Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 43 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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.Nr. .43. Tie Wahrheit Seite 7. Moses richtete einst an Gott folgende Bitte: „Zeige mir Deine Schätze, die Du für die gerechten Leute in Vorbereitung hältst." And Gott zeigte ihm alle seine Schätze, einen nach dem anderen. Zum Schlüsse bemerkte Moses einen 'besonders ungewöhnlichen Schatz. „Für wen ist denn dieser?' frag er. „Dieser, gehört für diejenigen," antwortete eine Gottesstimme, „welche sterben -während der Ausübung ihrer Mission." Und uns wurde ja hier gesagt, daß der verblichene Serge Nikolaewitsch während .der Ausführung seiner Mission gestorben ist. Dort barst sein .Herz und es erlosch der Strahl seiner Vernunft." Der Eindruck der Rede war ein überaus mächtiger und won allen Seiten ertönten die Worte: „Sposibo Eabbina!“ ^,Dank Rabbiner!" Das war die Antwort der ganzen Versammlung. Indische Pnffer staute» und indische Kolonisten. Während die Zione-Zionisten vom Ziele, das ihr verewigter Führer anstrebte, entfernter als je sind, und auch die ^,Territorialisten" das Ugandaprojekt endgültig abgelehnt haben, j tauchen jetzt ganz andere Pläne ans, und zwar seltsamer Weise wicht von jüdischer aber auch keineswegs antisemitischer Seite. Sir Harry I o h n s o n, eine bekannte Autorität in kolonialen Angelegenheiten, schlägt einerseits eine jüdische Kolonie in Nordafrika vor, in einem jetzt brach liegenden und nur eine spärliche Bevölkerung erhaltenden Territorium, und er meint, die Juden nach Art der jüdischen Landwirte in Tunis könnten die Kolonisation wohl bewerkstelligen. Im großen und ganzen aber ist Sir Harry — überzeugter Zionist. Er meint, jedes Neu- -arrangcment in der politischen Kontrolle des näheren Orients müsse in seinem Programm einschließen einen starken und unabhängigen j ü d i s ch e n S t a a t i n S y r i e n u n d P a l ä st i n a, -der sich bis zum Westufer des Euphrat erstreckt, ilnd der jedenfalls sowohl Jerusalem als auch Damaskus umfassen muß. Dieser jüdische Staat, führt Sir Harry in einem Artikel der -Angesehenen „Fortnightly Review" aus, müßte ein orientalisches Belgien sein, neutralisiert und geschützt durch die -zivilisierten Mächte, ein Pufferstaat, eine Schweiz zwischen .den Bestrebungen Deutschlands und Britanniens. Seltsamerweise ist auch gleichzeitig die Rede von einem Jüdischen Pufferstaat im f e r n e n Orient, in der Mandschurei. -Ein amerikanischer Rabbiner von großem Ansehen, Herr M. Levi, äst eben von einer Reise durch Japan zurückgekehrt, wohin er sich begeben hatte, um zu erforschen, unter welchen Bedingungen die Mandschurei den Israeliten Rußlands überlassen werden könnte. um dort einen unabhängigen Staat zu gründen. Herr Levi hat mit mehreren japanischen Ministern und Staatsmännern über dieses Kolonisationsprojekt verhandelt und, wie -er behauptet, ein Entgegenkommen weit über sein Erwarten gefunden. Im Prinzip begünstige Japan die Schaffung eines Pufferstaates, der den günstigsten Einfluß -auf die Aufrechterhaltung des Friedens zwischen Rußland und Japan haben würde. Herr Levi hat eine Rundreise durch die Vereinigten Staaten begonnen, um für diese Pufferstaatsidee Propaganda zu machen, und er hofft, seinen Plan verwirklichen zu können. Wie hier gleich hinzugefügt werden mag, hat nach einem in Shangai erscheinenden jüdischen Blatte, „Israels Messenger", der Generalkonsul von Queensland von seiner Regierung den Auftrag erhalten, Japan Anerbietungen zu machen, daß es den zur Zeit in Japan internierten jüdischen Kriegsgefangenen, die nicht in ihr Vaterland zurückkehren möchten, gestatten möge, sich in Queensland anzusiedeln. Gleichzeitig sei als bemerkenswert erwähnt, daß der russischen Negierung die überhand nehmende Auswanderung der Juden doch anfängt unangenehm zu werden. Verlassen ja jetzt selbst die jüdischen Kolonisten, trotzdem sie Ihre Schollen ungemein lieben, in großen Scharen das Land. Aus der Kolonie Jngulez im Gouvernement Charkow allein sind 100 jüdische Familien ausgewandert, d. h. über 27% der Kolonisten. Da die Auswanderung noch immer zunimmt, hat der Minister des Innern beschlossen, einen besonderen Delegierten nach dem südlichen Rußland zu schicken, um die Ursachen dieser Erscheinung zu studieren. — Das heißt doch wahrlich das Geld unnütz hinausgeworfen. Es bedarf wirklich keines besonderen Delegierten' und keines besonderen Studiums, um zu wissen, warum Juden aus Rußland gern auswandern. Zu allen übrigen Leiden, denen die Juden in Rußland ausgesetzt sind, haben die jüdischen Kolonisten noch ihr apartes, indem ihnen verboten ist, ihre kleinen Besitzungen durch Ankauf zu vergrößern. Und während man in Rußland sich anscheinend bemüht, die Auswanderung einzudämmen, scheint man in Amerika wieder die jüdische Einwanderung weniger abweisend behandeln Kl wollen. Man schließt dies daraus, daß der Leiter des „American Hebrew", Philipp Cowen, zum Einwanderungs-Kommissär ernannt worden ist. Das ist doch wohl ein Zeichen, daß man weniger streng gegenüber den neuen jüdischen Gnwanderern sein will. Knnd itm die Toynbee Halle Offener Brief an Alle, die es ange hl. Es sind heute aus den Tag fünf Jahre, daß die jüdische Toynbee-Halle in ihrem ersten, kleinen aber überaus anheimelnden Lokale ihre Pforten geöffnet. (Wenigstens für die Vorstandssitzungen, denn die Einweihung fand erst am 2. Dezember, dem Jubeltage unseres Kaisers, statt). Sie hat von dort aus ihren Siegeslauf durch die ganze jüdische Welt angetreten. Die Organisation der Zionisten hatte das zuwege gebracht. Weshalb gerade in unserer Stadt das Mutterinstitut den Händen der zionistischen Leitung entschlüpft, die zionistischen Gründer geradezu hinausgedrängt wurden (bis auf Einen, der ein nicht unbedeutendes Kapitel investiert hat, um das Institut nicht untergeben zu lassen), das zu untersuchen, soll späteren Zeiten überlassen bleiben. Für heute möge die Feststellung dieser im übrigen ja sattsam bekannten Tatsache genügen. Aber es möge auch schon heute die Frage erörtert werden, ob es so kommen mußte. Ob es denn notwendig und den jüdischen Geist in der Toynbee- Halle fördernd gewesen, wenn die alten Gründer so ohne weiteres „kalt gestellt worden," wie das bekanntermaßen geschehen? Es ist wahr: Die Bnei-Brith-Logen unserer Stadt haben mit weitgeöffneter Hand die Sanierung der Toynbee-Halle ins Werk gesetzt. Sie haben in ihrem Kreise, und weit darüber hinaus, das Interesse für die Toynbee-Halle zu wecken verstanden. Sie haben das erreicht, was dem früheren Vorstande trotz aller Bemühungen nicht gelingen wollte. Aber sind dies genügende Gründe, um dem alten Vorstande, der in geistiger Beziehung das möglichste geleistet, zu sagen: Ote toi que je my mette? Und kann denn der heutige nichtzionistische Vorstand seiner früheren zionistischen Mitarbeiter so ganz entbehren? Sind nicht darunter solche, Männer wie Frauen, die, die Propaganda für ihre Idee ganz beiseite schiebend, ihre Zeit und Mittel dem Unternehmen geopfert, weil sie von nichtzionistischerSeiteinStich gelassen worden sind? Und wenn dies nun so ist — und die oben angeführten Tatsachen sind ja hinreichend bekannt — muß das, was seitens des jetzigen Vorstandes der Toynbee-Halle im 20. Bezirk geschehen, nun auch in die anderen Wiener Bezirke hin eingetragen werden? * Es ist dem Schreiber dieses eine gar merkwürdige Mär zu Ohren gekommen, so merkwürdig, daß sie fast nicht zu glauben ist.. Und doch ist das, was wir im Folgenden erzählen wollen, wahr bis aufs I-Tüpfelchen. Im 15. Bezirke wurde vor drei oder vier Jahren ein jüdisch-literarischer Verein unter dem Namen „Jüdisches Bildungsheim" gegründet. Ein oder zwei Jahre hindurch wurden einmal wöchentlich Vortragsabende und dergleichen veranstaltet, im vergangenen Winter vegetierte er nur. Von Vorträgen war