Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 40 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Leite 8. Die Wahrheit Nr. 40. .p. n .;' l j; ■J! % ' i Der Einteilung des alten Testamentes entsprechend, gliedert sich die Materie, die vorerst zur Bearbeitung kommt, in drei Teile, nämlich die Targumim zum Pentateuch, zu den Propheten und zu den Hagiographen. In unserer Uebersetzung werden sämtliche Targumim drei Bände umfassen. Der erste Band, der die Targumim zum Pentateuch enthält, wird wieder in zwei Abteilungen zerfallen, von denen die erste den Targum des Onkelos, der im babylonischen Talmud schlechtweg nur Targum genannt wird, enthalten soll, während die zweite den Targum des Jonathan und Jeruschalmi I und II bringen wird. Der dritte Band wird sodann den Targum zu den Hagiographen umfassen. Am Schlüsse soll ein Appendix stehen, der sich mit der Untersuchung über Entstehung, Namen, Charakter, Text- Gestaltung, Redaktion, Wert und Bedeutung der Targumim beschäftigen wird. Wir hoffen manch Neues, daß für die Erforschung der Targumim von großer Bedeutung sein dürfte, und das uns vorderhand noch als bloße Vermutung vorschwebt, hier ausführlicher auseinandersetzeu und eingehendst begründen zu können. Wenden wir uns nunmehr dem zweiten Teile des Unternehmens zu, nämlich ben Monumenta Talmudica: Dieselben werden, wie wir schon oben andeuteten, die Kulturgeschichte der alten Völker, soweit sich dieselbe in den beiden Talmuden und in der Midrasch-Literatur niedergeschlagen hat, behandeln. Im Vordergründe wird Babylon und Assyrien stehen. Es wird gezeigt werden, wie das babylonisch-assyrische Welt- und Himmelsbild nach den verschiedensten Seiten hin in den Aussprüchen der talmudischen Gelehrten sich wiederspiegelt. Es wird aber auch gezeigt werden, wie der Versuch gemacht wird, alte, orientalische religiöse Vorstellungen nach der jüdischmonotheistischen Weltanschauung znznspitzen. Der ganze, die Gegenwart erfüllende Babel- und Bibelstreit wird hier zum Erstaunen der gebildeten Welt in die lebendigste Beleuchtung treten. Schon das erste Heft wird die Begriffe rokia (Tierkreis), somajim (die konzentrischen, über- und unterliegenden Himmelskreise), tekom (Urflut), tekufa (Sonnenwende), Adam, Kadmon (der Urmensch), ferner die Namen der Planeten, der Monate, der Engel, weiter den Gerichtstag, Olon babo (Jenseits), Olon base (Diesseits) erörtern. Und es wird viel Interessantes dabei ans Licht treten, das speziell dem asfyriologischen Forscher überlassen wird. Außer dem babylonisch-assyrischen Welt- und Himmelsbilde werden auch die Vorstellungen der alten Völker über Kosmologie, Geographie, Antropogonie, Aberglauben und Mysterienwesen u. s. w. eruiert werden. Dabei sollen die politischen, religiösen, ökonomischen und sozialen Verhältnisse in gleichem Maße berücksichtigt werden. Der Leser der Monumenta Talmudica wird aus der talmudischen Literatur ein reich belebtes Bild der alten Völker erhalten, wie er es in keiner der vorhandenen alten Literaturen finden dürfte. In die große Arbeit haben sich Dr. M. Altschüler als Vertreter der jüdischen Theologie, Professor Dr. Aug. Wünsche als protestantischer Theologe und Dr. Lanz- Liebenfels als Vertreter der katholischen Theologie geteilt und ein großer Kreis anerkannter Gelehrter des In- und Auslandes stehen ihnen als Mitarbeiter zur Seite. Es handelt sich hier um ein wissenschaftliches Unternehmen, dem nicht nur die gelehrte Welt, sondern auch das große gebildete Publikum mit Vertrauen entgegensehen darf und dem hoffentlich auch die materielle Unterstützung der jüdischen Kreise nicht fehlen wird. Den jüdischen Kultus gemeinden und insbesondere unseren wohlhabenden Glaubensgenossen, denen stets die Förderung der Wissenschaft des Judentums als Ehrenpflicht galt, sei daher dieses Werk aus das wärmste empfohlen. Verschiedene Nachrichten. Wie«. (Israelitische Kultusgemeinde.) Infolge unvorhergesehener Hindernisse findet der für Sukkoth beabsichtigte Gottesdienst im XIX. Bezirke, Hofzeile 20, nicht statt. Wien. Anläßlich des Geburtstages Sr. Majestät Sultan Abdul Hamid, findet Sonntag, den 15. d. M., 1ji12 Uhr, ein Festgottesdienst im Tempel der türkischen Gemeinde statt. Wien. Eine solenne Ehrung, die nicht verfehlen wird berechtigte Genugtuung im Kreise unserer Glaubensgenoffen hervorzurufen, ist in der Vorwoche dem Präsidenten des Bethausvorstandes und I. Vizepräsidenten der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, Herrn Landesschulrat Dr. Gustav K o h n, von Seite des Bethausvorstandes zuteil geworden. Die Mitglieder des Bethausvorstandes für den Stadt- und Leopoldstädter Tempel ließen aus eigenen Mitteln ein wertvolles Porauches für den Leopoldstädter Tempel anfertigen, welches als Widmung für den verdienstvollen Präsidenten dieser Körperschaft bestimmt und am diesjährigen Rosch Haschono seiner Bestimmung übergeben wurde. In der Sitzung des Bethausvorstandes vom 7. d. M. ergriff das Mitglied des Bethausvorstandes, Herr Hosrat Taußig, das Wort, um Herrn Dr. Gustav Kohn von dieser Widmung offizielle Mitteilung zu machen und ihn in herzlicher Ansprache zu versichern, daß der gesamte Bethansvorstand von unbegrenzter Verehrung für seinen Präsidenten erfüllt sei. Herr Dr. Markus Spitzer wies nun in einer herzlichen und geistvollen Rede auf die unvergänglichen Verdienste des Herrn Dr. Kohn um Bethaus und Gottesdienst hin und sagte unter anderem: „Wenn das gewidmete Porauches seiner Bestimmung dienen wird, so wird es Kunde geben von dem unermüdlichen und ersprießlichen Wirken Dr. Gustav Kohns uud von der großen Sympathie, deren er sich bei seinen Kollegen erfreut." Dr. Spitzer zitierte den Vers der Psalmen „aud jenuvun besewo deschenim w’ra’ananin jiheju“ und gab diesem Verse eine geistreiche Interpretation, die in einem herzlichen Wunsche ausklang. Tief gerührt dankte Herr Dr. Kohn den beiden Rednern für ihre freundlichen Worte und allen Mitgliedern des Bethausvorstandes für die hohe Ehrung. Er betonte, daß er nur — gleich wie alle anderen Mitglieder des Bethausvorstandes — blos seine Pflicht erfülle, und dies im Kreise dieser Männer mit umso größerer Freude, als die Mitglieder des Bethausvorstandes nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde seien. In humorvoller Weise erwähnte er, daß man Monumente wohl den Lebenden nicht zu errichten pflegt, und er hoffe noch recht lange zu leben. Die Auszeichnung betrachte er als zu weitgehend und die ungewöhnliche Ehrung verdanke er nur der Freundschaft seiner Kollegen. Prag. Den ordentlichen Professoren an der hiesigen Universität Dr. H. Kras nopolski und Dr. A. Zucker ist das Komthurkreuz. des Franz Josef-Ordens verliehen worden. Budapest. Vor kurzem erschien der Szepeser Diözesan-Bischof Dr. Alexander Parvy in Markusfalu, um dort das heilige Sakrament der Firmung zu spenden. Bei dieser Gelegenheit sprach beim Bischof auch eine Deputation der dortigen jüdische Gemeiode vor, in deren Namen der Volksschullehrer Koloman Meixner den Bischof in einer wohlgesetzte Rede begrüßte. Der Bischof dankte der Deputation für den Besuch, indem er ausführte, daß er als Priester stets die Nächstenliebe ohne Unterschied der Konfession als die Grundlage der christlichen Religion verkünden und verbreiten werde. Riga. Während des Gottesdienstes in der Synagoge zu Riga versuchten einige Revolutionäre, eine Kundgebung zu veranstalten. Dev Synagogenvorstand widersetzte sich diesem Vorhaben und telephonierte ait die Polizei, die in Begleitung von Kosaken sofort herbeieilte, die Synagoge umstellte und alle darin Anwesenden einer Leibesvisitation unterzog. Es wurde aber nichts Verdächtiges bei ihnen vorgefunden, da die Leute durch die häufigen plötzlichen Revisionen genug gewitzigt worden sind. Berlin. Die Königliche Akademie der Künste hat den Wettbewerb um das Stipendium der ersten Michael Beer scheu Stiftung fürjüdische Maler aller Fächer für das Jahr 1906 ausgeschrieben. Der Preis besteht in einem Stipendium von 2250 Mark zu einer einjährigen Studienreise nach Italien und ist zahlbar in vierteljährlichen Raten, deren erste im Betrage von 900 Mark beim Antritt der Studienreise, die ferneren mit je 450 Mark in Italien zur Auszahlung gelangen. Der Stipendiat ist verpflichtet, sich acht Monate in Rom aufznhalten und über seine Studien vor Ablauf der ersten sechs Monate an die Akademie unter Beifügung eigener Arbeiten schriftlichen Bericht zu erstatten. Brief aus dem Mergwatd. Von Jda Böck. Lieber Freund! Verzeihe, wenn ich Dir erst heute schreibe. Ein Beamter unserer Dampfsäge war schwer erkrankt, ich mußte ihn vertreten, wurde so meiner freien Zeit gänzlich beraubt. Es hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre gezwungen gewesen, den Versöhnungstag hier droben zuzubringen, was meiner Schwester wegen recht unangenehm gewesen wäre. Bei Maskir am Jaum Kipur nicht im Tempel sein, ist ihr gerade unfaßbar. Mein gefälliger Nachbar, der Verwalter Straffer, hatte uns aufgefordert, mit ihm nach dem Städtchen zu kommen. Es liegt mehrere Wegstunden von hier, ich mußte demnach zwei Tage Urlaub nehmen. Am Morgen des ersten gegen acht Uhr brachen wir auf. Das Wetter war unsicher. Die Luft atmete Schwüle, und die mächtigen Linden, die unser Holzhaus ringsum beschatten, standen regungslos. Sie haben bereits Herbstschmuck angelegt,, und ein Teil ihres Laubes raschelte traurig bei jedem unserer Schritte. Von fernher drangen die Axthiebe zahlreicher Arbeiter an unser Ohr. Wir betraten den geschlängelten, sich lange dahinziehenden Waldpfad. Ein! Bursche trug unser geringes Gepäck. Nach einer kurzen Stunde hatten wir! den Meierhof erreicht, ein weitläufiges Gebäude mit vielen Stallungen! und einem prächtigen Garten. Wir wurden sehr freundlich begrüßt, in eine große, altmodische doch saubere Stube geführt, in der die Familie versammelt war. Hier herrschte bereits Festtagsstimmung. Die Kinder kamen schüchtern auf uns zu, sahen scheu zu den Großeltern auf. einem greisen Ehepaare, das schweigend am weißgedecktssn Tische saß. Der alte Herr erhob sich bei unserem Eintritte, vertauschte sein Sammetkäppchen mit einem breitrandigen schwarzen Filzhute und mahnte zum Aufbruche. Ein flüchtiges Rot war ihm in das durchgeistigte feine Gesicht gestiegen.