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Die Wahrheit · 1905-10-13 · Heft 40 (13.10.1905) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 40 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 40. Die Wahrheit. Seite 5. der Reihe nach besucht werden, und wenn er dieser Aufgabe gewachsen ist und mit aufrichtiger Liebe zur Sache arbeitet, dann könnte er bei 100 Besuchen 80 Mitglieder acquirieren. Sogar besser gestellte Handeljuden würden sich schämen, dem Hilfsverein die 4 K jährlich nicht zu zahlen, geschweige Galizier anderer Berufe. Es müßten dann alle Fabrikshäuser, Engroshändler, die nach Galizien arbeiten, besucht werden, viele von solchen würden, wie ich glaube, mit höheren jährlichen Beiträgen dem Vereine als Mitglieder beitreten. Wenn das Wiener Feld genügend bearbeitet wäre, könnte der Beamte in die Provinz gehen und dort entweder Ortsgruppen bilden, oder einzelne bessersituierte Familien in jedem Orte zur Teilnahme an dem Hilfswerk zu gewinnen suchen u. s. w. Mit 100.000 K könnte so der Hilfsverein alljährlich in 6—8 Städten einen Impuls für Erwerbstätigkeiten geben, durch welche das erwerbslose Volk zu menschenwürdiger Existenz gelangen würde. Hierüber werde ich das nächstemal schreiben. Die Grnndsteintegnng m einer Synagoge. In der letzten Nummer dieses geschützten Blattes wird in dem Artikel „Aus der Woche" der antisemitischen ..Staatsbürger- Zeitung" entgegengetreten, weil diese die Aufforderung des amtlichen Kreisblattes von Bingen, anläßlich der Einweihung einer Synagoge daselbst die Häuser zu beflaggen, als eine „unerhörte Zumutung" bezeichnet hat, wobei in Erinnerung gebracht wird, daß der Landgraf Alexis von Hessen an der fünfzigjährigen Gedenkfeier des Bestehens der Synagoge von Herleshausen persönlich teilgenommen hat. Es war dies im Jahre 1897. Als Seitenstück dazu möchte ich hier einen Bericht über die Grundsteinlegung zu einer Synagoge aus dem Jahre 1838, also um nahezu 60 Jahre früher, reproduzieren. Derselbe lautet: „Früh nach 8 Uhr versammelten sich die eingeladenen höchsten und hohen Behörden, die Geistlichkeit und sonstige angesehene christliche Mitbürger, sowie die Mitglieder der israelitischen Gemeinde in dem mit edler Bereitwilligkeit dazu überlassenen großen Konferenzsaal der medizinisch - chirurgischen Akademie im Junghofe. Punkt 9 Uhr setzte sich von da aus der Zug über den Zeughausplatz, die Augustusallee entlang in folgender Ordnung in Bewegung, als: 1. Die israelitische Schuljugend beiderlei Geschlechtes, geführt von den israelitischen und christlichen Lehrern; 2. die israelitischen Chorsänger; 3. zwei Mitglieder der israelitischen Gemeinde als Kommissarien oder Marschälle mit weißen und grünen Schleifen; 4. Se. Exzellenz der im Gesamt-Ministerium Vorsitzende Herr Staatsminister und Ordenskanzler v. Lindenau als dermalen fungierender Chef des Kultusministeriums, begleitet von Sr. Exzellenz dem Herrn Staats- und Kriegsminister, Generalleutnant v. Zeyschwitz und Sr. Exzellenz dem Herrn Staatsminister des Innern v. Nostitz-Jünkerndorf; 5. Se. Exzellenz der wirkt. Geheimrat uno Kreisdirektor von Wintersheim; '6. sämtliche im Kultusministerium Vortragende Herren Geheimen Kirchenräte DDr. Hänel, Schulze und Hübel; 7. die geistlichen Mitglieder des evangelischen Landes- Konsistoriums, Hofprediger Dr. Käuffer, Hosprediger Dr. Franke, Kirchenrat Dr. Wahl, Superintendent Heinau, denen sich fast alle evangelisch-lutherische Geistliche der hiesigen Stadt anschlossen; 8. die reformierten Geistlichen P. Giradot und Kvhlschüller; 9. eine Deputation des katholisch-geistlichen Konsistoriums; 10. ein«' Deputation des Stadt-Magistrates, an ihrer Spitze der Bürgermeister Hübler; 11. eine Deputation der Stadtverordneten nebst ihrem Vorstande; 12. der Polizeidirektor und Amtshauptmann; 13. eine Deputation des General-Kommandos der Armee in Parade-Uniform; 14. eine Deputation des Kommunalgarden-Ausschusses mit der Nationalschärpe; 15. eine Deputation des Stadtgerichtes; 16. eine Anzahl höherer Staatsbeamten aus fast allen Verwaltungsdepartements, Mitglieder beider Kammern, Gelehrte, Künstler, Rechtsanwälte, Aerzte und sonstige angesehene Einwohner der hiesigen Residenz; 17. der Oberrabbiner Dr. Frankl im Ornate (Samtbarelt und Talar); 18. die Vorsteher der israelitischen Gemeinde; 19. die Mitglieder des Synagogen-Koutrolle-Ausschusses; 20. die vormaligen Aeltesten der Gemeinde; 21. die Vorsteher der Beerdigungsgesellschast; 22. die Deputierten der Kranken-Verpflegungs-Gesellschaft; 23. die übrigen Mitglieder der israelitischen Gemeinde; 24. zwei Kommissarien oder Marschälle. Sämtliche den Zug bildende Herren, insofern sie nicht Ornat oder Uniform angelegt hatten, waren in schwarzen Fracks, die Herren Minister mit ihren Orden geziert. Am Orte der Grundsteinlegung angelangt, bildeten sämtliche Mitglieder des Zuges einen Halbkreis, worauf die Schuljugend nebst den Chorsängern Psalm 113 in hebräischer Sprache nach einer eigens hierzu komponierten Melodie absang." — Hieraus folgt die weitere Schilderung der jedenfalls einzig in ihrer Art dastehenden Feier anläßlich der Grundsteinlegung zur Erbauung eines jüdischen Gotteshauses. Und nun höre man und staune, wenn man es noch nicht erraten hat: diese Feier, an der die höchsten Staats-, geistlichen und kommunalen Würdenträger teilgenommen, hat am 21. Juni 1838 in Dresden, dem protestantischen Rom, im Königreiche Sachsen, das man damals in Ansehung ber Juden das protestantische Spanien nannte, stattgesunden. War doch Sachsen derjenige deutsche Staat, in dem der Leibzoll für die Juden am spätesten ausgehoben wurde und überhaupt die drückendsten und entwürdigendsten Gesetze für dieselben bestanden. Nach der Judenordnung vom Jahre 1772 durften überhaupt nur in den zwei großen Städten des damaligen Kurfürstentums, Dresden und Leipzig, Juden wohnen. Und auch da hatten sie eine unerschwingliche Personensteuer zu zahlen. Wegen Nichtzahlung dieser Steuer sollten einmal mehrere Hundert Juden aus Dresden verbannt werden. Nur durch die Vermittlung Mendelsohns bei einem seiner christlichen Verehrer daselbst, dem Kabinettsrat von Ferber, wurde das Unglück von ihnen abgewendet. Nach der genannten Judenordnung war aber auch den Juden dieser Städte „jede gemeinschaftliche Zusammenkunft zur Verrichtung ihres Gottesdienstes oder sonstiger jüdischer Zeremonie schlechterdings untersagt". Gleichwohl bestanden in beiden Städten Betstuben, die von den Behörden toleriert, oder vielmehr wissentlich ignoriert wurden. Erst durch ein Gesetz vom 18. Mai 1837 wurde den Inden von Dresden und Leipzig gestattet, ein gemeinschaftliches Bethaus zu erbauen und den dazu erforderlichen Grund und Boden zu erwerben. Daß die Juden in Sachsen auch jetzt noch nicht auf Rosen gebettet sind, ist bekannt. Ist doch dieses Land auch jetzt das einzige in Deutschland, in dem das Schächtverbot Gesetzeskraft erlangt hat. Steht diese besondere Tiersürsorge vielleicht in einem Zusammenhänge mit der erstaunlichen Nachsicht, mit welcher Eheirrungen von den Frauen des gemütlichen Landes beurteilt werden? Zu vergessen ist auch nicht, daß Sachsen nicht allein eine Burg des Antisemitismus, sondern auch des Sozialismus ist. Das Land hat ausschließlich sozialdemokratische Abgeordnete in den deutschen Reichstag nach Berlin entsendet. Ist das auch ein Beweis für den Zusammenhang zwischen Judentum und internationaler Sozialdemokratie? Schließlich sei bemerkt, daß der Bericht über die Grundsteinlegung zu der von Prof. Semper erbauten Synagoge, von dem ich einen Teil hier reproduziert, von dem bekannten Doktor Bernhard Beer (starb 1861), der gleich Riesser für die Emanzipation der Juden in Deutschland erfolgreich gekämpft, herrührt. Der in demselben genannte Oberrabbiner Dr. Frankl ist, wie dem kundigen Leser nicht erst gesagt werden muß, der nachherige, hochgelehrte Direktor des Breslauer Rabbinerseminars, Zacharias Frankl. Prag-Weinberge. Rabbiner Stark.

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