Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 42 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ätedaktion u. Administration: Wien, II/, Novaragasse 21. Telephon Nr. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsu. Jnjertionsbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. ^abhängige Heitschrift für Mische Internen. Erscheint jeden Kreitag. Uotto. „Das LieZel Sotten ität Wahrheit!“ Verngs-pileis»: Ganzjährig . . . K. »2.— Halbjährig . . . K. 6.— i Für Cultnsbeamre: Ganzjährig . . . K. lü.— Für Auslaild: Ganzjährig . . . s Mark 6 Rubel oder n> Jcs. Ur. 43. Wien. 3. Uovember ISV3. Inhalt: Aus der Woche. — Die Predigt. — Judentum und Weltfrieden. — Eine zeitgemäße Reminiszenz. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. -Feuilleton: Der Emigrant. Die geehrten Kerren Abonnenten werden um freundliche Einsendung des Abonnementsbetrages für das taufende Huartat ersucht. Ans der Woche. Rußland steht am Beginn einer neuen Aera. Unter dem Drucke der schrecklichen Ereignisse, die sich in den letzten Tagen in allen Teilen des großen Reiches abspielten, hat das bisher allmächtige Prinzip der Autokratie kapituliert. Pobiedonoszew, der . böse Geist Rußlands, ist gegangen und in einem Manifeste, das Zar Nikolaus der II. an das russische Volk richtete, wird die langersehnte Konstitution verkündet. Unverletzlichkeit der Person, Freiheit des Glaubens und des Wortes, Gleichstellung aller Russen vor dem Gesetze ohne Unterschied des Religionsbekenntnisses und der Volkszugehörigkeit, aktive Teilnahme aller Volksklassen an der Gesetzgebung, all diese Vorj bedinguugen eines modernen, konstitutionellen Rechtsstaates sollen j die Grundlagen der neuen Verfassung bilden, die mit dem ge-! samten russischen Volke hoffentlich auch unseren armen, verj folgten und bedrückten Glaubensbrüdern in diesem Reiche die! Sonne der Freiheit und der Menschlichkeit bringen wird. - * *! * Noch dauern die Unruhen fort, das Volk glaubt noch nidEjt an den ernsten Willen der Regierung, und an manchen Orten, besonders in Odessa, wo die Reaktion neuerdings zu dem. bekannten Ablenkungsmittel der durch Polizeiorgane arrangierten Judenhetzen griff, die wieder viel unschuldiges jüdisches Blut vergossen, steht der Aufruhr noch in hellsten Flammen. Aber trotzdem wird in der ganzen, gesitteten Welt die verheißungsvolle Botschaft Nikolaus II. mit Jubel ausgenommen, nur die antisemitische Preßbande stößt Unkenrufe aus und an ihrer Spitze vergießt das „Deutsche Volksblatt" Tränen darüber, „daß die vom Zaren gewährte Verfassung von dem unter Führung der jüdischen Intelligenz stehenden Proletariate der Städte erpreßt ist und nun auch der übrigen Bevölkerung des Reiches oktroyiert wird, trotzdem diese eine diesbezügliche Forderung gar nicht erhoben hat." Man weiß wahrhaftig.nicht, ob man in derartigen Äußerungen den Gipfelpunkt des Blödsinnes erblicken soll oder den Ausdruck jener gemeinen Niedertracht, die über ihren Judenhaß ruhig die ganze Welt zugrundegehen ließe. Freilich, ein modernes Rußland, das aufhörte, ein Bollwerk des Judenhasses und das Eldorado der Judenverfolgungen zu sein, kann den Antisemiten nicht passen und so wird dieses vielgeprüfte Land hoffentlich in Zukunft auf die Liebe und Verehrung der Judenfresser verzichten müssen. 4- * Die Geschichtsfälscher im Antisemitenlager, die überall und zu allen Zeiten der finsteren Reaktion willig Henkersdienste leisteten, um ihre dunklen Ziele verfolgen zu können, haben auch für die russischen Ereignisse eine eigene Auslegung gefunden. In den Schreckenstagen von Kischenew und Homel jubelten sie über, die Erhebung eines Volkes gegen seine jüdischen Unterdrücker und jetzt, da die gesamte russische Gesellschaft sich zum heiligen Kampfe erhob, um das drückende Joch der Knechtschaft abzuwerfen, klagten sie darüber, daß die revoltierenden Massen das Opfer jüdischer Verführungskünste geworden sind. Allerdings haben auch die russischen Juden Gut und Blut auf dem Altäre der Freiheit geopfert, aber selbst wenn es nicht antisemitische Lüge, sondern geschichtliche Wahrheit wäre, daß nur jüdischer Einfluß das russische Volk zur Freiheit geführt hat, dann müßte um so mehr die ganze zivilisierte Welt diesen armen, gequälten und gehetzten Juden zu unvergänglichem Danke verpflichtet sein, und nicht zum erstenmale würde die Geschichte bestätigen, daß aus dem Schoße des Judentums Heil für die ganze Menschheit erstanden ist. Den antisemitischen Fälschern aber ergeht es wie Bileam, der auszog, Israel zu fluchen, und gezwungen war, ein Loblied auf die Zelte Jakobs zu singen. 4- 4- 4* Vor einigen Tagen fand in einem der äußeren Wiener Bezirke, Breitensee, die Einweihung eines neuen Schulhaufes statt, der auch der Leiter des Unterrichtsministeriums, Freiherr v.Bienerth, beiwohnte. In seiner Ansprache an die Lehrerschaft ermahnte er dieselbe, sie möge ihrem Berufe obliegen, durchdrungen von der wahren und warmen Liebe zu den Kindern, von jener Lrebe, welche die Grundlage aller Glaubensbekenntnisse bildet und vielleicht am schönsten gerade in der christlichen Religion zum Ausdrucke kommt. Welche Erfahrungen muß nun Freiherr v. Bienerth, der ein allsgezeichneter Kenner unseres Schulwesens ist und jenes Geistes, von dem ein großer Teil der gegenwärtigen Lehrerschaft erfüllt ist, auf diesem Gebiete gemacht haben, wenn er sich zu dieser ernsten Mahnung veranlaßt sah? Da er aber auch Leiter des Kultusministeriums ist, wäre es angesichts der Tatsache, daß so viele christliche Geistliche dem Antisemitismus Gefolge leisten, von ihm überaus zeitgemäß, die berufenen Hüter der christlichen Religion an das Gebot der Nächstenliebe zu erinnern. Dem Gedanken, daß wahres Christentum und Glaubenshaß unvereinbar sind, hat Superintendent Dr. H a as e wieder