Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1905-11-10 · Heft 43 (10.11.1905) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 43 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063265-3063308--03936-3070736
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 8. Die Wahrheit Nr. 43. nicht viel die Rede. Durch glückliche Verhältnisse war in diesem Jahre die Möglichkeit geboten, das Bildungsheim zu neuem Leben zu erwecken. Eine angesehene Persönlichkeit des Bezirkes, in den Kreisen der Bnei-Brith bekannt, hatte diese für das Bildungsheim zu interessieren verstanden. Die Verhandlungen waren auf dem besten Wege, zu einem gedeihlichen Abschlüsse zu gelangen. Da, fast über Nacht, scheiterten sie an dem Widerspruche -einer Idee! Der Vorstand des ^Bildungsheims" hatte in seinen Vorstand ein Mitglied gewählt, das in der Toynbee-Halle eine hervorragende Tätigkeit entwickelt hatte und zu denen gehörte, die man im vorigen Jahre nicht wieder gewählt, weil die Zionisten nicht beliebt waren. Seitens mehrerer im 15. Bezirke wohnenden Bnei-Brich-Mitglieder aber war erklärt worden, daß wenn der Vorstand des Bildungsheims auf dieser Persönlichkeit verharre, die Bnei-Brnh-Loge an die Gründung einer eigenen Toynbee-Halle auf nichtzionistischer Grundlage schreiten werde. Und so geschah., es! Allerdings sind es vorläufig nur sogenannte Wandervorträge, aber die Hauptsache, das Konkurrenzunternehmen war fertig. Und nun fragen wir: War das notwendig? Selbst den Fall angenommen, jener Herr, um den es sich handelt, hätte der Toynbee-Halle jene allgemein gewürdigten Dienste nicht geleistet — muß die Bnei-Brith-Loge sich zum Sturmbock gegen den Zionismus hergeben? Muß sie das tun auf Kosten des Friedens in einem Bezirke? Sind denn unter ihren Mitgliedern keine Männer, die den Heißspornen den alten jüdischen Prophetenvers entgegenhalten: Halau. ow eeliod lechulomi?. . . Muß sich Bruder gegen Bruder wenden — lechallel berith awaussenu, einen chillul baschem großzuziehen? ... Wenn — und das ist gewiß anerkennenswert — die Toynbee-Halle im 15. Bezirke — oder in anderen — Filialen eröffnen will, fo hat sie doch zuerst die Pflicht, die bereits bestehenden gleichartigen Vereine zu stützen, ihre Fortdauer zu sichern, aber nicht das Gegenteil! Und wenn wir — ohne von dem betreffenden Vereine dazu beauftragt zu sein — hiermit, wie man sagt, die Flucht in die Oeffentlichkeit unternehmen, so geschieht es lediglich von dem einen Wunsche beseelt, daß man bedenken möge, ehe es zu spät ist! Iwri. Aus der Wiener Kultusgemerirde. (Aus der Plenar-Sitzung des Kultusvorstandes vom 5. November 1905, unter dem Vorsitze des I. Vizepräsidenten Dr. Gustav K o h n. Beginn 10 Uhr vormittags.) Vor Uebergang zur Tagesordnung berichtet der Vorsitzende, daß in dem Befinden des erkrankten Präsidenten, Herrn Doktor Alfred Stern, eine wesentliche Besserung eingetreten sei und daß derselbe in kurzer Zeit wieder völlig hergestellt sein werde. Die Mitteilung wird mit lebhafter Befriedigung zur Kenntnis genommen. Mit Rücksicht auf den Bauzustand des Gemeindehauses, I., Seitenstettengasse 4, welcher eine Weiterbelassung der im dritten Stockwerke dieses Hauses untergebrachten Gemeindebibliothek untunlich erscheinen läßt, wird die Verlegung der Bibliothek in das erste Stockwerk des Gemeindehauses, H., Ferdinandsstraße 23, beschlossen. Hierbei wurde ausgesprochen, daß diese Verlegung nur als Provisorium anzusehen sei und die seinerzeiüge Rückversetzung der Bibliothek im Auge behalten werde. lieber Antrag der Komn^ssion für Unterrichtsangelegenheiten wird die Abhaltung von sechs, eventuell acht Vorträgen aus jüdischer Geschichte und Literatur für Erwachsene, weiters von sieben Vorträgen für die reifere Jugend in den Wintermonaten 1905/06 beschlossen. Das Zinsenerträgnis des Hayum S. G o l d s ch m i d 1 schen Legates pro 1905 im Betrage von rund K 47.000 wird an die im Vorjahre beteilten Institutionen aufgeteilt. Nach Erledigung weiterer Süstungsangelegenheiten, sowie nach Beschlußfassung über Personalien und Steuerangelegenheiten wird die Sitzung gegen 2 Uhr mittags geschlossen. Spenden. Dr. Alphons Thor sch anläßlich des Ablebens des Herrn Philipp- Thorsch zur Verteilung an würdige israelitische Arme X 4000. Julie Trebitsch zur Erinnerung - an ihren seligen Gatten, Herrn Sigmund Trebitsch, für wohltätige Zwecke X 1000. Alfred Schwarz aus dem Nachlaße seiner Mutter, der sel. Frau Henritte Schwarz: für den Frauen-- wohltätigkeitsverein, 1., Seitenstettengasse 2, X 200, für das israelitische Blindeninstitut „Hohe Warte X 200, zur speziellen Verfügung des Herrn Oberrabbiners Dr. Güdemann für wohltätige Zwecke X 150, zusammen X 550. Ludwig Brettauer anläßlich der diessährigeu hohen Feiertage zur Verteilung an besonders Dürftige X 500. Friedhofamtsleiter Wilhelm F.reistadt und Friedhofsbeamter Heinrich E n g e l für: die Chewra- Kadischa, die Armenanstalt, den Waiseuverein. den Präsidialsonds für Armenunterstützung je X 100, zusammen X 400. Moriz Edl v. Kuffner anläßlich der diesjährigen hohen Feiertage für die Armen der Bezirke XVI und XVII X 200. Sigmund Mandl anläßlich der diesjährigen hohen Feiertage: für die israel. Armenanstalt X 50, für den Verein zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten X 30, für das israel. Blindeninstitut X 25, für das israel. Tanbstummeninstitut X 25, für den Verein zur Unterstützung und Versorgung hilfsbedürftiger Waisen X 50, für die israel. Speiseanstalt X 20, zusammen X 200. Sigmund Sorer für das israel. Altersversorgungshaus X 160. L. Bdurch Herrn Dr. Alfred Berger zur Ausspeisung israel. Schulkinder in der Brigittenau X 140. Emil K a l l m a n n L Co. anläßlich des Sterbetages der Frau Charlotte Kallmann zur Verteilung an verschämte Arme X 100. Präsident Dr. Alfred Stern für Arme X 100. Lepold Trebitsch für die Armenanstalt X 100. „Anonymus" für die Armenanstalt X 60. Kais. Rat Nauman S ch e f f t e l anläßlich der Barmizwahfeier seines Enkels Erich Maybaum für die Armenanstalt X 50. Tokayer humanitäre Tischgesellschaft, Maskirgeldsammlung für die hungernden Kinder in der Filiale der Kinderbewahranstalt in der Brigittenau, und zwar von den Herren r Alfred Guth X 2, Nathan Reitzes X 2, Moriz Bondy X 2, Ludwig. Groß X 2, Emil Stern X 2. D. Klausschames X 4, Ignaz Beckmann X 4. Samuel Duschinsky X 2, N. Bielitz X 2, N. Hebak X 1, I. Groß X 4, W. Groß jun. X 2, Ignaz Hahn X 2, Moriz Ruff X 1, Adolf Freund X 1, Joachim Weiß X 2, Emil Katz X 1, zusammen X 36». Betty Förster als Erlös der Weitervermietung des Tempelsitzes ihres sel. Gatten für das israel. Siechenhaus X 32. Heinrich Bauer anläßlich des israel. Neujahrsfestes für einen verarmten israel. Familienvater X 20. Rudolf Kohn für eine verarmte jüdische Familie X 20. Fanny Uibera ck e r für wohltätige Zwecke X 20. Jugend der Billa „Kaiserkrone" in Preßbaum für fromme Wohltätigkeitsanstalten X 13. Adolf P o lll i tz e r in Triest für den Fonds zur Ansspeisung israel. Häftlinge im Wiener k. k. Landesgerichte mit ritueller Kost an den israel. Feiertagen X 10. „Anonymus" für den israel. Fraucnverein X 4. N..M i ko lasch für die israel. Armenanstalt X 2. Entnahme des Inhaltes der Sammelbüchsen im Fünfhauser Tempel X 298 76. Hedwig Kohn, Zeitschriften für die israel. Versorgungsanstalt. Sophie Weiß, ein Krankenfahrstuhl für die israel. Versorgungsanstalt. Moriz B r a m m e r zum Simchas-Thorafeste Kuchen für die Jnsaffen der Versorgungsanstalt. Verein „Ferienheim" diverse Vikualien für das israel. Spital. „Indische Kultur." In Wien hat sich unter dem Titel „Jüdische Kultur", ein akademischer Verein gebildet, der nachstehenden Aufruf erläßt: Gegen das Ende des Mittelalters lebte der größte Teil des jüdischem Volkes in Deutschland und sprach deutsch. Da sich aber die Juden des Hebräischen als Schriftsprache bedienten, mischten sich viele hebräische Wörter in ihre deutsche Sprache. Diejenigen Juden, welche nach den Verfolgungen der damaligen Zeit in Deutschland zurückblieben, arbeiteten diesen Mischdialekt nicht zu einer eigenen Sprache aus und heute kann man ihn in Westeuropa nur noch von wenigen alten Juden sprechen hören.. Anders war die Entwicklung bei dem größeren Teile unseres Volkes, das sich in den slavischen Ländern Osteuropas niederließ. Allmählich schlichen sich hier in ihre Sprache auch slavische Wörter ein und aus der deutschen Sprache, von hebräischen und slavischen Worten durchwirkt, bildete sich ein neues Idiom, die jüdische Sprache, heute die Muttersprache von 8 Millionen Juden. Der Genius des jüdischen Volkes hat der fremden Sprache seine Seele eingehaucht und drückte ihr den spezifisch jüdischen- Charakter auf. AchtMillionen Juden reden und denken in dieser Sprache; Künstler, wie Perez, Mendele, Rosenseld, Reisen, Pinski und viele andere schreiben in ihr; zahlreiche Zeitungen und Bücher werden in. ihr gedruckt. Trotzdem gibt es Leute, die die Anmaßung haben, ihre Muttersprache einen Jargon zu nennen, das heißt ein Kauderwelsch, dessen sich nur Diebe und Strolche bedienen, um nicht verstanden zu werden. Die Sprache des Volkes, die sprudelnde Quelle des Volkslebens, das einzige Mittel,- das Volk zn bilden, sein Niveau zu heben, haben wir als eine Sache betrachtet, deren wir uns schämen muffen. Das kann nur bei Juden geschehen, deren Leben so ganz eigentümlich unnormal war. Aber, als unser Volk sich in den letzten Jahren wieder regelmäßig, zu entwickeln begann, als unsere Bürger, deren Leben sich in engem. Raume abspselte, anfingen Menschen zu werden, zu erkennen, daß sie einem lebenden Volke angehören und Pflichten gegen dasselbe zu erfüllen haben; und als sich unsere Müssiggänger und geängstigten Bankdrücker zu einem gesunden und kräftigen Proletariat herausbildeten, vor dem auch die:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.