Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 41 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41. Die Wahrheit. Seite 5. Es mag nicht allbekannt oder wieder vergessen worden sein, daß bereits im Jahre 1881 eine starke philosemitische Aeußerung der spanischen Regierung erfolgte. Ans Anlaß der Judenverfolgungen des Jahres 1881 in Rußland erließ nämlich der verstorbene König Alfons XU. durch den noch lebenden liberalen Politiker Marquis Vega de Armijo, damaligen Minister des Auswärtigen, auf Anregung der spanischen Gesandten in Petersburg und Konstantinopel eine Kabinettsordre. wonach Spanien mit Genugtuung die Nachkommen seiner ehemaligen jüdischen Untertanen aufnehmen würde. Dieser Entschluß der spanischen Regierung blieb jedoch ohne die verdiente Würdigung, und auch sonstige Zugeständnisse, die Spanien den Juden im Orient machte, blieben fast unberücksichtigt. Denn gerade auf jüdischer Seite findet der Gedanke einer Aussöhnung zwischen Spanien und seinen Verbannten lange nicht die gebührende Würdigung. Dr. Pulido ließ sich jedoch durch diesen Jndifferentismus nicht abschrecken. Er richtete ein Schreiben an die spanisch-jüdische Vereinigung „Esperanza" in Wien, die sich aus Jung-Akademikern zusammensetzt und die Pflege der spanischen Sprache auf ihre Fahne geschrieben hat. In beredten Worten forderte Pulido die spanisch-jüdische akademische Jugend auf, ihrem Programme treu zu bleiben und rastlos zu kämpfen für die Erhaltung der Sprache und Traditionen ihrer Väter. Die Worte Pulidos waren wie eine Botschaft an die Judenheit des Orients gerichtet; überall wohin sie trafen, erweckten sie Begeisterung sowie die Hoffnung auf die Repatriation de los Judos Espanoles." Wenn Spanien, durch die Untätigkeit seiner diplomatischen Vertreter hintangehalten, erst jetzt sich anschickt, für die Ausbreitung seiner Sprache etwas zu tun, so findet es zu seinem Schaden den Platz von einem nicht zu verachtenden Gegner geradezu besetzt. Besonders in den Spanien interessierenden Gegenden hat die ..Alliance israelite" die französische Sprache eingeführt, und es ist bekannt, mit welchem Aufwande von Energie und Kapital diese französische Gesellschaft das Werk der Erziehung im Orient weiterführt. In anderer Hinsicht muß jedoch gerade dieser Wettbewerb die spanische Regierung, oder sei es eine spanische Gesellschaft, drängen, eine um so größere Energie in der Wahrung der Interessen Spaniens zu entfalten. Einen wesentlichen und positiven Untergrund würden diese Bestrebungen in dem Umstande finden, daß bei einem Entgegenkommen Spaniens gerade die Kreise kommerzielle Beziehungen mit ihm anknüpfen würden, in deren Händen der weitaus größte Teil des Handels im Orient liegt. Auch in Marokko, wo die spanisch sprechenden Juden ein bedeutendes Element bilden, hat man es versäumt, diesen günstigen Umstand für den Einfluß Spaniens auszunützen, und man möchte behaupten, daß seine diplomatischen Vertreter, die schon im Orient nicht sahen, in Marokko einfach blind waren. Hier hat jedenfalls die diplomatische Vertretung Spaniens den größten Fehler gemacht, indem sie die marokkanischen Juden in ihrer Eigenschaft als Spanier ignorierte und wieder war es die rührige „Alliance israelite", die auch hier auf afrikanischem Boden für Frankreichs Interessen Pionnierarbeit verrichtete. Es unterliegt keinem Zweifel, paß die Einwanderung von Juden in Spanien dem Lande von einem nicht zu unterschätzenden Werte wäre, zumal als Ersatz ^fsir die alljährliche enorme Auswanderung der Spanier selbst. , Ich habe erwähnt, daß auf jüdischer Seite sich ein starker Jndifferentismus gegenüber der Annäherung an Spanien fühlbar l macht. So traten denn auch in dieser Frage unter den Juden selbst nur vereinzelte Stimmen auf, die auf Erhaltung der spanischen Sprache und einen ideellen Anschluß an Spanien drangen. Diese Intellektuellen suchen schon länger als ein Dezennium die große Masse der jüdischen Bevölkerung aus ihrer Lethargie zu reißen. Denn daß unter den Hispanojuden die traditionelle Anhänglichkeit an Spanien noch lebt, unterliegt keinem Zweifel. Sie haben die Leiden ihrer Vorfahren des 15. Jahrhunderts vergessen und über die Verbannung von spanischem Boden getrauert, fast wie über den Verlust Jerusalems. Selbst in ihre Gebete haben sie j die Bitte eingeschaltet, der Herr möge sie dereinst ins zweite I gelobte Land, nach Spanien, zurückführen, wo die Gebeine ihrer Väter ruhen, wo ihre Weisen und Rabbinen sich unvergänglichen Ruhm erworben und wo die Wiege eines Halevy de Castrilla und eines Maimonides de Cordova stand. Diese Sehnsucht nach ihrem alten Vaterlande drückt sich auch in ihren Volksliedern aus, in der Erhaltung spanischer Sitten und Gebräuche und es ist geradezu bewundernswert, wie sich dort, im Orient, Sprichwörter und Redewendungen erhalten haben, die man heute auch hier, in Spanien, hört. Bei all dieser notorischen Anhänglichkeit der spanischen Juden an das alte Vaterland ist es auffällig, daß sie nicht die geringsten Schritte zu einer Anbahnung von Beziehungen unternahmen oder gar der Gedanke an eine „Repatriacion" positive Gestalt hätte annehmen können. Ebenso auffällig ist es, daß die existierenden jüdischen Kolonisationsgesellschaften und bekannte Wohltäter auf diese Seite der Judenfrage nicht aufmerksam geworden sind. Sicherlich ist hier viel verabsäumt worden. Ich hatte Gelegenheit, Stimmen hochstehender Persönlichkeiten aus allen Parteien über die spanischjüdische Frage zu hören und habe nirgends auch nur das leiseste Anzeichen von Abneigung gegen die Aufrollung der spanisch-jüdischen Frage gefunden. Der Eifer des Senators Pulido hat anregend gewirkt und die öffentliche Meinung Spaniens ist aufmerksam geworden. Die Königliche Akademie der Sprache hat korrespondierende Mitglieder unter den hervorragendsten Hispanojnden des Orients ernannt. Der Verein der Schriftsteller Spaniens sandte Werke seiner Mitglieder zur Förderung und Ausbreitung der spanischen Sprache in die Zentren der jüdischen Bevölkerung. Die Handelskammern Spanienssind in vorbereitende Beziehungen zu den kommerziellen Kreisen des Orients getreten und diese wiederum haben Vertreter nach Spanien gesandt, um die Anknüpfung von Handelsbeziehungen in die Wege zu leiten. Die Hispano- Amerikanische Union hat beschlossen, die Judenfrage in ihr Programm aufzunehmen und an der Lösung derselben mitzuarbeiten. Auch mag hier nicht unerwähnt bleiben ein Schreiben der in München lebenden spanischen Infantin Donna Paz, Gemahlin des Prinzen Ferdinand von Bayern und Tante des Königs von Spanien. Die Dame drückt in dem Briefe ihre Befriedigung über den günstigen Lauf der Dinge in der angeregten, ihr sehr sympathischen spanisch-jüdischen Frage aus und verspricht, den König von Spanien für die Sache zu gewinnen. Dank der Initiative des Senators Pulido sind hier, in Madrid, bereits die nötigen Schritte geschehen zur Bildung eine Propaganda-Komitees, für welches namhafte Politiker aus allen Parteien gewonnen sind. Dieses Komitee wird zur Aufgabe haben, neben einer energischen Propaganda in der öffentlichen Meinung Spaniens die nötigen Vorarbeiten zu erledigen, um eine Verbindung zwischen Spanien und den Hispanojnden des Orients und Marokkos herzustellen, ferner durch seine Mitglieder, die Senatoren und Deputierte sind, die Mitarbeit der spanischen Regierung zu veranlassen und besonders die Einstellung von Beträgen in das Budget zur Gründung von spanischen Schulen im Orient nnd Entsendung geeigneter Schulkrüfte zu erzielen. Diese Vorarbeiten würden zur Einberufung eines hispanojüdischen Kongresses überleiten. Nun hat Dr. Pulido im Juni d. I. ein zweites Werk erscheinen lassen unter dem Titel: „Espanoles sin patria y la Raza Sefardi" (Spanier ohne Vaterland und die Raffe der Sefardim). In diesem umfangreichen Werke, das ein ungeheures statistisches Material enthält, sucht der Verfasser seinem Vater-! lande nun auch den Beweis zu erbringen, daß die Auftollung dieser Frage berechtigt ist, die Sefardim der Sympathie ihres Ur-Mutterlandes würdig und als Staatsbürger brauchbar sind. Was Dr. Pulido da nüchtern und objektiv gesammelt hat, sind Belege, Tatsachen und Zahlen, auf deren Grundlage er seine Arbeit aufbaut und sie dadurch zu einem historischen Dokument von hohem Werte macht. Das Werk hat in der gesamten spanischen Presse Anerkennung gefunden und die spanische Regierung, der es als Material überwiesen wurde, jüngst veranlaßt, durch den Unterrichtsminister erklären zu lassen, daß sie sich das Programm Dr. Pulidos zu eigen mache. Damit ist die spanisch-jüdische Frage in ein entscheidendes Stadium getreten.