Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 38 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 38. Die Wahrheit. Leite o. ganz ansehnlichen Zahl jüdischer Schüler frequentiert wird, hat keinen interneil jüdischen Religionsunterricht, und die Kinder sind gezwungen, in die Sammelschule in der Johannesgasse zu gehen. Aber abgesehen davon, daß infolge der bedeutenden Entfernung beider Schulen von einander, besonders die kleineren Kinder in der kalten Jahreszeit den Unbilden der Witterung unnötig ausgesetzt werden und sich durch das Laufen von einer Schule zur anderen oft Erkältungen holen, was schließlich den mit der Extrawurst des Herrn Dr. Lueger bedachten Eltern auch nicht gleichgiltig sein kann, ist der Stundenplan für den Sammelunterricht so unzweckmäßig und ohne jede Rücksicht auf die Schüler angelegt, daß er nicht nur den pädagogischen, sondern auch den gesetzlichen Anforderungen geradezu widerspricht. So ist z. B. für die Schüler der fünften Klasse am Montag und Donnerstag, nachdem sie an beiden Tagen sechs Stunden profanen Unterricht, also das höchste für die Volksschule gestattete Ausmaß, genossen haben, noch eine siebente Stunde für den Religionsunterricht angesetzt, und obendrein noch von 5—6 Uhr abends, also zu einer Zeit wo dem Gesetze entsprechend überhaupt kein Unterricht an der Volksschule mehr stattfinden soll. Wenn man aber glaubt, daß nur die Schüler der obersten Klasse so wenig Rücksicht finden, so ist man im Irrtum; den Kleinen in der ersten Klasse geht es nicht besser. Diese haben wieder anschließend an den profanen Unterricht, der bis 10 Uhr dauert, von 10—11 Religion. Aber man bedenke wohl: in der Johannesgasse, nach einem nahezu halbstündigen Marsche oder viertelstündigen Dauerlaufe, und bei dem begreiflichen Eifer mancher Kinder, nicht zu spät zu kommen, kann man sich vorstellen, in welchem Zustande und wie abgehetzt sie in die Religionsstunde kommen. Aehnlich ist die Einteilung bei den anderen Klassen, so daß man sich verwundert fragen muß, auf wen denn eigentlich bei der Ausstellung des Stundenplanes Rücksicht genommen wird. Es wird gegenwärtig so viel über die geringen Erfolge des Religionsunterrichtes geklagt, aber welche Resultate kann man denn mit körperlich und geistig abgespannten Kindern erzielen, denen das ohnehin kärgliche Ausmaß der Stunden noch obendrein durch die ingeniöse Stundeneinteilung verkürzt wird? Aber nicht nur der Unterricht leidet darunter, ein noch viel größeres Uebel erblicken wir darin, daß der Religionsunterricht durch derartige Plackereien den Kindern schon frühzeitig als Bürde erscheinen muß. und welche Gefahren dies für die Heranwachsende Jugend in sich birgt, das geben wir dem löblichen Kultusvorstande und den Herren Religionsschulinspektoren zu bedenken, deren Aufmerksamkeit wir diesen Fall zur baldigen, radikalen Abhilfe wärmstens empfehlen. Wenn wir Juden schon die teure Extrawurst bezahlen müssen, dann wollen wir unsere Kinder wenigstens vor Wurstvergiftungen behüten. Mitte und die amerikanischen Inden. Die bisherigen Veröffentlichungen über die Unterredung Wittes mit der jüdischen Deputation beruhten durchweg auf unverbindlichen Mitteilungen, Gerüchten und Kombinationen. Jetzt liegen offizielle Mitteilungen vor, aus welchen das wichtigste und interessanteste hier möglichst kurz wiedergegeben werden soll. Der Urheber des Gedankens, Witte überhaupt um eine Audienz anzugehen, ist Herr Adolf Kraus, der Präsident des bekannten jüdischen Ordens Bnei Brith. Er setzte sich mit dem russischen Konsul in Chicago, Baron Schlippenbach, in Verbindung und dieser erwirkte von Witte eine Unterredung. Kraus bat telegraphisch mehrere hervorragende Juden, ihn zu Witte zu begleiten, von denen aber nur Einer zugegen sein konnte. An dem für die Unterredung festgesetzten Tage besuchten ein Vertreter Wittes und Baron Schlippenbach Herrn Kraus in dessen Hotel und teilten ihm mit, daß in Anbetracht der Abwesenheit der anderen jüdischen Notabilitäten und ferner, daß Witte jetzt doch nicht in der Lage sei, der Angelegenheit genügende Aufmerksamkeit zu schenken, die Konferenz besser verschoben würde. Die Konferenz fand denn auch erst am Abend des 14. August statt. An dieser nahmen teil die Herren Kraus, Jakob Schiff, Oskar S. Strauß, Isaak Seligman und Adolf Lewison. Die Konferenz mit Witte und dem Baron Rosen dauerte drei Stunden, und die Frage der Behandlung der Juden in Rußland wurde eingehend diskutiert. Es wurde von der jüdischen Seite betont, daß die russischen Inden berechtigt wären zu demselben gesetzlichen Schutze und denselben Rechten wie andere und darum auch diese erhalten müßten. In seinem Berichte an die Ordensmitglieder konstatiert Kraus, daß Witte sowohl wie Baron Rosen auf ihn den Eindruck gemacht hätten, sie seien von dem Wunsche beseelt, gerecht zu sein. Kraus konstatiert ferner, daß von Finanz-Angelegenheiten nicht im geringsten die Rede gewesen sei. Ob ein Nutzen und welcher den Religionsgenoffen in Rußland aus dieser Unterredung erwachsen werde, könne erst die Zukunft lehren. Sicher sei, daß kein Schaden aus ihr entsteht. Es war nämlich mehrfach gegen die Absicht, mit Witte über die Judenfrage zu verhandeln, prorestiert worden, weil viele von einer solchen Verhandlung nur Nachteile fürchteten. Ja, es hieß sogar, daß russische Juden eine Massendemonstration gegen das Vorhaben des Herrn Kraus beabsichtigten. Von den Vertretern der amerikanischen Iudenschaft. die mit Witte unterhandelt haben, ist nunmehr ein Resümee über die Konferenz an Witte gerichtet und veröffentlicht worden. Wir halten es für angebracht, beißt es u. a. in der Schrift, bevor Sie in Ihr Vaterland zurückkehren. Ihnen, wenn auch nur zu besserem Verständnis oder zu leichterer Rückerinnerung, schriftlich einige Erklärungen zu unterbreiten, die wir in der Konferenz abgegeben haben. Wir glauben, daß die Ansicht der russischen Regierung, die russische Judenfrage sei eine rein innere Angelegenheit, die andere Völker und Regierungen nichts angehe, nicht länger aufrecht erhalten werden kann. Wenn eine Regierung durch Ausnahmegesetze und andere Mittel große Massen ihrer Untertanen zwingt, in andere Länder auszuwandern, um ihre Lage zu verbessern, dann darf das Volk in denjenigen Ländern, die solchen vor Verfolgung und Unterdrückung Flüchtenden Asyl gewähren, mit Fug und Recht die Umstände kritisieren, die eine solche Einwanderung verursacht haben, und kann ebenso mit Recht daraus bestehen, daß diese Zustände in solcher Weise und in solchem Maße verbessert werden, daß die Ursachen der erzwungenen Auswanderung aufhören. Und zwar kann dies geschehen, ohne daß gerechterweise der Vorwurf gemacht werden darf, daß man sich in fremde Angelegenheiten mische. Dies, glauben wir, ist die Haltung des amerikanischen Volkes im allgemeinen. Wir als Juden haben an der Lage der Juden in Rußland noch ein durch die Bande der Abstammung und des Glaubens durchaus gerechtfertigtes, vermehrtes Interesse und halten es daher für unsere einfache Pflicht, alles zu tun, was in unserer Macht steht, um eine Besserung herbeiznführen. Wie wir Ihnen in unserer Konferenz erklärten, ist es unsere entschiedene Ueberzeugung, daß nur durch die Gewährung der vollen bürgerlichen Rechte für die jüdischen Untertanen des! Zaren gänzlich die Verhältnisse beseitigt werden, die die Ursache so vieler Störungen in Rußland und abfälliger Kritik im Auslande waren. Sie haben uns geantwortet, daß die russischen Juden im allgemeinen zur Ausübung der vollen Bürgerrechte nicht genügend vorbereitet seien, und daß sie bei der Stimmung des russischen Volkes nicht auf gleichem Fuße mit diesem gestellt werden könnten, ohne ernste innere Unruhen hervorzurufen, und Sie meinten, daß es vielleicht ratsam und ausführbar wäre, die bestehenden Ungleichheiten allmählich zu beseitigen und auf diese Weise die eventuelle Gewährung vollständiger bürgerlicher Gleichstellung vorzubereiten. Darauf betonten wir, daß die Million oder noch mehr russischer Juden, die nach den Vereinigten Staaten gekommen sind, gute Bürger geworden sind, trotzdem sie die größte Finsternis mit dem stärksten Tageslicht politischer und bürgerlicher Freiheit vertauscht haben, und daß sie sich den Verantwortlichkeiten, die ihnen als Bürger dieser Republik auferlegt worden sind, vollständig gewachsen gezeigt haben. Es ist auch, soweit die moderne Geschichte und die Erfahrung lehren, niemals anders gewesen. Es haben Napoleon