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Die Wahrheit · 1905-10-13 · Heft 40 (13.10.1905) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 40 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 40. Die Wahrheit Sette 7. Generalurteile über Völker nach. Jeder glaubt ganz genau zu wissen, was man unter „französischem Esprit" zu verstehen hat. Dennoch ist es nicht möglich gewesen, von den eigentlichen Rittern des französischen Esprit, den hervorragendsten zeitgenössischen Schriftstellern, eine auch nur annähernd gleichlautende Definition des ..französischen Esprit" zu erlangen. Finot hate sich im Jahre 1898 an 30 berühmte Psychologen, Romanschriftsteller, Dichter, Philosophen und Gelehrte gewandt, ihm eine solche Definition zu geben. Paul Bourget. Jules Claretie, Franeois Coppäe, Anatole France, Marcel Prsvost, M. E. Rod, Francisque Sarcey, Sully Prudhomme, Vogüe, Emile Zola und andere mehr — wie man sieht, weltbekannte französische Schriftsteller — haben den französischen Esprit, den ihnen jeder zuzuschreiben geneigt sein wird, entweder ganz geleugnet, widersprechend definiert oder ihn gar als keineswegs eine Eigentümlichkeit der Franzosen bezeichnet. Da haben wir nun, fährt der Verfasser, nachdem er die verschiedenen - Annvorten auf seine Rundfrage angeführt, fort, ein nationales Kennzeichen, das am bekanntesten zu sein scheint. Wird nicht der französische Esprit als die fundamentale und unzertrennliche Eigenschaft der Geistesverfassung aller französischen Denker und Schriftsteller angesehen? Wir finden diesen Ausdruck ins Unendliche in Vorträgen und Büchern wiederholt. Gelehrte und Laien bedienen sich seiner in allen Tonarten. In seiner Anerkennung, so sagt man uns, stimmen alle Völker der Erde überein. Macht man sich aber daran, wirklich zu erfahren, was hinter diesem magischen Ausdruck „französischer Esprit" oder „französischer Genius" steckt, dann erkennt man nicht nur, daß es unmöglich ist, ihn zu definieren, sondern auch — und das ist viel wichtiger —, daß jeder Schriftsteller ihn auf seine Art versteht. Für diese ist er wirklich die ausschließliche Eigenheit der Franzosen; nach den anderen ist er nur häufiger in Frankreich zu finden, während noch andere uns sagen, daß die Eigenschaften, die man dem französischen Geiste zuschreibt, rein menschliche Eigenschaften sind, die man auch außerhalb der geographischen und ethnischen Grenzen Frankreichs findet. (Fortsetzung folgt.) Monument« Indnica. Das Probeheft dieses wirklich monumentalen Werkes, das vom „Akademischen Verlag", Wien-Leipzig, herausgegeben wird, verläßt soeben die Presse, und den einbegleitenden Worten: „Was wir wollen", mit welchen die Herausgeber vor die breite Oeffentlichkeit treten, entnehmen wir folgendes: Das Unternehmen gliedert sich in zwei große Abteilungen und zwar: 1. „Bibliotheca Targumica", welche sämtliche Targumim zum Alten Testamente in erstmaliger deutscher Uebersetzung bringen wird. Sodann 2. die ..Monnmenta Talmudica", welche die in den beiden Talmuden sowie in der älteren Midraschliteratur enthaltenen historischen Quellen in erstmaliger deutscher Uebersetzung bringen werden. Ueber die Bedeutung des ersten Teiles der „Monumenta" Hütten wir kurz folgendes zu sagen: Es handelt sich kurz um diejenigen Uebersetzungen der Bibel, die unter dem Namen Targumim allseits bekannt sind und die neben der griechischen Uebersetzung, genannt Septuaginta, geradezu als Primärquellen der heiligen Schrift betrachtet werden müssen. Die Targumim sind bis jetzt noch nicht ins Deutsche übersetzt worden; nur in den beiden Polyglotten-Bibeln finden wir sie in lateinischer Transversion. An erster Stelle mag für die Bedeutung der leichteren Zugänglichkeit schon der Umstand sprechen, daß es höchst wahrscheinlich ist, daß einzelne Teile der Septuaginta erst aus dem aramäischen Targum geflossen sind. Wir werden an verschiedenen Stellen der Bibliotheca Targumica Gelegenheit haben, auf diese unsere Vermutung näher einzugehen. Es kommt -ferner für die Wichtigkeit der Uebersetzung in eine moderne Sprache noch folgendes in Betracht: Für die Auslegung der Bibel speziell, für Wort und Sinnverständnis derselben sind die Targumim von größter Bedeutung. Man muß annehmen, daß den Targumisten das Verständnis des hebräischen Urtextes schon deshalb klar war, weil die Targumim einerseits in einer Zeit entstanden sind, die der Fixierung des biblischen Textes um so vieles näher lag als beispielsweise unsere Zeit, während sie andererseits dem Volke entsprungen sind, dem auch das alte Testament als ureigenstes und ganz spezielles geistiges Eigentum angehört. Dies fällt für viele zweifelhafte Stellen des alten Testaments schwer ins Gewicht. Denn die Vermutung liegt nahe, daß in dem Momente, in dem uns die targumische Uebertragung ganz klar wird, auch die bezüglichen Stellen der Bibel nunmehr in ihrem ursprünglichen Sinne uns vor Augen treten. Derart haben die Targumim sowohl nach dieser wie übrigens noch nach anderer Richtung einen ganz hervorragenden Einfluß auf die alte jüdische und christliche Exegese ausgeübt. Aber auch in dogmatischer Beziehung sind sie ganz hervorragend bedeutsam. Auf die Hauptdogmen des alten Testamentes ist in den Targumim allüberall großes Gewicht gelegt, vielfach finden sich dieselben sogar erläutert. Vor allem kommt hier in Betracht der Targum des Onkelos. Derselbe ist für die philosophische Ausgestaltung des Gottesbegriffes im Judentum sowie auch für verschiedene andere fundamentale Lehren an erster Stelle mit maßgebend geworden. Man sieht in ihm deutlich das Bestreben, die anthropromorphischen Begriffe womöglich zu entfernen, sie zu klären, sie in ihrer richtigen Bedeutung darzulegen. Auch finden sich schon fast sämtliche 13 Glaubensartikel in ihm entwickelt. Es wäre verfehlt, all' diesen Dingen im Anschlüsse an eine Meinung, welche behauptet, daß der aramäische Targum nur eine Uebersetzung für das Volk gewesen sei, weniger Wichtigkeit beizulegen. Vielmehr liegt die Vermutung näher, daß der Targum des Onkelos nicht ausschließlich eine Uebersetzung für das gemeine Volk gewesen sei, sondern auch eine solche für dasselbe. Und fast zur Gewißheit wird diese Vermutung, wenn man sieht, welche Bedeutung der aramäische Targum für das Judentum hatte, obgleich er dem Anscheine nach den biblischen Text zum größten Teile nur wörtlich interpretiert und nur an verhältnismäßig wenigen Stellen paraphrasierend den Sinn erklärt. Ist doch nach dem Talmud jeder Jude, ohne Unterschied des Standes und der Bildung, verpflichtet, an jedem Sabbath einen Abschnitt aus dem Pentateuch nicht nur in dem Urtext, sondern auch in der aramäischen Uebertragung zu lesen. Der Targum Jonathan dagegen ist ebenso wie der Targum Jeruschalmi I und II nach anderer Richtung von großer Bedeutung. In ihnen finden sich bestimmte alt-testamentarische Bibelstellen in deutlicher messianischer Auslegung, deren nähere Kenntnis für eine eventuelle Beziehung auf die Entstehung des Christentums wohl unumgänglich notwendig erscheint. Wir achten es nicht am Platze, an dieser Stelle mehr über die Wichtigkeit der Bibliotheca Targumica zu sagen, doch dürfen schon diese wenigen Andeutungen genügen, um zu beweisen, daß die Targumim ganz interkonfessionelle Bedeutung haben. Dem katholischen Ausleger des alten Testamentes erwächst ebenso wie dem protestantischen die Pflicht ihrer Benützung und der Eine wie der Andere haben zu eruieren, in welchem Sinne die Targumisten den Bibeltext verstanden haben, insbesondere, wie dieselben dunkle und schwierige Stellen, alte Ausdrücke, rein sprachliche Beziehungen rc. rc. auffaßten. Auf die hie und da geäußerte Meinung, als ob den Targumim, auch in den älteren eine Richtung innewohnte, die gegen das Interesse anderer Religionen gerichtet sei, können wir uns hier nicht näher einlassen. Wir können nur versichern, daß den Targumisten, wie Jeruschalmi I und II religionsseindliche Tendenzen vollständig ferne gelegen haben. Auch in kulturgeschichtlicher Hinsicht dürste unser Unternehmen insoferne von Wichtigkeit werden, als durch dasselbe die Grundlagen für ein leichteres und vollständigeres Eindringen in den Geist des Hebräismus gegeben sein könnte. Ueber die Gliederung der Bibliotheca Targumica sei Folgendes bemerkt:

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