Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 39 (6.10.1905)
- Date
- 1905-10-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 39. furcht nicht versagen. Darum haben auch schon wiederholt regierende Fürsten, ja selbst hohe Prälaten und Geistliche verschiedenster Konfessionen an synagogalen Feiern teilgenommen, und unter anderen hervorragenden Persönlichkeiten wollen wir auf den jüngst aus dem Leben geschiedenen Landgrafen Alexis von Hessen verweisen, der freilich trotz seiner großen Frömmigkeit ein entschiedener Gegner des Antisemitismus war. Im Jahre 1897 beging die Synagogengemeinde Herleshausen aus Anlaß des fünfzigjährigen Bestehens ihrer Synagoge eine kleine Gedenkfeier. Landgraf Alexis hatte von dieser Absicht gehört und ließ um ein Festprogramm bitten, da er als kleiner Junge der Einweihung beigewohnt. Seitens des Vorstandes wurde darauf dem hohen Herrn eine Einladung zur Gedenkfeier zuteil. Pünktlich zur festgesetzten Stunde erschien der Landgraf und wohnte dem Fest- und Abendgottesdienste — es war an einem Freitag — bis zum Schlüsse bei. Beim Abschiede reichte er den Vorstehern und dem Lehrer die Hand und dankte dem letzteren für die ihn so erbauende Festpredigt. Und als etwa zwei Wochen später im landgräflichen Schlosse ein größeres Galadiner stattfand, an welchem die Spitzen der Bezirks- und Provinzialbehörden, der kommandierende General, teilnahmen, da bildete dieser Synagogenbesnch ein längeres Gesprächsthema. Das Geschimpfe der Antisemiten über die Minderwertigkeit der jüdischen Moral und jüdischen Ethik ist ja allgemein bekannt und so wurde auch jüngst in einem antisemitischen Blatte „Hammer" in mehreren Artikeln dem „jüdischen Einflüsse" aufs Kerbholz geschrieben, daß gegenwärtig Ehre und Tugend der Frauen so gering geachtet werden. Für diese Behauptungen hat sich nun der Herausgeber dieser Zeitschrift eine arge Abfuhr zugezogen, indem er, wie im „Hammer" selbst mitgeteilt wird, von einem „tapferen Mädchen in Baden" eine Zuschrift erhielt, der wir u. a. folgende Sätze entnehmen: „Ich kann mich nicht dazu entschließen, den Grund für diese Denkimgsweise, die nicht allein den jüdischen, sondern auch vielen christlichen (allerdings scheinchristlichen!) Lebemännern eigen ist, in der „steieren Ethik" des Judentums zu suchen. Ich glaube viel sicherer zu gehen, wenn ich die Frau selbst zur Verantwortung ziehe. Hoch klingt das Lied von Frauenwürde, Frauenhoheit und Frauentugend, und mit Recht; denn wo eine Frau oder Jungfrau ihre ganze sittliche Kraft — die genährt wird durch den Glauben an einen höheren, heiligen Willen — einsetzt, um ihre heiligsten Güter zu wahren, braucht sie keinen Antisemitismus und keine Frauen-Rechtlerinnen zur Schutzwehr. Tugend schützt sich durch sich selbst. Aber — schalten alle Frauen weise im häuslichen Kreise? — Mehren alle den Gewinn mit ordnendem Sinn? — Es würde gewiß der Mühe lohnen, wollte man eine Statistik aufstellen über die Fälle, wo der Mann erst durch seine Frau zum Säufer wurde und mit Selbstmord endete. — Nicht jeder Manu ist so radikal wie jener Mannheimer, der vor etlichen Wochen seine Frau, die in angetrunkenem Zustand nach Hause kam, totschlug. — Wenn erst das weibliche Geschlecht sich dem Trunk ergibt, dann werden Weiber zu Hyänen! Auf ihre Worte: „Die Frau wird für ein jagdbares Wild erklärt", muß -ich (allerdings zur Schande für mein ganzes Geschlecht!) erwidern, ich kann es keinem Mann verübeln, der so dentt. Schon vor Jahren hörte ich einen Redner bezüglich der Frauen-Frage sagen: „Unsere Mädchen werden dressiert zur Jagd auf den Mann" — und ich mußte ihm zustimmen. Schauen wir uns mal unsere Jungfrauen an; statt der züchtigen verschämten Wangen ein unausgesetztes Flirten und Girren, das jeden unverdorbenen Mann mit Abscheu erfüllen muß. In einem größeren Orte Badens konnten in diesem Jahre mehrere Mädchen nicht konfirmiert werden, weil Mutterpflichten ihrer warteten. — Das ist bezeichnend; und man sieht also wie schwer es der Männerwelt gemacht wird, der Fräu die ihr gebührende Achtung zu zollen. In erster und letzter Linie kommt es auf den sittlichen Willen des Menschen an, ob er das Gemeine bekämpfen oder sich vou ihm beherrschen lasten will. Schiller ruft uns zu: „Nehmt die Gottheit auf in eurem Willen, und sie steigt von ihrem Weltenthron." — Mir dünkt, wir können unserm Schiller das schönste Denkmal dadurch setzen, daß wir, im Einklang mit dem Ideal christlicher Sittlichkeit, den Willen zur sittlichen Tat werden lasten."— Man wird es begreiflich finden, daß der Herausgeber des „Hammer" in langatmigen Ausführungen sich alle Mühe gibt, diese unbequemen Darlegungen und Mahnungen des „tapferen Mädchens aus Baden" zu entkräften. Wenn er aber zum Schluß schreibt: „Für die Fehler der Frauen sind die Männer verantwortlich", so hat er sicherlich diese Erfahrung in erster Linie aus dem Verkehr mit seinen antisemitischen Gesinnungsgenossen und teutonischen Kraftjünglingen geschöpft. Im Zeichen der llenaiflanre des Judentums. IV. Der Kreislauf der ' menschlichen Gedanken erscheint nicht! gerade als ureigenster Strom der Gegenwart, sondern bewegt sich in der Zeitenflucht als unbewußtes Agens fort, um hie und da ein Medium zu seiner Weiterführung und Proliferation zu finden. Ein herrliches Bild jüdischer Renaissance erschaute der Priesterprophet Ezechiel als Vorläufer der Erlösung aus der babylonischen Gefangenschaft: Das Bild trockener Gebeine, welches Fleischgewebe, Adern und Nerven annimmt. Allein ihm fehlte noch der Lebensodem und erst als diesem Schemen von allen vier Weltgegenden der Lebensgeist eingehaucht wurde, da kam neues Leben in ihn und bald stand ein großes, gewaltiges Heer auf den Füßen. Was vor 2220 Jahren und darüber Ezechiel vorausgeschaut, erhält heute seine zweite Auflage. Unsere Generation war unter assimilatorischer Flagge bis auf die nackten Knochen vom Judentum entblößt worden, bis die nationale Bewegung in Erscheinung trat. Langsam nur beginnen die Muskeln, das sind die Bewegungsorgane, sich zu entwickeln, von allen Weltteilen weht der jüdische Geist, aber noch immer regt sich Israel langsam. Woher soll auch dieser Geist zu uns sich herniederschwingen, wenn derselbe zurückgedrängt und verkannt wird in den Zelten Jakob. Eine große Aufgabe beim Wiederaufbau des Judentums fällt nebst der Jugend den jüdischen Müttern zu. Wie bringt man aber die echte geistige Rebekka in das Zelt Jizchaks? Wir haben zu verschiedenen Zeiten und Gelegenheiten auf den nationaljüdischen gelben Fleck des Geistes unseres Altvordern hingewiesen, welche bei ihrer steten Himmelwendigkeit die hebräische Sprache aus dem Munde der Mütter nahmen, um sie in die Himmelssphären zu versetzen. Diese himmlische Domäne mit ihrem steilen Aufstieg blieb aber nur der Aussprache der Betenden mit dem Unsichtbaren, Einigeinzigen überlassen und wurde allem Profanen entzogen. Daß ein so enger Kreis von Gedanken mit seinem einseitigen, ewig gleich bleibenden Denk- und Sprechstoffe der Sprache den schlimmsten Dienst erwies und ihren geistigen Gebilden keinen neuen Zuwachs gestattete, versteht sich von selbst. So lief und läuft unsere Nationalsprache Gefahr, aus dem Gedächtnis fernerer Generationen zu schwinden; denn fallen die Mütter weg, dann kommen auch keine Kinder nach. Von der Redseligkeit und Redlustigkeit des weiblichen Geschlechtes hängt die Sprachzukunft ab, oder landläufiger ausgedrückt: Unsere Sprache wohnt aus der Spitzzunge des weiblichen Geschlechtes und nicht am blauen Himmelszelte. Wer uns aber einwenden möchte: E pour si muove: Und das Judentum bewegt sich doch — ohne Kenntnis unserer heiligen Sprache, unserer Geschichte, ohne Teilnahme an der nationalen Erhebung, dem würden wir antworten: Aber wie rückläufig für unser Volkstum, wie voreilig für ein anderes! Welches Volk auf der ganzen Erdenrunde weist eine so gewaltige Zahl von Abtrünnigen auf, wie das unserige in den letzten Dezennien!! Man wird uns auch darauf erwidern, die Abfälligkeit rührt nicht von jener Unheilsquelle her, sondern folgt aus dem unerhörten kombinierten Drucke der alleinseeligmachenden, propagierenden Macht des Kirchen-Katolizismus, vervielfältigt und erhöht durch den Einfluß der Regierungen und den allseitigen Druck und Zug der materiellen Verhältnisse. Diese Tatsachen abläugnen zu wollen, kommt uns gewiß nicht in den Sinn. Wir wissen ganz gut, daß der Trieb der Erhaltung und der Auftrieb nach höheren Sprossen an der Lebensleiter elementar auf Hirn und Herz einwirken und selbst bis zum Verluste des normalen Intellektes führen; allein wir müssen immer fragen, wo bleibt der nackenstarke Judaismus vorangegangener Geschlechter, wo die Glut, welche tausende unserer Ahnen stählte beim Besteigen der Glutenmeere der Inquisition? Alles in Allem genommen, darf niemand den gewaltigen moralischen Einfluß unterschätzen, welchen unsere ebenso heilige