Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 40 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion u. Ndmiiiisnalioii: Wien, 13/, Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. Lnjerato LU Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsu. JnsertionSbeträge sind in Wien zahlbar nnd klagbar. Mkhängige Heitschrift für Mische JlntereptL Erscheint jeden Kreilag. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Gezngsprleis: «Äanzjährig . . . ä. >L — >; Halbjährig . . K. 6 — >>!! Kilt Cilitlisbeuiute: >! I! ganzjährig . . . K. IU -! Für Ausland: jj | ganzjährig . . . -> 'J)(nrC.|l I 8 Rubel oder 11» FcS. j| |lv. 40. Wien, 13. Oktoder 1905. Inhalt: Aus der Woche. — Der Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien. — Die Grundsteinlegung zu einer neuen Synagoge. — Das Rassenvorurteil. — Monumenta Judaica. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Brief aus dem Bergwald. — Der neue Meschubad. Aie geehrten Kerren Abonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am t. Oktober begonnene 4. Ouartat ersucht, damit die regelmäßige Zusendung des Blattes keine Hlntervrechnng erleide. Abonnements-Bedingungen: Merteljährig Kr. 3.—, halbjährig Kr. 6.—, Probenummern stehen zur Verfügung. Die Weüaktion. Ans der Woche. Ob im Kampfe der Antisemiten gegen die Juden die Ungerechtigkeit und Böswilligkeit, oder die Dummheit nnd Albernheit eine größere Nolle spielen, ist wirklich schwer zu entscheiden. Wenn ein Antisemit sich auch nur einen Funken von Ehrlichkeit bewahren könnte, müßte er geradezu empört sein angesichts der Tatsache, daß zur Agitation für die in zwei Wiener Bezirken eben durchgeführte Reichsrats- und Landtags-Ersatzwahl in der antisemitischen Presse und in den antisemitischen Wähler- Versammlungen überall das abgebrauchte Schlagwort von der „Verjudung" nnd dem „jüdischen Einflüsse" ertönte, mochte von welchem Gebiete der öffentlichen Tätigkeit immer die Rede sein. Wenn man den Wort- und Schriftführern der Antisemiten glaubte, dann muß man die Juden hassen; weil sie erstens alle Schacherer und Trödler seien; zweitens weil sie nur darnach streben, in der Kunst und in der Literatur eine Rolle zu spielen; drittens, weil sie samt und sonders nur hohe Stellungen im Staate und in der Wissenschaft erobern wollen; viertens weil sie alle Bankiers und Finanzmänner sind . .. rc. rc. Daß jede einzelne dieser Behauptungen die andere aufhebt, die eine Beschuldigung die andere aus der Welt schasst, liegt klar auf der Hand, aber einen echten Antisemiten darf das nicht ansechten, und so folgte auch diesmal das „Volk von Wien" dem Rufe der Hetzer und wählte mit ungeschwächter Begeisterung die antisemitischen Kandidaten Professor Sturm und Professor W o l n y. „ * * * Gewiß hat die bekannte Virtuosität der antisemitischen Agitatoren auch bei diesen Wahlen das ihrige zum Wahlerfolge beigetragen, aber die Ziffern, in welchen sich die Majorität der gewählten antisemitischen Kandidaten ausdrückt, sprechen eine zu beredte Sprache, um zu verkennen, daß das Gros der Wiener Bevölkerung im Banne Jener liegt, die mit wohlberechneter Böswilligkeit die Urteilslosigkeit und Dummheit der Massen für ihre Zwecke ausnützen. Es ist eine geradezu widerliche Komödie, die seit Beginn der antisemitischen Aera immer wieder von neuem zum Ueberdruß für jeden normal denkenden Menschen vor den geblendeten Augen der Wiener Wähler ausgeführt wird: vor den Wahlen ein stetiges Zetern und Jammern über die allgemeine „Verjudung," ein Windmühlenkamps gegen den „jüdischen Einfluß" und nach den Wahlen das höhnische Siegesgeschrei über die „Niederlage des Judentums." In dem antisemitisch verseuchten Wien, das nicht einmal dem armen jüdischen Hausierer sein kümmerliches Dasein gönnt, noch von jüdischem Einfluß zu sprechen, dessen ist wahrhaftig nur das Gehirn eines verblödeten Antisemiten fähig, und wer von solchem Phrasengeklingel sich aus dem Wege zur Wahlurne bestimmen läßt, der verdient keinen anderen Vertreter als einen Gesinnungsgenossen von Schneider und Bielohlawek. * * * Das Judentum, dem es ganz gleichgültig sein mag, ob ein schwarzgesärbter Antisemit oder ein Liberaler von deutschnationaler Kouleur in den Landtag, resp. Reichsrat einzieht, hat schon viel ärgere Stürme überdauert und wird auch an diesem neuen Siege der Dummheit nicht zugrunde gehen, so es nur Kraft und Willen hat, sich seiner selbst zu besinnen. Darum sind wir auch über das Resultat der Wahl nicht besonders echauffirt. Was wir aber nicht ruhig hinnehmen können und wollen, das sind die aufreizenden, die gesamte Judenschast beschimpfenden Reden, die die mandathungrigen Streber und Volksversührer bei diesem Anlasse vom Stapel ließen und von den diversen antisemitischen Organen mit behaglicher Breitspurigkeit wiedergegeben wurden. Wenn es nun schon überraschen mußte, daß Herr Professor Sturm in seiner Kandidaienrede die Inden Ausbeuter und Diebe nennen und mit anderen ähnlichen Kosenamen ohne Einsprache des Regierungsvertreters belegen durste, daß weiters all die greulichen Beschimpfungen und Verleumdungen der Inden trotz des noch immer zu Recht bestehenden § 302 ungehindert in den antisemitischen Blättern erscheinen konnten, so müssen wir uns fragen: Sollen wir uns auch solch entehrende Beschuldigungen ohneweiters gefallen lassen, und ist es denkbar, daß die ehrlosen Verleumder, weil sie nicht direkt einen Juden beschimpfen, straflos allen Inden ins Gesicht spuken dürfen? Wenn schon der Staatsanwalt sich nicht veranlaßt sah, aus eigener Initiative die infame Beleidigung als eine strafbare Handlung aufzusassen, müssen auch die Juden dazu schweigen? Nein! Die Juden dürfen nicht den Standpunkt ein-