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Die Wahrheit · 1905-11-03 · Heft 42 (3.11.1905) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 42 (3.11.1905)
Date
1905-11-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Seite 9. Nr, 42. Die Wahrheit und nach ihrem Tode einem, dankbaren Wesen ihr kleines Vermögen als Erbschaft zurückzulaffen, da der Mann in Rußland .gar keine Verwandten hatte und ihre wenigen hier auch schon das Zeitliche gesegnet hatten. Bald ging auch ihr bescheidener Wunsch in Erfüllung. Es war an einem Ausgange des Säbbates im Spätherbste. Nachdem eine heitere Gesellschaft, die wie gewöhnlich bei einem Glase russischen Tee den Abend gemütlich zubrachte, die trauliche Hütte verlassen hatte, schlossen Marie und Jakob sorgfältig die Haustüre und begaben sich nach verrichtetem Gebete zur Ruhe. Um Mitternacht wurden sie durch ein schreckliches Sturmwetter aus dem ersten Schlafe geweckt und bald darauf hörten, sie deutlich den Schuß einer Flinte, die von russischer Seite abgefeuert wurde. Nach einigen Minuten wurde an die Fensterläden ihrer Hütte gepocht und gleichzeitig vernahmen sie das Stöhnen eines Mannes und das Winseln eines Kindes. Marie und Jakob erschraken, sie machten Licht, er stand rasch auf und öffnete die Türe. Welch fürchterlicher Anblick bot sich ihnen dar! Ein junger Mann, mit einer Schußwunde am Arme, mit dem er ein etwa dreijähriges Mädchen umklammert hielt, trat leichenblaß und halb ohnmächtig in die Hütte und bat flehentlich um Schutz und Hilfe. Beides wurde ihm liebevoll gewährt, seine Wunde ausgewaschen und verbunden, das Kind zur Ruhe gebracht und er selbst entkleidet und auf eine Weiche Lagerstätte gebettet. In der Hütte trat wieder Stille ein, nur ein leises Stöhnen bes armen Verwundeten wurde noch hie und da vernehmbar, das aber der wohltuende Schlas auch bald dämpfte. Als es Tag wurde, verließen Jakob und Marie ihr Lager, 'kleideten sich an und begaben sich in das angrenzende Zimmer, um sich zu erkundigen, wie es mit ihrem sonderbaren Gaste stünde und ob der kleine Ausreißer schon wach sei. Zu ihrer 'großen Freude erfuhren sie, daß die Kugel des russischen Grenzgendarmen den Arm nur gestreift und eine unbedeutende Wunde verursacht habe und die Blutung ihn nur wenig schwäche. Der herbeigeholte Arzt legte einen > besseren Verband an und gab die 'beste Hoffnung auf baldige Genesung, die bei der sorgfältigen Pflege auch nach einigen Tagen eintrat. Nun wollte der Flüchtling seinen früher schon gefaßten Entschluß, nämlich die Aus- Wanderung nach Amerika, zur Ausführung bringen, aber sein geliebtes Kind, das in feiner reizenden Schönheit einem Engel -glich, machte ihm Sorge und kreuzte seinen Plan. Was sollte er mit ihm beginnen, dem einzigen teuren Andenken an seine ihm auf so schändliche Weife entrissene Frau, die irgendwo in der Verbannung in den sibirischen Bergwerken schmachtete oder ben unsäglichen Qualen schon erlegen war? Ihr schreckliches Los War ihm trotz eifrigen Bemühens unbekannt geblieben. Eines Abends, als Jakob und Marie von ihrer Feldarbeit heimkehrten, trafen sie den russischen Flüchtling, der der Gastfreundschaft der lieben Leute nicht länger zur Last fallen wollte, -mißgestimmter und verstörter als je, dabei fein geliebtes Kind kosend und küssend und das runde, volle Gesichtchen mit reichlichen Tränen netzend. Mitleidsvoll fragten sie ihn um die Ursache seines Trübsinnes und baten ihn, ihnen anzuvertranen, was ihm so schwer am Herzen liege und welches Geheimnis seine Brust so sehr bedrücke. Der Flüchtling nahm alle seine Kraft zusammen, wischte die Tränen von seinen Augen und erzählte die schrecklichen Leiden und Qualen, die er in seinem Geburtslande ausgestanden, wo der Jude einem gehetzten Wilde gleich, jeder Willkür ohne Schutz und Recht preisgegeben ist. „Ich wurde," sprach er tiefanfatnieud, ..im Hause meiner Eltern in den Satzungen der strenggläubigen jüdischen Religion erzogen. Bis zu meinem zwölften Lebensjahre oblag ich talmudischen Studien, lernte dabei auch Lesen und Schreiben, und da ich große Lust zum Studieren hatte, wollte ich in eine höhere Schule eintreten. Aber die Aufnahme wurde mir nach den rauhen russischen Gesetzen verwehrt und so ging ich zu einem -Handwerker, erlernte die Goldarbeiterei, ward nach einigen Jahren Meister, errichtete mir dann eine Werkstätte und heiratete ein armes Mädchen, das durch seine große Schönheit Aufsehen -erregte. Zwei Jahre lebte ich im Genüsse der reinsten Freuden und wurde mit diesem süßen Engel beschenkt, das Ebenbild seiner holden Mutter. Nun kam ein herzloser, lüsterner, ausschweifender Gouverneur, dem mein schönes Weib ins Auge fiel. Um sie zu ködern und zu betören und seine gottlosen Gelüste befriedigen zu können, versuchte er es zuerst mit herablassender Güte und gleißnerischer Heuchelei und versprach ihr Reichtümer und Schätze. Aber ihre Tugend blieb felsenfest und sie gab dyn verworfenen Lüstling kein Gehör. Racheschnaubend sann hierauf der Wüterich auf Mittel, sie zu verderben und ins Unglück zu stürzen. Ohne jedwede Ahnung wurde sie als Anarchistin angeklagt, was in Rußland leicht bewerkstelligt werden kann, in der Nacht gewaltsam aus dem Bette gehoben, in Ketten gelegt, und ohne Verhör nach dem fernen Sibirien zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verschickt. Ich gab dieses Kind einer Amme, da unsere Eltern längst , schon gestorben waren, und beweinte gottergeben - mein herbes Los. Bal) aber wurde mein trauriges Dasein noch verhängnisvoller. Der schlaue, durch Rache noch immer nicht gesättigte Gouverneur trieb es noch weiter; auch mich wollte er seinen Zorn bitter fühlen lassen. Auf sein Geheiß wurde ich. trotzdem ich schon das dreißigste Lebensjahr überschritten hatte und früher als untauglich für den Militärdienst erklärt worden war, als Soldat zu einem von meiner Vaterstadt fern liegenden Regimente eingereiht. Ich verkaufte mein Häuschen, meine Einrichtung und alle meine schwer erworbenen Habseligkeiien, und zog, mein armes Kind dem Schutze einer mitleidsvollen Frau anvertrauend, an den Ort meiner Bestimmung. Dort angelangt, sann ich auf Mittel, mich des Heeresdienstes zu entledigen und Reißaus zu nehmen, was mir auch durch Geld und schöne Geschenke, die jede russische Strenge und Gerechtigkeit erweicht, glücklich gelang. Ich kam, als russischer Bauer verkleidet, in meine Heimatsstadt zurück, holte mein Kind ab und floh mit meinem Schatze bis zur Grenze, die zu überschreiten ich nun vorhatte. Hier jedoch türmten sich Hindernisse über Hindernisse, Gefahren über Gefahren auf. Reichlich bezahlte Schmuggler führten mich in finsterer, stürmischer Nacht aus verschiedenen Schleichwegen und schon betrat mein ermatteter Fuß die neutrale Zone, um auf Oesterreichs freien Boden zu gelangen, da hörte ich ein markdurchdringendes Schreien und Knallen und fühlte meinen Arm von der Kugel eines russischen Grenzgendarmen gestreift. Meinem Führer gelang es, den Verfolger durch einige Rubel zu beschwichtigen, ich aber nahm alle Kraft zusammen, lief mit meiner Bürde eine kleine Strecke weiter und kam so zu Euch, meinen lieben, von Gott auserkorenen Gastfteunden, Helfern und Beschützern." (Fortsetzung folgt.) Volkswirtschaft. i Unionbank. In Gemässheit des § 29 der Statuten werden die Aktionäre der Union-Bank zu einer ausserordentlichen Generalversammlung eingeladen, welche am 16. November 1905, vormittags 11 Uhr in den Banklokalitäten I., Benngasse 1, statttindet. Tagesordnung: 1. Antrag des Verwaltungsrates auf Erhöhung des Aktienkapitales. 2, Antrag des Verwaltungsrates auf Abänderung der bezüglichen Statuten-Bestimmungen. Die stimmberechtigten Herren Aktionäre, welche an der Generalversammlung teilzunehmen wünschen, wollen ihre Aktien gemäss des § 27 der Statuten spätestens am 8. November 1905 deponieren und zwar: in Wien bei der Liquidatur der Union- Bank, in Triest bei der Filiale der Union-Bank, in Berlin bei der Berliner Handels-Gesellschaft, dem A. Schaaffhausen’schen Bankverein, in Frankfurt a. M. bei der Deutschen Effekten- und Wechsel- Bank. Die Aktien sind unter Anschluss von Konsignationen zu erlegen, welche vom Einreicher eigenhändig zu unterzeichnen und für Wien in zwei Exemplaren, für die anderen Erlagsstellen in drei Exemplaren auszufertigen sind. Ein Exemplar der Konsignationen erhält der Deponent mit der Empfangsbestätigung versehen zurück; nach abgehaltener Generalversammlung werden die Aktien gegen Bücksteilung dieser Konsignation ausgefolgt. Das Stimmrecht kann vom Aktionär oder von dessen gesetzlichem Vertreter persönlich oder durch Bevollmächtigung eines anderen stimmberechtigten Aktionärs ausgeübt werden ($ 28 der Statuten.) Wien, am 30. Oktober 1905. Schicht3 feste Spezialität für Wolle and Seide. Gibt auch die schönsteWeifiwäsche

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