Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 39 (6.10.1905)
- Date
- 1905-10-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr.. 39. Was n^r nun das Ergebnis dieser idealen Trennung i der Bevölkerung, dieses übertriebenen Kultus des edlen Blutes und der übermäßigen Rassenreinheit? Das ungeheure Indien war jederzeit die Beute derjenigen, die sich seiner bemächtigen wollten. Seit Alexander, der es erniedigt und erobert hatte, haben seine Herren nur den Namen gewechselt. Die Scythen (1. Jahrhundert), die Araber (7.), die Afghanen (12.), die Mongolen (14.), dann die Portugiesen, die Holländer, die Franzosen und schließlich die Engländer, das ist die Reihe von Eroberungen, die eine kleine Anzahl Eindringlinge trotz der Hunderte von Millionen Menschen gemacht haben, obgleich oft aus tausend Einwohner kaum ein einziger Fremder kam. Ohnmächtig dem äußeren Feinde zu widerstehen, zeichnete sich Indien auch durch eine Art intellektueller Unbeweglichkeit aus. Es war in Wahrheit ein Land des Unglücks und des Todes .... Zweifellos würde das Schicksal Europas das gleiche sein, wenn die Ideen der Rassentheoretiker eines Tages triumphieren sollten. Es gibt bei den Menschen keine Rassen wie bei Pflanzen und Tieren. Bei diesen letzteren greift bei jeder neuen Rasse eine tiefgehende Aenderung Platz, nicht blos eine äußerliche, sondern eine ganz wesentliche, denn selbst das Plasma ändert sich. Es gibt bei den Menschen hingegen nur Individuen, nur eine Menschheit. Rassen wie Klassen sind künstliche Einteilungen, die der Geist zu seiner Bequemlichkeit macht, die aber in Wirklichkeit nicht existieren. Das Milieu schasst die Verschiedenheiten. Selbst Busfon schon sagte, die Rasse sei nur eine Abart, die durch klimatische Einflüsse, durch die Ernährung und die Sitten geschaffen werde. Nicht die Schädelsorm, nicht die Kopfgröße, weder Wuchs noch Farbe noch Haar u. s. w. können als Merkmale einer Raffe betrachtet werden. Während bei den verschiedenen Pflanzenarten und Tierrassen, sogar ursprünglich nahe verwandten, selbst die wichtigsten Funktionen und Merkmale sehr verschieden sind, sind sie bei den Menschen, wie verschieden auch sich diese äußerlich gestaltet haben, ganz und gar gleich. Bei verschiedenen Schasraff'en beispielsweise ist die Zeit der Trächtigkeit sehr verschieden, bei den Menschen ist die Dauer der Schwangerschaft überall gleich. Weiße und gelbe Frauen, zivilisierte und wiche, sind gleich lange schwanger. Während bei den Tieren die Fruchtbarkeit je nach der Rasse wechselt, ist sie bei den verschiedenen sogenannten Rassen der Menschen gleich, d. h. es können überall die Frauen viele, wenige oder auch gar keine Kinder zur Welt bringen. Daß in manchen Ländern die Fruchtbarkeit eine geringere ist, hat nichts mit Rassenverschiedenheit zu tun, sondern mit gesellschaftlichen Einrichtungen und Gewohnheiten. (Fortsetzung folgt.) Beschränkungen in der Aus- Wandernng. Das Zentralbureau für jüdische Auswanderungs-Angelegenheiten versendet nachfolgendes Kommunique: „Das Auftreten der Cholera hat bisher die Behörden nicht veranlaßt, die deutschen Grenzen gegen Auswanderer aus seucheverdächtigen Gegenden vollständig zu sperren. Die verschiedenen Vorsichtsmaßregeln der in Betracht kommenden Behörden haben aber bereits einschneidende Veränderungen in der Beförderung von Auswanderern hervorgerufen. Vorerst haben die amerikanischen Einwanderungs-Behörden die Bestimmung getroffen, daß alle aus Gegenden kommenden, in denen die Cholera herrscht oder die seucheverdächtig sind, sowie diejenigen, die durch solche Gegenden gewandert sind, vor ihrer Einschiffung nach Amerika in Europa sich einer sechstägigen Quarantäne unterziehen müssen. In Betracht kommen also außer Ruffen, Polen. Oesterreichern, Rumänen, Bulgaren rc. auch Deutsche der östlichen Teile des Reiches. Um diese Quarantäne ohne eigenen Nachteil durchführen zu können, erheben die Schiffahrts-Gesellschaften zu dem gewöhnlichen Paffagepreis einen Zuschlag von 10 Mark. Der Quarantäne nicht unterworfen sind alle Auswanderer, die nicht nach Amerika reisen, sondern nach anderen Ländern, wie England, Canada, Argentinien rc. Jedoch haben auch die nach außereuropäischen Häfen (also nicht England) Fahrenden aller Nationalitäten, wenn sie von Hamburg abgehen, sich der sechstägigeu Beobachtungsfrist auf einem Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie oder in den Auswandererhallen zu unterwerfen. Für russische Emigranten sind eine Reihe von besonderen Vorsichtsmaßregeln getroffen worden. Die Beförderung über H a m b u r g ist polizeilich verboten. Russische Zwischendeck-Passagiere dürfen daher von keinem Agenten zur Beförderung ab Hamburg ausgenommen werden, weder nach Nord-Amerika, nach Canada, nach Süd-Amerikä, noch nach England oder sonst wohin, auch dann nicht, wenn sie sich bereit erklären, Schiffskarten zweiter Kajüte zu nehmen. Kajüte-Reisende an und für sich werden weiter nicht behindert. Da nun der Haupthafen für russische Auswanderer Hamburg ist, so findet ein starkes Abflulen der russischen Emigranten nach anderen Häsen statt. Diese vermehrten Auswanderermassen können aber nicht befördert werden, weil es in den Häfen, die infolge der Hamburger Sperre ausgesucht werden, an Schiffsgelegenheit zur Beförderung solcher Massen fehlt. So ist Antwerpen stark überfüllt, und die belgische Dampserlinie (Keck Star Line'l ist für Wochen hinaus mehr imstande, Passagiere anfzunehmen. Der Norddeutsche Lloyd (Bremen) befördert aus gleichem Grunde vorerst nur solche russische Auswanderer, die mit Freischeinen (Prepaids) versehen sind. Die Compagnie Generale Transatlantique (Havre) nimmt Passagiere aus seucheverdächtigen Gegenden wie Rußland und Polen nicht aus. Auch in dem indirekten Verkehr — d. h. in derjenigen Beförderung, in welcher der Passagier von kontinentalen Häfen aus nach England fährt, um dort erst auf den großen Ozean-Dampfer umzusteigen — ist eine Stockung eingetreten; einmal können ja von Hamburg aus Auswanderer nicht befördert werden, dann aber weigern sich auch die englischen Linien, Passagiere aus infizierten Gegenden anzunehmen; das richrec sich natürlich in erster Linie gegen die russischen Auswanderer. Ohne Einschränkung nimmt bis jetzt nur die Holland-Amerika-Linie (Rotterdam) Beförderungen vor. So sind die Gelegenheiten, auf den Schiffen z. Zt. Beförderung zu erhalten, sehr gering. Es muß daher allen Aus w a n d ernn g s l u sti g en auf d as d r i n g e n d st e geraten werden, den A n t r i t t ihrer Reise zu verschieben, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, wochenlang in den Hafenplätzen zu liegen oder gar aus halbem Wege zurückgewiesen zu werden. Sejalel. Komitee zur Begründung jüdischer Hausin dustri e und Kunstgewerbe in Palästina. Nicht Almosen, sondern Arbeit! das ist heute die anerkannte Richtschnur jür jeden Einsichtigen, der an der Hebung größerer Volksmassen Mitarbeiten will. Nicht Almosen, sdndern Arbeit, das muß der Wahlspruch werden auch bei dem Hilfsdienst an den palästinensischen Juden. Denn eines ist klar: Daß die „Chalukkah", der Zufluß von milden Gaben aus der ganzen Welt, so sehr er dem jüdischen Herzen zur Ehre gereicht und die Ehrfurcht vor dem alten Lande der Bibel bezeugt, unsere Stammesbrüder in Palästina nicht wirtschaftlich fördert, sondern geradezu systematisch der kraftvollsten wirtschaftlichen Antriebe beraubt. Schaffung von Arbeitsmöglichkeit, Erziehung zur Arbeit und Selbsthilfe durch wirtschaftliche Organisation, das muß das Programm der zukünftigen jüdischen Hilfstätigkeit in Palästina sein. Ein erster Schritt sind die jüdischen Kolonieen, in denen ein kräftiger und arbeitsfreudiger Bauernstand sich entwickelt. Allein es liegt in der Matur der Sache, daß die landwirtschaftliche Kolonisation nur langsam einen Teil der landansässigen Juden aus den überfüllten Städten heraus in Licht und Luft zu produktiver Lrbeit zu bringen vermag. Dagegen kann ein anderer Weg schneller zu dem Ziele führen, Tausenden Brot zu schaffen: Die Einführung von Hausindustrien und die Entwicklung eines palä st inensischenKun st Handwerks. Kaum irgend ein anderes Land bietet solche Aussichten für das Gedeihen eines Kunsthandwerks wie grade Palästina. Im Lande selbst sind Tausende vdn Pilgern und Reisenden, die es in immer wachsender Zahl' besuchen, sichere Abnehmer kunstgewerblicher Erzeugnisse. Und das ganze Abendland, das in Palästina die Geburtsstätte dreier Weltreligionen verehrt, bietet ein unbegrenztes Feld des Exportes für künstlerisch gearbeitete Gegenstände für den Gebrauch der Gottesdienste und den Schmuck von Gotteshäusern, Friedhöfen und Privathäusern. Für die Künstler selbst wird es wahrlich nicht an Anregungen fehlen in einem Lande, indem jeder Fußbreit Bodens ein Dokument uralter Traditionen und versunkener Kulturen ist! Zur Verwirklichung dieser Gedauken bietet sich gerade jetzt eine Gelegenheit, wie sie kaum so bald wieder sich einstellen dürfte. Professor Boris Schatz aus Sofia, ein bekannter Bildhauer, Schüler von Antokolsky, ist im Begriffe, auf mehrere Jahre zu künstlerischen Studien nach Palästina zu gehen. Von ihm geht die Anregung zu unserem Plane aus, und er ist mit freudiger Begeisterung bereit, die Einrichtung und Oberleitung des Werkes ohne Entschädigung, nur aus Interesse an der