Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 42 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 Die Wahrheit 3. November wieder ausgenommen und endet mit" Ende- April 1906. Turnstunden Dienstag und Freitag von 5—6 Uhr abends; der hierfür zu entrichtende Monatsbeitrag beträgt K 6.—; für Kinder von Vereinsmilgliedern K 5.—. Anmeldungen werden am Turnplätze, I., Mölkerbastei 5, an allen vorstehenden Tagen ausgenommen. . ,4 /Wie«. Mittwoch, den 1. November, 7 Uhr. abends, fand im Bethause „Talnmd-Thora", II., Malzgasse 16, eine Versammlung behufs Gründung eines Vereines „Schlaum Hoir" (Staatswohl) statte Dem Aufrufe, den das provisorische Komitee versandte, entnehmen wir, daß. der Verein seine. Mitglieder verpflichten soll, sich jeder eigenmächtigen Aktion zNv Erfüllung der biblischen Verheißungen zur Wiederherstellung des jüdischen Reiches zu enthalten und ferner dafür zu sorgen, daß die gesetzesrrenen Israeliten Palästinas nie mehr Störungen seitens solcher neologen Kolonisten erleiden, welche von Vereinen dorthin verpflanzt sind, .die zwar vom jüdischen Wohltätigkeitssinne geleitet, viel Gutes zu tun beabsichtigen, aber das richtige Ziel verfehlen, weil .sie. der Autorität und den Anordnungen der orthodoxen Rabbiner Palästinas nicht genug Rechnung tragen. Der jährliche Pflichtbeitrag der Mitglieder «"d Förderer des Vereines beträgt L 1.—, während einmalige oder jährliche Spenden in jeder Höhe angenommen werden. Wie«. Samstag, den 28. Oktober, fand in der polnischen Synagoge, II., Leopoldsgaffe, die Barmizwah des Knaben Eugen Scharr, Sohn des Oberkantors M. S ch o r r, statt. Der Konfirmand las die Hastorah mit vielem Verständnis und nachmiltags hielt er im Elternhonse, wo sich zahlreiche Gäste eingefunden hatten, eine brillante hebräische Rede, die sein bedeutendes jüdisches Wiffen bekundete und seinem Religionslehrer. Herrn D. Skutetzky, viel Anerkennung brachte. Wien. Samstag, den 4. November, findet beim Hauptgoltesdienste im Stadttempel, Seitenstetteugaffe, die Barmizwah des Konfirmanden Julius Z e l l n i k, Sohn des Chordirigenten Herrn Josef Z e l l n i k, statt. Troppa«. Herr A. Schimkowltz wurde bei der hiesigen Kultusgemeinde als Schochet, Chordirigent und vertretender Kantor einstimmig akzeptiert und hat bereits seine Stellung angetreten. Budapest. Seine Majestät der König hat unseren Glaubensgenoffen, Herrn Josef Veßi, Redakteur des „Budapester Tagblattes", zum Leiter der Preßkanzlei des Ministerpräsidiums ernannt. Während zwei andere Juden sich zur Erlangung dieser hohen Ehrenstelle getauft haben, gelangte Josef Veßi hierzu ohne Taufe. Schon unter dem Regime des ehemaligen Kultusministers August Trofort bestand er siegreich eine diesbezügliche Feuerprobe, indem dieser ihm nur wegen seines Judentums eine verdiente Profeffurstelle zu erteilen versagte. Gegen den in Ungarn seiner Zeit grassierenden Antisemitismus hat Veßi mit Erfolg geharnischte Artikel geschrieben. Als er vor drei Jahren im ungarischen Abgeordnetenhapse höhnisch Veßi Jakab genannt wurde,' erwiderte er sofort: „Daß ich als Jude geboren wurde, ist wohl nicht mein Verdienst, aber daß ich Jude bin, dies füllt mich mit unendlichem Stolze und ich werde mich stets mit Stolz als Jude bekennen." Mögen viele solche Juden sein, und wie beschämend ist dies für diejenigen, die ihr Erstgeburtsrecht für ein Gericht Linsen verkaufen! Budapest. In unserem Bezirkstempel fungierte an den abgelaufenen Festtagen Herr I. Abramovics, Sohn des Kantors Lazar Abramovics, gewesener Kantor im Wiener Fugbachtempel, und hat derselbe durch seine Lästige, wohlgeschulte Stimme und seinen weihevollen Vortrag allgemeinen Beifall und allseitige Anerkennung gefunden. _ '' ■ - 1 -_ Literatur. Die Gesaugsköniginnen in den letzten drei Jahrhunderten. Mit nngedruckten Briefen und Gedichten von D. Fr E. Auber, Berthold Auerbach, Friedrich von Badenstedt, Johannes Brahms, Franz von Dingelstedt, Alexander Dumas Sohn, Theodor Fontane, Karl Goldmark, Klaus Groth, Amalie Haizinger, Eduard Hanslick, Prinz Hermann von Sachsen-Weimar, H. v. Holstein, Henrik Ibsen, Amalie Joachim, Wilhelm Jordan, Josef Lewinsky, König Ludwig II. von Bayern, Paul Meyerheim, S. H. von Mosenthal, Emil Naumann, Angela Neumann, Edouard Pailleron, Emil Rittershaus, P. K. Rosegger, Bictorien Sardou, Max Maria v. Weber u. v. a. von Dr. Adolph K o h u t. Komplett in zirka sieben Lieferungen. Alle 14 Tage eine Lieferung a 1 Mk. Verlag: Hermann Kuhz, Berlin S. 42. — Ein theatergeschichtlich und psychologisch hochinteressantes und bedeutsames Werk bietet uns der als Bühnenhistoriograph und Sittenschilderer längst rühmlichst bekannte Verfaffer in seiuer neuesten Schrift: „Die Gesaugsköniginnen in den letzten drei Jahrhunderten." Dr. Adolph Kohut führt uns auf Grundlage der zuverlässigsten und zum Teil ganz neuen Quellen in packend und fesselnd geschriebenen Lebens-, Kunst- und Kulturbildern die berühmtesten, hervorragendsten und genialsten Primadonnen in den letzten drei Jahrhunderten vor, zugleich eine sehr lehrreiche Entwicklungsgeschichte des Kunstgesanges von ihren Anfängen bis auf die Gegenwart gebend. Wir lernen die Gesangsköniginnen aller Zeiten und Völker in Wort und Schrift kennen; aber nicht allein von ihren künstlerischen Darbietungen, sondern auch von ihrer oft so reizvollen Persönlichkeit, ihren Beziehungen zu Geistesgrößen und gekrönten Häuptern und ihren Einfluß auf manche wichtige Zeitereignisse rc. erfahren wir hier viel Neues und Ueberraschendes. Bei aller Gründlichkeit und Gediegenheit des Inhaltes liest sich doch das Werk wie ein fesselnder Roman und die vielen psychologischen Züge, Anekdoten und bedeutsamen, ungedruckten Briefe und Gedichte verleihe« dem Gänzen einen eigenartigen Reiz. In der ersten Lieferung charakterisiert der Verfaffer einige gefeierte französische, deutsche und italienische Primadonnen des 18 Jahrhunderts, wie Marthe le Rochois, La Maupin, Corona Schröter, Faustina Haffe-Bordoni, Gertrud Elisabeth Mara-Schmehling, Sophie Arnould. Nicht bloß den zahllosen Freunden ', der Musik und des Gesanges in aller Herren Ländern, sondern jedem. Gebildeten überhaupt, der sich belehren, aber zugleich auch unterhalten will, wird das prachtvoll ausgestattete, volkstümlich und anziehend geschriebene Lieferungswerk, das zum erstenmal die größten Vertreterinnendes bei canto aller Jahrhunderte Revue passieren läßt und Licht und Schatten in durchaus objektiver Weise zur Geltung bringt» gewiß' hochwillkommen sein.' Wir empfehlen es unseren Lesern angelegentlichst. Berichtigung. In dem in voriger Nummer veröffentlichten Artikel: „Die Steiger in der Entwicklung des Synagogengesanges" von M. H enle, Kantor in Hamburg, hat sich ein sinnstörender Druckfehler eingeschlichen. Im 3. Absatz Zeile 6 soll es statt „auftauchende Naturerscheinungen" richtig heißenr „auftauchende Neuerscheinungen" .> Der Emigrant. Von M. Markstein. Unweit der russischen Grenze, ans österreichischem Boden, stand eine einfache Hütte, deren peinliche Sauberkeit zeigte, daß., der Besitzer derselben, obwohl der ärmeren Klasse angehörend, einen ausgeprägten Sinn für die Anforderungen des modernen,, wirtschaftlichen Lebens besaß. Diese Hütte gehörte einem Juden,', der vor mehreren Jahren als junger Mann sich über die Grenze geschmuggelt hatte, hier dann heiratete, von der erlangten Mitgift sich einige Joch Acker ankaufte, das Hänschen samt Garten erstand und sich, ganz der Feldwirtschaft widmete, die feine unermüdliche Arbeit auch reichlich lohnte. Er war seines biederen Charakters wegen, bei Juden und Christen geehrt und geachtet. Sein heiterer-Witz, sein freundliches Entgegenkommen und besonders seine liebenswürdige Gastfreundschaft zog viele Freunde und Gesellschaften in sein Haus, und manches Stündchen der Mußezeit wurde da an Sonll- und Feiertagen gemütlich verbracht. Seine. Gattin, eine Frau den mittleren Jahren, versah den Hanshall mit der größten Pünktlichkeit, und trotz ihrer angestrengten Arbeit als stete Gehilfin bei allen Verrichtungen inder Feld-, Garten- und Milchwirtschaft konnte sie noch, wemrsie den Sabbatstaat angelegt hatte, als eine imposante Erscheinung gelten, und ihre etwas gebräunten Gesichtszüge verrieten Spuren einstiger Schönheit. Sie war der geistige Mittelpunkt des Hauses und verstand es, bei einem Glase Tee Alles an sich zu fesseln; sogar die Grenzbeamten mit ihren Familie^, suchten gerne-ihre Gesellschaft auf. Als Mädchen hatte sie eine höhere Töchterschule absolviert, wußte daher so manche schöne Geschichte zu erzählen, und es fehlte ihr nie an Stoff zur Unterhaltung. Mit zwölf Jahren hatte Marie, so hieß diese Frau, ihren Vater verloren, der von der verruchten, mörderischen Hand eines russischen Grenzgendarmen grundlos erschossen wurde, und aus Gram darüber war auch bald darauf ihre Mutter gestorben. Ein entfernter Verwandter nahm die arme Waise zu sich und bei diesem blieb sie bis zum siebzehnten Lebensjahre. Als der russische Flüchtling sie sah und kennen lernte, entbrannte er m Liebe zu ihr, hielt um ihre Hand an, verlobte sich mit ihr, und da sie auch eine kleine Mitgift hatte, so wurde das Ehebündnis, bald geschlossen, das von Gott und Menschen gesegnet ward. Er, Jakob, der das Zarenreich, wo seine Brüder unter schwerem Joche geknechtet seufzten, verlassen und unter unbeschreiblichen Gefahren die russische Grenze überschritten hatte, begrüßte mit freudigem Dankgebete die Morgenröte der Freiheit auf österreichischem Boden, nahm Dienste bei einem jüdischen. Gutspächter, erlernte hier in kurzer Zeit die Landwirtschaft und konnte auf. diese Weise, im Schweiße seines Angesichtes den Boden bebauend, sein Fortkommen finden. Bei seiner Arbeitsamkeit und Sparsamkeit war er auch in der Lage, eine kleine Schuld zu rilgen, die auf seinem Eigentume lastete. Beide Eheleute lebten in Eintracht und Frieden und ihre Ehe galt in der ganzen Gegend als eine musterhafte. Doch fehlten etwas zu ihrem vollkommenen Glücke, und dieses war ein Sprößling, den sie lange, leider vergebens, erwartet hatten; endlich gaben sie diese Hoffnung auf, da Marie in die Jahre kam, in welchen eine Frau nicht mehr auf Mutterfreuden hoffen konnte. Sie beschlossen daher, ein . fremdes Kind als ihr eigenes anzunehmen, ihm Elternstelle zu ersetzen, es zu erziehen, um in den alten Tagen irgend einen Trost und Aushilfe zu haben,.