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Die Wahrheit · 1905-10-13 · Heft 40 (13.10.1905) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 40 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Im Interesse der Erhaltung des Fachblattes! werden die geehrten Herren Cantoren dringend I ersucht, den Abonnementsbetrag für das am l. Hktober begonnene 4. Huartat umgehend einzusenden und auch an den- Begleich -er Rückstände zn denken. Per neue Meschubod. Von Armin Wilkowitfch. Es war ein Frühherbsttag. Noch sandte die Sonne glühende Strahlen zur Erde nieder, die Luft war schwül und drückend und alles suchte Schutz im Schatten der Gebäude und Bäume. Weit und breit grinsten den Vorüberziehenden nur kahle Stoppelfelder an, als. wollten sie sagen: Ihr Menschen seid grausam, unserer schönsten Zierde beraubtet ihr uns, um euere gierigen Mägen zu füllen; doch auf den Hügeln glänzten die saftigen Reben, ein gesegnetes Weinjahr verheißend.. Es lucir ErewJöm-kippur. Noch konnten die jüdischen Einwohner der ungarischen Gemeinde B. das vorgeschriebene rituelle Bad'im freien Fluße nehmen, und niemand entzog sich der religiösen Vorschrift. Der Tag ging zur Neige. Wolkenkähne ziehen auf dem geröteten westlichen Horizonte, ein ergötzliches Bild für das beobachtende Auge; allein heute war niemand gelaunt, Naturerscheinungen zu beobachten. Eine trübe Stimmung beherrschte das gesamte Judentum, wie den Schuldbewußten, der vor den Gerichtshof treten soll. Ein sentimental veranlagtes Volk, das Volk Israel, besonders aber das gesetzestrene Israel! So oft der Jude vor seinen Gott hintritt, ihn inbrünstig anzubeten, seinem Herrn sein Leid zn klagen, das erste Wort ist sein Bekenntnis: Oschamim, bogadnu. Wir haben gesündigt, gefehlt! Immer umschleicht ihn der gleiche Gedanke: er ist nicht zu seinem Gotte und Nächsten so gewesen, wie er sein soll. Geschweige am Versöhnungstage, wenn jedes lebende Wesen gerichtet wird, da bebt und zittert mächtig sein Herz und demütige Reue erfüllt ihn ganz. Schon nahm jeder das Abendbrot, das Nahrung für zirka 26 Stunden geben soll, zu sich, und nun zogen — die Männer in schneeweiße Kittel und Betmäntel gehüllt, hinterdrein die Frauen — alle aber gesenkten Hauptes, in das Gotteshaus. Die Synagoge war heute von mehreren Hunderten Kerzen beleuchtet. Alle Plätze waren bereits besetzt und immer noch strömten Gläubige in das Gotteshaus. Plötzlich stieg der greise Rabbi die Stufen der Bundeslade hinan, öffnete ihre Flügel und begann mit vibrierender Stimme die Widuj. Indessen begab sich der Vorbeter zum Betpulte; zwei ehrwürdige Mitglieder des Bes-din harrten seiner daselbst. Nun kam auch der Rabbi herbei, dem Scheliach zibbur Absolution zu erteilen. Der Sänger, ein blutjunger Mensch, mit schöngeformten Zügen, Hub, erst ganz piano, das Kol nidre an. Aber immer mächtiger wuchsen seine Töne, immer voller schwollen sie an, mit bezwingendem Schmelze, mit feiner Nuancierung akzentuierend die wichtigeren Worte. Und nun begann das Abendgebet. Wie sang der Vorbeter so gefühlvoll und herrlich! Welche zauberische Kraft besaß er in seiner Stimme, daß er die Zuhörer in seine Macht bannte. Der Graf, der Gebieter dieser Gemeinde, der, wie alljährlich, auch heute dem Kol-nidre- Gottesdienste beiwohnte, war von des Vorbeters Sangesweise so ergriffen, daß ihm, trotzdem er den Text nicht verstand, die Tränen von den Wangen herab rollten. Der eigentliche Gottesdienst war bereits zu Ende und der Vorbeter verließ die heilige Stätte. Freilick blieben in der Synagoge noch viele fromme Beter, um daselbst die Nacht im Psalmenrezitieren zu verbringen, aber das Gros der Gemeinde zog leisen Schrittes nach Hause. Der Graf verließ nun ebenfalls das Gotteshaus. Vor dem Tempel hielt er zwei in Kittel gehüllte Balebattim mit der Frage an: „Wer.ist der Sänger, der Euch heute den Gottesdienst zelebrierte?" „Es ist unser neuer Meschubod, gnädiger Herr Graf!" erwiderte einer der Gefragten devot. „Und was ist das Meschubod?" forschte der Graf. „Ein Chafan, also sagen wir ein Vorbeter!" versetzte abermals der Eine. „O nein!" fiel ihm der Zweite ins Wort, ..ein Meschubod heißt wörtlich übersetzt ein Untergebener, ein Knecht." „Was?!" schrie wütend der Graf, „dieser vom Herrn reich begnadete Sänger ist Euer Knecht? Packt Euch zur Hölle, ihr Nichtsnutzigen!" Mit diesen Worten ließ er sie stehen, bestieg die Kalesche und hieß den Kutscher antreiben. Am Jomkippur-Tage übersandte der Graf dem Sänger einen frischgepflückten Blumenstrauß und ein Ehrengeschenk von zehn Dukaten. Verschiedene Nachrichten. Wien. Wie alljährlich wurde auch heuer in der Heumarktkaserne am Rosch Haschono und Jom Kippnr unter der Leitung eines Oberoffizials der Kultus gemeinde ein Gottesdienst für die hier garnisonierendeu jüdischen Soldaten abgehalten, wobei der bekannte Sofer, Herr Mayer Brunner, seit 18 Jahren als Vorbeter fungiert und mit den althergebrachten Melodien die Soldaten feierlich begeisterte. Herr Brunner wurde am Schluffe beglückwünscht und erntete ein stürmischen „Jejascher Koach" für seine Leistung. Wien. Am diesjährigen Simchas-Thora-Feste begeht Herr Adolf Schreiber, am Simchas-Thora 1835 zu Proßnitz in Mähren geboren, sein 70. Wiegenfest in vollster körperlicher und geistiger Rüstigkeit. Der Jubilar ist ein Mann aus dem Volke, der sich die praktische Betätigung der jüdischen Lehre zur Lebensaufgabe gemacht hat. Nach einem harten und mühevollen Daseinskämpfe für eine zahlreiche Familie und vor zwölf Jahren seiner edlen Lebensgefährtin durch den Tod beraubt, zog er sich vor mehreren Jahren von jeder geschäftlichen Tätigkeit zurück und widmete sich fortab dem Wohle seiner Mitmenschen. Als Senior im Vorstände des Brigittenauer Tempelvereines, Obmann des Brigittenauer Wohitätigkeitsvereines und Vertrauensmann der Baron Hirsch-Stiftung rc. wirkt Herr Adolf Schreiber unausgesetzt im Dienste der Wohltätigkeit. Selbst nicht mit Glücksgütern gesegnet, besitzt er dasjenige, was Solon dem Krösus gegenüber als das höchste Glück pries. Seine beiden Söhne, Dr. Heinrich Schreiber, Prokurist der Internationalen Elektrizitäts- Gesellschaft, und Dr. Jakob Schreiber, prakt. Arzt, sind Kinder ganz im solonischen Geiste. Außer diesen beiden Söhnen besitzt Herr Schreiber sechs Töchter, von denen fünf an hochangefehene Männer verheiratet siud, und eine kleine Schar Enkelkinder. — Möge es dem Jubilar vergönnt sein, noch recht lange in der Vollkraft des Lebens der Wohltätigkeit sich widmen zu können. N. Ch. Wien. In der letzten Nummer der „Oesterr. Wochenschrift" wird in der Rubrik „Briefkasten" über Wunsch eines Herrn Dr. Jul. Halpern eine Stelle aus einer vor mehr als zwei Jahren beim Sylvesterkommers der niederösterreichischen Advokatenkammer gehaltenen Rede des damaligen Ministerpräsidenten Dr. K o e r b e r zitiert und darauf hingewiesen, daß schon der Talmud diese Ansicht, welche Dr. Koerber als seine eigene hinstellte, geäußert hat. Mit Bezug darauf, möge konstatiert werden, daß gleich damals unser geschätzter Mitarbeiter, Rabbiner Stark- Prag, in diesem Blatte in einem Artikel, betitelt „Der österreichische Ministerpräsident und der Talmud", die bewußte Frage eingehend erörterte. Lundenburg. Zur Richtigstellung des in voriger Nummer dieses Blattes veröffentlichten Berichtes über das Leichenbegängnis des Altbür germeisters Hermann Edlen v. K u f f n e r sei konstatiert, daß bei demselben nicht Kantor Kohn, sondern Oberkantor Perl mann die kantoralen Funktionen versah. Prag. Rabbiner Dr. H. B r o d y in Nachod. ist als Direktor an die Talmud-Tbora-Schule in Prag berufen worden, an welche sich vom Wintersemester ab ein Seminar für Religionslehrer anschließen wird. Danksagung, Den geschätzten Lesern, Freunden und Gönner» unseres Blattes, die uns anläßlich des Neujahrssestes mit Gratulationen beehrten, erlauben wir uns auf diesem Wege herzlichsten Dank auszusprechen. Die Redaktion.

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