Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 43 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43. Die Wahrheit Seite 9. Mächtigsten erzittern, da brach. auch die neue Zeit für unsere Muttersprache an. Sie hat kommen müssen, sowie der Tag der Nacht folgen muß. Ein großer Teil des jüdischen Volkes beginnt das Unrecht einzusehen, daß es so lange an seiner Muttersprache verübt, es sieht den Schaden ein, den seine Verblendung verursacht hat. Männer, wie der bekannte Verfasser von „Die Juden der Gegenwart", Arthur Ruppin, der Redakteur des Berliner Journals „Die jüdische Rundschau", Heinrich Löwe und noch andere Westjuden, welche der jüdischen Sprache ganz ferne stehen, anerkennen heute die Wichtigkeit der jüdischen Sprache. Eine der größten jüdischen Organisationen', der „Bund", fordert in seinem im vorigen Jahre veröffentlichten Programme, „das Recht sich in allen staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen neben der Staatssprache der jüdischen Sprache ^u bedienen". Dasselbe Ziel erstrebt auch ein großer Teil der Zionisten, besonders die „Poale Zionisten". In New-Iork, dem größten jüdischen Zentrum, ist ein jüdischer Literaturverein gegründet worden, dessen Statuten folgendermaßen beginnen: „Wir betrachten die jüdische Sprache nicht als ein einstweiliges Mittel, um Kultur im Volke zu verbreiten, sondern als eine nationale Sprache." In Rumänien sind in der letzten Zeit mehrere Vereine mit ähnlichen Zielen entstanden. Für dasselbe Prinzip hat der berühmte Dichter Abraham Reisen in seinem Journal .„Das jüdische Wort" gekämpft und dieser gerechte Gedanke hat in dem bekannten Schriftsteller und Denker Mathias Acher einen warmen Verteidiger gefunden. Ueberall regen sich die Hände, überall wird für unsere Sprache gearbeitet. Sollten wir Studenten, die wir die Blüte der Nation genannt werden, stumm und blind abseits stehen? Wir müssen uns, mehr als die anderen, aus die Brust schlagen, denn niemand hat so sehr gegen unsere Muttersprache gesündigt als wir. Wir haben uns ihrer geschämt, wir haben sie verspottet — unsere Sünde ist grenzenlos. Doch die Reue kann keine Hilfe bringen. Dies erkennend, haben wir, eine Anzahl von Studenten der Wiener Hochschulen, uns zu .einem akademischen Vereine „Jüdische Kultur" vereinigt. So wollen wir .unsere Schuld gutmachen. Wir hoffen, daß wir bei der Arbeit für unsere Muttersprache nicht allein bleiben werden und daß jeder, der sich als Jude fühlt, sei er nun Student, Bürger oder Arbeiter zu unserer Fahne schwören wird, um für die jüdische Sprache zu kämpfen. Wir wollen hoffen, daß in kurzer Zeit in ganz Osteuropa viele solche Vereine entstehen werden, die der jüdischen Sprache ihre Aufmerksamkeit widmen werden, da ja die Sprache die Grundlage jeder Kultur ist. Der wichtigste Faktor, der ein Volk bildet, ist die Sprache und avehe dem Volke, das sie nicht pflegt. Der akademische Verein „Jüdische Kultur", Wien, II., Obere Donaustraße 63. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Predigten.) Freitag-Abends, den 10. November a. c., hält Herr Rabbiner Doktor David im Leopoldstädter Tempel, Herr Rabbiner Dr. G r u n w a l d im Fünfhauser und Herr Rabbiner Dr. Bach im Ottakringer Tempel eine Predigt. Beginn des Gottesdienstes 5 Uhr 10 Minuten. Wien. (Hilfsaktion der „Israelitischen Allianz für die Opfer der Massakres in Rußland.) Die der „Israelitischen Allianz" zugegangenen zahlreichen Privatmeldungen, telegraphischen und brieflichen Darstellungen über die furchtbaren, namentlich im Süden Rußlands verübten Greuel bestätigen leider im vollen Umfange die durch die Tagesblätter bekannt gewordenen Einzelheiten, sowohl über die Massenmorde, die unter vollkommener Duldung und teilweise sogar unter Mithilfe der Polizei und des Militärs verübt wurden, wie über die unerhörten Dimensionen der Verwüstungen und Plünderungen. Die Not ist eine unsägliche. In einer sofort berufenen Sitzung des Ausschusses wurde beschlossen, einen Aufruf zu Gunsten der Opfer der Exzesse in den Tages¬ und Wochenblättern zu veröffentlichen und zur Linderung der momentanen Not unverzüglich aus den Mitteln der „Allianz" einen namhaften Betrag flüssig zu machen. Es muß mit Bestimmtheit erwartet werden, daß sämtliche Filialen der „Allianz" sowie sämtliche Knltusgemeinden und Vereine in Österreich wetteifern werden, im Bestreben, unseren so schwer geprüften Glaubensgenossen im Zarenreiche durch eine wirksame Förderung der von der „Allianz" eingeleiteten Hilfsaktion ihre Sympathien und ihre warme Teilnahme kundzugeben. Wien. Donnerstag, den 7. d. M. besuchte Se. Majestät der Kaiser das Heim für obdachlose Familien im XX. Bezirke. Präsident Gemeinderat Z i s f e r e r empfing an der Spitze des Ausschusses den Kaiser und richtete an ihn eine Ansprache, in der er unter Hinweis auf die Intentionen des Kaisers der Tätigkeit des Heims während seines dreijährigen Bestandes gedachte. Der Kaiser erwiderte: „Es freut Mich sehr, dieser ebenso humanen wie patriotischen Anstalt einen Besuch abzustatten. Ich wünsche nur, daß noch mehrere solcher Anstalten entstehen, und daß sie alle zur Linderung des Elends beitragen. Im Verlaufe des Cercle wurden Prokurist E. Horner vom Hause S. M. Rothschild und der Präsident der Akademie der Wissenschaften Profeffor S u e ß in ein längeres Gespräch gezogen. Dem Prokuristen Horner gegenüber, der das Heim als Schöpfung des Philanthropischen Vereines bezeichnete, äußerte sich der Kaiser mit Worten huldvollster Anerkennung über all das, was seitens des Hauses Rothschild in humanitärer Beziehung geleistet werde. „Diese gnädige Anerkennung Eurer Majestät wird meinen Chef beglücken," entgegnete Herr Horner. „Besonders viel ist," fuhr der Kaiser fort, „nach dem Ableben des Baron Nathaniel Rothschild geschehen. Wie viel ist bereits verteilt worden?" Herr Horner: „An humanitäre Stiftungen wurden bisher 2 Millionen Kronen verteilt." D^r Kaiser erkundigte sich noch nach der 20 Millionen Kronen- Stiftung für Nervenkranke und vernahm mit lebhaftem Interesse, daß das Jnslebentreten dieser Stiftung großer Vorarbeiten bedürfe und daß bereits Gutachten hervorragender europäischer Nervenärzte eingeholt worden seien. In nicht allznlanger Zeit werden jedoch, setzte Herr Horner hinzu, die letzten Schivierigkelten, die hauptsächlich darin bestehen, die Grenzen zwischen Geistes- und Nervenkrankheiten zu fiiiden, gelöst sein. Der Kaiser richtete sodann ewige Fragen an den Präsidenten Professor S u e ß über das Tätigkeitsgebiet der Akademie der Wiffenschast. Vom Ausschüsse wurden die Herren: Dr. Daum, Dr. v. Jaksch, die Kommerzialräte O r e l niid B u n z l, die Magistatsräte A s p e r g e r und G r a b a n e r, Industrieller Max M a n d l, Dr. Spieler. Architekt E. v. G o t t h i l s, Kassier Stein grab er und kais. Rat Liechtenst a d t durch Ansprachen ausgezeichnet. Nach einem kurzen Rundgang verließ der Kaiser das Heim, nachdem er nochmals seine vollste Befriedigung ausgedrückt hatte. Wien. (Jüdisches Museum.) Die Eröffnung des „Jüdischen Museums" sinder Samstag, 11. November, 11 llur vormittag, statt und werden, während der Winlersaison die Saininlnngeu stets Samstag, von 11 bis 1 Uhr mittags und Sonntag von 3 bis 6 Uhr nachmittags geöffnet sein. Der Eintritt findet kostenfrei statt. Im Lause dieses Jahres sind dem jüdischen Museum eine große Anzahl von Geschenken zugekommen, unter welchen hervorgehoben werden sollen. Neue Beiträge des Dr. S. W eissenberg (Rußland) zur Vergrößerung der seinen Namen führenden im'Museum ausgestellten Sammlung von Objekten zur jüdischen Volkskunde: Gegenstände für den rituellen Gebrauch aus Silber, Bronze, Mcffing und anderen Metallen, aus Holz, Horn u. s. w. Urkunden aus Pergament, Geschenke des Herrn Wilhelm Freyberg; Bronze-Medaillen von Herrn Wilhelm P app e n h e im; Silbermünzen von Siegfried Liebers in Prag und Wilhelm N i e d e r h o sh e i m in Wien; Abklatsche von Grabsteinen in Palästina von Reverend Hechler, englischer Botschastspsarrer; ewe Sammlung von Ausnahmen und Zeichnungen der Synagoge in Worms, ferner der alten Synagoge und des Judenbades in Speyer von dem Mitgliede des Kuratoriums Herrn Abraham Epstein; seltene und wertvolle Kupferstiche von Herrn Architekten Oskar Marmorek; Portraits von den Herren Dr. Arnold A s ch e r, Julius Rosenseld und Frau Sophie von B o r k e n a u in Wien. Schadai aus Gold, spanische Arbeit, vom 17. Jahrhundert, Geschenk des Herrn Salo Cohn. Jüdische Grabsteine ans dem 15. Jahrhundert, gefunden beim Baue der k. u. k. Hofburg in Wien, Geschenk des k. u. k. O b e r st h o f m e i st e r - A m t e s. Wien. Samstag nachmittags 4 Uhr war das israelitische Versorgungshaus im 9. Bezirk, Seegasse Nr. 9, der Schauplatz einer erhebenden Feier. Das Ehepaar Jakob und Johanna S ch i m m e r l i n g, welches sich erst seit Mai d. I. in dem Bersorgungshause befindet, beging sein goldenes Hochzeitsfest. Die Feier fand in der Anstaltskanzlei statt, woselbst sich eingefunden hatten: in Vertretung der Kultnsgemeinde der Obmann der Bersorgungshaus-Kommissiou Vorsteher Salo Cohn, die Präsidentin ' des Damenkomitees Frau Jda Diamant, der Armenreserent des Wiener Magistrates Rat A s p e r g e r im Aufträge und in Vertretung des Bürgermeisters Dr. Lueger, dann Gemeinderat Ziffer er, der Redakteur der Rathauskorrespondenz Ei gl, Obmann S ch w arz und Vorstandsmitglied Fuchs vom Vereine zur Bekleidung armer alter Männer, Primarius Dr. Jnfeld mit den Anstaltsärzten, Verwalter Kodizek nnd Frau, von den Familienangehörigen des Jubelpaares Oberkantor Bauer, Herr Salomon Bauer, Herr Julius Beck, Frau Mathilde Lazarus und Frau Eugenie Lichtmeß u. A. Vorsteher Salo Cohn eröffnete die Feier mit einer Ansprache, in welcher er namens des Aufsichtsrates der Anstalt den Vertreter des Bürgermeisters begrüßte und mit warmempsundenen Glückwünschen dem Jubelpaar das Ehrengeschenk der Kultusgemeinde (50 K) überreichte. Dann ergriff Magistratsrat Asperger das Wort, welcher in Vertretung des Bürgermeisters und in dessen Auftrag die Glückwünsche der Stadt Wien und das übliche Ehrengeschenk (50 Kronen) überbrachte. Dann sprach Gemeinderat Zifferer namens der Bezirksvertretung des neunten Bezirkes, und Obmann Schwarz namens des Vereines zur Unterstützung und Bekleidung armer alter Männer. Oberkantor Bauer, ein Nesse des Jubelpaares, beglückwünschte dasselbe namens der Familie, dankte auch den anwesenden Persönlichkeiten und Vertretungen und schloß init dem Vortrag eines hebräischen Segensspruches. Nach der Feier besichtigten die Vertreter der Gemeinde Wien unter Führung der Funktionäre das außerordentlich gut eingerichtete Versorgungshaus und die damit verbundene Siechenabteilung, welche zusammen 245 Personen verpflegen. Wien. In Neutitschein findet am 15. d. M. die Trauung des Fräulein Ella Herz mit Herrn Jakob Schiller, Sohn des Ersten Kantors der Wiener Kultusgemeinde. Herrn Jsak Schiller, statt. Wien. Sonntag, den 5. d. M., fand im Stadttempel die Trauung des Frl. Irma G o l d s a n d t, Tochter des Herrn Michael Goldsandt, mit Herrn Hermann G o l d st e i n statt. Zu derselben hatte sich ein zahlreiches Publikum, nebst Vertretungen der Vereine zur Beüeidung alter Männer, „Montefiore" rc. eingefunden. Den Trauungsakt vollzogen Rabbiner Dr. Bach und Erster Kantor Fuchs. Wien. Donnerstag, den 15. d. M.. 1jaö Uhr nachmittags, findet wie alljährlich das Bekleidungsfest des „Vereines zur Bekleidung armer