Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 43 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063265-3063308--03933-3070733- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 2× ep/1000834
- Galați 1× ep/1002400
OCR text
Nr. 43. Die Wahrheit. Seite 5. Bukarest, 7. November. (Massacres in B eßarabien.) Die in den Hafenstädten Galatz und Braila eingetroffenen Meldungen enthalten entsetzliche Einzelheiten über die Ausbreitung des Aufruhres in Bessarabien. In Jsmaila sind fast alle Wohnungen und jüdischen Geschäfte zerstört. In wilder Flucht jagen die überlebenden Einwohner ans rumänisches Gebiet hinüber. In der Nacht von Sonntag auf Montag steckte der Pöbel, welcher vom gewesenen Bürgermeister B a l abanow von Jsmaila. einem verbissenen Panslavisten, geführt wird, die Stadt Calarasch i gleichzeitig von vier Seiten in Brand, so daß ein Teil der j üd is ch en Bevölkerung — man spricht von 1500 — den Tod in den Flammen fand. Bukarest, 7. November. Bei den Behörden liefen heute abends Telegramme ein, welche besagen, daß Jsmaila noch immer in Flammen stehe. Der Belagerungszustand wurde proklamiert. Militärpatrouillen halten die Ordnung aufrecht. Gestern abends wurden 66 Revolutionäre nach der Aufforderung auseinanderzugehen, erschossen. Es hat sich eine Verteidigung sliga gebildet. 300 Familien, Christen und Juden, sind auf rumänisches Gebiet nach Satuenou überfiebelt Die rumänische Regierung gestattete in Anbetracht der silrchtbaren Ereignisse in Jsmaila den Eintritt der russischen Untertanen ins Land. Man befürchtet die Wiederholung der Maffacres, weil das Militäraufgebot ungenügend ist. Berlin, 7. November. Aus Petersburg wird gemeldet: Stündlich laufen hier Depeschen ein, daß überall Plünderung und Mord herrschen. Von allen Seiten wird festgestellt, daß die Exzesse gegen die Juden nicht etwa eine Folge revolutionärer Demonstrationen von seiten der Juden waren, der aufgehetzte Mob ergriff vielmehr die Initiative, um im Sinne seiner Auftraggeber die Reformbewegung im Blute zu ersticken. Aus Nowosibkow wird gemeldet: Die Juden und Zugehörigen der christlichen Intelligenz ln Nowosibkow sind vollständig ausgeplündert worden. In Saratow hat in diesen Tagen ein furchtbarer Ansturm gegen die Juden stattgefunden, eine zahlreiche organisierte Menge zerstörte und plünderte sämtliche Läden und die Apotheke der Juden und fast alle ihre Privatwohnungen in der Stadt. Ddr Schaden ist unermeßlich, auch der Verlust von Menschenleben ist zu beklagen. Durch Feuer sind eingeäschert die Synagoge, die Gemeindeschule, eine Apotheke und viele Privathäuser; unzählige Familien sind obdachlos. Der Kriegszustand ist verhängt worden. Die Juden zeigen sich nicht auf den Straßen. Berlin, 7. November. Der Hilfsverein der deutschen Juden stellt der Russischen Korrespondenz folgendes Telegramm zur Verfügung: Petersburg, 7. d., 1 Uhr nachmittags. Die Zahl der Ortschaften, wo Judenhetzen ausbrechen, wächst jeden Tag. Es sind 43 Orte registriert. In O r s ch a w u r d e n 30 Mann vor den Augen der Polizei und der Soldateska getötet. Czernowitz, 7. November. Zahlreiche flüchtige Familien aus B e s s a r a b i e n sind hier eingetroffen, darunter der Bürgermeister von M o h i l e w, der, wegen seiner Liberalität gegenüber den Juden bedroht, fliehen mußte. Als sie Mohilew verließen, übersiel der plündernde Mob die Häuser der Juden, geführt von Polizeiagenten. London, 8. November. Der „Standard"-Korrespondent in Ode s s a macht herzzerbrechende Mitteilungen über die Ausschreitungen. Die Südbahnverwaltung steckte alle jüdischen Flüchtlinge in die dritte Klasse, gleichgiltig, ob sie erster oder zweiter Klasse-Billette hatten. Als dieses bekannt wurde, wurden einfach die Wagen dritter Klasse erstürmt und die Juden an Ort und Stelle ermordet. In einzelnen Fällen zwangen die Reisenden der ersten und zweiten Klasse die Züge, zwischen den Stationen zu halten, so daß die von Panik ergriffenen Juden, Männer, Frauen und Kinder, absteigen und sich in den Feldern und Gräben wie verfolgtes Wild verstecken konnten. Viele blieben im fürchterlichsten Winterwetter durch 48 Stunden lang in dieser Situation. In A k k e r m a n n und an anderen Orten am D n i e st e r retteten die Kapitäne der Dampfer die Juden zu Dutzenden aus dem Wasser, in das sie gesprungen waren, um der Wut ihrer Verfolger zu entgehen. Diesen Dienstag kamen die grauenhafte st e n Vorfälle aus dem Friedhof in Odessa vor, wo eine große Zahl von nicht eingesargten Toten mit verstümmelten und abgehackten Gliedern in Massengräbern verscharrt wurden. Darunter befanden sich auch die Leichen armer kleiner Kinder, in blutgetränkte Tücher gewickelte Märtyrer. Die markerschütternden Klagen der Männer mischten sich mit dem Jammer ihrer Kinder beraubter Mütter. Allen Zeugen dieser Greuel prägte sich unauslöschliches Entsetzen ein. Berlin, 8. November. Aus Kiew wird berichtet! Ueberall, wo guter Wille vorhanden war, wurden die Juden vor Plünderung geschützt. Einige Polizeil i e n t e n a n t e, die sich den Gegendemonstrationen nicht anschlossen, haben ganze H ü u s e r- und Ladenreiben mit wenigen Schutzleuten vor der Menge behütet. Durch einige i n aktive Ossiziere wurden ebenfalls einige größere Häuser geschützt, so durch einen älteren Major ganz allein ein ganzer H ä u s e r k o m p l e x. Aehnliches wiederholte sich in kleineret! Städten. So wurde Tschernigow ohne Schuß beruhigt. Eine kleine jüdische Stadt bei Kiew wurde von den Bauern angegriffen. Die Juden hatten jedoch die Geistesgegenwart, für einige hundert Rubel Bauern eines anderen Dorfes zu dingen, die nun die ersteren vertrieben. Die Zahl derjenigen, die aktiv an der Plünderung im Kiew teilgenommen haben, beträgt etwa tausend bei einer Garnison von über 25.000 Mann und einer Gesamtbevölkerung von 350.000 Einwohnern. Der H a u p t a n s ü h r e r in Kiew ist verhaftet. London, 8. November. Mit jedem Tag wird das Bild der grauenhaften Ausschreitungen gegen die jüdisch e n Gemeinden in Rußland vollständiger. Die Zahl der Toten in Odessa allein wird auf Tausende geschätzt. Dem „Standards-Korrespondenten in Odessa zufolge beträgt nach glaubwürdigen Quellen die Zahl der in Südrußland massakrierten Juden s ü n s z i g t a u s e n d, während die Zahl der Verwundeten und aus immer Verstümmelten auf Hunderttausend zu schätzen sein soll. Fürst Trntrerlroi. Bei dem großen Interesse, das gegenwärtig allen Nachrichten ans Rußland entgegengebracht wird, dürste die Wiedergabe eines Brieses, den wir in den letzten Tagen von unserem geschätzten Mitarbeiter, Oberkantor Minkowsky, aus Odessa erhalten haben, unseren Lesern willkommen sein. Derselbe lautet: Eine blutige Woche, wie wir sie selbst in Odessa, wo man schon viel Schreckliches gesehen, bisher nicht erlebt haben, spannte meine Nerven so ab, daß ich nicht imstande bin, meine Gedanken in Ordnung zu bringen. Es kämpfen alle Elemente miteinander, die Hiobsposten fließen wie die Wellen, Menschenblut befleckt die Straßen und wir — besonders dre Juden — sind den Schrecken der Revolution ausgesetzt. Wie blutet mein Herz für die jüdischen Opfer, die zu Hunderten ihr Leben ließen, um für ihre Brüder zweifelhafte Hoffnungen zu hinterlassen. Ich war heute schon mit dem Chore in der Universität, um die jüdischen Studentenleichen zum Gottesacker zu geleiten, auch die christliche Geistlichkeit war am Platze, um ihre Leichen zur ewigen Ruhe zu betten, aber die Metzeleien aus verschiedenen Seiten der Stadt fingen von neuem an und es war unmöglich, einen Leichenzug zu führen. Das letzte Manifest des Zaren hat zu lange aus sich warten lassen und das Volk ist empört. Zudem wird es von gewissenlosen Hetzern aufgehetzt und zu allen möglichen Schandtaten verleitet. Meine Feder sträubt