Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 40 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 40. Das Raffenvorarteil. (Fortsetzung.) *) Klima, Ernährung, die Beschaffenheit des Bodens, der elektrische Gehalt der Luft, ihr Feuchtigkeitsgehalt, die Nähe des Meeres, Berge, Täler und Wälder haben Einfluß aus Schädelbildung, Nasenform, Farbe der Haut und Beschaffenheit des Haares. Dazu kommt der wichtige Faktor der Kreuzung. Nach verhältnismäßig wenigen Generationen werden unter einigermaßen günstigen Umständen selbst aus Negern Weiße, ans Asiaten Europäer. Die Uebergänge der Menschenvarietäten sind so mannigfaltig und fein, daß es unmöglich ist, zu bestimmen, wo die eine anfängt und die andere aufhört, ja wo die eine ist und die andere nicht ist. Von denselben Eltern entstammen Kinder, die blond oder brünett sind, groß oder klein, dunkel- oder helläugig. Ja, die physiologische Gestaltung der Menschen wird ganz merkwürdig auch durch moralische Gründe beeinflußt. Die Freiheit und die Achtung, die die Einwohner eines Landes genießen, das Gefühl der Gleichheit vor dem Gesetz und die Achtung der Menschenwürde, der Unterricht, die Zollgesetzgebung, die Verkehrsanstalten und noch vieles andere beeinflussen die Körperbildung. Norton (in St. Leone) versichert, daß in dem von ihm studierten Lande die freigeborenen Negerkinder schönere Augen haben, eleganter aussehen und sich leichter den Europäern nähern, als in den Ländern, wo sie schlecht behandelt werden. Dieselbe Bemerkung haben Lewis und d'Orbigny gemacht. Day konstatiert noch, daß Neger in höheren Stellungen Gesichtszüge annehmen, die sie Kaukasiern ähnlich machen. Dr. Warner macht in der „Quart. Review" vom Juni 1851 die Bemerkung, daß die in Newyork gefundenen Negerschädel aus alter Zeit einen viel kleineren Hohlraum haben als die der heutigen Neger. Aber, wird man sagen, was braucht man viel nach den wissenschaftlichen Bezeichnungen und Ableitungen zu fragen, es ist doch Tatsache, daß wir beispielsweise bei uns einen jüdischen Typus kennen, und daß wir die Juden von Germanen unterscheiden können. Daraus antwortet Finot, daß das nicht wahr oder doch nur halbe beziehungsweise bedingte Wahrheit sei. Einen jüdischen Typus gibt es nicht. Es gibt deutsche, englische, französische, amerikanische, russische u. s. w. Juden. In der Tat wird jeder sofort russische von deutschen Juden, und nicht leicht wird er Juden von Südländern unterscheiden können. Ja, es gibt sehr viele unzweifelhafte Juden, die für Germanen, und unzweifelhafte Germanen, die für Juden gehalten werden. Wie sich gar nach Kreuzungen zwischen Juden und Germanen die jüdischen Abstammungszeichen verlieren, davon kann sich jeder gleichfalls leicht überzeugen. Das, was man als jüdische Physiognomie zu bezeichnen liebt, ist, wie schon früher einmal an dieser Stelle in einem Aufsätze über das Verschwinden der jüdischen Physiognomien ausgeführt worden ist (Nr. 33, Jahrgang 1903) vielmehr die Ghetto-Physiognomie, die, je weiter wir uns von den Ghettozeiten entfernen, desto mehr verschwindet. Jeder ist erstaunt, wie schnell und vollständig schon in der zweiten und gar dritten Generation in Amerika aus dem charakteristischen polnischen oder russischen Juden auch rein äußerlich ein ganz anderer, ein hochgewachsener, kräftiger Mensch wird. Wenn irgend eine Rasse sich von der kaukasischen, germanischen, angelsächsischen unterscheidet, dann ist es doch gewiß die Negerraffe. Die tiefschwarze Farbe, die wulstigen Lippen, die breite Nase und das wollige Haar sind doch hinlänglich deutliche, unverkennbare Merkmale. Dennoch werden infolge wiederholter Kreuzungen, des anderen Milieu, der anderen Ernährung, Beschäftigung, der bürgerlichen Gleichstellung usw. selbst von den bekanntlich in dieser Beziehung sehr empfindlichen, geradezu fast hellseherischen Amerikanern Nachkommen von Negern sehr oft nicht erkannt. Die Aehnlichkeit der Negerabkömmlinge mit den Weißen in den Vereinigten Staaten vereitelt oft alle listigen Bemühungen sie zu erkennen. John S. Durham erzählt im „Atlantic Monthly“ eine kuriose Geschichte von zwei Brüdern, Buchdrucker ihres Zeichens, die in Philadelphia Beschäftigung suchten. Einer arbeitete zwei Jahre in einer Druckerei mit Weißen, ehe jemand ausfindig machte, daß er ein Neger sei. Die Weißen verlangten, als die Entdeckung gemacht war, entschieden seine Entlassung. Sein Brotgeber, der sehr zufrieden mit ihm gewesen war, sah sich zu seinem größten Verdruß genötigt, ihn zu entlassen. Der Entlassene bat nun seinen bisherigen, ihm wohlwollenden Chef ihm den Gefallen zu tun und seinen Bruder anzunehmen, der bisher von seinem Verdienst mitgelebt hätte, da er so in der Lage sein würde, jetzt von dem Verdienst seines Bruders zu leben. Das geschah und wieder arbeitete der Neger lange Zeit mit den Weißen zusammen, ehe die Negerabstammung des neuen Kollegen entdeckt wurde. Der berühmte Neger-Pädagoge Booker Washington erzählt, wie oft die Eisenbahnbeamten in Amerika in größter Verlegenheit sind, wenn sie festzustellen haben, ob ein Reisender Neger oder Weißerist und ober in den für Farbige bestimmten Waggons untergebracht werden muß oder nicht. Die amerikanischen Gerichte haben schon oft europäischen Südländerinnen bedeutende Entschädigungssummen zuerkennen müssen, weil diese unrechtmäßigerweise für Farbige gehalten und mit Gewalt in die für Neger reservierte Wagen gebracht worden waren. Fran Mary Church Terell, die Präsidentin der großen „Vereinigung farbiger Frauen", hat Herrn Finot bestätigt, daß es häufig unmöglich sei, Weiße von Negern zu unterscheiden. Sie selbst könnte nach Belieben in Wagen fahren, die für Weiße bestimmt sind und in Hotels absteigen, in welchen Farbige um keinen Preis ausgenommen werden. Dennoch waren ihre Eltern Sklaven und verdankt sie ihre Freiheit erst dem Sezessionskriege. Zugegeben, werden die antisemitischen und anderen Rassenfanatiker sagen, daß es schwer ist, auf Grund der äußeren Merkmale immer das Richtige zu treffen. Aber schließlich verlangen heute ja selbst die bösartigeren Antisemiten nicht ernstlich, daß die Juden ausgerottet, die Amerikaner nicht, daß die Neger wegen ihrer Rasse wieder zu Sklaven gemacht werden. In den Vereinigten Staaten wehre man sich nur gegen die geistige und moralische Minderwertigkeit der Farbigen und in Deutschland bekämpfe man in der Hauptsache nur den dem germanischen so entgegengesetzten, verderblichen jüdischen Geist. Wenn man schon nichts auf die immerhin sichtbaren Nassenbeziehungsweise Varietätenmerkmale geben darf, so verflüchtigen sich die geistigen Unterschiede der verschiedenen Rassen und Völker erst recht und dürfen darum auch nicht den Vorwand bieten zur Unterjochung, Verfolgung oder sonst differentiellen Behandlung von Menschen einzig und allein wegen ihrer Abstammung. Es gibt keine einer Raffe, selbst einem Volke nur angeborene Denkweise. Diese wird noch mehr als die körperliche Beschaffenheit durch das Milieu beeinflußt und ausgebildet. Jeder weiß, wie schwierig es ist, die Seele eines einfachen Menschen zu kennen, daß dazu die größte praktische Erfahrung gehört. Aber Richter, Aerzte, Schriftsteller, die sich auf ihre Menschenkenntnis und psychologische Schärfe nicht wenig zu gute tun dürfen, werden wissen, wie oft sie daneben hauen, und dabei hauen sie noch sehr viel häufiger daneben, ohne daß sie es jemals erfahren. Nun denke man sich erst die Schwierigkeit, eine Masse zu beurteilen, den Geist eines ganzen Volkes, einer ganzen sogenannten Rasse zu fixieren. Welche Myriaden ewig wechselnder Einflüsse bestimmen da nicht Fühlen und Denken eines ganzen Volkes! Und fühlt oder denkt jemals ein ganzes Volk selbst über die allerwichtigsten Lebensfragen einmütig? Und wie viel schwieriger noch ist es, sich eine Vorstellung zu machen von dem Charakter und der Denkweise eines längst ausgestorbenen oder in kaum noch erkennbaren Ueberbleibseln vorhandenen Volkes, über das Auszeichnungen überhaupt nicht oder nur äußerst spärlich erhältlich sind. Dennoch sind große und kleine Leuchten der anthropologischen Wissenschaft nicht müde geworden, Charakterbilder von den alten Celten, Teutonen, Phöniziern u. s. w. zu entwerfen. Finot gibt nun in seinem Werk einige höchst belustigende Beispiele hierfür und weist die Unmöglichkeit solcher *) S. „Die Wahrheit" vom 6. Oktober und „Mittheilungen" Nr. 39.