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Die Wahrheit · 1905-09-29 · Heft 38 (29.9.1905) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 38 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 38. Die Wahrheit Seite 7. ,;3. die geeignete Lokalität. Da Punkt 1 und 3 in diesem Falle erfüllt zu sein scheinen, wäre nur zu prüfen, ob die Voraussetzungen für Punkt 2 ' gegeben sind. Ist das nachgewiesen, dann müsse gerechterweise der Kultüs- Vorstand die Errichtung des Bethauses bewilligen, ohne Rücksicht darauf, '.ob die Zahl der Petenten 100, 80 oder noch weniger beträgt, und ob dieselben in einem oder in zwei angrenzenden Bezirken wohnen. Er stelle ' daher den Antrag, daß das Vertreterkollegium ermächtigt werde, das Ansuchen zu genehmigen, sobald der Nachweis erbracht wird, daß die Errichtung und der Bestand des Bethauses gesichert erscheinen. Nach einigen richtigstellenden Bemerkungen des Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn bezüglich der Auffassung der §§ 80 und 81 wird der Antrag des Herrn ch Taussig angenommen und hierauf die öffentliche Sitzung geschlossen. In der vertraulichen Sitzung wurden aus die Adaptierungen des .Leopoldstädter Tempels, auf die Unterbringung der Gemeindebibliothek, des Seminars und des Beth-ba-Midrasch bezughabende Beschlüsse gefaßt, weiters wurden mehrere Stiftungen verliehen, bezw. deren Verleihung nachträglich zur Kenntnis genommen. Nach Erledigung von Steuer-Angelegenheiten wird die Sitzung um 1 Uhr mittags geschlossen. Die körperliche Minderwertigkeit der Inden.*) Wir haben zwar keine Regierung aber das schönste Offiziösentum, wir haben keine Bureaukratie,. aber in unserem öffentlichen Leben wird schon bestens nach dem Schema F verfahren. Blätter, die ihre zwei' Jahrzehnte bestehen, finden in ihren Schubfächern gewiß auf jede Frage den überlieferten .Zettel mit der Erwiderung. Für jeden Fehler, den man uns vorwirft, geben sie Antwort nach der Regel: 8i ^soistü, nega, zu deutsch: wirft man dir einen Fehler vor, so bestreite ihn Zunächst. Der Leser fühlt sich geschmeichelt, und man braucht keine Hand zur Besserung zu rühren. Ein Schlag trifft zwei Fliegen. Zu den Erscheinungen, die jeden Juden, der sein Volk " liebt, mit tiefem Schmerz erfüllen müssen, gehört zur Zeit der physische Zustand der überwiegenden Mehrheit des jüdischen Volkes. Die gegenwärtige körperliche Minderwertigkeit der Juden wird uns nicht nur von unseren Hassern höhnisch vorgeworfen und wenns geht schlagend bewiesen, sondern wir selbst sehen sie täglich vor Augen, die Gelehrten und Statistiker zeigen im einzelnen, wie gewisse Krankheiten bei uns unverhältnismäßig stark auftreten. Die jüdische Turnbewegung ist am Werke, durch systematische Arbeit zunächst einmal der Erkenntnis, daß eine Besserung von Nöten ist, die Wege zu bahnen. Aber das heißt ja zugeben, daß da etwas verbesserungsbedürftig ist, das erfordert Arbeit und Opfer. Also schreitet Dr. Blochs Oesterreichische Wochenschrift**) ein und beweist in einem Leitartikel, daß „man sogar zu einer dem landläufigen Axiom von der Minderwertigkeit entgegengesetzten Meinung gelangen" müsse. Der Artikel geht davon aus, daß die Behauptung von der Schwächlichkeit der .Juden ein unbewiesenes Gerede sei: ihre körperliche Leistungsfähigkeit .dürfte gerechterweise nur nach ihren Höchstleistungen beurteilt werden. Er zählt dann eine nicht uninteressante Reihe von Juden auf, die Champions, Rekordträger oder Inhaber von Meisterschaften sind, und glaubt damit seine abwegige Ansicht bewiesen zu haben. Freilich sieht auch der Verfasser „im allgemeinen mehr jüdische Verkümmerung und mehr jüdisches körperliches Elend als die Statistik zu erfordern ein Recht hätte." 'Aber er glaubt, daß durch diese Beobachtung die Meinung von der körperlichen Minderwertigkeit nicht richtiger wird. Er erörtert in längerer Ausführung die allbekannten Gründe dieser traurigen Erscheinung und kommt dann zu folgendem Schluß: Wir haben gesehen, daß nach den Höhepunkten beurteilt, die physische Leistungsfähigkeit der Juden eine gute ist. Möglich daß eine einschlägige Statistik einen schlechten Durchschnitt Nachweisen würde. Ein Beweis gegen die Raffe wäre damit nicht erbracht. Die ungeheure Mehrheit der Juden lebt in bitterster Armut, und überall ist die Armut die Quelle der körperlichen Minderwertigkeit. Darum wird man sich auch keiner besonderen Erfolge von der Propaganda für die Pflege körperlicher Uebungen zu versehen haben. Denn für die bemittelten Schichten bedarf es einer solchen Propaganda nicht mehr. Die wohlhabenden jüdischen Kreise tun auch jetzt schon nach dieser Richtung mindestens ebenso viel, wenn nicht mehr als die anderen, und die unübersehbare Masse der Armen, die kann es einfach *) Von der Redaktion der „Jüd. Turnzeitung" werden wir um Aufnahme obigen Artikels ersucht. **) Nr. 31 vom 11. August 1905 „Die körperliche Minderwertigkeit 'der Juden." nicht. Die haben noch ganz andere Sorgen, als sich auch noch einen gesunden Appetit anzuturnen, den sie dann nicht stillen können. Man gewähre nur den Juden Licht, Luft, Freiheit, Arbeit, Erwerb, dann erst wird, es sich weifen, was von der Fabel von der körperlichen Minderwertigkeit zu halten war. Es ist klar, daß die Ausführungen an einem inneren Widerspruch kranken, indem einerseits das körperliche Elend der Juden erkannt und sogar begründet, andererseits auf Grund einiger Höchstleistungen eine körperliche Superiorität der Raffe behauptet wird. Obenein weist der Verfasser gelegentlich selbst darauf hin, daß es ein altes Unrecht ist, ein ganzes Volk zu beurteilen nach gewissen Ausnahmeerscheinungen, die immer nur auf der Oberfläche großstädtischer Strömungen sichtbar werden. Das muß doch'im Guten wie im Schlechten gelten! Der Verfasser selbst hat den Widerspruch gefühlt und bemerkt ganz richtig, daß 'er aus einer Begriffsverwirrung hervorgegangen ist. j Leider hat er die Begriffe nicht entwirrt und ist daher nickt zu den richtigen Konsequenzen gelangt. Mit dem Ausdruck körperliche Minderwertigkeit kann man nämlich zwei verschiedene Begriffe bezeichnen, die sehr wohl auseinander zu halten sind. Die konstitutionelle Körperbeschaffenheit muß-von der aktuellen unterschieden werden; man darf mit anderen Worten die körperliche Veranlagung nicht mit dem jeweiligen Zuüand verwechseln. Wir halten die konstitutionelle I Beschaffenheit des jüdischen Körpers noch heute für gut; wir | entnehmen dies nicht nur aus den Gipfelleistungen einzelner — i denn das könnten Zufallserscheinungen seit: — sondern wir erleben ja täglich am Dnrchschnittsmaterial unserer Vereine, daß Leute, die schwach und ungewandt eintreten, in kurzer Zeit Kraft und Geschicklichkeit erlangen. Dagegen sehen wir, daß der heutige physische Zustand unserer Volksgenossen sehr schlecht ist. Die uns innewohnende Fähigkeit zur körperlichen Entwicklung ist nicht ausgenutzt, und es bedarf wieder regelmäßiger und zielbewußter Arbeit, um Kraft und Schönheit zu einem Gemeingut unseres Volkes zu machen. Und das ist es, worauf die jüdische Turnbewegung ihre Propaganda für die Verbreitung der körperlichen Uebungen unter den Juden begründet. Dieser Gedanke muß und wird auch in den Ländern des äußersten Judenelends feine Anhänger finden. Können dort die Erwachsenen dafür nicht mehr in Frage kommen, weil sie weder Zeit noch Geld dazu übrig haben, so gilt es auch in jenen Gebieten der Idee zum Sieg zu verhelfen, daß die Schule der Heranwachsenden Jugend statt bloßer geistiger Zucht, auch körperliche Ausbildung gewähren muß. Die Kinder des Cheders und die Jünglinge der Jeschibah sollen turnen, spielen, wandern. Mit der schönen Redensart, daß den Juden die allgemeinen Grundlagen einer besseren Existenz geschaffen werden müssen, ist nichts getan. Da heißt es an vielen Punkten ansetzen; Kleinarbeit muß geleistet werden und sie hat Wert und wird erfolgreich sein, wenn sie sich immer unter dem großen leitenden Gedanken der Volksverjüngung als Teil der gesamten nationalen Arbeit vollzieht. > Die Notwendigkeit der jüdischen Propaganda für das Turnen j besteht aber auch für die Länder, die den Juden bessere Lebens-! Verhältnisse bieten. Es ist ein kaum glaublicher Irrtum, wenn man j annimmt, daß die bemittelten jüdischen Kreise nach dieser Richtung j mindestens ebensoviel oder gar noch mehr als die anderen tun.! Noch ist immer das Gegenteil der Fall und die Bewegung findet! bei allen Fortschritten, die sie macht, noch immer nicht die Erfolge I die wünschenswert sind, wenn man bedenkt, daß wir es viel > nötiger haben als die anderen, uns nicht bloß mit dem Bewußt- > sein, daß es einige jüdische Athleten gibt zu beruhigen, sondern l unsere körperliche Fähigkeit auch wirklich zu entwickeln. Die! große Anzahl jüdischer Kaufleute, insbesondere z. B. junger Handlungsgehilfen, für die die geforderten Opfer an Zeit und j Geld nur gering sind, steht den turnerischen Bestrebungen gleich-! giltig gegenüber, obwohl sie gerade eine Gelegenheit brauchen, ihre Muskulatur, die von ihrem Berufe nicht in Anspruch genommen wird, auszubilden. Hier bleibt unendlich viel zu tun übrig und hier wird die Propaganda auch schließlich die besten Erfolge haben. Die Propaganda muß aber von jüdischer Seite ausgehen. Die Werbetätigkeit der nichtjüdischen Turner wendet! sich nicht unmittelbar an Juden und ist auch nicht geeignet,! gerade in jüdischen Kreisen umfangreiche Erfolge zu erzielen.

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