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Die Wahrheit · 1905-10-13 · Heft 40 (13.10.1905) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 40 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Tie Wahrheit Nr. 40. nehmen, daß sie vogelfrei sind, daß sie alle Beschimpfungen und verlogenen Beschuldigungen schweigend ertragen müssen. Wer die geeigneten Schritte zu unternehmen hätte, damit die Schuldigen in den Gerichtssaal geschleppt werden, wo sie den Beweis für ihre diffamierenden Behauptungen erbringen, oder die Strafe der Verleumder davontragen sollen, ist eine zweite Frage. Ob die Wiener Kultusgemeinde, der ..allgemeine österreichisch-israelitische Bund", die österreichisch-israelitische Union", oder sonst eine hiezu berechtigte und bevollmächtigte Korporation an den Staatsanwalt herantritt, ist vielleicht nebensächlich; das Wichtigste erscheint uns, daß einmal Klarheit darüber geschaffen werde, ob es antisemitischen Hetzern und antisemitischen Hetzblättern gestattet ist. die Juden in Bausch und Bogen straflos zu verleumden und zu beschimpfen. 6- * In den nächsten Tagen erscheint eine neue Schul- und I Unterrichtsordnung für die österreichischen Volks- und Bürgerschulen, die noch von dem jüngst vom Amte znrückgetretenen Unterrichtsminister Ritter v. Härtel initiiert wurde und auch Bestimmungen über den Religionsunterricht enthält. Unter anderem heißt es daselbst, daß alles vermieden werden soll, was zu konse ssio nellen,beziehungsweise nationalenReibungen Anlaß geben könnte, und daß jedes Mitglied des Lehrkörpers, insbesondere der Religionslehrer die Pflicht habe, die Schüler zur konfessionellen und nationalen Duldsamkeit anznl eiten. In Anbetracht des Umstandes, daß der größte Test der Lehrerschaft an den Wiener Volks- und Bürgerschulen im Lager der Antisemiten steht, erscheint diese Verordnung des Unterrichtsministeriums überaus zeitgemäß. Doch geben wir dem gegenwärtigen Uuterrichtsminister. dem die agitatorische Tätigkeit der eben auf Grund des antisemitischen Programmes zu Reichsrats- resp. Landtagsabgeordneten gewählten ..Jugendbildner" Professor Sturm und Pater Wolny nicht unbekannt sein dürfte, zu bedenken, wie er sich die Befolgung der ministeriellen Verordnung seitens dieser Herren vorstellt, die in ihren Kandidatenreden den Judenhaß in der rüdesten Form predigten. Theorie und Praxis werden wohl auch hier im Widerstreit bleiben und nach den Erfahrungen der letzten Jahre versprechen wir uns von dem bevorstehenden Erlasse der obersten Unterrichtsbehörde sehr wenig Wirkung. Es wird ihm das gleiche Schicksal zuteil werden, wie den Staatsgrundgesetzen, über welche sich die gegenwärtig herrschende Partei in Niederösterreich ganz ungeniert hinwegsetzt. Der Hilfsvcrrm für die «Meidende jüdische Kenölkernng in Galizien. Bon Ch. N. Reichenberg. In den Kleinstädten Galiziens verhungern dreimalhunderrtausend jüdische Seelen aus Mangel an jedweden Erwerb, und weil die Notlage dieser jüdischen Massenbevölkerung nicht die Konsequenz von Elementarunglücken ist, oder weil diese Notleidenden ausschließlich Juden sind, denken weder die Regierung, noch die allgemeine Woltätigkeit an Abhilfe. Diese notleidende jüdische Volksmasse ist noch umso unglücklicher, da sich im Lande Galizien unter 822.000 Seelen jüdischen Glaubens keiner findet, der Herz und Verständnis besäße, in Wort und Schrift vor der großen Welt aufzutreten. Wer in Galizien reden und schreiben kann und kein Geld hat, macht in Sozialismus oder Zionismus, und wer daselbst in den größeren Städten nicht zu den Dutzendmenschen der Berufsintelligenz gehört, wer reicher Erbe war, oder eine Frau mit großer Mitgift bekam, strebt für sich und nicht für seine unglücklichen Mitmenschen; und wenn schon auf ein Reichsrats- oder Landtagsmandat keine Aussicht vorhanden ist, begnügt er sich mit dem Prädikate eines Gemeinderates und im Notfälle mit dem Ehrentitel eines trockenen Kultusrates. Trotzdem gibt es hier Leute, die das grenzenlose Elend der jüdischen Massenbevölkerung überblicken; diese haben aber kein Geld und können weder schreiben noch reden. So steht die große unglückliche, jüdische Menschenmasse in Galizien ohne Hilfe und ohne Fürsprecher da. Es möge mir nicht als Unbescheidenheit angerechnet werden, wenn ich hervorhebe, daß ich, solange ich nach Einstellung meiner langjährigen galizischen Geschäftsreisen in Krakau domizilierte, im Maße meiner bescheidenen Kenntnisse eifrig und ununterbrochen für ein Hilfswerk in Galizien in der Oeffeutlichkeit agitierte Meine bescheidene Arbeit blieb auch kein Ruf in der Wüste. Schon im Jahre 1894 stellten sich die Herren Reichsratsabgeordneten Dr. Arnold Rapoporr von Porada und Doktor- Emil Byk an die Spitze eines Abgeordnetenhilfskomitees, welches sich zur Aufgabe machte, in galizischen Kleinorten Hausindustrien zu gründen. Dieses Komitee schickte mich znm Zwecke des Studiums der Strumpfwaren-Hausindustrie nach Nordböhmen und faktisch wurden damals auch in einigen Städten Galiziens solche Industrien angesetzt, die sich von dieser Zeit ab langsam in ganz Galizien verbreiteten. Infolge Indolenz und Interesselosigkeit der Subkomitees, welche mit der Führung des Hilsswerkes im Lande selbst betraut waren, hat das Abgeordnetenkomitee nach etwa zweijähriger Tätigkeit das Hilsswerk eingestellt; doch der Keim für die Strumpswaren-Erzeugung in den armen Städten Galiziens war einmal gelegt. Einige Jahre nach diesem Hilfswerke ergriff der Verein B^nai B'rith in Berlin die Initiative zur Einleitung einer großangelegten Hilfsaktion in Galizien, an der angeblich die Judenheit der ganzen Welt sich beteiligen sollte. Für diese Idee wurde sogar in Amerika durch einen direkten Delegaten agitiert und sie erfreute sich überaus günstiger Chancen. Als Durchführungsinstrument wurde hier in Wien im Jahre 1901 der Hilssverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien kreiert. Im ersten Jahre seines Bestandes erhielt der Verein den Betrag von 46.272 K zugeschickt, die Mitgliederbeiträge betrugen 37.736 K. Der Verein gewann auch gleich einen Exporteur welcher der armen Bevölkerung in 93 Städtchen Galiziens Aufträge für Haarnetzarbeiten gab. Die Einführung der Haarnetzindustrie kostete insgesamt bis zum letzten Jahresbericht 20.695 L. Im Jahre 1903 betrugen die Spenden, die ein Jahr zuvor 46.272 EL ausmachten, im ganzen 3065 EL. sage dreitausendfünfundsechzig Kronen; die ganze Judenheit in der Welt, welche sich ursprünglich für den Hilfsverein so sehr erwärmte, ist demselben leider rapid untreu geworden. Im Jahre 1902 hatte der Verein 86.065 EL Einnahmen, im Jahre 1904 waren dieselben leider schon auf 38.547 EL gesunken und im Jahre 1904 hat der Verein für das Hilfswerk in Galizien im ganzen 8596 EL ausgegeben. Da daselbst 300.000 jüdische Seelen notleidend sind, hat somit der Hilfsverein in diesem Jahre für jeden einzelnen hilfsbedürftigen Juden den Betrag von 2*86 Heller verwendet. Sollte der gegenwärtige Zustand bezüglich der Einkünfte des Hilfsvereines auch fernerhin unverändert bleiben, dann ist vorauszusehen, daß dieser im Jahre 1907 nicht so viel einnehmen würde, um die Kosten des Bureaus zu decken. Es liegt mir ferne, mit meinen Ausführungen etwa der Leitung des Hilfsvereines Vorwürfe zu machen. Was kann diese dafür, wenn das Institut seitens des Publikums nicht genügend unterstützt wird? Im Gegenteile, ich spreche hiermit im Namen der unglücklichen jüdischen Volksmasse allen denjenigen Herren, die im Vereine sich betätigen, den wärmsten Dank aus. Meine gegenwärtige Arbeit hat lediglich den Zweck, die Oeffeutlichkeit auf das Zurückgehen des „Hilfsvereines", des praktischesten, zielbewußtesten, rationellsten Wohltätigkeits-Institutes, das nicht die Bettelei züchtet, sondern durch Zuführung zur produktiven Arbeit sein Volk regenerieren will, aufmerksam zu machen und der Vereinsleitung zugleich einen Weg zu zeigen, auf welchem die Einnahmen des Vereines sich verzehnfachen würden. Das Publikum ist dem Hilfsvereine nicht abgeneigt und wenn unter diesem durch einen Beamten des Vereines für den Beitritt zu demselben Propaganda gemacht würde, so bekäme dieser in Wien allein vielleicht 10.000 Mitglieder. In erster Linie müßten alle hier ansässigen polnischen Familien (es sind bei 5000 an der Zahl) von diesem Beamten

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