Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 39 (6.10.1905)
- Date
- 1905-10-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 39. und andere Korporationen, die Vereine des Ortes sowie die Schuljugend bildeten auf dem ganzen Wege Spalier. In den Straßen, die der Trauerzug passierte, brannten die Bogenlampen. Hinter dem Leichenwagen schritten der Sohn des Verstorbenen, der Großindustrielle Ludwig v. Kuffner, dessen Tochter Anna, die Gemahiin des Gödinger Zuckerfabrikanten v. Redlich, die Teilhaber der Lundenburger Aktiengesellschaft, Moritz v. Kuffner und der Großindustrielle v. Redlich; außerdem waren von Wien aus mittelst Separatzuges die Direktoren und Beamten der Hernalser, Ottakringer und Döblinger Brauereien erschienen. Ihnen folgten Deputationen der Stadtvertretung von Lundenburg mit dem Bürgermeisterstellvertreter Eduard Kafka an der Spitze, der Stadt Nikolsburg mit dem Vizebürgermeister Dr. Kreyml und des Gemeinderates von Göding, Bezirkshauptmann Baron Fries aus Göding, Bezirkshauptmann Hlouschek, Vertreter der 13 Gemeinden des Lundenburger Gerichtsbezirkes, Landesgerichtsrat Dr. Zadrcil, Postverwalter Gerstberger, die Beamten der fürstlich Liechtensteinschen Gutsverwaltung, sowie Abordnungen zahlreicher israelitischer Kultusgemeinden. Dem Leichenbegängniffe ging eine Trauerfeier >'m Tempel voraus, bei welcher Kantor Kohn mit dem Chore die Trauergesänge exekutierte und Rabbiner Dr. Groß den Dahingeschiedenen als wahren Menschenfreund feierte. Prag. In Folge Berufung des bisherigen Predigers Herrn Dr. Julius Fischer zum Rabbiner der Kultusgemeinde in Budapest, gelangt am hiesigen neuen isr, Tempel (Geisigaffe) die Stelle des Rabbiners und Predigers zur neuerlichen Besetzung, Aus diesem Anlasse hat der Vorstand den Beschluß gefaßt, Gastbezw. Probepredigten schon während der hohen Feiertage abhalten zu lasten, zu denen die Herren Rabbiner: Dr. Funk aus Preßburg, Dr. Schwarz aus Eger, Doz. Dr. Herzog aus Smichow und Dr. Scho rnstein aus Leitmeritz eingeladen worden sind. Szeuitz. Hier verschied Herr David Grünwald im Alter von 78 Jahren und wurde unter großer Teilnahme zur ewigen Ruhe bestattet. Herr Rabbiner Marmorstein hielt eine vortreffliche Rede und pries die guten Eigenschaften des Verblichenen. Mit tiefer Erschütterung vernahm man auch traurige Kunde von dem tragischen Tode des Sohnes des Verblichenen, Herrn M. D. G r ü n w a l d, eines angesehenen, achtbaren Kaufmannes im Alter von 40 Jahren aus Also Kuba, welcher auf der Reise zum Leichenbegängnis seines Vaters begriffen, durch ein Eisenbahnunglück sein Leben einbüßte. 31 Feuilleton. Kot-Wdre im Waldwrrtsöarrse. Rima Szombat ist eine Stadt im Gömörer Komitat in Ungarn. Die Hauptindustrie ist Gerberei, Leinwandhandel, auch wird Getreide und Weinbau betrieben, und die schönen Eichenwälder der Umgebung liefern viel Eicheln und Knoppern, ein Produkt für die Ledererzeugung. So oft eine Knoppernlese in diesen Wäldern in Sicht war, weilte Herr Herzog, ein wohlhabender Produktenhändler aus Losoncz, einige Tage, selbst Wochen, im Waldwirtshause zu Rima Szombat, woselbst die erkauften und von der Gutsherrschaft vertragsmäßig zu beziehenden Knoppern übernommen wurden. Die Arbeiter, welche mit dem Einsammeln der Knoppern beschäftigt sind, und die Frächter, welche zur Verladung der Ware sich einfanden, waren um diese Zeit die besten Konsumenten des Waldwirten. Die Knoppernlese beginnt gewöhnlich mit dem Eintritt des Herbstes, im Monate Elul, wenn die ersten Schofartöne erklingen. Bei einer ausgiebigen Ernte reicht aber die Lese bis zum Laubhüttensest. Herr Herzog war bereits drei Wochen im Walde, es nahte schon der Jomkippur, den er in seiner Heimatsgemeinde feiern | wollte, aber infolge Ueberanstrengung erkrankte Herr Herzog und man mußte den Arzt von Rima Szombat holen, welcher nach eingehender Untersuchung eine Rippenfellentzündung konstatierte. Der Patient mußte ins Bett gebracht werden, und ein Bote wurde nach Losoncz entsendet, um dessen Familie von der plötzlichen Erkrankung zu verständigen. Frau Herzog eilte mit einem Wärter ans Krankenlager des Mannes, nahm alles Mögliche zur Pflege des Mannes mit, und da Jomkippur vor der Türe stand, hatte die besorgte Frau auch Tallis und Machsor nicht vergessen. Im Waldwirtshause angelangt, fand Frau Herzog ihren Gatten in einem primitiven Bette, ein anderes ihm zu verschaffen, war nicht möglich gewesen, und sie wandte alle erdenkliche Mühe auf, um den Kranken entsprechend zu pflegen. Am Erew Jomkippur, als die Kolnidre - Zeit nahte, lag Herr Herzog schwer krank im kleinen Wirtshausftübchen. Frau Herzog hüllte, so gut es eben ging, ihren' Mann'in den. Tallis und reichte ihm . das Machsor ins Bett. Da, als der Kranke eben trotz heftigen Fiebers das' Kolnidregebet beginnen wollte, drangen von der anstoßenden Waldschänke her, die bekannten wehmütigen Kölnidre-Weisen an sein Ohr. Immer höher wurden die Töne, ein fürchterlicher Schauer erfaßte den Kranken, der Angstschweiß trat ihm auf die Stirne und von heftiger Erregung erschöpft, versank er in einen tiefen Schlaf. Als Herr Herzog nach einigen Stunden erwachte, war das Fieber gewichen und der Kranke gerettet. Sofort ließ Herr Herzog den Waldwirten rufen und fragte ihn, wer denn diese Lieder in der Schankstube angestimmt habe. Daraus bemerkte der Wirt, daß dies der Dorfhirte sei, welcher alljährlich zur Knoppernzeit diese Weisen mit besonderer Andacht singe. Da nun Herr Herzog den dringenden Wunsch äußerte, den merkwürdigen Kolnidresänger kennen zu lernen, wurde dieser herbeigeholt und in defekter Kleidung trat der Dorfhirte mit. linkischer Verbeugung in die Krankenstube. Auf die Frage, woher ihm. denndiese Gesangsweisen bekannt seien, erzählte er Folgendes: „Ich war ungefähr acht Jahre alt, als meine von Polen ausgewanderten Eltern mich und noch zwei jüngere Geschwister nach Ungarn brachten. Als wir einmal in einem Heuschupfen übernachteten, wurde ich von Zigeunern entführt, mit denen ich zwei Tage ziehen mußte, bis es mir gelang, in finsterer Nacht zu entfliehen. Von Hunger und Durst gequält, irrte ich durch diesen Wald und erreichte endlich das nahe Dorf, wo ich bettelnd in ein Bauernhaus eintrat. Ein gutmütiges Bauernpaar erbarmte sich meiner und nahm mich mitleidig auf. Ich wurde zur Feldarbeit verwendet und von den Leuten bis zu meinem sechzehnten Lebensjahre liebevoll behandelt. Da kam die schreckliche Cholera in diese Gegend und raffte in einer Woche meine beiden Wohltäter hinweg. Meiner Ehrlichkeit und meiner unbescholtenen Aufführung, habe ich es zu danken, daß mich der Ortsrichter dem alten Dorfhirten zur Aushilfe beistellte, und als auch dieser starb, wurde ich zum Dorfhirten gewählt, welches Amt ich bereits - zwanzig Jahre versehe. Wenn die Knoppernlesezeit kömmt, der Herbstwind durch die Wälder rauscht und die Juden zu Rima Szombat das Widderhorn ertönen lassen, zieht es mich unwiderstehlich hin, das alte Lied, welches mein guter Vater im Sterbekleid alljährlich um diese Zeit gesungen hat, mir selbst mit Wehmut zu singen. Gute Eltern waren es, und böse Menschen haben mich diesen gewaltsam entrissen. Nie werde ich diese längst verschollenen Eltern vergessen!" Herr Herzog, welcher mit seiner Gattin aufmerksam dieser Erzählung gelauscht hatte, war tief ergriffen, reichte dem Dorfhirten seine matte Hand und erbot sich, ihn mit nach Losoncz. zu nehmen. Doch der Hirte nahm diesen Antrag nicht an. „Nein!" war die Antwort. „Ich verlasse dieses Dorf nicht, wo ich so liebevolle Aufnahme gefunden, ich werde meine Heimgegangenen guten Pflegeeltern nicht vergessen. Hier in dieser Waldschänke werde ich zur Zeit der Knoppernlese das alte Lied mir singen,, bis auch ich heimgerufen werde, an der Seite dieser braven. Leute zu ruhen." Einige Jahre noch hatte der alte Herzog Gelegenheit,, diesen dankbaren Dorfhirten das Kolnidre singen zu hören. Die Waldungen bei Rima Szombat sind meist schon gelichtet. Herr Herzog und seine brave Gattin ruhen sanft in Losoncz — und der Dorfhirte am Dorffriedhofe, wo dessen Pflegeeltern längst begraben sind. Albert Lö w. Schicht8 feste Spezialität'ffir Wolle and Seide, ö^lcZlaUlav 1UT W UUU QIlU PciUc» Gibt aach die schSnsteWeißwfische Marke aMBBM