Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1905-10-13 · Heft 40 (13.10.1905) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 40 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063265-3063305--03902-3070699
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Matrone warf einen schmerzlichen Blick auf ihn, dann beugte sie sich Über ihren Sohn, der ihre Rechte ergriffen hatte. „Bete Dir alles Gute .aus," sagte dieser. Es schien, als ob seine tiefe Stimme bebte. „Du auch, mein Kind, Tu auch," stamnielte die Greisin mit zuckendem Munde. Ihre Schwiegertochter, Willi, der älteste Enkel, ein vierzehnjähriger, frischer Knabe, der mit in die Synagoge durfte, näherten sich bewegt der Großmutter, küßten mit denr üblichen Wunsche die welke, nun zitternde Hand, der ihnen flüsternd erwidert wurde. Im nächsten Augenblicke hielt der Vater des Verwalters sein schluchzendes Weib in den Armen. „Laffe Dirs gut gehen. Katti," brachte er mühsam hervor, „und wenn es der liebe Gott beschlossen hat. so soll er nus beide zu sich nehmen, beide." Zwei große Tränen rollten ihm langsam in den langen, schneeweißen Bart. „Beide!" hauchte die Matrone, während ihr Mann sich gewaltsam losnß. Der leichte Korbwagen hielt vor der Türe. Ein Jüngling mit ausgeprägt jüdischer Physiognomie streichelte eines der braunen Pferde. „Vergessen Sie nicht, vor dem Schlafengehen Umschau zu halten, Simon," sprach ihn der Verwalter an, indem er die Sitze zurechtschob. Wir bestiegen das Gefährte. Die Greisin stand jetzt am Fenster und sah wehmütig auf uns nieder. Ihre drei Enkelinnen, Kinder im Alter von vier bis zehn Jahren, hatten sich auf der Schwelle postiert. „Gib mir noch einen Kuß, Mutti," rief nun das jüngste und sprang auf Simon zu, der es lächelnd emporhob. „Dürfen wir nicht ein Stückchen mitfahren?" schmeichelte die Kleine. „Meinethalb bis zum Berge," entschied der Verwalter, worauf seine Töchterchen jubelnd dem Wagen zueilten. Der Greis hatte ketn Auge vom Fenster gewendet. „Bete Dir alles Gute aus!" rief er, als die Pferde anzogeu und winkte der Zurückbleibenden zu. „Zweiundfünfzig Jahre sind wir zusammen in den Tempel gegangen oder gefahren, heute ist sie bereits schivach," sagte er mir, als wollte er sein Benehmen entschuldigen. Simon schritt neben uns her. Es war mir. als ob sein offenes Gesicht heute weniger Heiterkeit zeigte. Beneidete er uns? War er sich an diesem Tage seiner dienenden Stellung mehr bewußt? Er hob die Kleinen bald wieder herab. „Glückliche Reise," sagte er etwas befangen und fügte noch leiser den Wunsch für den Jaum kipur hinzu. Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung. Ein dunkler Fichtenwald nahm uns auf. Lautlos lag er da, wie müde an den Bergrücken gelehnt. Eine Schar Raben und Krähen flog krächzend über ihn hin. Der Hufschlag der Rosse verhallte ungehört in dem weichen moosigen Boden. Minna brach endlich das Schweigen. Sie sprach über die wildromantische Gegend, über die erfrischende Würze der Luft, von der sie erfüllt ist. Eine kleine Unterhaltung war bald im Gange. Die kleine Gesellschaft bestand aus intelligenten Personen, die viel gehört und gelesen hatten. Der Greis sagte mir am besten zu. Sein schlichtes Wesen ist von durchaus vornehmer Art. Der weiße Lockenlopf. die nicht hohe aber breite Stirne, das braune noch jugendlich lebhafte Auge, das edle Profil, bringen eine ungemein einnehmende Wirkung hervor. Ich freute mich fast, als ich beobachten konnte, wie die Scharten auf leuiem Antlitze langsam zu schwinden begannen, als das erste Lächeln sonnig hell um den erfahrenen Mund zu spielen anfing. Der Kutscher hatte Willi das Leitseil überlassen. Dre Braunen trabten unter seinem Zurufe munter dahin, spitzten die Ohren und wieherten leise, als die Bäume sich lichteten und endlich verschwanden. Der Himmel lag grau und schwer über den. Feldern. Ein breiter, ausgefahrener Weg führt mitten durch sie. Rechts und links von ihm aufkeimende Wintersaat, neben den tiefduntlen Blättern der Zuckerrübe, welkender Stoppelklee und aufgepflügte Sieder. Mitunter taucht ein Arbeiter vor uns auf, mit Mähen beschäftigt, dann wieder einige Weiber, ihre Arbeit mit Singen begleitend. Jetzt gleitet ein Dorf vorüber, ärmliche, mit Stroh gedeckte Hütten, nun eine einsame buntbemalte Kapelle, da läuft ein Zigeunerkind neben uns her, in Lumpen gehüllt, die braune Hand bettelnd emporhaltend. Und über alledem herbstliche Stille, das schlaftrunkene Schweigen der ruhebedürftigen Natur. Die wohlgepflegte Landstraße nimmt uns auf. Zahlreiche große, von weißen langgchörnten Ochsen gezogene Bretterwagen rollen langsam dahin. Der Verwalter war auf die Einte zu sprechen gekommen, welche er ausführlich behandelte. Willi unterhielt sich mit dem Kutscher, einem grauhaarigen Bauer in reinlichem Gewände. Der Himmel verdüsterte sich zusehends, und als wir vor dem Wirtshause eines schmucken Dorfes anhielten, um den Pferden die nötige Rast zu gönnen, fielen die ersten feinen Tropfen auf die Erde herab. Eine wasserdichte Hanfdecke wurde schleunigst über den Wagen gespannt, das mitgebrachte frugale Mahl in die Stube genommen, wo es bei einem Glase Bier verzehrt werden sollte. Lange, derbgefügte Tische und Bänke, rohe Holzschnitte an den getünchten Wänden, geschwärzte Balken an der niedrigen Zimmerdecke, einige Burschen in blauer Leinwandschürze, denen Milch und Butterbrot vorgesetzt wird, eine hübsche, aber sehr starke Wirtin mit gewöhnlichen Zügen und roten Wangen, zwei Kinder in abgetragenen, verwaschenen Kleidern, das ältere, ein Bub in Hemdärmeln, der die Pferde mit Kennermiene miistert, eine große, weiße Katze auf dem breiten, grünen Fensterbrette, ein fröhlicher Kanarienvogel in dem einen, eine stille Amsel in dem andern Bauer und dazu duftender Regen und ernste Jaum kipur-Stimmung. Bist Du schon einmal in einem gedeckten Korbwagen gefahren, lieber Karl? Willi fand es ganz herrlich, ich aber hatte irgend ein Gefühl deutlichen Unbehagens, von welchem ich erst befreit wurde, als ich an dem heftigen Rütteln merkte, daß wir im Städtchen angelangt waren. „Haben Sie denn gar keine Kutsche?" fragte ich möglichst gleichmütig. „Blos eine halbgedeckte, sehr schwerfällige, die für diese Gegend schlecht taugt," meinte ber Verwalter, der Greis aber lächelte fein: „Ist nicht immer leicht, Jude zu sein, was?" Die Pferde standen still, wir verließen unfern Käfig. Es regnete noch immer. Die ziemlich breite, von wohnlichen Häusern gebildete Gasse rvar wie ausgestorben. Blos in der Türe des Gasthofes vor uns stand eine Gruppe plaudernder Menschen, die meine Reisegefährten mit Herzlichkeit willkommen hießen. Sie geleiteten uns in den großen Speisesaal, der geradezu überfüllt war. Biele der Anwesenden erhoben sich rasch, um Herrn Straffer und seine Angehörigen zu begrüßen. Der. Wirt kam auch herbei. Er versicherte sofort, das Wetter wäre entsetzlich und trüge die Schuld an dieser Zusammenpferchung, da der geräumige Garrcn nicht benützt werden könne, ließ rasch noch ein rundes Tischchen herbeischaffen und eilte in die Küche. Wir ließen uns nieder, wurden bald in das Gespräch der andern gezogen, das mit gedämpfter Stimme geführt wurde. Man behandelte Gemeindeangelegenheiten, ging auf die mißliche Lage der Juden namentlich auf den Dörfern über, beklagte bitter den Mangel an hebräischem Unterricht. Der Ernst der kommenden Stunden machte sich immer mehr fühlbar. Er schwebte gleichsam in der Luft, hüllte das Gemüt förmlich ein. Unter seinem Einflüsse zog manch trübes Bild aus vergangenen Tagen an meinem geistigen Auge vorüber. Minna saß sinnend neben mir. Dachte sie an die tote Mutter, oder weilte sie beim Barer, an dem ihr Herz noch immer hängt, wiewohl er ihr durch seine Wiederverheiratung so unendlich wehe getan? Der Wirt und ein Dienstmädchen gingen ans Servieren. Alles erhob sich, und auch ich nahm meinen Hut von einem der Haken an der blaugrünen schmucklosen Wand, um gleich allen an den runden eisernen Waschtisch zu treten. Lächelst Du, boshafter Karl? Wähnst Du, ich hätte auch nicht einen der Segenssprüche in Kopf behalten, die mir vor zwanzig Jahren so geläufig waren, wie sie Dirs heute noch sind? Senke nur rasch den spöttischen Blick, mein vorschneller Freund, und merke Dir fein, was in der Kindheit glücklichen Tagen einer gelernt, vergißt sich gar schwer. Der alte Herr Straffer schnitt eine der runden Barches an, tauchte ein Stückchen in das winzige Honigfäßchen vor seinem Teller, machte halblaut die Brache und aß. Minna und ich erhielten natürlich auch eine Mauze, und während ich sie in Empfang nahm, wurde ich von einem quälenden Gedanken erfaßt: Wie, wenn der Greis auf den Einfall käme, mir das Vortragen des Tischgebetes anzubieten? Ich höre Dein fröhliches Auflachen. Ja, das wäre freilich eine schöne Bescheerung gewesen. Jcb wurde glücklicherweise verschont. Mein weißlockiger Nachbar richtete selbst das Wort an seinen himmlischen Vater. Die beiden Zimmer, die uns nun angewiesen wurden, befanden sich im ersten Stocke. Ihre Nettigkeit berührte angenehm. Wir machten rasch Toilette, und ich beschloß, Minna das Städtchen zu zeigen. Der Regen hatte nachgelassen. Ein leichter, etwas scharfer Wind blies mir ins Gesicht, als ich in Begleitung meiner Bekannten die Restauration verließ. Die untersetzte, stramme Gestalt des Greises schritt zu meiner Rechten. Er hatte bereits den blendend weißen Kittel angelegt, deffen Kragen und Aermel mit zierlicher Handstickerei besetzt waren. Die glänzende Goldborte an dem vergilbten Häubchen ließ die Haare noch schneeiger hervortreten. Viele der Vorübergehenden trugen die gleiche Kleidung. Frauen in lichten Umhängctüchern, das faltige Antlitz von einer schwarzen, braunen oder auch blonden Perücke jugendlich umrahmt, eine weiße Koiffure auf dem Kopfe, junge Männer in Gehröcken, Damen in Seidenkleidern, herausgeputzte Mädchen und Kinder strömten dem Gotteshause zu, einem altehrwürdigen großen Gebäude, 'dessen Türen weit geöffnet waren. Hie und da trat einer der Stadtbewohner mit dem üblichen Wunsche an meine Begleiter heran. „Bleibet Ihr noch?" fragte der Greis. „Ick will schon hinein." Er lächelte trübe: „Wer weiß, wie oft ich noch dazu komme." Sein Blick heftete sich mit schmerzlichem Ausdrucke auf die hellerleuchtete Pforte des Tempels, dann reichte er meiner Schwester und mir die Hand: „Beten Sie sich alles Gute aus," sagte er innig. Frau Sttaffer geleitete ihre Angehörigen bis zum Eingang der Synagoge, während wir unfern Weg fortsetzten und bald die Judengasse verließen. Außer ihrem Bereiche war es merkwürdig still. Die meisten Geschäfte auf dem großen Marktplatze waren gesperrt. Einige Dienstmädchen plauderten am Röhrbrunnen in seiner Mitte, um den sich eine Schar Tauben und Sperlinge tummelte. Ein Postwagen rollte mit vielem Geräusche träge über das schlechte Pflaster. Jetzt kamen einige Kinder heran, in einer Hand das Gebetbuch, in der anderen einen mit Nelken besteckten Apfel, der ihnen das Fasten erleichtern sollte. Und nun drei Fräulein, die eleganten Schößen zierlich aufgerafft, mit gesuchter Grazie den nassen Steinen vorsichtig ausweichend. Zwei Soldaten, wahrscheinlich Urlauber, bogen aus einer Seitengasse, rasselten spornklirrend dem Judenviertel zu. Als wir wieder daselbst anlangten, war von dem Menscheugewoge von vorhin nichts mehr zu sehen. Der Gottesdienst sollte bald seinen Anfang nehmen. Minna eilte auf die Gallerte. Ich wollte eben die Tempelschwelle überschreiten, als der Verwalter mir entgegenkam. „Denken Sie, auch nicht ein einziger Sitz ist heuer hier zu haben. Was werden Sie tun?" „Stehen, Herr Verwalter," erklärte ich kurz und nahm hinter der letzten Bank neben Willi Posto. Die Flügeltüren wurden geschlossen. Eine feierliche, fast peinigende Stille ttat ein. Aus ihr heraus hob sich jene weihevolle Stunde in mir empor, in der ich einst das Kolnidre von den gesegneten Lippen eines gottbegnadeten Sängers gehört Karl, hast Du es je von einem Künstler vernommen? Er stand vor uns, den seelenvollen Blick in unendliche Fernen gerichtet. Ich beobachtete, wie sich sein schön geschwungener Mund öffnete. Dann aber sah ich nichts mehr. Leise, mit sinnbestrickendem Schmelze traf es mein Ohr. Und ich weinte. Weißt Du, welch eine demutsvolle Resignation diese aus grenzenlosem Leide, ttänendurchzitterter Hoffnung, glaubenstreuer Zuversicht gewebten Töne durchzieht? Eine ernste Männerstimme weckte mich aus meinen Träumereien. Der Rabbiner hatte die Kanzel betreten. Er ist ein sympathischer, hochgewachsener Herr, dessen einfache, ergreifende Worte die Zuhörer mächtig erschütterten. Auf der Gallerte wurde geschluchzt. Der Kantor stimmte das Kolnidre an, zehn bis zwölf Chorknaben fielen leise, fast störend ein. Andächtige Ruhe überall. Das Licht zahlloser Kerzen und Petroleumlampen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.