Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 41 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063265-3063306--03912-3070710- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 41. Das Kaffenvorarteil. (Schluß.) Indem sie die wesentlichsten Merkmale dieses „Esprit" oder dieses ..Genius" analysieren wollen, schreibt ihm ein jeder besondere Eigenschaften zu, die nämlich dem eigenen Temperament und den Eigenschaften des eigenen Geistes entsprechen. Fiuot zieht daraus den Schluß, daß unsere Moral, unsere geistige Eigentümlichkeit, die Neigungen unserer Seele bis zu einem gewissen Grade zu unserer Zivilisation gehören, zu der Art unseres Seins und Lebens. Die Anthropologen befinden sich fortwährend in Widerspruch unter einander und mit der Wirklichkeit. Sie lassen ihrer Phantasie die Zügel schießen und schildern alte und neue Völker ganz nach ihren vorgefaßten Meinungen oder in tendenziöser Absicht. Zu gewissen Zwecken heben sie diese in den Himmel, verherrlichen sie über alle Maßen, und zu ihren Zwecken wiederum malen sie andere so schwarz als nur irgend möglich. Finot ftihrt hierfür zahlreiche Beispiele an, fertigt nicht schlecht Herrn Houston Stewart Chamberlain ab, den er einen sonderbaren Gelehrten (cefc etrange Savant) nennt und er wirft ihm vor, daß er, um zeitgenössischen Mächtigen zu gefallen, die Germanen besonders herausgestrichen habe. Je nach Zeiten und Umständen ändern auch Angehörige ihres Volkes ihren Volkscharakter, der sonach nicht angeboren und unveräußerlich sein kann. Die Engländer sind in Australien anders als in ihrer ursprünglichen Heimat, die Franzosen in Kanada anders als in Frankreich. Die Ungarn haben längst ihre mongolischen Charakterzüge abgelegt und sind in jeder Beziehung den sogenannten Ariern ähnlich. Einst waren die Schweizer die Allerweltssoldaten, heute sind sie, die Krieger xrar excellence von ehemals, Hoteliers. Die Norweger, die heute so friedliebend sind, zeichneten sich im Mittelalter durch ihren abenteuerlichen Geist aus. Wir wissen, wie die Polen ihre berüchtigte polnische Wirtschaft aufgegeben haben und jetzt wirtschaftlich sehr tüchtig sind uud wie selbst ein Bismarck sich gründlich verrechnet hat, als er geglaubt, die polnischen Edelleute würden das von der Ansiedlungskommission für ihre Güter erhaltene Geld in Paris oder Monte Carlo verprassen und verspielen. Die Juden, die heute für ganz besonders friedliebend gehalten werden, die das Wasfenhandwerk verabscheuen nnd fürchten sollen, besaßen einst einen sehr kriegerischen Geist. Finot illustriert dies näher aus dem Alten Testament und fährt dann fort: „Es hat selbst eine Zeit gegeben (gegen das zweite und erste Jahrhundert vor Christi Geburt), da die Juden eine ähn-' liche Rolle als Söldner spielten wie in viel späterer Zeit die Schweizer. In dieser Eigenschaft zeichneten sie sich durch ihren Mut und ihre Treue aus." (Stade: Geschichte des Volkes Israel.) Dieselben Juden, heißt es weiter bei Finot, besitzen nach den Bölkerpsychologen die Eigenheit, allen Klimaten Widerstand - leisten zu können. Nun, diese Eigentümlichkeit, die ihnen in allen Schilderungen zugeschrieben wird, verdanken sie lediglich ihrer besonderen hygienischen Lebensweise. Ihre Religion, ihre Sitten, ihre Isoliertheit, die Verfolgung, die Mäßigkeit und so viele andere Umstände in ihrem Leben haben sie in den Stand gesetzt, den Uebeln widerstehen zu können, die so mörderisch sind für die Unmäßigkeit und Unvorsichtigkeit bei anderen Völkern. Neufville, Legoy, Dieterici und andere mehr betonen, daß die regelmäßige Lebensweise und die in Krankheitsfällen angewendete Sorgfalt bei den Juden die Kindersterblichkeit vermindern und ihren Gesundheitszustand erhöhen. Andererseits hat man konstatiert, daß die Juden, die dem Einfluß des Milieu nachgegeben und in moralischer und intellektueller Hinsicht die Sitten ihrer Umgebung angenommen haben, die Wohltat dieser Ausnahme-Eigenheit verlieren und wieder dem gewöhnlichen Gesetze unterliegen. Ueberall ist ein Volk von gestern nicht das Volk von heute, und das Volk von heute ist nicht das von morgen. Man will bereits einen wesentlichen Unterschied finden zwischen den Deutschen von vor der Bismarkschen Aera und den Deutschen nach der Wiedererrichtung des Reiches. Wie sollte es auch eine einheitliche Gesinnung, einen einheitlichen Volkscharakter geben, selbst wenn man zugestehen wollte, daß jede sogenannte Rasse einen bestimmten Charakter habe, da es doch gar keine reine Rasse gibt. Das französische Volk, das wir kennen, ist das Ergebnis einer Blutmischung von 50 Völkerschaften, die Finot namentlich aufzählt, und noch etlichen, die er nicht mit Namen anführt. Er erklärt es sogar für zweifelhaft, ob nicht im deutschen Volke mehr gallisches Blut fließt als im französischen und im französischen mehr germanisches Blut als gallisches. Die Italiener, die Engländer und gar die Amerikaner sind Mischvölker. Die Juden, die sich selbst für eine besonders reine Rasse halten und für eine reine Rasse gehalten werden, haben, .wie sie fast allen Völkern der Erde von ihrem Blute abgegeben, auch das Blut aller Völker in ihre Adern ausgenommen. Selbst in der Vergangenheit bildeten sie keine „Rasse". Als sie in geringer Zahl etwa ein Jahrtausend vor Christi Geburt in Palästina ankamen, fanden sie dort alle möglichen Rassen und Völker vor, und sie vermischten sich mit Arabern, Hüllten, Philistern usw. Als sie nach Alexander zerstreut wurden, machten sie eifrig Projelyten. Erinnern wir uns, daß ein ganzes türkisches Volk, die Chasaren, zum Judentum übergetreten ist. Zerstreut über die ganze Welt, machen sie alle möglichen Kreuzungen durch, ganz abgesehen davon, daß sie auch dem Einfluß der verschiedenen Milieus unterliegen. Wenn man sehen will, zu welchen Vorurteilen man durch Haß und Ueberhebung gelangen kann, dann bieten die Neger neben den Juden das klassischste Beispiel. Der Rezensent der „Mitteilungen" beschäftigt sich hierauf eingehender an der Hand des Finotschen Werkes mit den Negern und den verschiedenen Vorurteilen, welche über sie grundlos verbreitet sind, und fährt hierauf in folgender Weise fort: Der Leser, der bis hierher gefolgt ist, und noch vielmehr der Finots hochinteressantes nnd überaus lehrreiches Werk selbst aufmerksam gelesen hat, wird nicht umhin können, alles, was über von Natur höhere und niedere Rassen gesagt wird, für baren Unsinn zu halten. Er wird auch darum nicht umhin können, zuzugeben, daß die Behandlung, die man in Amerika den 'Negern zuteil werden läßt, ungerecht und verkehrt ist, und nur geeignet, die Neger dazu zu treiben, einen Staat im Staat zu bilden und so die Negerfrage, zumal bei der urwüchsigen Vermehrung der Farbigen im Gegensatz zu der geringeren der Weißen und ganz besonders der Amerikaner, zu einer höchst ernsten zu machen. Endlich wird dem Leser die Analogie auffallen zwischen dieser Behandlung und derjenigen, die die Antisemiten mit noch weit größerem Unrecht den Juden zuteil werden zu lassen wünschen. Wenn man auch nach dem, was sie bereits geleistet, von einer angeborenen und nicht zu beseitigenden geistigen Minderwertigkeit der Neger nicht reden kann, so sind diese doch erst seit kurzer Zeit zur Kultur gelangt, als daß man schon ein Urteil über ihre ganze Leistungsfähigkeit sich zu bilden im Stande wäre, und jedenfalls kann man noch nicht behaupten, daß sie einmal besonders leistungsfähig sein und kulturell sich auszeichnen und sich besonders assimilierbar erweisen werde. Die Juden hingegen sind seit Jahrtausenden zivilisiert, sie sind als geistig begabt bekannt, sie haben sich als besonders assimilierbar seit lange erwiesen, sie sind die Urheber der Religionen nnd der Ethik der modernen zivilisierten Völker, sie haben auch im dunkelsten Mittelalter, ja im Altertum nicht wenig zu allen, auch den höchsten Wissenschaften der Menschheit beigetragen, sie sind überall in mehr oder weniger verschwindenden Minoritäten, sie haben naturgemäß schon weit mehr, als die Neger beim besten Willen konnten, sich der Umgebung angepaßt, sie haben mit ihren Mitbürgern, im Gegensatz zu den Negern, auf denselben Schulbänken gesessen, die gleiche militärische Schulung durchgemacht, es fallen sonach sehr viele Gründe fort, die abgesehen noch von allerlei Aueßerlichkeiten, wie beispielsweise der Farbe, die Amerikaner zwar nicht mit Recht, aber doch eher zu einer etwas anderen Behandlung der Neger veranlassen können. Ja, wird man sagen, der „jüdische Geist", die inferiore jüdische Moral! Aber die das sagen, sind blöde Antisemiten, die Behauptungen aufstellen ohne Grundlage und ohne Beweis.