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Die Wahrheit · 1905-11-03 · Heft 42 (3.11.1905) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 42 (3.11.1905)
Date
1905-11-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 42. holt Ausdruck geliehen. Er war der einzige österreichische Geistliche, der im österreichischen Parlamente bei verschiedenen Anlässen den Antisemitismus als das bezeichnet«:, was er ist, als ein Gemisch von religiöser Borniertheit und politischer Heuchelei und als eine Versündigung gegen Gottes -Ordnung, gegen das Christentum und die Idee der Menschheit. ❖ $ * Ein sensationeller Prozeß, dessen traurige Hauptfigur der evangelisch getaufte Professor Beer war, hat sich vorige Woche vor dem Wiener Geschworenengericht abgespielt. Wir haben keinen Anlaß, für die widerliche Erscheinung dieses Mannes, der sich längst schon vom Judentum losgesagt hat, eine Lanze einzulegen, aber den antisemitischen Preßorganen, die diese Gelegenheit freudig benützten, gegen jüdische Moral loszuzieheu, wollen wir die Antwort aus ihre infamen Verdächtigungen nicht schuldig bleiben. Es wäre unsinnig und ungerecht zu behaupten, daß die Juden durchwegs aus idealen Menschen bestehen, aber es ist ebenso unsinnig und ungerecht, Leuten von dem moralischen Tiefstand der Schneider, Vergani, Gregorich rc. rc. das Recht einzuräumen, sich als Lehrmeister und Sittenmeister der Juden aufspielen zu dürfen. Gewiß auch die Juden haben sittlich minderwertige Elemente in ihrer Mitte, aber diese werden nicht, wie bei den Antisemiten, zu geistigen Führern und Leitern erkoren. Die Antisemiten sollen erst vor ihrer Türe kehren und wenn ihnen das Menschenunmögliche gelungen, daß sie ihre Mistberge weggeräumt und ihre Kloaken ausgetrockuet haben, dann, aber nur dann erst wollen wir ihnen das Recht einräumen, gegen die „jüdische Moral" loszuziehen. Die predigt. (Nicht ganz unzeitgemäße Betrachtungen über ein zeitgemäßes Thema.) Motto: „Eine Stimme spricht: Verkündige! Und er spricht: Was soll ich verkündigen?" Jes. 40, 6. Es wäre sehr verlockend, zunächst einen historischen Rückblick auf die Entwicklung der Predigt im Judentum zu werfen, aber die Vergangenheit gehört zu jenen Gebieten, über die man heute nicht gerne sprechen hört. Nicht was unseren Vätern nottat, will man jetzt gelten lassen, sondern wessen wir bedürfen. Im Grunde haben die Leute, die das behaupten, nicht ganz Unrecht. Aus Werken, wie die von dem seligen Kayserling herausgegebene „Bibliothek jüdischer Kanzelredner", kann man sich darüber vortrefflich unterrichten, wie in den verschiedenartigsten Synagogen, insbesondere Deutschlands und Oesterreichs, einst gepredigt wurde, wer hier redete und was sie verkündigten, sie, die sich so gerne mit den alten Propheten vergleichen. Wir wollen das letztere hier nicht bestreiten, aber beileibe auch nicht zugeben, sondern diesen Vergleich als einen auf beiden Beinen hinkenden dahingestellt sein lassen. Fragen wir nun zunächst: „Ist die Predigt ein wichtiger, ja nicht zu umgehender Bestandteil des heutigen jüdischen Gottesdienstes, ist sie ein unumgängliches Bedürfnis für diesen geworden?" Die Antwort auf diese Fragen wird nicht anders, als bejahend ausfallen müssen. Unsere Ahnen — und wir können von solchen mehr und eher sprechen als andere Völker und Gesellschaftsklassen — bedurften der Predigt weniger. Fast störte sie ihre Andacht. Um nur eines hervorzuheben, der synagogale Piut ersetzte ihnen das gesprochene Wort vollständig. Leopold Zunz hat dies in seinem grundlegenden Werke nachgewiesen, und wir, die wir zwar einer modernen Generation angehören, deren Wurzel aber noch in dem alten Gefchlechte zu suchen sind, wissen, daß unsere Väter die Piutim verstanden, daß sie ihnen in schöner Harmonie Dichtung und Midrasch vereinigten, mit anderen Worten, ihnen in viel reicherer Weise das darboten, was die moderne Predigt ihnen nicht hätte geben können. Der selige Prediger Jellinek — gesegnet sei sein Angedenken — hat bie§, wie kein Zweiter, erfaßt und darnach auch seine unver-. gänglichen Predigten eingerichtet. Liest man heute diese wahrhaft klassischen Vorträge, so ist man darüber erstaunt, wie es dieser mit keinem süßen Organ ausgestattete, aber dafür vom Feuer wahrer, glühender Begeisterung erfüllte Redner verstand, in seinen Predigten Midrasch, synagogale Poesie, Liturgik, Zeremonialgesetz und — moderne Zeitsragen zu einem Ganzen zu vereinigen und seine Zuhörer zü belehren, zu erheben und zu begeistern. Der nachhaltige Eindruck seiner Predigten war deshalb bei seinen Zuhörern gesichert. Jellinek predigte einem Auditorium, das in der Vergangenheit wurzelte, aber doch ganz in der Gegenwart lebte, er stand gleichsam an der Grenze zweier Zeiten. Was Schiller vom Schauspieler sagt, gilt auch vom Redner: das Wort verfliegt, es wird gehört und ist bald vergessen. Auch dem Redner flicht die Nachwelt keine Kränze? Sollte dies auch vom Prediger gelten? Gewiß nicht, Wer sich noch heute an einer Prediat Mannheimers oder Jellineks erbaut, wird zugestehen, daß diese Ma- .er für das Judentum ewige Werke geschaffen haben, daß sie nicht flüchtige Worte gesprochen, die kaum gesagt, wieder vergessen werden, sondern daß sie uns in dem reichen Schatze ihrer Predigten unvergängliche Denkmale der Erbauung und religiösen Belehrung hinterlassen haben. ' Unwillkürlich habeu wir uns wieder in die Vergangenheit versenkt, und doch wollten wir von der Gegenwart sprechen. Aber wie wenig ist da zu sagen. Der Grundfehler unserer heutigen Predigt liegt in einem großen Widerspruche, in dem sie sich bewegt. Notwendig ist sie für das heutige Geschlecht, denn, wann hätte dieses mehr der religiösen Belehrung bedurft, wie jetzt? — und, wie wenig genügt sie oft den bescheidensten Anforderungen solcher Belehrung? Nichts schadet dem Judentum so sehr, wie blinde und oft ganz mißverstandene Nachahmung. Zeigt sie sich auf dem Boden des Gottesdienstes, dann wirkt sie oft lächerlich, ja abstoßend. Und wir behaupten, daß unsere moderne Predigt eine, nur allzuoft ganz bewußte Nachahmung der protestantischen Predigt sei. Wir leugnen es. aber, daß die großen Prediger der Vergangenheit mit ihren religiösen Reden ein Stück Protestantismus in die Synagoge verpflanzen wollten. Wir haben es doch wahrlich nicht nötig, auf dem Felde der Religion Anleihen bei anderen zu machen. War die „Deraschuh" nicht früher da, als alle Predigten der Katholiken und Reformierten? Freilich war die alte „Deraschah" formlos, aber ihr Geist möge doch auch unsere modernen Prediger erfüllen, dann würden sie nicht in Form, Geste und Rede sklavisch das Fremde nachahmen und in unsere Synagoge ein Reis von einem fremden Stamme verpflanzen. Ueber Zeitfragen, über Krieg und Frieden, politische und soziale Verhältnisse werden wir durch Leitartikel und Feuilletons mehr als zur Genüge unterrichtet, Handbücher aller Art halten den gebildeten, halb- oder ungebildeten Laien auf dem Laufenden über alles, was heute die Welt bewegt, darum bleibe man uns, die wir so schrecklich viel gelesen, die wir insbesondere von so vielen Journalen belästigt werden, endlich einmal in der Synagoge ferne mit Nietzsche und dem russisch-japanischen Kriege, mit Ellen Key und der sozialen Frage, mit modernem Pessimismus und dem durch nicht allzukluge Staatsmänner „fast" angefachten Weltkriege; dies alles mögen Journalisten, Essayisten und Feuilletonisten behandeln, in die Synagoge gehören andere Stoffe, und das neue Geschlecht hungert darnach, endlich einmal etwas, nicht allein von Antisemitismus und parlamentarischen Kämpfen, von Soziologie, und „Umwertung der Werte", sondern auch — vom Judentum zu hören. Man mißverstehe uns nicht. Goethe hat es gesagt, daß die Zuhörer und Zuschauer ins Theater nicht in gehöriger Stimmung kommen, er spricht von denen, die vom .,Lesen der Journale" gradaus ins Schauspielhaus gehen und denen man schwer Aufmerksamkeit beibringen kann. Wir wollen keineswegs das Schauspielhaus mit der Synagoge vergleichen, aber andererseits wieder auch nicht, daß uns eine Predigt nur das bringe, was wir in irgend einem Journalartikel viel besser behandelt gelesen haben. Man kann sicherlich in der Predigt auch moderne und Zeitftagen behandeln, das darf aber nicht ihr Endzweck sein, gleichsam ihr Thema, ihr Text. Dankbar wird aber die Zuhörerschaft ihrem Redner sein, wenn er sie über den Inhalt des Judentums belehrt und dabei zwar weniger schöne Worte macht, dafür aber mehr Beherzigenswertes darbietet. Wie gut ver-

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