Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 39 (6.10.1905)
- Date
- 1905-10-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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akrcheit Redaktion ». Sldiiiiiiistialioii: Wien, Il/i Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsu. JnsertionSveträge sind in 2Lie» zahlbar und klagbar. ^abhängige Heitfchrift für Mische InLereye«^ Hrscheint jeden Kreilag. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ L>ejun»t'»;eis. Ganzjährig . . . K. «2 — Halbjährig . A. 6i! Für Cilltilsbenmte:! i[!| Ganzjährig . . St. io - Für Ausland: i Ganzjährig ... 8 UHarf.i 6 Rubel oder lü Fcs. j Jtt\ 89. Wien, 6. Oktober 1905. Inhalt: Aus der Woche. — Im Zeichen der Renaissance des Judentums. — Das Rassenvorurteil. — Beschränkungen in der Auswanderung. — Bezalel. — Verschiedene Nachrichten. — Kol-Nidre im Waldwirtshause. — Der Sulzerismus und die moderne synagogale Lnurgle. Die geehrten Kerren Abonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am 1. Aktober begonnene 4. Auartat ersucht, damit die regelmäßige Zusendung des Blattes keine Ilnterbrechung erleide. Abonnements-Bedingungen: Vierteljährig Kr. 3.—, halbjährig Kr- 6.—, Probenummern stehen zur Verfügung. Die Wsdaktion. Ans der Woche. Bei Besprechung der im Interesse der Reichseinheit gewiß bedauernswerten Vorgänge in Ungarn beliebt es den Herren christlichsozialen Antisemiten, und allen voran ihrem Herrn und Meister Dr. Lueger, sich als Patent-Oesterreicher aufzuspielen und speziell mit ihrer Kaisertreue sich zu brüsten. Die edlen Herren haben ein schwaches Gedächtnis, denn man hat die Christlichsozialen auch schon in einer andern Pose als in der der Patrioten gesehen. Als Dr. Lueger die Bestätigung als Bürgermeister von Wien nicht fand, da führten er und seine Leute eine Sprache, die wirklich nicht wesentlich von der der „ungarischen Rebellen" sich unterschied; als der oberste Gerichtshof eine Entscheidung traf, die den Christlichsozialen nicht paßte, wurde von den antisemitischen Wortführern eine Hetze gegen österreichische Richter inszeniert, als ob diese durchwegs Juden wären; als der Statthalter Graf Kielmannsegg noch liberal war, wurde er von den Luegerianeru mit Ausdrücken bestegelt, deren Wiedergabe oft aus Schicklichkeitsgründen schwer fiel; und erst in den letzten Tagen, welch' harte Worte mußte die Regierung wegen Abweisung der Schächtbeschwerde erfahren! . . . Nein, nein, Ihr Herren Christlichsozialen, gar so selbstbewußt braucht Ihr Euch nicht auf Euren Patriotismus zu berufen! Der Antisemitismus, er mag sich wie immer drapieren, ist ein gefährliches, destruktives Element; er muß seinem innersten Wesen gemäß gegen alle staaterhaltenden Faktoren sich wenden, sobald diese sich ihm entgegenstellen; er muß das Rechtsgefühl in der Bevölkerung und die Achtung vor jeder Autorität untergraben. & * * Wie töricht es seitens der Juden ist, sich politisch für die nationalen Parteien in Oesterreich zu exponieren, das haben neuerdings die letzten Brünner Tage gelehrt. Während die Herren Antisemiten klerikaler und alldeutscher Couleur es sich ruhig gefallen ließen, daß jüdische Bürgermeister mährischer Städte dem Aufrufe an das deutsche Volk in Mähren Borspanndienste leisteten, bemühen sich ihre Organe jetzt, die czechischen Exzesse in Brünn als Folgen „jüdischer Hetze ' hiuzustellen, wobei sie allerdings vergessen, daß die Excedenten sich schließlich gegen jüdische Geschäftsleute und gegen den israelitischen Tempel in Brünn wendeten. Wann werden die'Juden endlich lernen, im nationalen Kampfe den unbeteiligten Zuschauer zu spielen, und besonders nicht an einem Strange mit der deutschen Gemeinbürgerschaft zu ziehen, in welcher ihre ärgsten und erbittertsten Feinde, die Christlich-Sozialen und Deutschnationalen, eine so hervorragende Rolle spielen? * * * In den Wählerversammlungen, die die antisemitische Partei jetzt anläßlich der am 10. Oktober stattfindenden Reichsratsersatzwahl für den Bezirk Margarethen abhält, wird die Judenhetze in der gemeinsten Form betrieben. Sv hielt z. B. der antisemitische Kandidat, Landtagsabgeordneter Professor Sturm, eine Rede, in welcher er die ..Rolle des Judentums in der Geschichte der Völker" vom antisemitischen Standpunkte aus zeichnete. Daß bei diesem Rundgange durch die Geschichte Lüge und Entstellung eine Hauptrolle spielten, ist selbstverständlich, aber wenig klug scheint es uns, daß der „gelehrte" Redner auch Virchow und Mommsen zitierte, von welch' letzterem das geflügelte Wort stammt: „Der Antisemitismus ist die Gesinnung der Kanaille." Diese Kanaille zu bekämpfen, dafür sollten die Juden alle ihre Kräfte aufwenden, das wäre jedenfalls ersprießlicher, als deutschen und czechischen Exaltados Gefolgschaft zu leisten. * * -i- Den deutschen Antisemiten ist schweres Leid widerfahren. Das in Bingen erscheinende amtliche Kreisblatt hat es für wünschenswert erklärt, daß zur Einweihung der dortigen neuen Synagoge auch die Angehörigen der anderen Konfessionen durch eine allgemeine Beflaggung der Häuser zur Feier beitrügen. Das nennt die antisemitische „Staatsbürger-Zeitung" ..eine unerhörte Zumutung" und klagt, „daß wir es tatsächlich weitgebracht im Deutschen Vaterlande." Nun, gar so unerhört erscheint uns diese Zumutung nicht. Eine Synagoge ist ein öffentliches Gebäude, das der Verehrung Gottes gewidmet ist, in welchem auch regelmäßig für das Wohl des Staatsoberhauptes und für das Allgemeinwohl gebetet wird, und jeder wahrhaft Gläubige wird einem Gotteshause, möge es welcher Religion immer dienen, die gebührende Ehr-