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Die Wahrheit · 1905-11-03 · Heft 42 (3.11.1905) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 42 (3.11.1905)
Date
1905-11-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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natürlich im Vorteil, die Zahl d/' ^ilosemiten wächst von Jahr zu Jahr, und bald werden au letzten Reste mittelalterlicher Engherzigkeit gefallen sein^m-ftche'die Deutschen germanischen und israelitischen Blutes trennten. Ganz anders liegen die Verhältnisse in Rußland. Dort ist ein geknechtetes, unwissendes Volk, welches an seinen Sklavenfesseln rüttelt. Die Regierung fürchtet sich vor einem Ausbruch dieser bis jetzt noch mühsam unterdrückten Volkswut, die, einmal zum Ausbruch gelangt, wie ein Orkan alles vor sich niederreißen will. Aber der Hunger tut weh. der kaum verhaltene Ingrimm verlangt nach Taten. Die seile Beamtenschaft zeigt mit Fingern auf die Juden: „Seht die Halsabschneider, die Wucherer, die sind es, die Euch bedrücken!" Und der blöde Haufe stürzt sich johlend aus die unglücklichen Genossen des eigenen Elends, der eigenen, Menschen unwürdigen Schmach. Das System ist gerettet, über die blutigen Leichen erschlagener Männer, Frauen und Kinder geht man zur Tagesordnung über. Die Christenverfolgungen haben das heidnische Rom nicht vor dem Untergänge bewahrt. Die russischen Judenverfolgungen werden auch den bis in die Wurzeln verfaulten Bureaukratismus Rußlands nicht vor dem Zusammenbruch schützen, auch in Rußland wird es einmal Tag werden. Tag, heller, lichter Tag ist es in den Vereinigten Staaten von Amerika. Hier kommen alle Kräfte gleichmäßig zur Verteilung, hier kennt man nur Bürger einer großen, freien Nation. Schon erzittert das alte Europa in banger Sorge vor den dröhnenden Schritten des jungen Riesen. Unnötige Sorge! Die große Republik will nicht zerstören, sondern aufbauen, ein freies Land ist keine Gefahr, sondern eine Förderung des Weltfriedens. Halten wir diese unwiderlegliche Tatsache fest und reihen wir ihr die fernere Tatsache an, daß die jüdische Einwanderung eine so starke ist, daß Amerika in absehbarer Zeit dasjenige Land sein wird, welches von allen Nationen die größte Zahl israelitischer Bürger haben wird, so folgert daraus, daß diese Millionen freier, gleichberechtigter Bürger nicht nur Förderer des Friedens sein, sondern auch durch ihre Zahl, ihre Intelligenz und die Freiheit der Kraftentfaltung bestimmend aus ihre Rassegenossen in allen übrigen Ländern wirken wird. Die überaus große Zahl jüdischer Einwanderung ist kein Zufall, sie ist auch nicht bedingt durch die Möglichkeit leichteren und größeren Erwerbes, vielmehr ist das wichtigste und ausschlaggebendste Motiv die Sehnsucht nach Freiheit, welche ihre vollste Befriedigung findet. Die Juden der verschiedensten Länder haben sich überall als friedliebende, staatserhaltende und patriotische Bürger erwiesen. Ja, wir haben in Deutschland jüdische Sachsen, Bayern, Preußen, Hamburger u. s. w., welche sogar stark partikularistisch gefärbt sind. Aber daneben gibt es doch ein internationales Band, welches alle umschließt und dessen Stärke und Widerstandskraft gerade in den Bedrückungen, Ungerechtigkeiten und Verfolgungen liegt, denen die Stammesgenossen in verschiedenen Ländern ausgesetzt sind. Wir verurteilen die russischen Judenverfolgungen auf das schärffte und empfinden tiefes Mitleid mit den unschuldigen Opfern mittelalterlicher Grausamkeit. Aber der Israelit, wo er auch immer auf der Welt wohnt, fühlt sich davon getroffen bis ins innerste Herz. Für ihn ist die Tatsache, daß in Preußen ein Jude nicht Offizier werden kann, eine Schmach. Umsomehr muß man staunen, daß jüdische Deutsche, Russen, Oesterreicher u. s. w. trotzdem gute Parioten sind, bereit, ihr Leben für ihr Vaterland in die Schanze zu schlagen. Dieses starke nationale Empfinden, welches auch durch Unterdrückungen und Ungerechtigkeiten nicht gemindert wird, ist ein Beweis fiir die Intelligenz, die hohe Sittlichkeit und die bewußte Lebenskraft des israelitischen Volkes. Zu bedauern sind nur die Länder, welche so viel gesunde Volkskraft ungenützt brach liegen lassen. In der durch die Freiheit bedingten Ausnützung aller Kräfte des Volkes liegt ein gut Teil des Geheimnisses, dem Amerika seine großen kulturellen und ökonomischen Fortschritte verdankt. Religion und Geschichte des israelitischen Volles predigt den Frieden. Die geschichtliche Entwicklung, die Entrechtung und Bedrückung der Juden, ließ ihnen nur friedliche Berufszweige offen. Sie hatten bei allen Kriegen am meisten unter Brandschatzungen zu leiden. So lernten sie schon frühzeitig die Segnungen des Friedens, die Nachteile des Krieges kennen. Alle diese hier nur kurz angedeuteten Tatsachen beweisen, daß das Judentum für die Erreichung des Weltfriedens von allergrößter Wichtigkeit ist. Eine kleine Probe auf das Exempel konnte ich machen, als kürzlich Frau Bertha von Suttner in Newyork vor einer deutschen Versammlung sprach, ein überraschend großer Teil der Anwesenden war jüdischen Stammes. Es ist das nach meiner Ansicht kein Zufall, geschieht auch nicht unbewußt. Sondern ich bin der.Meinung, daß das gebildete Judentum seine große, ideale Friedensaufgabe klar erkannt hat und zielbewußt bemüht ist, sie zu lösen. Eine zeitgemäße Reminiszenz. Der Minister Witte hat in einer Unterredung, die er am 12. September, ehe er sich zur Heimkehr einschiffte, mit den Herren Jsaac Seligmann, Oskar Strauß und Adolf Krause hatte, wie Herr Seligman mitteilte, die Emanzipation und vollständige Gleichstellung der Juden in Rußland in Aussicht gestellt. Er hat keine Versprechungen namens der Regierung gemacht, jedoch dies als seine persönliche Ansicht geäußert. Gelangt er in der Tat zur Regierung, dann wird er zweifellos alles, was in seiner Macht steht, tun, um den Juden Rußlands alle konstitutionellen Rechte zu verschaffen. Er sieht die Ungerechtigkeit einer differentiellen Behandlung vollkommen ein, aber ob er das, was er für richtig hält, wird durchsetzen können, selbst wenn er die oberste Leitung der Staatsgeschäfte übernimmt, ist freilich noch sehr zweifelhaft. Ist es ja sogar noch fraglich, ob der ..Sieger von Portsmouth", „der Sieger über die Sieger", der jedenfalls bedeutendste zur Zeit lebende russische Staatsmann überhaupt wirklich ans Ruder kommt.*) Indessen gleichviel, so oder so wird die Frage der Judenemanzipation jetzt in Rußland auf der Tagesordnung stehen, und es soll ja eine der ersten Aufgaben, der zu wählenden Reichsduma die Entscheidung über die Regelung der Judenfrage sein, gleichviel wer das Staatsschjff lenken mag. Da dürfte es allgemein und namentlich in Rußland auch interessieren, wie es bei der Emanzipation der Juden in Frankreich zugegangen ist. Schon lange vor Beginn der Revolution hatten die aufgeklärten Männer in Frankreich eine Lanze für die Juden eingelegt. Am 26. August 1789 reichten die Juden ein Gesuch ein, daß ihnen alle Bürgerrechte verliehen würden, die die anderen Mitglieder der französischen Gesellschaft genössen. Noch ehe ein Bescheid eintraf und eintreffen konnte, betätigten sich die Juden aufs eifrigste an der Ausübung bürgerlicher Pflichten; von fünfhundert damals in Paris ansässigen Juden ließ sich der vierte Teil in die Nationalgarde aufnehmen, und Juden gehörten sogar bereits zu den Bezirksausschüssen. Am 24. Dezember vertagte die Nationalversammlung jede Entscheidung betreffs der Juden. Darauf verdoppelten diese ihre Anstrengungen und sie vermochten die Stadtbezirke uud die Vertreter der Stadt sich für ihr Schicksal zu interessieren. Die Pariser Kommune behandelte die Juden von Anbeginn der Revolution wie Franzosen. Die Abbss Mulot und Bertolio und der Advokat Godard ergriffen wiederholt die Initiative und traten bei der Nationalversammlung dafür ein, daß die Juden das Bürgerrecht erhielten. „Ganz Paris," sagten sie, i „spricht in diesem Augenblick durch uns." Am 25. Februar 1790 erschienen Delegierte der Kommune vor der Nationalversammlung und überreichten eine Adresse mit einer Resolution, in welcher es heißt: „In Erwägung, daß in diesem Augenblick, der das Schicksal des Reiches bestimmt hat, die Juden dieser Hauptstadt sich beeilt haben, sich den guten Bürgern anzuschließen: daß der patriotische Eifer, den sie bewiesen haben, sie im Voraus eins mit der französischen Nation gemacht hat, da sie gleich allen *)Diese Zweifel sind bereits durch die mittlerweile eingetretenen Ereignisse behöben, die auch für die Judenfrage in Rußland hoffentlich eine endgültige Lösung bringen werden. (Die Red.)

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