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Die Wahrheit · 1905-10-06 · Heft 39 (6.10.1905) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 39 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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OkKerr -ungar. Kantoren-Zeitung Der Snfterismns und die moderne! stfnagogale Liturgie. z Von P. Minkotvsky, Oberkantor der Brodier Gemeinde, Odessa.! (Schluß.) Nehmen wir z. B. die Phrase rjb rrn -o nxn anwa ran* ■"n'nja abpi Den alten Chasanim gab dieser Text einen reichhaltigen sentimentalen Stoff für eine allgemeine Interpretation des Ganzen in einer elegischen Weise, die aus der Jischtabach-, oder Mischeberach-, oder was für diesen Text am passendsten war, aus der Ahawo Uabbo-Skala konstruiert werden konnte. Sie modulierten auch von einem Steiger zum andern, um dadurch die Aufmerksamkeit der Hörer jedesmal frisch zu erwecken, führten keine Rechnung weder mit „laag“ noch mit „keles“, sondern hatten nur die Quintessenz der ganzen „Kinna“ im Sinne und interpretierten in einer orientalen und sentimentalen Weise die Allgemeinheit der Klage. Welche Verlegenheit würde aber dieser Text dem Sulzer- Kantor bereiten, der eine wörtliche und dramatische Interpretation desselben versuchen wollte! Er muß den Text entweder ganz prosaisch, ohne die mindeste Betonung herunterlesen, oder zu dynamischen Affekten Zuflucht nehmen. In einem leisen, tiefen über ernsten Ton, Tonica oder kleine Terz, muß das „habbet“ angefangen werden, um gleich darauf das „mischomajim“ eine Dktave oder sogar Dezime höher hinauszuschmettern. Selbstverständlich muß das „u’reh“ dieselbe Behandlung wie das .„habbet“ erfahren. Jetzt kommt das „Li hojinu laag -wokeles“, das wörtlich „Spott und Gelächter" und sinnlich „Kummer und Schande" bedeutet. Der Schauspieler wie auch der Bühnensänger, der Gelächter und Kummer zusammen ausdrücken will, nimmt zur Gebärde und zur Pose Zuflucht, um dem Publikum den versteckten Kummer dieses äußerlichen Lachens kenntlich zu machen. Wie können aber alle dynamischen und agogischen Machinationen des einzigen Tones äußerlichen Spott und innerlichen Verdruß dem Hörer in demselben Moment zugänglich machen?! Es ist überhaupt stark angezweifelt, ob der Gesang die positive Wortbedeutung des Spottes darstellen kann, mm wie viel weniger noch vermag er die negative Seite des Spottes, d. h. den verhaltenen Verdruß interpretieren? Auch der hebräisch gebildete Hörer wird immer im Zweifel bleiben, ob der Sänger diesen „laag“ bedauert, oder ob er gar schadenfroh ist, daß wir verspottet worden sind; der Ungebildete dagegen wird, ohne Verständnis des Lustigen oder Tragischen, als unberührter Zuhörer der Produktiou beiwohnen. Im Jahre 1882, nachdem ich meine Privatstudien bei Professor Viktor Rokitansky und Professor Robert Fuchs in Wien beendigt hatte, rieten mir einige meiner Freunde, nach Budapest zu gehen, um den besten lebenden Sulzerkantor damaliger Zeit, Professor M. Fried mann, zu hören. Ich muß gestehen, daß der Gottesdienst Friedmanns im Tabaktempel bezaubernd auf mich gewirkt hat. Alles war kolossal und riesenhaft: der Tempel, der Chor, die Orgel und besonders die Persönlichkeit. Friedmanns als Mann und Sänger. Seine donnernde Baßstimme, sein gediegener, durchdachter Vortrag, seine brillante Diktion, sein künstlerisches Modulieren rc. belohnten meine Reise vollkommen. Wenn er das „Hoel Hagodol Hagibbor w’hanoro“ in den rnriwnn VibL' deklamierte, bebte die Luft im Tempel und die ganze Atmosphäre war voll von Schwingungen und dem Echo der Silben. Nirgend -war der Sprechgesang besser ausgeführt, nirgend kam der Sulzerismus zu solchem Glanze, wie bei ihm. Sein liturgisches Wissen, wie überhaupt seine Persönlichkeit hielten mich drei Monate in Budapest, wo ich täglich liturgische Konversation mit ihm führte und allen. feinen synagogalen Funktionen beiwohnte. Eines Tages wandte ich mich an ihn im Seminar, tvo er Liturgie unterrichtete, mit folgender Bitte: „Zeigen Sie mir gütigst, Herr Professor, wie Sie die Nalchioth, Siohrouoth und Schoffoth vortragen?" „Ich deklamiere sulzerisch," war seine Antwort. „Wollen Sie gütigst, Herr Professor, ein Beispiel geben, wie eine solche Summe von Wörtern deklamiert werden kann?" ,.O ja, ich stehe Ihnen zu Diensten!" Und er fing wirklich an, das „Ato aocher maasse olam“ zu deklamieren, wechselte Oktaven, Nuancen, ließ jedesmal viele Worte aus einem Ton liegen und brachte es so bis „W’al Hamdinoth“. Ich bereute schon meine Unbescheidenheit in der Gegenwart seiner Schüler, aber es war bereits zu spät; der sinnlose Vortrag ging seines Weges weiter und meine Betäubung wuchs von Minute zu Minute. Es war ein Murmeln, ein Brüllen, ein Brechen der Phrasen, ein Schleudern der Verse, ein Sprengen der Silben, ein musikalisches Chaos, so daß ich geradezu verblüfft dastand. Der ganze Vortrag war eine Frucht des gekünstelteten Temperaments. Nachdem er ganz ermüdet bei irgend einer Station halt gemacht hatte, srug er mich: .Nun, wie gefällt Ihnen dieser Vortrag?" „Ja," sagte ich, .hierzulande ist er wunderschön, in Rußland aber würde ich für einen solchen Vortrag hinausgeworfen werden." „Hm," brummte er, „in Rußland sind die Leute noch viel zurück.» (??)... Im Jahre 1892, nachdem ich meine Funktion als koordinierter Kantor der Brodier Gemeinde zu Odessa übernommen, wo N. Blumenthal den ersten Tag und ich den zweiten Tag Bosch Hosekonoh zu fungieren hatte, richtete ich gelegentlich an Blumenthal die Frage: „Wie sagen Sie, Rabbi Nisson (er haßte die bombastische Titulatur der neuen Kantoren), die Nalchioth, Sichronoth und Schofroth?" „Leider kann ich Sie früher darüber nicht belehren, dabei ist der Altar, der Gottesdienst und ein bischen Begeisterung unentbehrlich, nnd wie kann ich das alles im profanen Zustande im voraus sagen?" Diese Antwort gab mir Rabbi Nisson, nachdem er 10 Jahre in Jassy und 52 Jahre in Odessa als einer der berühmtesten Kantoren in Europa fungiert hatte. Mit Ungeduld erwartete ich also den ersten Tag Bosch Hoschonoh, da Rabbi Nisson als 84jähriger Mann seine letzte Funktion versah. Seine Stimme war schon so schwach, daß die Gemeindemitglieder in der dritten Reihe kaum etwas hörten, und die übrigen hätten überhaupt keine Ahnung gehabt, wo er denn eigentlich halte, wenn nicht die Responsorien des Chores die liturgischen Bulletins angegeben hätten. Ich aber, neben dem Altäre sitzend, konzentrierte mein ganzes Gehör, um ja keinen Laut, den der russische Nestor aushauchte, zu verlieren. Und da hörte ich bewundernd in Malchioth, Sichronoth und Schofroth eine Kombination von gesanglichen Ideen, ein Parallelisieren der Themen, eine allgemeine Interpretation im Style der alten Neima. Ja, er wurde begeistert, es war die heilige Inspiration. Verzeichnis der Ierstorvenen vom 24. bis 30. September 1905. Jakob Ehrenreich, Privat, 78 I.; Therese Orgel, ohne Berns, 25 I.; Klara Weinberger, geb. Lemberger, Lehrersgattin, 70 I.; Katharina Schiller, geb. Pollak, Agentensgattin, 23 I.; Elias Strauß, Brauereibesitzer, 65 I.; Henriette Fischmann, Handarbeiterin, 20 I.; Bertha Rothberger, Private, 47 I.; Moses Samek, Nordbahnsekretär i. P., 76 I.; Moritz Sinnreich, Vorbeier, 70 I.; Albert Rutscher, Kaufmann, 66 I.; Helene Knöpfelmacher, geb. Schenk, Fleischhauerswitwe, 65 I.; Regina Santova, geb. Levi, Hebamme, 68 I.: Markus Kvhn, Kaufmann, 50 I.; Jenny Bardach, geb. Thumin, Fabrikantensgattin, 41 I.; Emma Flesch, ohne Berus, 24 I.; Nastali Bernstein, Kaufmann, 34 I.; Bertha Weiß, geb. Blöch, Privatbeamteusgattin, 41 I.: Emanuel Pollak, Rentier, 70 I.; Hermann Zloczower, ohne Beruf, 55 I.; Flora Fleischer, ohne Beruf, 19 I.; Wilhelm Konrad, Chemiker, 42 I.: Josesine Beigl, Hausiereritt, 42 I.; Heinrich Weiner, Geschäftsmann, 57 I.: Bertha Blum, Näherin, 30 I.; Simon Schwarz, Arbeiter, 20 I.; Fanny Peter, Kaufmannswitwe, 80 I.; Anna Blaustem, geb. Hönig, Private, 82 I.; Salomon Liebermann, ohne Beruf, 64 I.; Ella Bacher, Arztenstochter, 18 I.; David Kohn, Beamter der isr. Kultusgemeinde. 55 I.; David Jellinek, Nordbahninspektor, 73 I.; Philipp Thorsch, Banquier, 74 I.; Leib Wurm, Tischler, 60. I.; Anna Fürst, Private, 29 I.; Simon Landau, Hausierer, 35 I.; Minna Leinmüller, Eisendrehersgattin, 42 I.

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