Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 42 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42. Die Wahrheit. Seite 5. standen es die alten. Redner über den Talmud und von ihm zu sprechen! Wir behaupten, auch auf die Gefahr hin, für einen alten Zopf gehalten zu werden: wenn es heute ein Redner in der Synagoge versteht, irgend eine vom Talmud angeregte Frage, natürlich nicht in der Weise der alten Darschanim, sondern in schöner Form, mit dem Aufgebote von Geist, Gemüt und Verständnis zu behandeln, er wird sich über Unaufmerksamkeit der Zuhörer nicht beklagen müssen, während man nur Worte des Spottes darüber hören wird, wenn der Prediger uns verwässerte Philosophie, Gefasel über Politik und soziale Fragen als „abgrundtiefe", tiefsinnig sein sollende Weisheit hören läßt. Die Frage a., : Ist die Predigt ein notwendiger Bestandteil unseres heutigen Gottesdienstes? ist leicht zu beantworten, aber man wird auch nicht in Verlegenheit geraten, wenn gefragt wird, „was soll verkündigt werden?" Man predige Judentum. Welch ein unerschöpfliches Thema! Welche Perspektive und dankbare Arbeit, allerdings nicht für den Jäger nach Redensarten und leeren Phrasen, sondern für den von aufrichtigem Pflichtgefühl und dem Bewußtsein seiner hohen Aufgabe erfüllten Prediger! Das ist alles so selbstverständlich und scheint so leicht auszuführen zu sein, und doch wird aus diesen alltäglichen Wahrheiten eine große Schwierigkeit. Und wo liegt der Grund, daß die meisten unserer modernen Prediger so wenig genügen? Wir wollen die Antwort auf eine einfache Formel bringen: Sie haben sich zu viel vom Judentum entfernt. Man mißverstehe uns wieder nicht. Nicht als fehlte es ihnen an Studien, nicht als mangelte es ihnen an Wissen aller Art, im Gegenteile, vielleicht wissen sie zu viel, aber dies hat sie von den einfachen Wegen abgelenkt, auf denen das Judentum wandelt. „Seine Wege sind Wege des Friedens", wir aber befinden uns im Zeichen des Kampfes. Dieser Lärm der Straße findet sein Echo auch aus der Kanzel. Die großen Zeitfragen werden aber nicht auf der Kanzel, in der Synagoge gelöst werden, und will man sie besprechen hören, dann geht man wahrhaftig nicht „in Schul", das hört man in mancher Wählerversammlung viel besser. Und ein anderer Fehler unserer moderner Prediger ist die Nachahmung fremder Art. „Bleibe im Lande und nähre dich redlich" uub haben wir auch nicht lebendige Muster der Kanzelberedtsamkeit, dann lasse man sich auf die geistigen Schätze der Vergangenheit verweisen, denn wir können von unseren Vorfahren vieles lernen. Ob nun der Prediger mehr oder weniger Gesten macht, ob er sich mehr oder weniger poetischer Worte bedient, darauf kommt es nicht an oder soll es in der Predigt nicht ankommen. Wird vom Prediger ein Zeremonialgesetz in ethischer und eindringlicher Weise erklärt, ein Bibel- oder Talmudvers erläutert, auf einen wichtigen geschichtlichen Vorgang zurückgegrisien, all dies wird ein ergiebiger Stoff für eine jüdische Predigt bilden können. Freilich ist es eine Frage, ob es auch gelingen wird, das Auditorium für solche Stoffe zu interessieren? Das liegt nun ganz in der Persönlichkeit des Redners, das ist seine hohe Kunst nicht die Schönrednerei. Schon der alte Sokrates sagte: „Jeder ist in dem beredt, was er weiß," und der richtige Redner wird für seine Gedankenwelt auch das rechte Wort zu finden und sich seine Zuhörerschaft zu erziehen wissen. Prediger und Zuhörer müssen nur durch ein geistiges Fluidum mit einander in Berührung, in innigen Kontakt gebracht werden, und sie werden sich verstehen. — Im übrigen gilt auch da ein altes Wort, das wir „mutafcis mutandis“ hier wiedergeben: „Jeder Redner hat die Zuhörer, die er verdient, jeder Zuhörer aber auch den Redner, der ihm gebührt." Kol Kore. Judentum und Weltfrieden.*) Von Heinrich Schüler. Es sind ungefähr zwei Monate her, als ich von Brasilien kommend in Newyork eintras. In Brasilien ist die Zahl der *) Wir entnehmen diese interessanten Auslassungen eines christlichen Deutsch-Amerikaners, mit einigen Kürzungen der in Aoungstown (S. U.) erscheinenden „Joungstown-Rundschau." Die Red. Inden ganz auffallend gering. Nirgends bilden sie eine geschlossene Gemeinde. Die wenigen Vertreter dieser alten und merkwürdigen Rasse gehören zumeist dem Großhandel an und unterscheiden sich in ihren Lebensgewohnheiteu durch nichts von den übrigen Angehörigen ihres Standes. Die Portugiesen, welche die große Masse der brasilianischen Nation ausmachen und ihr den Stempel ihres Volkstums aufgedrückt haben, besitzen bekanntlich eine starke Mischung semitischen Blutes, viele unter ihnen sollen reinblütige Israeliten sein, aber auch letztere scheinen zum größten Teil die katholische Religion angenommen zu haben. Jedenfalls haben die portugiesischen Israeliten, wenigstens soweit mir bekannt, keinen eigenen Tempel in Brasilien. — Ganz anders ist es z. B. in Südafrika, dort wohnen sehr viele deutsche Israeliten, so viele, daß die Boeren zur Zeit als ich dort weilte, Deutsche und Israeliten nicht zu unterscheiden vermochten. So sagte mir 1882 ein Boer: „Ja, ja, Anno 1870 haben die Juden die Franzosen tüchtig verhauen!" In meiner deutschen Heimat, der Provinz Hessen-Nassau, gibt es Dörfer, welche fast ausschließlich von Israeliten bewohnt werden und * die sich bezüglich Rasse, Religion, Sprache und Sitten überaus rein erhalten haben. Dort habe ich als Jüngling eifrige Studien gemacht und mich bemüht, in das Volks- und Seelenleben dieses uralten, hochiuteressauteu Volkes einzudringen. Schon damals drängte sich mir mit zwingender Logik die Ueberzeugung auf, daß das Judentum ein Segen für die Völker der Erde ist und eine große Kulturmission zu erfüllen hat. Jahre, viele Jahre vergingen, die Erlebnisse und Studien meiner Jugendjahre waren mir nur noch eine angenehme, ziemlich verblaßte Erinnerung. Da führte mich der Weg nach Newyork und eines Tages geriet ich ganz zufällig in das Judenviertel. Das gab mir eine starke Anregung, die Arbeit längst vergangener Jahre wieder aufzunehmen. Ich habe das ganz objektiv getan, etwa so wie man sich jetzt mit Russen und Japanern beschäftigt. In diesem Sinne möchte ich in nachstehenden Zeilen über die gewonnenen Eindrücke plaudern. Es liegt mir dabei vollkommen fern, irgend welche Rassen- oder Religionsftagen anzuschneiden, ich will nur einfach meinen persönlichen Wahrnehmungen Ausdruck verleihen. Diese allerdings haben mich von neuem darin bestärkt, daß das Judentum eine große Kulturmission zu erfüllen hat und ein mächtiger Förderer der Friedensidee ist. So oft ich über das Thema mit Freunden sprach, so oft machte ich die Erfahrung, daß wir Nichtjuden von dem alten israelitischen Kulturvolk, mit dessen Gliedern wir seit Jahrhunderten Zusammenleben, fast so gut wie gar nichts wissen, sein Geistes- und Gemütsleben ist uns noch heute vollkommen fremd. Dieser geradezu unglaublichen Unkenntnis verdankt der Antisemitismus seine Existenz. Die mangelhafte Beobachtungsgabe des Menschen ist es wohl zunächst, welche uns verhindert, tiefer in das Geistesleben des israelitischen Volkes einzudringen. Wie lückenhaft die menschliche Beobachtungsgabe ist, kann man täglich erproben. Würde man z. B. zwei Personen beauftragen, die Persönlichkeit eines gemeinsamen Freundes aus dem Gedächtnis zu beschreiben, so wird man sich nicht darüber wundern dürfen, wenn der eine behauptet, daß der Freund blaue Augen habe, während der andere schwört, sie seien braun. — Dann ist es die Abneigung, welche der Mensch oder ganze Völker gegen die unverstandenen Sitten und Gebräuche anderer empfinden. Jeder junge Deutsche, der ins Ausland geht, fühlt sich zunächst als berechtigter Kritiker und angehender Reformator. Das und jenes ist nicht so wie bei uns zu Hause, darum ist es schlecht und muß reformiert werden. Ist nun das unverstandene Volk ein geistig gleichwertiges oder gar überlegenes, so verwandelt sich die Abneigung nicht selten in Haß. Gerade in Deutschland, dem Lande der Dichter und Denker, mußten notwendigerweise die Gegensätze besonders stark aufeinanderplatzen. Dazu kamen alte, längst abgetane finstere Ueberlieferungen des Mittelalters, so entstand in Deutschland der Antisemitismus. Die antisemitische Bewegung, so verwerflich ihre Auswüchse sind, ist gut, denn sie regt Juden wie Nichtjuden zum Nachdenken an. Die Angegriffenen wehren sich ihrer Haut, und da auf ihrer Seite die Besten ihres Volkes kämpfen, was man von den Antisemiten nicht sagen kann, so sind sie tv^ntavjänjrj.