Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 43 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 43. sich, all das Grauenhafte niederzuschreiben, ich kann nur sagen: unsere Lage ist eine furchtbar schreckliche. Sie wissen wohl, welche Rolle der vor kurzem verschiedene Fürst Trubezkoi in der jetzigen Freiheitsbewegung gespielt hat und noch jetzt nach seinem Tode spielt. Bei seiner Beerdigung in Moskau, wo die Elite der russischen Jntellegenz beisammen war, hielt der Moskauer Rabbiner I. Mose eine Rede, die alle bei dieser Gelegenheit gehaltenen Reden der Professoren und anderen offiziellen Persönlichkeiten in den Schatten stellte. Mose gilt als der gefeierteste Kanzelredner in Rußland, aber hier übertraf er sich selbst. Alle russischen Zeitungen haben seine Rede abgedruckt. Da dieselbe von allgemeinem Interesse ist, habe ich sie speziell für „Die Wahrheit" übersetzt und glaube, daß ich damit den geschätzten Lesern dieses Blattes einen willkommenen Dienst erwiesen habe. Der Wortlaut ist folgender: „Gleich nachdem die traurige Nachricht von dem Ableben des seligen Serge Nikolaewitsch Trubezkoi uns überraschte, haben wir, dh. die Juden, in Moskau am ersten Tage der Feiertage eine Gedächtnisfeier im engen Raume unserer Synagoge, die einem Grade ähnlich ist, für die Seele des Verblichenen abgehalten. Und auch jetzt erschien ich hier als Rabbiner der israelitischen Gemeinde in Moskau, ihren Gefühlen für den großen Verlust Ausdruck zu geben. Es sind nicht die Gefühle der Dankbarkeit eines Sklavenvolkes, welches die Gefälligkeiten, die ihm ein freier Mensch erwiesen hat, nicht vergessen kann. Nein, tausendmal nein! Nie würde ich gewagt haben, die Hülle eines solch teuren M nnes durch die Dankbarkeit der Sklaven zu beleidigen. Nein, ein geistessreies Volk, das. seine innerlichen Gefühle nicht verheimlichen kann, beugt sich vor einem Manne, vor dem das Beugen keine Schande ist. Und jedesmal, wenn das jüdische Volk mit solchen Christen in Berührung kommt, die den Idealen des Christentums treu sind, beugt es sich vor diesen nicht als dankbarer Knecht, sondern als Volk, welches die Wahrheit vergöttert. In die Zahl dieser Leute gehörte der Verblichene, wie auch sein intimster Freund, sein Kollege im Reiche der Philosophie, der zweite treue Diener seines Herrn, der andere würdige Sohn des russischen Volkes — Wladimir Solowjew.*) Von den letzten Minuten des gleichdenkenden Kollegen Wladimir Solowjew brachte der Verblichene S. N. Trubezkoi eine überaus merkwürdige Episode zur allgemeinen Kenntnis. Er erzählte der ganzen Welt, daß der große Philosoph, Wladimir Solowjew, sich sterbend zu der jetzt verwitweten Fürstin mit den Worten wandte: „Hindert mich einzuschlafen, ich möchte beten, und zwar für das jüdische Volk beten!" Und gleich daraus las der Kranke die Psalmen Davids im Originale O, ich fühle die ganze Tiefe dieser Worte: „Hindert mich einzuschlasen!" Das sind erhabene Worte! Wie viel Schlechtes, wie viel Lüge wäre nicht auf der Welt gewesen, wenn jeder von uns dem zweiten gesagt hätte: „Hindere mich einzuschjafen und laß mich beten siür die Beleidigten!" ..Hindere mich,' einzuschlafen!" Das ist ja ein ganzes Programm, und diesem Programme der Aufmunterung hing Wladimir Solowjew treu an, gleich seinem Freunde, der der Welt diese letzten Worte überlieferte und dieselben nicht als Ausstuß kranker Phantasie der Agonie, sondern als nüchterne Ideen eines großen Denkers bezeichnet hat. Ich hatte nicht das Glück, den Verblichenen persönlich kennen zu lernen, ich hörte blos die glänzenden Nachrufe aus dem Munde seiner Kollegen in der Wissenschaft wie im Amte. Jedoch, muß man denn einen solchen Menschen kennen, um ihn zu erkennen? Er war ja ein Philosoph, seine Werke liegen offen vor uns, er arbeitete ja für das Volk und seine Tätigkeit ist ja lebendig in unser aller Gedächtnis. Diese Tätigkeit und diese philosophischen Gedanken brachten mich hieher, um ein Gefühl auszudrücken, welches, wie ich glaube, das ganze jüdische Volk teilt. *) Wladimir Solowjew war einer der berühmtesten Philosophen und Humanisten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Rußland. Wer war dieser Mann, den wir alle ohne Glaubensunterschied aufrichtig, tieft nach Herzensdrang so .beweinen? Wer war er denn? Er war ein Philosoph. Aber worin liegt die Grundchärakteristik seiner Philosophie? Ich werde Ihre Aufmerksamkeit nicht mit der Entwicklung derselben ermüden und blos aus ein Moment Hinweisen. Serge Nikolaewitsch Trubezkoi war ein Manu, der mit der biblischen Sprache vertraut und ohne Zweifel auch ein ausgezeichneter Kenner der alten Philosophie, der Griechen sowohl wie der Juden, war. Als bestes Zeugnis dafür dient sein kolossales Werk: „Die Lehre vom Logos." Dieser Logos ist ein Produkt der Hebräischgriechischen Philosophie, bearbeitet in der sogenannten Alexandrinischen Schule bei dem Juden Philo. Philosophisch betrachtet verhält sich der Logos zur Welt als Weltidee, oder Weltenergie. Besonderes Gewicht legte die Alexandrinische Schule auf den Satz in der Bibel, wo erzählt wird, daß bei der Schöpfung der Welt „das Licht in der Finsternis strahlte, ohne dadurch beschädigt zu werden." Es sollte scheinen, daß das Licht eigentlich nur in der Finsternis strahlt, das Licht beleuchtet die Finsternis; hier jedoch handelt es sich um innerliches Licht und innerliche Finsternis, die aus die Menschen ansteckend wirkt. Viele ansteckende Krankheiten verderben die Menschheit und eine von denen — ist Finsternis, sie ist ohne Zweifel eine ansteckende und gefährliche Seuche. Gottes Welt wäre schon lange verdunkelt worden, wenn es kein Licht gäbe, ein solches inneres Licht, das sich unmöglich anstecken kann und immer leuchtet in der Finsternis, ohne hievon angegriffen zu werden. Dieses Licht überrascht die Finsternis und vernichtet sie. Dieses ewig strahlende Licht, nach der Meinung der besten Ausleger des Chistentums, ist dreieinigend seine zusammengesetzten Teile sind: Gutes, Wahrheit und Schönheit. Nach dem Glauben der Juden steht Gottes Welt auf drei Haupteinheiten: Lehre, Gottesdienst und gegenseitig Gutes üben unter den Menschen. Hier liegt der Schlüssel zur Aufklärung darüber, wie der philosophische Theoretiker so schnell zur praktischen Tätigkeit als Vorkämpfer für Recht und Gerechtigkeit übergegangen ist. Darum gelang es ihm, die Lebensfragen so glänzend zu formulieren in seinem berühmten Rede-Programme vom 6. Juni d. I., welches das ganze denkende Rußland auswendig kennt. „Es ist notwendig," sagte er, „daß jeder, der in Rußland lebt, sich als Bürger dieser Erde fühle, und da ein Bürger ohne Rechte unmöglich ist, darf es in Rußland keine'Rechtlosen und Unglücklichen geben." „Das Studium," so erkürte er mit seiner Kapazität als erster gewählter Rektor einer autonomen Universität, „muß frei sein, das .Gute und Schöne^ der Welt darf nicht angetastet werden an dem Orte, wo die Stimme der Lehre sich hören läßt." Es ist ja unmöglich, einem Jünger, der an die Türe der höheren Schule klopft mit den Worten: „Ich bin von Wissensdurst erfüllt," die Frage vorzulegen: „Welchem Glauben gehörst Du an, Student?" Darüber können ja kaum zwei verschiedene ehrliche Meinungen sein. Und selbstverständlich müssen solche Leute, die in der Philosophie des Logos, in der Dreieinigkeit des Guten, Wahren und Schönen aufgezogen wurden, ihre Stimme erheben gegen die Beschränkung der Aufnahme in die höheren Schulen, wem immer es auch galt. Dies sind die Gefühle, an welchen das ganze jüdische Volk teilnimmt. Es beugt sich vor einem Menschen, der die Wahrheit erreicht hat, daß Rechtlosigkeit ein solches Gift ist, das nicht blos den Rechtlosen allein, sondern auch denjenigen vergiftet, der den Gerechten gegenüber die Augen zuschließt. Rechtlosigkeit, das ist ein Uebel, das die Existenz eines Volkes und seine Kräfte untergräbt. Die Einigkeit eines Volkes und dessen Kraft besteht darin, wie sich der selige Wladimir Solowjew an einer Stelle ausdrückt, daß alle seine verschiedenen Konfessionen mehr oder weniger gleichgestellt sind. Das ist das Wenige was ich sagen wollte an der Bahre dieser teueren Hülle, die in den Jahren ihrer Blüte in das Reich ihrer Väter einging. Beim Abschied von einem gerechten Christen soll es mir noch vergönnt sein, auf eine jüdische Legende hinzuweisen.