Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 43 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Leite 4. Die Wahrheit Nr. 43. R47': ' London, 7. November. Heber Bukarest wird hieher gemeldet: Die Metzeleien in Kischinew dauern ungeschwächt fort. Der Pöbel ist im Besitz von Artillerie und bombardiert die jüdischen Hauser. Auch die Truppen wurden durch Kanonen jener zurück getrieben. Die g a n z e S t a d t steht inFlammen. Löschversuche werden gewaltsam verhindert. In ganz Bessarabien wüten die schrecklichsten Greuel London, 7. November. (E u g l i s ch e S t i m m e n über die I u d e n r a z z i a.) Die hiesigen Blätter äußern sich voller Entrüstung über die an den Juden in Rußland begangenen Scheußlichkeiten. ..Times" sagen: „Die Schlächtereien in Odessa übertreffen die vor Jahren von den Türken an den Armeniern begangenen Greuel." ..Telegraph" bemerkt: ..Die Bluttaten in den russischen Städten stellen dieBartholomäusn a ch t und die Pariser Schreckensherrschaft in den Schatten." Washington,6.November. (EinAppell an N o os ev e lt.) Eine Versammlung von Juden richtete ein Telegramm an den Präsidenten Roosevelt mit der Bitte, sich bei der russischen Regierung dafür zu verwenden, daß den Judenmetzeleien in Rußland ein Ende bereitet werde. Präsident Roosevelt ist jedoch der Ansicht, daß zurzeit von der Regierung der Vereinigten Staaten kein Schritt unternommen werden könne, der von irgendwelchem Nutzen für die Juden in Rußland sein würde. Graf Witte telegraphierte an den Bankier Jakob S ch i f f: D i e r u f s i f ch e R e g i e r u n g verabscheut d i e s e A u s s ch r e i l u n g e n. Sie wissen, ich sympathisiere nicht mit solchen wilden Ausbrüchen. Alles was ich tun konnte, um den Ruhestörungen ein Ende zu bereiten, ist getan worden; aber das Land befindet sich in derart unruhigem Zu st and, daß die Lokalbehörden oft machtlos sind. Lemberg, 7. November. Viele jüdische Familien aus Odessa, Pr.oskurow, Schmerynka rc. flüchten sogar zu Wagen bis an die g a l i z i s ch e Grenze. Sie erzählen, daß überall P o l i z e i o r g a n e die U r h e b e r d.er Judenm a s f a c r e s sind. Den wohlhabenderen Juden wurde nahegelegt, sich freizukaufen. In dieser Richtung werde sowohl von höheren als auch von untergeordneten Polizeibeamten ein schwunghafter Handel betrieben. Wer bisher auf ein derartiges Anerbieten nicht eingittg, war rettungslos verloren. Höhnisch nahmen die Polizeichefs Beschwerden mit dem Bemerken entgegen, daß sich die Juden die Suppe selbst eingebrockt haben. Von den Verwaltungs- und Militärbehörden war kein Schutz zu erlangen, ja, es wurden den Juden Waffen, in deren Besitz sie sich befanden, a b g e n o m m e n. An die Vertreter der Judenschaft in P e t e r sb u r g wurden zahllose Telegramme mit der Bitte um Intervention bei der Zentralregierung gesendet. Paris, 7. November. Die Judenmassacres in Rußland haben die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten tief aufgeregt. Die israelitische Bevölkerung von New York hält Versammlungen in den Synagogen ab, um gegen die Haltung der m o r d s ü ch t i g e n Anhänger der russischen Autokratie und der sie beschützenden Behörden zu p r o t e st i e r e n. Dem Newyorker „Sun" wird von Washington gemeldet, daß Bankier Oskar Strauß von Newyork heute von Roosevelt empfangen worden und ihm Vortrag über die Massacres in Rußland gehalten hat. Infolge des Besuches von Strauß im Weißen Haufe wurde von der Präsidentschaft eine Erklärung publiziert, welche besagt, daß der Präsident die größte Sympathie für die unglücklichen Opfer der russischen Judenverfolgung empfinde, daß jedoch die amerikanische Regierung nichts zum Schutze der russischen Juden tun könne. London, 7. November. (Sammlung für die Opfer der Judenhetzen.) Im Hause des Lord Rothschild wurde nachmittags eine Versammlung der führenden Juden abgehalten und beschlossen, daß das russisch-jüdische Komitee einen Aufruf zur Sammlung eines Unterstützungsfonds für die den Verfolgungen im Rußland zum Opfer gefallenen Juden erlassen soll: London, 7. November. (Eine Demonstration amerikanischer Jüden.) Aus Newyork wird berichtet: Eine Massenversammlung jüdischer Bewohner Newyorks beschloß, eine Deputation zu Roosevelt nach Washington zu senden und vor dem Weißen Hause einen demonstrativen Aufzug zu veranstalten, um Roosevelt zu einer formellen Intervention zu Gunsten der bedrohten Juden Rußlands zu bewegen. Die gesamte jüdische Bevölkerung der Vereinigten Staaten wird aufgefordert werden, am Tage der Demonstration die Arbeit e i n z u st e l l e n und einen Beitrag zu Gunsten der Witwen und Waisen der massakrierten Juden beizusteuern. Paris, 7. November (Ein Proteftkomitee in Frankreich.) Vom Vorstand der Liga der Menschenrechte wird folgende Mitteilung veröffentlicht: Der Vorstand der InKue des droits de l’homme hat gestern 6. November, die Abordnung des Komitees empfangen, welches sich gebildet hat, um gegen die Niedermetzelung der Juden und Revolutionäre in Rußland zu protestieren. Diese Abordnung hat dem Vorstand der Liga folgendes Dokument übergeben: ..In Anbetracht der schweren Ereignisse, deren Schauplatz im Augenblicke Rußland ist, wo die Agenten der sterbenden Autokratie eine Schlächterei ohnegleichen in d er G es ch i ch t e veranlaßt haben, bei I welcher Revolutionäre und Juden hingemordet werden, während I Europa diese Greuel geschehen läßt, hat sich in Paris ein I Protestkomitee gegen die Maffakrierung der Revolutionäre und Juden gebildet. In der ersten Sitzung dieses Komitees wurde beschlossen, an alle demokratischen Vereinigungen Frankreichs folgenden Appell zu richten: ..Im russischen Kaiserreiche nimmt das große nationale Drama, welches sich seit bald zwei Jahren abspielt in diesem Augenblicke eine tragische Wendung. Menschliches Blut fließt in Strömen, ganze Städte sind verwüstet, der Bürgerkrieg, von dem in der Agonie liegenden Zarismus hervorgerusen, wird zu einer Bedrohung der Ehre und Sicherheit der ganzen zivilisierten Welt. Ein verbrecherisches und verurteiltes Regime hat, um das Werk der triumphierenden Revolution zu zerstören und den Beginn eines neuen regelmäßigen Regimes zu kompromittieren, gegen die ganze jüdische Bevölkerung des südwestlichen Rußland, gegen die vorgeschrittenen Elemente (Liberale, Demokraten und Sozialisten) mehrerer großer Städte ihre Kosaken und ihre „Schwarzen Banden" losgelassen, welche durch die lokalen Autoritäten für diese Aufgabe lange Zeit vorher präpariert worden waren. Tausende von menschlichen Wesen sind bereits umgekommen. Weder Greise, noch Kranke, Weiber und Kinder wurden verschont. Millionen von Menschenleben sind von den Gewalttaten bedroht, deren wilde Grausamkeit alles übersteigt, was die Menschheit seit den am weitesten zurückliegenden Epochen kennt. Die Opfer rufen das Gewissen der zivilisierten Völker an. Ein ganzes Volk ist in Gefahr und erhebt sich gegen euch in einem lauten Ruf: Zu Hilfe! Europa hat die Pflicht, seine moralische und materiellen Interessen verpflichten es dazu, mit allen Mitteln seiner Macht zu intervenieren, u m. d i e s e schrecklichen Greuel aufhören zu machen. Frankreich, das Land der großen Revolution, das Land der Erklärung der Menschenrechte, das Land der Freiheit, ist verpflichtet, allen voran diesem Appell zu entsprechen und den wilden Massacres, welche die Zivilisation entehren, ein Ende bereiten helfen. Frankreich hat nur zu sprechen, es wird Gehör finden." Die Liga der Menschenrechte im Vereine mit der Gesellschaft der Freunde Rußlands in Frankreich wird in Paris und in der Provinz Prote st Meetings gegen die in Rußland verübten Greuel veranstalten. diS&Sfi