Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 41 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 7. Nr. 41, Was sie von inferiorer jüdischer Moral faseln, ist genau so berechtigt wie ihr Gefasel von jüdischen Ritnalmorden, Brunnenwergiftungen, Hostienschänduugen usw. Die jüdische Moral ist die der Zeit und Umgebung mit vielleicht einem aparten Zusatz, -den das Alter ihrer Zivilisation, der langjährige Druck, die noch immer bestehende Zurücksetzung verursachen, ein Zusatz aber, der die übrige Welt nicht zu stören braucht, denn er macht sich nur etwa bemerkbar in einer größeren Wohltätigkeit den Glaubensgenossen gegenüber, Familieuliebe u. dgl. nt. Was den „jüdischen Geist" betrifft, so wird es den geistlosen Antisemiten noch schwerer fallen, ihn zu definieren als es den oben erwähnten geistvollen französischen Schriftstellern gefallen ist, den „esprit francais“ zu umgrenzen. Der „jüdische Geist", so erinnern wir uns in der „Nowoje Wremja", dem berüchtigten russischen Antisemitenblatt. und in der „Kreuzzeitung" gelesen zu haben, glaubt an nichts und leugnet alles. Ihm soll „nichts heilig und ehrfurchtgebietend" sein, und darum soll er auch der „Feind jeglicher Autorität und der Bahnbrecher des Anarchismtls" sein. „Der Gifthauch des jüdischen Geistes" soll „bei allen anarchistischen, revolutionären und sogenannten Bewegungen eine Hauptrolle spielen". Der jüdische Geist soll auch die Arbeit scheuen, namentlich das Handwerk, auf Gelderwerb nur ausgehen, betrügen und was der ihm .zugeschriebenen Untugenden und Laster mehr sind. Man müßte ein Buch so dick wie das Finotsche schreiben, um zu zeigen, mit welcher Unwissenheit, welcher Keckheit, welcher Bosheit solche Behauptungen aufgestellt werden. Oder ist es nicht alles das und noch mehr, wenn den Juden vorgeworfen wird, daß ihnen nichts heilig und ehrfurchtgebietend sei, die doch, weil ihnen ihre Religion heilig, wahrlich lange genug und Mehr als alle anderen Völker und Religionsgesellschaften zufammengenommen, gelitten haben. Die Juden sollen nichts .-glauben und alles leugnen. Sie, denen gelehrt wird, bei dem Anblick einer bedeutenden Autorität ein Dankgebet zu sprechen, sollen Feinde jeglicher Autorität sein. Vertreter des „jüdischen -Geistes" werden gleichzeitig verantwortlich gemacht, sowohl für den Kapitalismus als für die Sozialdemokratie. Man braucht sich nur ein klein wenig umzuschanen, um zu wissen, daß es jüdische Handwerker und Arbeiter, daß es jüdische Konservative .gibt, kurz, daß es bei den Juden wie bei allen Anderen „Solche und Solche", allerdings ganz wie überall auch Schlechte gibt. Wenn man trotzdem nicht mit Unrecht etwas Besonderes an den Juden in der Heimat und etwas Gemeinsames unter den Juden der verschiedenen Länder finden kann, so ist das durchaus erklärlich, aber ganz und gar harmlos und zum Teil auch mehr und mehr im Verschwinden begriffen. An den Juden hat man noch viele, viele Jahrhunderte länger gesündigt, wie m den Negern, und die Untaten fast zweier Jahrtausende lassen sich nicht in der kurzen Zeit, seit welcher die Juden in Deutschland das Bürgerrecht besitzen und bis auf den heutigen Tag nicht vollständig genießen, gänzlich verwischen. Die Juden verfolgen in den meisten Ländern zum größten Teil dieselben Gewerbe. Es besteht aber, wie Finot sehr richtig bemerkt, zwischen den Kaufleuten in den verschiedenen Ländern mehr geistige Ähnlichkeit als zwischen Leuten von sehr verschiedenen Berufen in demselben Lande. Das Gleiche gilt von fast allen höheren wie niederen Berufen. Doch wozu uns auf weitere Ausführungen einlassen. Die Hauptsache ist, daß in dem hier in Rede stehenden Werke Jean Finots der bündige Beweis geliefert wird, daß es so wenig trotz den äußeren Anschein höhere und niedere Rassen unter den Menschen gibt, wie die Sonne trotz allem Anschein sich um die Erde dreht. Beides hat man lange genug, aber ohne Berechtigung geglaubt. Und hat man sich zu dieser Erkenntnis durchgerungen, dann fallen alle die Privilegien fort, die sich die .vermeintlich höheren Rassen den vermeintlich niedrigen gegenüber angemaßt haben, und werden zu noch größeren Verbrechen, -als sie es ohnehin schon waren. . Verschiedene Nachrichten. Wien Dem Direktor der Kreditanstalt, Regierungsrat Alois W i e s m a y r, wurde der Orden der Eisernen Krone III. Klasse verliehen. Wien. Vor kurzem verschied hier der Arzt Dr. May bäum, der sich in weiteren Kreisen großer Beliebtheit ersreure. Der Verblichene war ein Bruder des Berliner Rabbiners Pros. Dr. M a y b a u m, der nach Wien gekommen war, um seinem Bruder die letzte Ehre zu erweisen. — Wenige Tage nach dem Hinscheiden des Vaters, am Schmini-Azarethseste, beging dessen Sohn im Tempel in der Seitenstettengasse seine Barmizwa. Ties ergriffen lauschte die Gemeinde, die dem früh verwaisten Knaben aufrichtige Teilnahme entgegenbrachte, dem verständnisvollen und geradezu brillanten Vortrage der Haftora. Dem Konfirmanden stand dessen Onkel, Rabbiner Dr. May bäum, an Stelle des Heimgegangenen Vaters, bei der ersten Thorapflicht zur Seite. Wien. Am 23. d. M. wurde unter großer Teilnahme der zionistischen Kreise Dr. Aron Kokesch vom Zentralsriedhose aus zu Grabe getragen. Wien. Der siebzigste Geburtstag des Herrn Adolf Schreiber wurde am verflossenen Simchas-Thvra seitens der Brigittenauer Judenschaft in überaus solenner Weise gefeiert. Der Vorstand des Tempelvereines erschien ani Morgen des Festtages korporativ in der Wohnung des Jubilars, überreichte demselben einen wertvollen Pokal mit Widmung und geleitete ihn sodann nach einer Ansprache des Präsidenten, Herrn Hermann Eltbogen, in das festlich geschmückte Gotteshaus in der Kluckygasse, woselbst der Sitz des Jubilars mit Reisig und Blumen baldachinartig dekoriert war. Herr Schreiber wurde als „Chathan Bereschith" zur Thora gerufen, und nach Verlesung des Thoraabschnlttes rezitierte Oberkantor Bass er, assistiert vom Chorpersonale. einen von dem Literaten Eisig Loubetzki in gediegenstem Hebräisch verfaßten „Mischeberach", worauf Professor Dr. Pollak in einer wirkungsvollen Ansprache die Verdienste des Jubilars um die Tempelgemeinde wie um die öffentliche Wohltätigkeit im zwanzigsten Bezirke schilderte. Nach dem Gottesdienste versammelten sich der Tempel- Vorstand, der Vorstand des Brigittenauer Unterstützungsvereines, die Vorstandsdamen des Brigittenauer Frauen - Wohltätigkeit-Vereines unter Führung ihrer Präsidentin Frau Dr. Emilie Weiß, die Familienmitglieder und mehrere geladene Gäste zu einenr gemeinsamen Diner im Restaurant S. Schwarz, XX., Klosterneuburgerstraße. Den Reigen der Toaste eröffnete Herr Sekretär Josef Kohn, der in einer großangelegten Rede ein treffendes Charakterbild des Jubilars entwarf. Weiters sprachen Präsident Hermann Eltbogen, Professor Dr. Pollak, der Sohn des Gefeierten Herr Dr. Heinrich Schreiber, Herr Back und Herr Kaiser namens des Unterstützungsvereines, Dr. Bloch als Freund der Familie Schreiber, Herr Federmann, und zum Schluffe der Jubilar selbst, der in schlichten aber herzinnigen Worten Allen dankte und um serneres Zusammenwirken zur Bekämpfung der großen Not und Armut unter der Judenschaft dieses Bezirkes bat. Zahlreiche schristliche und telegraphische Gratulationen aus nah und fern geben ein beredtes Zeugnis für die große Verehrung, die der Jubilar in den weitesten Kreisen genießt. X. Oll. Wien. Die Besucher des Fugbachtempels hatten an den abgelaufenen Festtagen einen besonderen Genuß. Abgesehen davon, daß das Gotteshaus sich nach erfolgter Renovierung schöner als bisher repräsentierte, stand auch der Gottesdienst auf der Höhe der Anforderungen. Die Leistungen des neuen Kantors, Herrn W e i n st o ck, sowie die des unter Leitung des stimmbegabten Baritonisten, Herrn L. Münz, stehenden Chores waren vorzüglich und die Reden des Herrn Rabbiner A b e l e s, Vater des hiesigen Gemeinderabbiners Dr. A b e l e s, machten tiefen Eindruck. Wien. Am 24. d. M. beging der bekannte Kinderarzt Dr. Hermann H e r tz k a das Fest der silbernen Hochzeit. Seine Gattin ist eine Nichte des Reichsratsabgeordneten Dr. Rappaport v. P o r a d a. Dr. Heitzka ist seit vielen Jahren auch Arzt des israelitischen Mädchen- Waisenhauses im XIX. Bezirke, Ruthgasse. Wien. Samstag, den 28. d. M., 10 Uhr vormittags, findet in der Synagoge, II., Leopoldsgasse 29, die Barmizwah des Konfirmanden Eugen, Sohn des Oberkantors M. S ch o r r, statt. Wien. Sonntag, den 29. Oktober 1905, um 4 Uhr nachmittags, findet im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde *1, Seitenstettengasse Nr. 4) die ordentliche Generalversammlung des Mädchen- und Frauenvereines „Krankenbesuch (Bikur chaulim) mit folgender Tagesordnung statt. 1. Ansprache Sr. Ehrwürden des Herrn Rabbiner Doktor F e u ch t w a u g. 2. Erstattung des Jahres- und Kassaberichtes. 3. Vorschlag zur Gründung eines Asyls. 4. Wahl des Vorstandes und der Kassarevijoren. 5. Eventuelles. Jglau. Unter außergewöhnlich zahlreicher Beteiligung sand hier am 18. o. M. das Leichenbegängnis der im 79. Lebensjahre in Wien verstorbenen Witwe. Frau Jeanette Mayer, statt. Die Verewigte, die bis 1895 hier domizilierte und eine lange Reihe von Jahren Kassierin und Ehrenmitglied des hiesigen israelitischen Frauenvereines war, galt als eine durch Edelsinn, Lebensklngheit und Großherzigkeit hervorragende Dame. Ja, sie zählte zu jenen seltenen, typischen Charakteren, die sich den Sinn für ideales Streben und Wollen, sowie für die Entwicklungsphasen des jüdischen Gemeinwesens bis ins höchste Alter zu bewahren wissen. Die Verblichene erfreute sich deswegen in den hiesigen Gesellschaftskreisen großer Sympathien, die bei ihrem plötzlichen Hinscheiden in der allgemeinen und warmen Teilnahme rückhaltslosen Ausdruck fanden. Friede ihrem Geiste, Ehre ihrem Andenken! . . .. r.