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Die Wahrheit · 1905-10-13 · Heft 40 (13.10.1905) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 40 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 40. ergoß sich über Hunderte von Betenden, die bis zur Beendigung des Gottesdienstes auf ihrem Platze verharrten. Minna wartete meiner am Ausgange. Wir schritten gedankenvoll dem Gasthofc zu und begaben uns sofort zur Ruhe-. Als ich am nächsten Morgen erwachte, war die Dunkelheit noch so groß, daß ich nur mit Anstrengung die Umrisse meines greisen Zimmerkollegen wahrnehmen konnte, der bereits angekleidet am Fenster stand. Der Verwalter und Willi waren mit ihrer Toilette beschäftigt. Ich erhob mich rasch, wiewohl ich noch gerne einige Stunden geschlafen hätte, wusch mir gleich den Andern blos Finger und Augen und dachte an Dich, mein frommer Bruder, dem diese zartsinnige Rücksichtsnahme gewiß in das höchste Entzücken versetzt hätte. Der graue Himmel sah voll Ernst auf die Gasse hernieder. Die Dämmerung hatte erst begonnen. Hie und da öffnete sich ein Haustor. Die Synagoge war bei unserem Eintritte von wenigen besucht, die leise Gebete verrichteten. Hinter der letzten Bank befand sich heute eine Reihe von Stühlen. Der Gottesdienst begann. Die etwas kreischende Stimme des Borbeters berührte ein wenig peinlich. Er war ein dünner, kleiner Mann, der seinen Oberkörver übermäßig bewegte. „Sagr er schön?" flüsterte jemand neben mir. Ich blickte auf. Das zusammengeschrumvfte Gesichtchen meines Greises lächelte mich freundlich an. „Das ist mein Sohn, der Unterkantor, ich bin sein Vater." Und das trübe geäderte Auge leuchtete stolz auf. Ich nickte und betrachtete verstohlen das mit Falten und Furchen bedeckte Antlitz des glücklichen Alten, dessen Freude ich um nichts in der Welt geschuiälcrt hätte. Er stand von Beginn der Andacht bis zu dem Augenblicke, da ich nächst anderen jungen Leuten den Tempel verließ, auf seinem Platze. Nichts vcrriet eine etwaige Müdigkeit der kleinen, in schwarzen Filzschuhen steckenden Füße. Seine Lippen bewegten sich ununterbrochen, der Oberkörper verharrte keine Sekunde in Ruhe. Ich schleuderte langsam durch die Gassen des. Städtchens, dessen Treiben heute sichtlich gelähmt war. Die Mittagsglocken läuteten, als ich am Gasthofe anlangte. Willi lehnte an der Türe. Er war auffallend bleich. „Hunger, mein Junge?" fragte ich, seine kalten Hände ergreifend. „In sechs Stunden ist es überstanden," lächelte er und fuhr sich mit der Zunge über die trockenen, blaffen Lippen. Minna nebst den anderen wären in den Zimmern, meinte er. Sie mußte mich vom Fenster aus gesehen haben und kam mir auf der Treppe entgegen. „Sie schlafen," meinte sie leise und wies nach oben, „wollen wir nicht in den leeren Speisesaal gehen und plaudern?" Sie zog mich mit sich. Du kennst die energische Kleine. Man muß ihr parieren. So saßen wir denn in der nächsten halben Stunde in Gesellschaft der verlassenen Tische und Stühle da, tauschten Erinnerungen aus, die der heutige Tag geweckt hatte, besprachen die Begebenheiten seit dem gestrigen Morgen. Der alte Herr Straffer trat ein. Er sah etwas erschöpft aus, befand sich aber ganz wohl. Wir gingen gemeinsam zu Muffaph. Die Gasse war jetzt überaus belebt. Der Tempel füllte sich rasch. Neben meinem Nachbar, dem Vater des Unterkantors, stand jetzt ein etwa fünfjähriges Mädchen in reinem, aber ärmlichem Kleide. Die Hand des alten Mannes fuhr während des Gebetes öfter zitternd über den blonden Kopf des Kindes, das mit altklugen Augen in die Welt guckte. „Maskir," flüsterte Willi, „ich muß in die Vorhalle." Und indem er sich über die Kleine beugte, fragte er leise: „Willst Du nicht mit? Ich bringe Dich dann wieder herein." Da fuhr es wie ein Ruck durch den Körper des Greises. Ein schmerzliches Zucken verzerrte sekundenlang sein ehrliches Gesicht. Er schüttelte trübe das Haupt. „Sie hat keinen Vater," preßte er hervor, und es war mir, als vernähme ich das Schluchzen eines todwunden Herzens. „Mein älterer Sohn ..." Er brach ab. Sein Mund bebte zu sehr. Viele hatten den Betsaal verlassen. Eine trauervolle Stille herrschte im Raume. Minnas tiefernstes Auge suchte das meine, schweifte dann zu den zahlreichen Kindern, als wollte es sagen: „Denkst Du daran? Unser Brüderchen daheim ist auch eine Waise." Bei den Frauen schluchzte nun jemand herzbrechend auf. Hier und dort weinte man still vor sich hin. Strahlender Sonnenschein durchbrach das Gewölk, beleuchtete die kleinen und großen Gruppen von Menschen, die den Tempel für kurze Zeit verlaffen hatten. Bor den Häusern der Judengaffe standen Bänke und Stühle. Junge Mädchen in lichten, oft überladenen Toiletten wandelten auf und nieder. Minna und ich schritten dem Marktplatze zu. Zahlreiche Spaziergänger begegneten uns. In der großen Einfahrt eines Hotels standen zwei Männer. „Lauter Juden," sagte der eine. „Ja freilich. Hent Habens den langen Tag," gab der andere zurück und fügte hinzu: „Haben Sie gesehen? Sechs oder acht waren zu Mittag beim Speisen. Die Wirtin . . ." Mehr konnte ich nicht verstehen. Unsere Promenade währte nicht lange. Dennoch geschahs, daß mein behutsam gedämpfter Schritt recht peinlich die Betenden störte. Die Sonne fiel schräg durch die hohen abgerundeten Fenster herein, warf einen rosigen Schimmer auf manch bleiches Gesicht. Und wieder stand er, mein kleiner, greiser Nachbar und bewegte gleichmäßig seinen dünnen Oberkörper, stand noch, als Mincha beendet war, stand, als der Rabbiner vortrat, um als erster Anwalt der Gemeinde das Wort an Gott zu richten. Die Dunkelheit war immer mehr hereingebrochen. Kerzen und Lampen flammten auf. Die fast volle Scheibe des Mondes grüßte zum Fenster herein. Eine mächtige Bewegung ging durch den Raum. Die Töne des Schofers schwangen sich erlösend durch die Luft. „Sie sollen sich alles Gute ausgebetet haben," sagte das'weißhaarige Männchen und drückte mir herzlich die Hand. Ich ließ die hastende Menge an mir vorüberziehen und trat mit Willi auf seinen Großvater zu. Die Worte meines Nachbars schwebten auf jedermanns Lippen. Sie begleiteten uns bis vor das Gotteshaus, wo bereits eine Anzahl von Männern und Knaben angesichts des Mondes ihre Andacht verrichtete. Ich blieb in einiger Entfernung stehen. Eine leichte Hand legte sich auf meine Schulter. „Du sollst Dir alles Gute ausgebetet haben." Ich lächelte. Der Satz klang so fremd von Minnas Lippen. Aber wir fühlten beide, wie sehr unsere Seelen ergriffen waren. Der Speisesaal der Restauration bot einen erfreulichen Anblick. Der Wirt reichte gefüllte Liqueurgläschen herum, die Küche entsendete willkommenen Speisengeruch. Der alte Herr Straffer warf einen forschenden Blick in die Runde, begab sich hierauf an einen der Tische, wo die Habdalah bereit lag. Dampfende Suppe, Brathuhn und Apselkompot, Mehlspeise, leichter Rotwein und gemütliches, befreiendes Geplauder. Bald standen die Wagen wartend vor dem Hause. Die meisten der Gäste rüsteten gleich uns zum Aufbruche, ungeduldig, ihr Dorf, ihr Wohnhaus zu erreichen. Einige Personen, darunter ein grauhaariges Groß- . Mütterchen und ein siebenjähriger Knabe, sprachen von ihrer dreistündigen Fußtour, die ihnen jetzt beoorstand. Wir bestiegen unser Gefährte, hinter dem noch fünf andere zu sehen waren, sämtlich bereit, ihre Besitzer sofort der Heimat zuzuführen. Der alte Herr Straffer saß mir gegenüber. Sein Blick schweifte mit eigentümlich sinnendem Ausdrucke von einem Haus zum andern, blieb lange auf der mondbeleuchteten Synagoge ruhen. Mir schien es, als nähme er Abschied. Der Wagen bog um die Ecke. Das kleine Judenviertel lag hinter uns und bald auch das Städtchen mit seinen drei Türmen, von denen ein melodisches Glockengeläute herüberdrang. „Im letzten Jahre hat er reiche Ernte gehalten," sagte der Greis mit bewegter Stimme mit der Rechten auf den Friedhof weisend, an dem wir jetzt vorüberkamen. „Ich habe manchen vermißt, der noch vor einem Jahre in voller Gesundheit auf seinem Platze gestanden." Er nickte mit dem Haupte grüßend hinüber, während seine Lippen sich lautlos bewegten. Meine Augen suchten die Minnas. Sie waren auf die weißen Grabsteine gerichtet und standen voll Tränen. Der Verwalter räusperte sich, betrachtete ein wenig seine brennende Zigarre und brach unvermittelt ein Gespräch vom Zaune, an dem wir uns bald alle beteiligten. Die Nacht war kalt, doch wundervoll schön. Kein Lüftchen regte sich, nur in den Weidenbäumen, welche den Bach neben uns beschatteten, säuselte flüsternd der Wind, vom leisen Gemurmel des Wassers verständnisinnig begleitet. Die Stimmung der Reisegesellschaft hatte allmählich von ihrem Ernste verloren. Großvater Straffer erzählte in seiner ruhigen angenehmen Weise von einzelnen seiner Abenteuer vor oder nach dem Versöhnungstage, von manchem merkwürdigem Ereignisse, das sich an ihm selbst zugetragen hatte. Willi wurde nicht müde zu fragen. Er sah wieder frisch und blühend aus. Wir passierten das Dorf, in dem wir gestern Mittag unfern Imbiß genommen. Es lag friedlich da. In einem Bauerngehöfte schlug ein Hund kurz an, irgendwo schnatterten einige Gänse, krähte ein Hahn. Nun drang ein langgezogener klagender Ton durch die Stille der Nacht. Ihm folgte noch einer und mehrere. „Der Nachtwächter bläst zehn," lächelte der Verwalter, als er unsere aufhorchenden Mienen bemerkte. Wir hatten bald die Land^- straße hinter uns. Der Feldweg war vom Regen durchweicht und bot wenig Aussicht, rasch vorwärts zu kommen. Die Pferde blieben auch wirklich vor dem nächsten Berge keuchend stehen, so daß wir den Wagen verlassen mußten. Eine kleine aber dunkle Wolke, deren wieder mehrere aufgestiegen waren, hatte sich vor die Mondscheibe gelagert und zwang den Verwalter, die Lichter in den Laternen anzustecken. Er ging uns langsam voraus. Manchmal raschelte es in der Nähe auf. Minna, die meinen Arm genommen hatte, unterhielt sich angelegentlich mit dem rüstig neben uns herschreitenden Greise. Er war. wie wir erst jetzt erfuhren, ein Goldschmied gewesen und trat mit großer Wärme für jedes Handwerk ein, wünschte vom ganzen Herzen, die Inden möchten es wieder nach Gebühr schätzen, sich in seinen Dienst stellen, wie es einst ihre Ahnen getan. Nach mehr als halbstündigem Marsche konnten wir endlich unsere Plätze aus dem Wagen wieder einnehmen, der um die Mitternachtsstunde den Wald erreicht hatte. Der Mond war hervorgetreten. Sein Licht zitterte durch die geheimnisvoll raunenden Wipfel der Föhren. Nichts war zu hören, als der gedämpfte Hufschlag der Rosse, die langsam zwischen den Bäumen dahintrabten. Wir schwiegen, als trügen wir Scheu, die ehrfurchtgebietcnde Stille zu stören. Unsere Zigarren glühten. Minna suchte mein Hand. „Es ist zauberhaft schön, mir ist, als ob ich träumte," flüsterte sie. Willis Mutter war eingenickt. Sie erwachte erst, als ein freudiges Gebell an unser Ohr schlug. Simon öffnete das Hoftor. „Sie sollen sich alles Gute ausgebetet haben," sagte er laut und feierlich. „Sie auch," gab der Greis zurück und blickte über ihn hinweg auf das erleuchtete Fenster, aus dem sich lächelnd das Antlitz der Matrone neigte. Ich sprang aus dem Wagen und half meiner Schwester herab. Wir nahmen von unseren Begleitern herzlichen Abschied, wanderten mit unserm Banernburschen der Dampfsäge zu. Zwei Uhr war vorüber als wir unsere Wohnung betraten. Ein seltsames Gefühl der Befriedigung durchzog schmeichelnd mein Gemüt. Bis in meinen Schlaf hinein klangen immer wieder die Worte an mein Ohr: „Sie sollen sich alles Gute ausgebetet haben." Dein Heinrich. Die nächste Nummer erscheint nach derr Sukkothfeiertagen. feinstesaijs Frischen>^ Kokosnüssen^ Pflanzen-

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