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Die Wahrheit · 1905-10-27 · Heft 41 (27.10.1905) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 41 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Wahrheit Redaktion 11. Sldniiiiislration: Wien, II/, Novaragasie 27. Telephon Dir. der Druckerei 15302 Interate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsu. Jnsertiousdeträ>ze sind in Wien zahlbar und klagbar. nabhängige Seitfchrifl IntereAm für Mische Erscheint jeden Ireilag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Verngspyei»: Ganzjährig . . . ft. nt.—; Halbjährig ... ft. 8.— j Für Cultusbeamte: j Ganzjährig . . . ft, 10 - Für Ausland: Ganzjährig ... 3 Mart. 6 Rubel oder n> Fc«. |tv. 41. Wien, 2V. Oktober 19N3. Inhalt: Aus der Woche. — Die Judenfrage in Spanien. — Das Rassenvorurteil. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Schabbes am 8 Schiff. — Die „Steiger" in der Entwicklung des Synagogengesanges. Ans der Woche. Wie es bei Potentaten Sitte ist, wird auch der Geburtstag Dr. Luegers alljährlich von seiner Partei festlich begangen, und so wußten in den letzten Tagen die Blätter abermals über mannigfache Ovationen zu berichten, die dem Bürgermeister anläßlich seines 61. Geburtstages seitens des Gemeinderates, Magistrates und der gesamten antisemitischen Partei dargebracht wurden. Nun, die Christlich-Sozialen haben wahrhaftig Grund, den Bürgermeister zu feiern. Ihm haben sie es zu danken, daß sie, die vor zwei Jahrzehnten eine in jämmerlicher Minorität befindliche, von allgemeiner Verachtung gezüchtigte Fraktion bildeten, beute in Wien die ungeschmälerte Herrschaft ausüben, daß sich ihr beinahe alles bedingungslos unterwirft. Dem Dr. Lueger haben die Christlich-Sozialen es zu danken, daß der Name „Antisemit" nicht mehr als eine blutige Beschimpfung angesehen wird, für die — wie wohl noch erinnerlich — vor 18—20 Jahren häufig noch gerichtliche Sühne gefordert wurde. > Vielleicht nennt sich heute mancher selbst stolz „Antisemit", der j einst wegen dieser' Titulatur als Kläger erschienen war. Trotz dieser unleugbaren Verdienste Dr. Luegers um den Antisemitismus haben auch die Juden Grund und Anlaß, dem Bürgermeister Gefühle der Dankbarkeit entgegenzubringen. Was immer er auch ihnen Böses zugesügt hat, sie müssen doch, im Sinne der jüdischen Lehre auch dessen gedenken, was er für sie Gutes getan. Nie und nimmer dürfen die Juden vergessen, daß Dr. Lueger einst das ewig wahre und unsterbliche Wort gesprochen hat: ..Nur ein Schuft oder ein Esel kann ein Antisemit sein!" Da wir nun als Juden Dankbarkeit zu üben verpflichtet sind, wollen wir dafür Sorge tragen, daß gerade anläßlich der jeweiligen Geburtstagfeiern und anderer Lnegerfeste dieses treffenden, wahren und niemals abzuleugnenden Lueger-Wortes gedacht werde. . j Wenn es gilt, die Juden in ihrem Erwerbsleben zu treffen, dann herrscht unter den Antiseniiten, mögen sie sonst im politischen Leben sich noch so sehr in den Haaren liegen, vollste! Einmütigkeit, und so haben denn auch an dem Beschlüsse des Gewerbeausschusses, den Befähigungsnachweis für das Handelsgewerbe einzuführen, Deutsche, Tschechen, Polen, Italiener und selbst Vertreter der sogenannten Fortschrittspartei mitgewirkt. Wie sehr diese Beschränkung des Erwerbslebens besonders die Juden treffen werde, liegt klar zutage, und es schien uns darum überaus zeitgemäß, daß die ..österreichisch-israelitische Union" in den letzten Tagen eine Versammlung der jüdischen Handeltreibenden einberief, um gegen die geplante Einschränkung des Handels zu protestieren. Von dem Referenten Dr. Friedrich Hertz, der die bösen Folgen der zünftlerischen Organisation in Handel und Gewerbe durch treffende Belege und Beispiele illustrierte, wurde wohl der konfessionelle Standpunkt wenig betont und auch seitens einiger offizieller Persönlichkeiten, die der Versammlung beiwohnten, wurde davor gewarnt, den Befähigungsnachweis vom spezifisch jüdischen Standpunkte zu beurteilen, er fei vielmehr eine allgemein ökonomische Frage, betreffs welcher alle freiheitlich gesinnten Elemente eins sein müßten; aber die Redner, die aus der Versammlung zu Worte kamen, vertraten sämtliche die Anschauung, daß durch den Befähigungsnachweis im Handelsgewerbe einzig und allein die Juden in ihrem ohnehin schwer bedrängten Erwerbsleben getroffen werden sollen und daß bei der Umsetzung der Theorie in die Praxis die erschwerenden Bestimmungen besonders für die Juden Geltung haben werden. Um einen Erfolg in der Frage des! Befähigungsnachweises zu erzielen, ist eine stramme Organisation! unter den Juden dringend geboten, und daher haben wir die verhältnismäßig geringe Teilnahme des Wiener jüdischen Handeks- und Gewerbestandes an der Versammlung außerordentlich bedauert. Vielleicht ist der schwache Besuch auch darauf zurückzuführen, daß die „österreichisch-israelitische Union" seit neuerer Zeit ihre Versammlungen in einem Lokale abhält, in dem nicht rituelle Küche serviert wird, und es viele Leute gibt, die, wenigstens, öffentlich, den Befähigungsnachweis für die Uebertretung der jüdischen Speisegesetze nicht erbringen wollen. * * * Wie wenig ernst unsere Gegner den Befähigungsnachweis für ihre Gesinnungsgenoffen nehmen, ersieht man aus folgender Mitteilung, die uns von einem Freunde unseres Blattes zukommt:! Bekanntlich wurde in den letzten Jahren mit den jüdischen Aerzten im städtischen Dienste ziemlich aufgeräumt und so mußte auch in einem von Juden stark bewohnten Wiener Bezirke ein alter, erfahrener jüdischer Bezirksarzt aus dem Amte! scheiden, um einem Neulmg Platz zu machen, der wohl weniger Kenntnisse, aber die viel wirksamere Protektion seines Schwiegervaters, eines a tisemitischen Stadtrates, besaß. Die treffliche Qualifikation dieses Prolektionskindes fand nun jüngst einen drastischen Beleg. In einer bekannten Eßwarenfabrik, wo ein Stallgebäude adaptiert werden sollte, wurde seitens der behördlichen Pertreter ein Lokalaugenschein vorgenommen, welchem auch unser Herr' Bezirksarzt beiwohnte. Der wollte natürlich auch seine Weisheit leuchten lassen, bemängelte vom hygienischen

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