Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 44 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063265-3063309--03944-3070745- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Wahrheit Redaktion u. Administration: Wien, II/, Rovaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. Inserate 2» Hell, per Nonpareille-Zeile. Avakhängige Heiischrift für jüötsche Gerngspyeis: Ganzjährig ... ff. i*.— Halbjährig ... ff. 6 — Interessent Für Cultusbeamte: Ganzjährig ... ff. >» — Abonnementsn. Jnseitious- Erscheint jeden Areitag. Für Ausland: betrage sind in Wien zahlbar Ganzjährig ...» Mark und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 6 Rubel oder it> Fcs. Ar. 44 Wien, 17. November 1905. Anhalt: Aus der Woche. — Für unsere Brüder in Rußland. — Protestkundgebungen gegen die russichen Judenverfolgungen. — Die Revolution und die Judeumetzeleien in Rußland. — Im Zeichen der Renaissance des Judentums. — Moses Kapsali und seine Zeitgenossen. — Verschiedene Rachnctiten. — Feuilleton: Der Emigrant — Gesänge von einst und jetzt. — Ein jugendlicher Chormeister. Ans der Woche. Die Vorgänge in Rußland stehen noch immer im Mittelpunkte des öffentlichen Jnteresfes und während die großen jüdischen Organisationen in Europa und Amerika bereits an der Arbeit sind, um dem Jammer und Elend, das die schrecklichen Judenmassakres angerichtet haben, brüderlich beizustehen, findet ihr Hilfswerk an den Protest- und Entrüstungskundgebungen, die aus allen Teilen der zivilisierten Welt gemeldet werden, eine wirksame moralische Unterstützung. Ueberaus bemerkenswert ist die Aeußerung des päpstlichen Nuntius in Wien, des Fürsten Belmonte, der die russischen Greuel mit folgenden Worten geißelte: „Es ist wohl selbstverständlich, daß ich diese entsetzlichen Greueltaten verdammen muß. Ich tue es als Mensch und als Priester und bedauere es tief, daß der Fanatismus solche un men schlicheFormenanzu nehmen! vermag. In unserer so tief aufgeregten Zeit halte ich es insj besondere für die Aufgabe aller Priester, wo immer solche j fanatische Regungen entstehen, sie im Keime zu ersticken. ' Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß Judenverfolgungen \ dem Geiste des Christentums entgegen sind. Die Päpste haben sich im Laufe der Jahrhunderte wiederholt gegen Ausbrüche des Fanatismus, die sich etwa gegen die Juden kehrten, ausgesprochen. Ich erinnere auch daran, daß der nunverstorbene Kardinal Manning, Erzbischof von Westminster, eine Zierde unserer Kirche, vor nicht so langer Zeit, als es auch damals Judenverfolgungen in Rußland gab, seine Stimme gegen die Unterdrücker utid zu Gunsten der Opfer dieses Fanatismus erhob. Wer nun sollte darüber anders denken, wenn er solchen Entweihungen alles menschlichen Empfindens gegen über steht? Zu dem. Abscheu vor dieser Grausamkeit muß sich heute j das tiefste Mitleid mit den Opfern gesellen, und Erbarmen muß j sich regen in allen fühlenden Seelen.! Wie gesagt, die Kirche kann von dem Standpunkte der! allumfassenden Liebe aus solche unheilvolle Taten nur mißbilligen. An den Dienern der Kirche ist es allerwärts, wo immer die Wogen erregt sind, Oel auf dieselben zu schütten. Diese Mission der Liebe muß in allen Zeiten unter allen Umständen erfüllt werden. Es ist auch zu spät, daß sie erst dann einsetze, wenn grausame Taten schon geschehen sind. Der liebevolle Priester, der seiner Mission sich bewußt ist, darf den! Fanatismus gar nicht aufkommen lassen.! Auch in Oesterreich-Ungarn, wo derzeit die Wogen der nationalen und sozialenKonflikte hoch gehen, ist es die Aufgabe der Diener der Kirche, mildernd und sänftigend auf die Kämpfenden einzuwirken und liebevoll zwischen den streitenden Teilen auszugleichen. Der Priester muß sich dem Heil aller Seelen mit gleicher Kraft weihen und darf nicht dem ausschließlichen Interesse einzelner Parteien dienen." * # * Während die ganze Welt ihr Mitleid für die unglücklichen jüdischen Opfer offen bekundet und sich mit sittlicher Empörung gegen die Urheber dieser furchtbaren Grausamkeiten wendet, versucht die entartete antisemitische Preßbande noch immer die Märe zu verbreiten, daß die unmenschlichen Schlächtereien von den russischen Juden selbst verschuldet sind und nunmehr nur gerechte Vergeltung für ihre revolutionären, staatsfeindlichen Umtriebe an ihnen verübt werde. Für die Niedertracht und Lügenhaftigkeit der antisemitischen Verleumder gibt es keine klassischeren Zeugen, als die höchste kirchliche Behörde in Rußland, die russische Synode, die in einem Aufrufe an die rechtgläubige Bevölkerung die Ausschreitungen gegen die Juden verurteilte, und den Bischof von Wilna, Dr. Ro pp, der in seinem jüngst erlassenen Hirtenbriefe schrieb : „Wer dem Gebote Gottes: ..Morde nicht!" zuwiderhandelt, dem steht Exkommunikation und ewige Verdammnis bevor." * „Die Lüge hat kurze Beine." Dieses Sprichwort bewahrheitete sich auch an einer wahrscheinlich von antisemitischer Seite verbreiteten Meldung, daß Maxim Gorki gelegentlich der Judenexzesse einen antisemitischen Aufruf unterzeichnet habe. Als Antwort auf diese Mystifikation veröffentlichte Gorki in feinem Blatte „Rewoluzijonnaja Roßija" einen Artikel, in welchem es unter anderem heißt: „Die schrecklichen Gewalttaten, die gegen die Juden verübt werden, sind die Schmach Rußlands und erregen die Empörung der ganzen Welt. Menschen, die sich Christen nennen und an den Gott der Liebe glauben, morden die Mitglieder des Volkes, welchem Christus e n t st a m ni t e. Schmach und Fluch über diese Kains. In wem ein Funke von Menschlichkeit ist, komme den Unglücklichen zu Hilfe. Für einen wahren Menschen gibt es keine Juden und Christen, sondern nur Brüder und Menschen." In einer Zeit der konfessionellen Gegensätze verdient ein Brief der Königin Luise bekannt zu werden, der, obgleich vor mehr als hundert Jahren geschrieben, heute an aktuellem Interesse noch nichts eingebüßt hat. Der Brief Luisens an ihren königlichen Bräutigam war in einer Zeit geschrieben, in