Als wir mit Entsetzen die Gräuel von Kischinew lasen, glaubten wir wirklich damals an ein Ende? Nein! Jeder Unbefangene wußte, daß das böse Beispiel Kruschewans nie vergessen, sondern zur rechten Zeit immer wieder den blöden Massen als .Gegenrevolution" in Erinnerung gerufen würde! Wir machen uns mitschuldig, wenn wir nicht unseren Brüdern helfen, freundlichere Gestade zu erreichen, menschenleere Gegenden mit arbeitsamen Menschenkindern zu besiedeln. „Es achai ani mewakesch.“ „Meine Brüder suche ich!" müssen auch wir mit Josef rufen. Besitzen die Juden auch nur einen Teil der ihnen von ihren Gegnern angedichteten Solidarität, so werden sie leicht überall Vereine gründen, die auch dem Aermsten ermöglichen, mit kleiner Gabe, sagen wir mit nur wenigen Hellern monatlich, nach Belieben und Vermögen einen großen Hilfsfond zu schaffen. Wenn von den 11 Millionen Juden nur die Hälfte sich beteiligt und jeder monatlich je vier Heller beiträgt, welch eine Summe könnte da zur Hilfe bereit liegen! Da könnte man das schönste Opfer vor Gottes Altar der Menschen- und Bruderliebe bringen und viele befreien. Darum gehe man mutig ans Werk und gründe Ortsgruppen für die unterdrückten, zu Tode gemarterten Brüder! Selbst der letzte Hausierer wird zu diesem

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