Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 43 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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IÄ5SL': Die Wahrheit Sfebüftion u. Sldmiiiistiatiott: Wien, II/, Novaragasse 27. Ti-lkphon Ätr. der Druckerei I53U2. Inserate 2(» Hell, ver 9ioilpareille<';e>>e. AbouneineittSn. JusertiouSbeträge sind in Wie» zahlbar und klagbar. nakhängige Heiifchrift für jüöifche Mlerejsen^ KrfcheinL jeden Kreilag. Notto: ,A)as LivKSl (Lottes ist Wahrheit! Aerngspuoi»: Ganzjährig . . . K. >L. Halbjährig . . st. t>. Für CliltuSdeamte: Ganzjährig . . . K u> — Für Answud: Ganzjährig . . . s Mark 6 Rubel aber ra -res. Ur. 43. Wien, 10. November 1005. Inhalt: Die Judeilmetzeleieil in Rußland. — Fürst Trubetzkoi. — Jüdische Pufferstaaten und jüdische Kolonisten. — Rund um die Toynbee-Halle. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Jüdische Kultur. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der Emigrant. — Gesänge von emst und jetzt. Aufruf ZU Gunsten der Opfer dee rmsstschen Iudenexzrste. Eine neue, furchtbare Aatastrophe ist über unsere unglücklichen Glaubensgenossen in Rußland hereingebrochen. IHit Entsetzen vernimmt die gesamte Aulturwelt die grauenhaften Nachrichten von den Massenmorden und den verübten bestialischen Greueltaten. Unzählige Existenzen sind vernichtet worden, unermeßlich ist der durch die Verwüstung von Hab und Gut verursachte Schaden. Tausenden von Familien droht infolge dieser Ereignisse der wirtschaftliche Untergang. Rasche und umfassende Hilfe ist unerläßlich. Wir wenden uns daher an alle Glaubensgenossen und andere Menschenfreunde mit der innigen Bitte, an der von uns eingeleiteten Hilfsaktion zu Gunsten der beklagenswerten Opfer der Katastrophe durch Widmung von Beiträgen mitzuwirken. Geldsetidungen werden an die Adresse unseres Bureaus, Wien, I., Weihburggasse (0. erbeten. Der Vorstand der „Israelitischen Allianz zu Wien." Dir Indenmetzeleien in Rußland. Vor den Ereignissen in Rußland tritt alles in den Hintergrund, was gegenwärtig sonst das Interesse jüdischer Leser erwecken könnte. Grauenerregend sind die Nachrichten über die bestialischen Mordtaten und Schlächtereien, die ein verwilderter Pöbel, unter Duldung ja sogar Ermunterung der lokalen Behörden, an Tausenden russischer Juden in den letzten Tagen beging. Wenn das Gefühl der Menschlichkeit in der zivilisierten Welt noch nicht ganz erloschen ist, dann müßte über den ganzen Erdball e i n Ruf der Entrüstung ertönen und Sühne fordern für dieses menschenschänderische Schauspiel, das in ähnlicher Schrecklichkeit seit Jahrhunderten nicht erlebt wurde. Aber auch die jüdische Solidarität, wenn sie nicht ein leerer Schall sein soll, wird hier die Feuerprobe zu bestehen haben; denn sie darf nicht eher ruhen und rasten, bis nicht den armen verfolgten und gehetzten Glaubensbrüdern in Rußland ausgiebige Hilfe und den Urhebern ihrer Leiden verdiente Strafe zuteil wird. Im Nachstehenden geben wir die letzten Nachrichten wieder: Berlin, 6. November. Ueber die Judenhetzen sind weitere Nachrichten in Petersburg eingelaufeu. So wird aus Bachmnr berichtet, daß dort schon zwei Tage hindurch ununterbrochen eine Iudenhetze im Gange. Die Behörde gewährt keine Hilfe. Der Kosakenkommandant Ku lg ano w wollte energisch eingreisen, fand aber keine Unterstützung beim M i l i t ä r ch e s; der Gouverneur sendet ebenfalls keine Hilfe. Die Stadt beginnt zu brennen. In I e s ch i n wurde gestern und vorgestern grausam gehaust; Maßnahmen dagegen sind nicht bemerkbar. Nach einer Meldung aus Homel herrscht im ganzen Gouvernement Tschernigow Iudenhetze. Vollkommen zerstört und niedergebrannt sind Kmenzy und N o w o s y b k o w. Diese reiche Stadt ist total verarmt; alle jüdischen Magazine und Wohnungen sind in Schutthaufen verwandelt. Berlin, 6. November. (Das Blutbad in Kiew.) Ein Telegramm der ..Vossischen" aus Kiew meldet: Drei Tage lang wüteten in Kiew nie dagewesene bestialische Iudenhetzen mit Mord, Raub und Plünderung. Die Versuche der Juden, sich selbst zn schützen, wurden durch Gewehrsalven verhindert. Die jüdische Bevölkerung ist total ruiniert, das Elend ist grenzenlos. Sämtliche jüdischen Geschäfte und Wohnungen wurden total vernichtet und zertrümmert. Viele jüdische Opfer, Säuglinge und Greise barbarisch ermordet. Das anwesende Militär und die Polizei blieben absolut tatlos. Auch in Warschau möchte die Regierung Judenhetzen Hervorrufen. Bei Trödlern wurden tausende von Kleidungsstücken zum Verkleiden von Polizisten und Pöbel angekauft. Die Blätter verteilen Sonderausgaben mit Warnungen vor den Regierungsabsichten. Kopenhagen, 6. November. Wie das Ritzausche Bureau aus Riga meldet, dauern dort die Judenverfolgungen, verbunden mit Z e r ft ö r u n g von Häusern und Plünderungen, fort. Riga, 6. November. Drs Börsenkomitee entsandte eine Deputation zum Gouverneur, um Schutz fiir die bedrohten israelitischen Kausleute zu erwirken. Der Gouverneur versprach, Maßnahmen zum Schutze der Juden zu ergreifen. Paris, 7. November. Aus Kiew wird gemeldet: Der Vorsitzende des Semstwo, Baron Alexander G ü n z b u r g, wurde am Donnerstag bei der Verteidigung seines Hauses gegen Plündererhorden so schwer verwundet, daß er gestern feinen Verletzungen erlag.