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Die Wahrheit · 1905-10-06 · Heft 39 (6.10.1905) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 39 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 39. Die Wahrheit. Seite 5. Me erhabene Nationalsprache ans die Stärkung und HebuNg des Judentums wie der Charaktereigenschaften ausüben würde, so es uns gelingt, von den Führern und Vorständen unseres Volkes ernst genommen und verstanden zu werden. Ja noch mehr, unsere modernen Hebräerinnen werden einen eigenen Zauber auf ihre Umgebung, wie aus weite, selbst nichtjüdische Kreise ausüben. Man denke sich z. B. hebräische Bühnenheroinnen, RedNerinnen n. s. w., welch flammende Begeisterung für die jüdische Sache würden derartige Verkünderinnen Hervorrufen! Sehen Wir ja den großartigen Erfolg der jüdischen Bühnen in Amerika und den Einfluß jüdischer Rednerinnen als Frauenrechtlerinnen. Wenn wir heute nach Galizien, resp. Lemberg blicken, wo eine ganz respektable Anzahl von Mädchen aus verschiedenen Häusern sich mit dem Erlernen der hebräischen Sprache und der jüdischen Geschichte äbmühen, wenn wir ferner bedenken, daß hier in sprachlicher Erziehung schon schöne Erfolge erzielt wurden, dann erweitern sich unsere Herzkammern, unser jüdisches Bewußtsein freut sich über diese Zeichen der Renaissance und gibt uns Muth zu folgenden Anträgen, welche wir, unter Appell an alle denkfähigen Schichten in Israel, hier in den Spalten der „Wahrheit" zur öffentlichen Diskussion stellen: Die Vorstände aller größeren, jüdischen Gemeinden mögen die Hebraisirung der jüdischen weiblichen Jugend als eine ihrer ” heiligsten Erziehungspflichten erachten und öffentliche hebräische Damenkurse errichten. Es mögen Prämien an solche Schülerinnen und Lehrer verteilt werden, welche die besten Fortschrittsresultate aufweisen. Es sollen diejenigen Schülerinnen, welche einen hohen Grad von Wissen erlangt haben, einer Qualifikationsprüsung unterzogen — und den Fähigsten der hebräische Unterricht in den Volksschulen anvertraut werden. Wir erachten diese Maßnahme als eine äußerst ersprießliche, zunächst in Erweiterung des Erwerbskreises für die weibliche jüdische Jntelltgenz, wodurch manche dem Pfuhl des Lasters und der Unmoral entzogen und einem Ehrenstande zugeführt würden, und weiters in pädagogischer Hinsicht, da auf die weibliche Jugend eine weibliche Lehrkraft intensiver einwirkt, als eine männliche. Wer Herz und Sinn hat für die Leiden unseres Volkes, für den ungleich schweren Rassen- und Glaubenshaß, den die Juden in der ganzen Welt auszustehen haben, wird mit dem Gefühle der Freüde diesen und jeden ähnlichen Antrag begrüßen, welcher im Zeichen der Renaissance steht. Unser ehrwürdiges, erhabenes Judentum benötigt nicht bloß Knochen und Muskeln, Nerven und Adern, ohne Leben und Bewegung; sondern Geist vom Geiste Gottes — um im bestimmten Momente geeint, gehoben und überragend an Wissen, Können und Tugend vor der Gesamtmenschheit dazustehen. Brüder und Schwestern, bringet Opfer der Renaissance Israels im Jahre des jüdischen Heils 5666! Dr. Vierer. Das Rassenvorurteil. „Rasse ist Schwindel." In diesen Worten hat einer der hervorragendsten Sprachforscher des vergangenen Jahrhunderts. Friedrich Müller, seine Meinung über die Ergebnisse der linguistischen Rassenbeurteilung zusammengefaßt, aber auch bedeutende Anthropologen haben gewichtige Belege gegen die Zulässigkeit jenes populären Sprachgebrauches geliefert. In neuester Zeit hat nun der berühmte Verfasset der Philosophie der Langlebigkeit", Jean Fi not, ein Werk über das Rassenö'örurteil erscheinen lassen; in dem er überzeugend nachweist, daß alles was über Menschenrassen gesaselt wird, hellster Unsiün ist. Das überaus beachtenswerte Und interessante Werk findet in den „Mitteilungen" des Berliner Vereines zur Abwehr des Antisemitismus eine eingehende Besprechung. Die Legende von den überlegenen und inferioren Raffen, heißt es daselbst, hat der in Frankreich überhaupt nicht ernst geNoMMene, Graf Gvbineäu, der ebenso wie der nicht minder öbdrflächliche Ehamberlam besonders wegen der den Gerniänen angewiesenen Vorzugsstellung bei den Deutschen AnÜang gefunden hat, ersonnen, eigentlich nur um dem demokratischen Geist als Damm entgegengestellt zu werden. Er hat sie mit einem ganzen Arsenal von Argumenten ausgestattet, die von den Rassefexett benutzt werden, um der Verfolgung, ja, wenn möglich Ausrottung aller vermeintlich niedrigen Rassen zu verteidigen. Auf Grund dieser unerhört leichtfertigen Legende werden nicht blos Völker gegen Völker, sondern Mitbürger gegen Mitbürger aufgehetzt. Finot versteht sehr geschickt, noch ehe er an die ungemein detaillierte, streng logische und klare Darstellung herangeht, die er durch unzählige von einer ganz außerordentlichen Gelehrsamkeit, Belesenheit und Beherrschung des ungeheuer reichen, wissenschaftlichen Materials zeugnisablegende Beweise stützt, den Leser von vornherein aus seine Seite zu bringen, indem er zeigt wie entsetzlich, wie verfehlt und wie — überflüssig die konsequente Befolgung der Rassendoktrin ist. Da sollen ja die langschädeligen, hochgewachseuen, blonden Völker die zum Herrschen bestimmten sein. Aber wo sind sie, wo herrschen sie denn? Abgesehen davon, daß es langschädelige, großgewachsene Individuen überall, selbst unter den Negern gibt, sind die Jdealmenschen der Rassentheoretiker doch nur in der Minderzahl, verdrängt, überholt von den Knrzschüdeligen, Brünetten u. s. w. Ja, seufzen die Rassengläubigen, das ist ja das Unglück, daß die Mischrassen, die niedrigeren Rassen, die reinen und höheren Elemente verdrängen. Es wird daher verlangt, daß die vornehmen Rassen geschützt werden, daß man sie auch durch die Gesetzgebung zu kräftigen und zu mehren trachten solle. Um die Menschheit vor Entartung zu schützen, ihr die höheren und allein sittlich denkenden und empsindenden hochgewachsenen, blonden und blauäugigen Langschädel zu erhalten, verlangt zum Beispiel Lapouge die künstliche Befruchtung geeigneter Frauen durch eine arische Elite, und er berechnet, daß ein tüchtiger Zuchtarier so seine 200.000 Geburten zu Stande bringen könnte. Natürlich müssen gewissenhafte Arier — und welcher Arier wäre nicht gewissenhaft und pflichtbewußt? — jede Verbindung mit einer kurzschädeligen. mit einer kleinen und gar noch obendrein brünetten und schwarzhaarigen Frau als eine Sünde gegen das Ariertum meiden und es als seine Pflicht ansehen, für eine möglichst reichliche Nachkommenschaft zu sorgen. Man scheut sich nicht zu verlangen, daß der weit überwiegenden Mehrzahl der Menschen das Erhalten von Nachkommenschaft verboten werde, man empfiehlt Abtreibung, Kindesmord. Am niederträchtigsten ist der deutsche Rassenpriester Ammon Er empfiehlt, die von ihm für inferior gehaltenen Rassen durch Alkohol zu vergiften, sie zu demoralisieren, dafür zu sorgen, daß sie alle möglichen Krankheiten sich zuziehen, damit sie, verderbt und geschwächt, vom Erdboden verschwinden. Die aus diese liebenswürdige Weise um die Vervollkommnung der Menschheit so besorgten Rassenfanatiker vergessen in ihrem Eifer, wie Finot bemerkt, nur ganz und gar, daß in Indien die vermeintlich vornehme Rasse seit undenklichen Zeiten den denkbar weitestgehenden Schutz wirklich genossen hat. Dort würden die Sudras. die aus der untersten Stufe der menschlichen Gesellschaft sich befanden, auf eine Weise behandelt, wie die Kurzschädel in Europa niemals behandelt werden könnten. Die Ehe mit den Sudras war streng verboten, und selbst die leiseste Berührung mit diesen Unglücklichen wurde als eine Todsünde angesehen. Das Lesen der heiligen Schriften war ihnen auf das strengste untersagt u. s. w. Ratzel sagt uns sogar, daß gewisse Kasten Gegenstand größerer Verachtung ttiaren als Tiere. Die Pulayas von Travankor hatten nicht das Recht, Brahmanen aus einer geringen Entfernung als 96 Schritte anzusehen. Beschäftigt bei den öffentlichen Arbeiten waren fre gezwungen, deutliche Zeichen ihrer Kaste zu ttagen, damit sie von weitem erkannt werden und Mitglieder einer höheren Kaste daher vermeiden konnten, sich ihnen zu nähern. Wenn sie über die Landstraßen gingen, mußten die Pulayas sich verstecken, sobald Reisende aus einer anderen Kaste sich ihnen näherten: Dieses Gefühl der Ungleichheit hat bei den Indern dermaßen Wurzel gefaßt, daß es häufig vorkam, daß Leute verhungerten, weil , sie nicht die Nahrungsmittel anrühren wollten, die durch die Berührung von Pulayas unrein geworden waren.

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