Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 41 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Leite 4. Die Wahrheit Nr. 41. Standpunkte die ungenügende Ventilation des Stalles und stellte — man höre und staune — den ingeniösen Antrag, zur Verbesserung der Stallluft ein Fenster in den angrenzenden, bisher durch eine Mauer volllommen abgeschlossenen Arbeitsraum durchzubrechen. Die Mitglieder der Kommission sahen einander staunend an und mit mokantem Lächeln bemerkte einer der Herren, daß allerdings die Pferde dann etwas mehr Lust bekämen, ob aber der Stallduft den im Arbeitsraum erzeugten Eßwaren besonders zuträglich wäre, das zu beurteilen, wolle er der tiefen hygienischen Einsicht des Herrn Bezirksarztes anheimstellen. * * * Eine Aeußerung, die vom Bischof von Speier, Dr. Busch, über die Aufgaben eines ^wahren Priesters herrührt, macht jetzt die Runde durch alle Blätter. Der Bischof empfieng nämlich vor einiger Zeit die als Vertreter der pfälzischen Bezirksrabbiner zur Beglückioünschung anläßlich feines Amtsantrittes erschienenen Herren Dr. Landsberg (Kaiserlautern) und Dr. Karl Mayer (Zweibrücken). Auf eine Ansprache des ersteren erwiderte er, daß er sich herzlichst freue, durch eine solche Ansprache begrüßt worden zu sein. Was das angeführte Prophetenwort des Malachias: „Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht alle ein Gott geschaffen?" anlange, so sei auch er von der Wahrheit und Bedeutung desselben tief erfüllt. „Gemeinschaftlich wollen wir arbeiten", so ungefähr lauteten die Worte des Redners, „an der Bildung und Gesittung des Volkes, gemeinschaftlich wollen wir alle Menschen erziehen für die Ideale des Lebens, und Gott möge uns hierbei mit seiner Kraft beistehen." Mit den besten Wünschen für die Erreichung dieses hohen Zieles schloß unter Händedruck der .Herr Bischof seine Gegenrede. In Oesterreich, dem klassischen Lande der Hetzpfarrer, hört man allerdings solche Aeußerungen eines christlichen Seelenhirten sehr selten. Die Indenfrage in Spanien. Während so viele wichtige, das gesamte Judentum hart berührende Fragen noch immer der Lösung harren, ist eine neue jüdische Frage, die spanisch-jüdische, zn den alten hinzugetreten. Wer hätte das vor wenigen Jahrzehnten noch geglaubt? Auch Spanien hat eine Judenfrage, und sonderbarer Weise, man sehnt sich dort nach den Juden zurück, die vor vier Jahrhunderten gleich Verbrechern aus dem Lande gejagt wurden. Im Mittelpunkt dieser Bewegung steht der spanische Senator Dr. Angel Pulido, der in Erkenntnis des großen Fehlers, den seine Vorfahren begangen haben, Regierung und öffentliche Meinung unablässig anregt, durch Rückberufung der sefardischen Juden den folgenschweren Mißgriff wieder gut zu machen. Die Bewegung erfaßt immer weitere Kreise und anch außerhalb Spaniens treten nicht nur die jüdischen Blätter, sondern auch hervorragende interkonfessionelle Zeitungen in die Diskussion der spanisch-jüdischen Frage ein. Wie dieselbe sich allmälig entwickelte, darüber gibt S. L. Nußbaum aus Madrid im »Köln. Jsr. Gemeindeblatt" folgende Darstellung: Zwar ist es eine eigentümliche Erscheinung, daß im „judenreinen" Spanien philosemitische Strömungen erstehen können, und doch, in den Spalten der Presse schlagen sie an und auch ins Parlament schon flutet einer der Wellen, weitere Kreise nach sich ziehend. Es war zur Zeit der großen Revolution, als zum ersten Male in Spanien eine Bewegung entstand zu dem Zwecke, den politischen Irrtum des Jahres 1492 wieder gut zu machen, und im liberalen Geiste jener Zeit wurde der Gedanke wach, sich, nachdem drei Jahrhunderte verflossen waren, der Nachkommen des vertriebenen Volkes wieder aufzunehmen und sie als spanische Landeskinder anzuerkennen. Denn man sah wohl damals schon ein, daß das Edikt der „Rehes catolicos" ein Verderb für Spanien selbst war. Die Juden waren im gewissen Sinne die Träger des Handels und Gewerbes; auch muß man sich den aller Arbeit abholden Hidaljo-Charakter der damaligen Spanier vergegenwärtigen, um zu verstehen, welche Bedeutung die Ausweisung des sozusagen einzigen handel- und gewerbetreibenden Elementes für das Land hatte. Dieses Geständnis, das Spanien sich selbst machte, zeigte jedoch keine praktischen Folgen; es wurde stets viel nach guter spanischer Art darüber gesprochen und dabei blieb es. Auch eine glänzende Verteidigungsrede der Juden, die Castelar, der spätere Präsident der spanischen Republik, bei Gelegenheit einer Kritik der Politik des 15. Jahrhunderts hielt, brachte weiters nichts als ihm selbst die Dankbarkeit der Juden. Als Castelar, Jahre später, Tanger besuchte, wurde er von den marokkanischen Juden begeistert empfangen. Es erstaunte ihm außerordentlich, als er dort ein unverfälschtes reines Spanisch sprechen hörte, und wohl auch in seinem Geiste mag damals schon der Gedanke entstanden sein, der heute wiederum beginnt, Wurzel zn fassen, und fruchtbringend sich auszubreiten. Ähnlich wie es Castelar in Marokko erging, berührt es viele spanische Reisende ganz eigenartig heimisch, wenn sie den Orient besuchen, um dort, wo sie nur fremde Zungen zu vernehmen glaubten, plötzlich heimische Laute an ihr Ohr klingen hören, ein sonderbares Spanisch, an alte Zeiten erinnernd, und trotz der starken Korrumpierung der Sprache des Cervantes gleich; der jüdisch-spanische Jargon. Obwohl es altbekannt war, daß Abkömmlinge der einstigen spanischen Juden existieren, hat man sie in jüngster Zeit wiederum auf's neue entdecken müssen, und es war vornehmlich Don Angel Pulido, Senator für die Universität Salamanca, der auf einer Reise nach dem Orient die Entdeckung der „Hispanojuden" abermals machte. Diese Hispanojuden, wie wir sie nennen wollen — sie selbst nennen sich „Sefardim" — sind die Nachkommen der aus Spanien ausgewiesenen Juden, die durch vier Jahrhunderte hindurch ihre Sprache und ihre Traditionen aus altspanischer Zeit bewahrt haben. Man schätzt ihre Zahl ans 600.000 und es gibt sogar Statistiker, welche die Zahl der Hispanojuden — Marokko eingeschlossen — mit einer Million angeben. (Nach einer späteren Schätzung Dr. Pulldos sollen es fast zwei Millionen auf der | ganzen Erde sein.) | Wenn diese Abkömmlinge ehemaliger spanischer Untertanen I neuerdings anfangen, das Interesse ihres Alt-Vaterlandes zu erwecken, so ist es besonders das Verdienst Pulldos, den wir als den intellektuellen Urheber der spanisch-jüdischen Bewegung hinstellen können. Der Senator Pulido ist ein Mann, der Jahre seit langem im öffentlichen Leben Spaniens eine Rolle spielt. Als Präsident des gesamten spanischen Sanitätswesens hat er seinem Vaterlande große Dienste geleistet und als fruchtbarer Schrifffteller und bekannter Parlamentarier seinen Namen einen guten Klang zu geben gewußt. Ich hatte Gelegenheit, Dr. Pulido vor einiger Zeit zu. sprechen, nachdem die häufigen Artikel der hiesigen Presse über die spanischen Juden mich aus diese bedeutsame Frage eufmerksam gemacht hatten. Am 13. November 1903 hatte Senator Pulido im Senate an den Minister der auswärtigen Angelegenheiten folgende Interpellation gerichtet: „Was gedenkt der Minister des Auswärtigen zu tun, angesichts der Tatsache, daß im Orient mehr als eine halbe! Million Nachkommen ehemaliger spanischer Untertanen, leben,! um die sich weder die Regierung Spaniens noch seine Ge-! sandten und Konsuln kümmern, während die königliche Akademie der spanischen Sprache mit verschränkten Armen zusieht, wie oie Sprache, welche dieses Volk durch Jahrhunderte hindurch mit Liebe gepflegt hat, im Begriffe steht zu verschwinden?" Der Minister erwiderte, daß er der Anfrage und ihrer Begründung mit größtem Interesse gelauscht habe und er versprach alles zu tun, was in seinen Kräften stehe, nm die spanischjüdische Frage aufzurollen. Auch der Graf Casa-Valencia versprach die tatkräftige Mitwirkung der Akademie der spanischen Sprache. Diese Anregung Pulidos im Senat wurde in Spanien selbst mit Wohlwollen ausgenommen; man begann sich allenthalben mit der spanisch-jüdischen Frage zu beschäftigen und die folgende Tat Pulidos, die Veröffentlichung seines Buches „Les Jsraelitas Espanoles" brachte die Angelegenheit vollends in Fluß. Diesem Buche sind die nachstehenden Angaben entnommen, denen Dr. Pulido in liebenswürdiger Weise noch mündliche Erläuterungen beifügte. si I! 2 d li d 9 <s V fl n £ j i 3 T s l f i r Ü ( c \ i < \